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Gender-Blog

Quarantäne und Affekt

Gabriele Dietze und Marietta Kesting über schlafende Schafe, wache Paranoiker:innen und virale Medien-(Alp-)Träume

17.6.2021

Einleitung1

Das ‹Ereignis Corona› ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine gedankliche und emotionale bzw. affektive Herausforderung für die Gesellschaft. Denn Krankheiten und insbesondere Seuchen werden, wie Isabell Lorey bemerkt, «nicht nur als Gefährdung des individuellen Körpers, sondern immer auch als Bedrohung von Gemeinschaften wahrgenommen.»2 Die Pandemie als biopolitisches Ereignis hat eine mediale Sinngebungsmaschine in Gang gesetzt. Seit dem Beginn ihrer Ausbreitung sind unzählige Essays, Bücher und Internettexte erschienen, die das Menetekel eines möglichen Endes der Menschheit und von Formen des Zusammenlebens, wie wir sie kennen, diskursiv zu verarbeiten suchen.3 Daneben existieren im weitesten Sinne künstlerische Auseinandersetzungen, die nicht nur auf das Reflexionsvermögen, sondern auch gezielt auf Gefühle und Affekte abzielen. William E. Connolly nennt diesen Bereich in einem gleichnamigen Band Neuropolitics:

Social and political events can work on citizens as a film works on the audience, inviting participation in roller coasters of identification, investment, disgust, elation and cynicism. Events can mediate an enthralling or terrifying embodied immersion.4

Am Beispiel eines der Haupthemen der Pandemie – Quarantäne – wollen wir uns im Folgenden genauer ansehen, wie affektbetonte Auseinandersetzungen mit Corona im (Internet-)TV dem Entertainment-Bereich und der Bildenden Kunst inszeniert werden. Es geht dabei nicht um die Ausschaltung oder Ausblendung eines ‹vernünftigen Diskurses›, sondern um eine Kombination von Affekt und Diskurs, die Margaret Wetherell «affective meaning-making» nennt.5  Dabei soll die kulturelle Arbeit von Artefakten betrachtet werden, die Ebenen des Gefühls mit Ebenen der Diskursivität verbinden – von Wetherell auch als «affective/discoursive practice» bezeichnet.6 Anders gesagt: Wir suchen und interpretieren ensembles of sensemaking, die Pandemie-Bewältigungsstrategien entwickelt haben, und nutzen dabei auch den Umstand, dass in den Cultural und Visual Studies kein Unterschied zwischen Genres wie Fernsehserien und high art, also Unterhaltungs- und ‹ernster› Kultur, gemacht wird. Insofern werden neben den erwähnten Gattungen auch Selbstinszenierungen von Querdenker:innen und Pornografie eine Rolle spielen. (Von letzteren erwarten wir jedoch nicht, dass sie zum Arsenal kritischer Instrumente zur Errichtung einer ‹besseren› Post-Corona-Gesellschaft beitragen.)

Nun halten wir es für keinen Zufall, dass fast alle hier vorgestellten Erfinder:innen oder Protagonist:innen von performativen Corona-Verarbeitungs-Strategien Frauen sind – oder, noch radikaler formuliert: Vielfach sind es ‹durchgeknallte›, verrückte (cis) Frauen, und zwar auch dort, wo sie als Forscherinnen und forschende Künstlerinnen auftreten – der mad scientist ist hier häufig female. Das hat dabei, denken wir, nichts mit irgendeiner ‹Essenz› von Weiblichkeit zu tun, sondern mit einem historisch gewachsenen gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnis, in dem männliche Dominanz – oder sagen wir neutraler: männliches Normverhalten – auf weibliche Unterwerfungsbereitschaft trifft.7 In geistiger (und manchmal physischer) Einsperrung zu leben, hinter einem Schleier von Fremdbestimmung, der im Alltag mit «grausamem Optimismus»8 in Anerkennung und Liebe umgedeutet wird, ist für eine Mehrheit von Frauen kein ungewöhnlicher Zustand: Das eigene Leben in Zwängen – also in einer Art virtueller Quarantäne – einzurichten, ist vertraut und eingeübt. Ebenso verbreitet waren und sind, wie etwa Studien über weibliche Hysterie im 19. Jahrhundert und deren feministische Aufarbeitung gezeigt haben,9  kleine und große Fluchten in Wahn und Krankheit oder Bemühungen um Milderung durch mother’s little helpers. All diese geschlechtsspezifischen Kollektiverfahrungen werden in künstlerischen Verarbeitungen der Pandemie durch Verschiebungen der Alltagsperspektive in vertraut-unvertrautes, (un-)heimliches Terrain produktiv gemacht.

Quarantäne im Kopf

Quarantäne ist nicht nur ein hauptsächlich räumliches definiertes Phänomen, also etwa Isolation und Einschließung zur Abwehr von Ansteckung, sondern Quarantäne kann auch im Kopf stattfinden. Bleibt man vorerst bei Corona, lässt sich mit der Denkfigur Quarantäne auch die geistige Selbstisolation querdenkerischer Verschwörungstheoretiker:innen beschreiben. In beklemmender Deutlichkeit stellte das unlängst die ZDFneo-Miniserie Schlafschafe dar.10 Die weibliche Hälfte eines leidlich glücklichen heterosexuellen Ehepaares mit kleinem Sohn entwickelt die Paranoia, dass Kinder von den Masken, die sie in der Schule tragen müssen, krank würden, weil ihr Lungenvolumen sich nicht ordentlich entwickeln könne.11  Die Mutter gibt dem Sohn heimlich gar Abführmittel, damit er nicht zur Schule gehen kann, und verstrickt sich in eine Verschwörungstheorie, die einen «schwarzen Planeten» ausgemacht haben will, der, als eine Art Todesstern, die Ausrottung der Menschheit betreibe. Der Vater des kleinen Jungen bestreitet diese Idee heftig und ist damit in der Perspektive der Mutter ein Schlafschaf – ein unter Querdenker:innen verbreiteter Begriff12  –, das heißt ein ignorantes Individuum, das sich der alternativen ‹Wahrheit› verschließt.

Der Ehemann recherchiert im Gegenzug die Geschichte hinter dem schwarzen Planeten, dessen Bild mit bedrohlich herausragenden Antennen – sinnbildlich für die Überwachungsinstrumente angeblicher universeller Manipulator:innen – in den Sozialen Medien kursiert. Er findet heraus, dass es sich bei der Angelegenheit ursprünglich um eine Kunstaktion handelte und dass der Planet faktisch ein kleines Modell aus verleimtem Styropor ist.13  Der Künstler hatte mithilfe des Objekts in einer Examensarbeit beweisen wollen, wie anfällig Teile des Publikums für Verschwörungstheorien geworden sind. Gleichzeitig hatte er eine Gegendarstellung geplant, die die Fama vom schwarzen Planeten als fake enttarnen sollte. Allerdings hatte die Ursprunggeschichte, die er als maskierter Wissenschaftler «Dr. Wang» im Netz kommentiert hatte, Millionen Klicks, wohingegen die Enthüllung der Tatsachen nur ein paar zehntausend Klicks mobilisieren konnte. Trotzdem oder gerade deswegen schleppt der Familienvater seine Gattin und Jüngerin der Theorie vom schwarzen Planeten in das Atelier des Politaction-Künstlers und zeigt ihr das harmlose Modell. Sie erwidert indes unbeeindruckt, da ja alle Welt wisse, dass Dr. Wang, den das gläubige Publikum noch immer für einen echten Wissenschaftler hält, umgedreht worden sei. Der Prozess der geistigen Selbst-Quarantänisierung gegen die Ansteckung mit ‹falschem› Denken findet im Kopf der besorgten Mutter statt. Nichts und niemand wird sie bis zuletzt davon überzeugen können, sich dem ‹Draußen› auszusetzen.

Hier zeigen sich Schnittstellen zwischen den Kosmologien von Verschwörungstheorien, Psychosen und sowohl dystopischen als auch utopischen Kunstprojekten. Diese alle speisen sich aus dem jeweils aktuell kursierenden gesellschaftlich Imaginären, zusammengesetzt aus Diskursen und Fakten, Gerüchten und Halbwissen.14  Die ‹Verrückten› bearbeiten dieses Ausgangsmaterial dabei oft viel logischer und genauer als die ‹Nicht-Verrückten› und ähneln darin durchaus obsessiven Künstler:innen in ihrer Lust am Erfinden und Fabulieren wie u.a. Louise Bourgois und ihre skulpturalen Bearbeitungen häuslicher Szenen als unheimliche Zellen oder Cécile B. Evans Frauenfiguren in einem modernistischen Wohnkomplex in ihrer fiktiven Serie ‚Amos‘ World .15  Laut der Queertheoretikerin Eve Kosofksky Sedgwick stellt Paranoia sowohl einen affektiven als auch einen kognitiven Modus der Welterfahrung dar, den sie als «the paranoid position» beschreibt, «understandably marked by hatred, envy, and anxiety – […] a position of terrible alertness to the dangers posed by the hateful and envious part-objects that one defensively projects into, carves out of, and ingests from the world around one.»16  Es schließt sich also nicht aus, im Alltag zu funktionieren und gleichzeitig wahnhafte Vorstellungen zu haben. Allerdings werden psychotische Patient:innen, die unbehandelt sich selbst oder andere Menschen gefährden (könnten), zwangsweise interniert, also quarantänisiert, während die Verschwörungstheoretiker:innen freiwillig in gedankliche Quarantäne gehen.

Die gefühlte Gefahr liegt für die ‹Querdenker:innen› nicht in der Möglichkeit einer individuellen Erkrankung oder sogar des Todes. Sondern diese Gefahr wird abgespalten und entweder auf die Frage verschoben, ob es überhaupt eine Pandemie gibt, oder, wenn man ihre Existenz anerkennt, auf Akteur:innen, die daran Schuld haben könnten: «Die Regierungen der Welt benutzen das Coronavirus als ein trojanisches Pferd. Ihr Ziel ist es, die Weltbevölkerung radikal zu dezimieren», so zitiert der Journalist Bartosz Józefiak einen Teilnehmer der Querdenker:innen-Demo im September 2020 in Düsseldorf .17  Simon Strick spricht in einer affekttheoretischen Analyse der Anti-Hygiene-Allianz von einer «rückhaltlosen Ausbreitung und Diffusion rechter Gefühlswelten in Corona-Zeiten».18

Querdenkerisches ‹Wissen› liegt im Internet bereit, wo ‹alternative Fakten› über die Einführung des 5G-Handynetzes als getarnte «Strahlenwaffe» und «Mikrowellenstrahlungsfolter» kursieren und etwa die WHO, Bill Gates und die Bilderberg-Konferenz als Großmanipulator:innen erscheinen. Hier kann man eine affektiv-diskursive Praxis im Prozess beobachten. Ein anderer Teilnehmer der erwähnten Demo führt aus: «Man braucht nur ein wenig gesunden Menschenverstand. Man muss nur einen Moment nachdenken, und schon fügt sich alles zusammen.»19  Sedgwick beschreibt, wie bereits frühere Diskussionen, in diesem Fall über den möglicherweise absichtlich in Umlauf gebrachten HIV-Virus, einer ähnlichen «hermeneutics of suspicion» folgten.20 Um noch einmal klarzustellen: Wir diskutieren die querdenkerischen Manifestationen nicht auf derselben Ebene wie die anderen Corona-Artefakte, also nicht als sozialkritische oder womöglich gar ‹kryptofeministische› Interventionen. Wir nutzen sie aber zum Abstecken des phantasmagorischen Raums, den die Pandemie hervorgebracht hat.

Isolation

Nun wird in der neueren Kunstszene weniger an der Dekonstruktion ‹falscher› Realitäten gearbeitet als an der Konstruktion anderer – ebenfalls hermetisch abgeschlossener – künstlicher Realitäten. In der (Medien-)Kunst der Gegenwart finden sich re-designte Zukünfte und Simulationen alternativer Lebensräume und Welten in großer Dichte.21 Ebenso tauchen sie in den interdisziplinären künstlerischen Sphären auf, die sich mit bio- bzw. genetic engineering beschäftigen. Die US-amerikanische Künstlerin und Biohackerin Heather Dewey-Hagborg verbrachte ihre letzte residency in Abu Dhabi 2020 damit, ihr schon seit 2019 bestehendes Projekt Lovesick als visuellen Essay auszuarbeiten, der direkt die pandemische Situation adressiert. Das originäre Projekt Lovesick war eine Zusammenarbeit mit Forscher:innen der Biotechnologiefirma Integral Molecular, um einen humanen Retrovirus herzustellen, der die körpereigene Produktion des Hormons Oxytocin verstärkt, das etwa während der Geburt, beim Sex und/oder anderen intimen Kontakten ausgeschüttet wird.22 Die Arbeit wurde als Installation gezeigt und ist auf der Webseite der Künstlerin dokumentiert.23

Abb. 1: Screenshot von Waltz of the Viruses, aus Lovesick Futures von Heather Dewey-Hagborg, 06.05.2020, https://vimeo.com/415405068 (09.06.2021), mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Während ihrer Künstlerinnenresidenz fühlte sich Dewey-Hagborg einsam auf der kleinen Wüsteninsel, die zu dieser Zeit ihr Zuhause war, und griff das Thema des Liebeskummers/Lovesick in einer aktualisierten Fortsetzung mit dem Titel Lovesick Futures erneut auf. Da 2020 kaum Ausstellungen mit Publikum möglich waren, existiert diese Arbeit aktuell nur als bzw. in Internetformaten.24  Die zu dieser Zeit sehr virulente pandemische Bedrohung durch Covid-19 und die damit einhergehenden Vorsichts- und Hygienemaßnahmen, glaubt sie, hätten zu einem «generational decline in intimacy» geführt.25 Die zunehmende Notwendigkeit, digital zu kommunizieren, habe einen «growth in virtual mediated experiences» zur Folge.26 Im gegenwärtigen Diskurs und auch bei der Künstlerin sind Gefühle der Abhängigkeit, der Alienation und des mentalen overload entstanden.

Berührungen finden bis jetzt nicht mehr oder kaum noch statt. Haptik und Taktilität jedoch sind eine signifikante Art und Weise, Dinge und Personen zu be-greifen, und verbinden Affekt- mit Wissensformationen. Laut Sedgwick sind Texturen gleichzeitig aktiv und passiv:

Texture makes a nonsense out of any dualistic understanding of agency and passivity – to touch is already to reach out, fondle, heft, tap, enfold and always to understand that other people or natural forces have done this already before in the making of the textured object.27

Dewey-Hagborg zieht unter Corona-Quarantäne-Bedingungen jedoch den Schluss: «[I]t is not far-fetched to envision a near future where people no longer find the benefits of physical touch worth the risks [...].»28 Das einzige, was noch liebevoll in der Hand gehalten werde, sei das Smartphone oder ein anderes Gadget. Dieser mentalen und affektlosen Wüste der Berührungslosigkeit stellt sie die Vorstellung entgegen, dass das von ihr geschaffene love virus, anders als das Coronavirus, nicht Erkrankung und Einschränkungen, sondern auch Heilung für diese paranoische und vereinsamte Welt bringen könnte.

Der audiovisuelle Online-Essay Lovesick Futures entwirft anhand eines narrativen Textes mit mehreren Videoclips und Abbildungen das Programm einer «revolution of intimacy and affection brought on by a genetically engineered love virus.29
Dieses künstlerische Vorgehen inspiriert von cutting edge science ähnelt der schnellen Adaption von mRNA-Technik und CRISPR/Cas-Methode bei der Impfstoffherstellung gegen Corona im Realen. Dewey-Hagborgs Erfahrungsbericht gibt an, dass ihr selbst hergestelltes Oxytocin als love virus eine ähnliche, aber sanftere Wirkung als die Partydroge Ecstasy oder das Antidepressionsmedikament Prozac habe. Nach ein paar Tagen habe sie eine positive Wirkung bemerkt, die ihr bei der Überwindung der Einsamkeit geholfen habe:

My friends, of course, noticed this dramatic change in my behavior – and they wanted in. We went into business together then, a small cottage industry of virus making, the luv bug we called it. The virus was not to be taken lightly – after all, it changes your DNA forever. So we developed rituals of infection. We designed small glass vials shaped like the oxytocin protein that would be cracked open and consumed. The form expressed the uniqueness of what the person was about to do, and in referencing the style of a cyanide capsule, also conveyed the gravity and irreversibility of the act. We held hands, closed our eyes, and sang together the amino acids of oxytocin, «CYIQNCPLG». Then we smashed open the glass and ingested the virus together.30

Damit wendet die Künstlerin außerdem jene Technik an, vor der die Querdenker:innen, die häufig auch Impfgegner:innen sind, Angst haben. Die Prozedur des Impfens wird im Kunstprojekt zu einer positiven Intoxikation, die mittels Phiolen verabreicht wird, die eher mit tödlicher Blausäure assoziiert werden. Tod und Leben werden gemeinsam in ein apotropäisches Gefäß gepackt. Umspielt werden der Mut und die Radikalität dieses Tuns von einem Liebesritual des Handhaltens und gemeinsamen Singens, beides Aktivitäten, die aus Angst vor Virenübertragung während der Pandemie waren.

Abb. 2: Oxytocin Vial, glowing under blue fluorescent light von Heather Dewey-Hagborg, 06.05.2020, https://www.biodesigned.org/heather-dewey-hagborg/lovesick-futures (10.06.2021), mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Liebesrezepturen

Nun sind Bezugnahmen auf die ‹Liebe› kein Privileg von sozialkritischen Künstler:innen. Auch von Querdenker:innen-Protesten wird berichtet, dass sie auf Demonstrationen gemeinsame Liebessignale performen, darunter etwa die Geste, bei der jede:r für sich gleichzeitig ein Herz mit den Händen formt.

Abb. 3: Querdenker:innen Demo / Querdenker und Gegendemo der Omas gegen rechts, Frankfurt, 15.08.2020, Bildnummer: 0103263483, Michael Schick, imago, Lizenz: Rights Managed-Web

Die taz zitiert einen neuen Esoterikstar der Bewegung, die 19-jährige Christina von Dreien: «Weil ich Mensch bin, lerne ich zu verstehen, was es bedeutet, mit Liebe zu ändern, mit Wahrheit zu leben, mit Freiheit zu denken.» 31 Von Dreien hat ein Buch darüber geschrieben, dass Corona von ‹den Mächtigen› in die Welt gesetzt worden sei. Dagegen helfe nur eines, die Liebe: «Wenn wir alle in uns die Energie der Liebe entfesseln, dann hat die Menschheit ein zweites Mal in ihrer Geschichte das Feuer entdeckt.»32

Bemerkenswerterweise beziehen sich die bisher diskutierten Projekte – Schlafschafe und Lovesick Futures – immer wieder auf Berührung. Das ist nicht verwunderlich, sind doch zum einen die mahnenden Hygienevorschriften allgegenwärtig. Isabell Lorey weist darauf hin, dass nach den Regeln des Alten Testaments lange ein Verbot der körperlichen Berührung des ‹Unreinen› bestand, welches sich erst mit dem neutestamentlichen Verständnis einer «Immunität Jesu», der die Unreinen habe anfassen und heilen können, transformierte.33

Abb. 4: Ausschnitt aus Hygieneposter: Vermeiden Sie Berührungen, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.infektionsschutz.de und www.bzga.de (10.06.2021)

Im Querdenker:innen-Diskurs geht es jedoch nicht primär um Hände, sondern vor allem auch um die ‹toxische› Berührung durch die Maske, die, so etwa die Mutter im Schlafschafe-Beispiel, dem Kind den Lebensatem abschneide. In Lovesick Futures dagegen wird Klage geführt über die Abwesenheit von Berührung. Die Querdenkerin in Schlafschafe will den Körper des Kindes möglichst ‹pur› erhalten. Die Künstlerin Dewey-Hagborg dagegen inszeniert das eigene Erkranken bzw. Sich-Infizieren mit loveSICKness lustvoll und stellt damit zur Disposition, was Krankheit und was Heilung ist. Beide drücken sich indes über einen pseudowissenschaftlichen medizinisch-biologischen Diskurs aus. Und beide Projekte sprechen von Rettung durch Liebe. Die verzweifelt liebende Mutter aus der Fernsehfiktion will ihr Kind vor fantasierten Gesundheitsschäden bewahren und nimmt dafür ihre soziale Isolation in Kauf. Die Künstlerin beklagt sozialen und taktilen Mangel (Deprivation) und feiert die Verabreichung einer Liebesdroge in einem heilenden Vergemeinschaftungsritual.

Die feministische Aktionskünstlerin Philippa Found sucht dagegen nach Sinnhaftigkeit nicht in pharmakologisch verbesserter Liebesfähigkeit, sondern entwirft ein gigantisches Archivierungsprogramm für ‹echte› Liebesgeschichten in Zeiten der Pandemie. Hier werden keine Technofantasien entfaltet, sondern es wird auf Dokumentaristik als Corona-Therapie gesetzt: «This is a true story created collectively in a time of separation. An anonymous confessional space. An opportunity to contribute to a disconnected collective narrative. To record your story. To share without shame.»34

Ihr «participatory art project» sammelt hunderte von Liebesgeschichten von Privatpersonen. Auf ihrer Internetplattform Lockdownlovestories wirbt sie mit einem ganzen Strauß möglicher Fragestellungen um Liebespost(-s):

Are you dating? Breaking up? Has an ex contacted you? Or have you reached out to an ex? Dreaming of someone you shouldn’t be? Maintaining an affair? Not touched another person since 23rd March? Hooked up on Houseparty? Is Zoom-sex a thing? Making babies? […]35

Gegen ein befürchtetes Absterben der Liebe im Lockdown setzt sie den Beweis ihrer Weiterexistenz. Die Liebeszeugnisse wiederum werden als Heilmittel gegen die Verzweiflung angeboten.

Abb. 5: Cover von M. J. Edwards: Kissing the Corona Virus, anonyme Künstler:in, 29.05.2021, Fair Use https://en.wikipedia.org/wiki/Kissing_the_Coronavirus#/media/File:Kissin...
pg, (10.06.2021)

Einen Salto mortale mit Corona-Liebesrezepturen dreht die Erotik-Novelle Kissing the Corona Virus, die – unter Pseudonym veröffentlicht – im doppelten Sinne ‹viral› ging und inzwischen über ein Amazon-Label auch in einer Printversion vertrieben wird. Darin gerät die Forscherin Alexa Ashingtonford bei der Anschauung eines Reagenzglases, das eine Nährflüssigkeit mit Coronaviren enthält, in orgiastische Zustände: «The tickle in her knickers when she worked with the sample was the only sexual release she had experienced since the virus had unleashed hell and taken its hold on the world.»36 Dermaßen angemacht, gibt sie einen winzigen Tropfen der love potion in den Impfstoff, der zur klinischen Überprüfung bereitsteht. Sie kann nicht verhindern, dass ein Kollege sich die nun infizierte Flüssigkeit im heroischen Selbstversuch spritzt. Er verwandelt sich daraufhin in einen riesigen grünen, aber sexy Hulk mit Corona-Stacheln und bespringt als Verkörperung von Covid-19 die Forscherin.

Diese glaubt, zum ersten Mal in ihrem Leben ‹Liebe› erfahren zu haben: «Was this … love? She never felt it before. Lust, absolutely, but love?»37 Die Fantasie von Sex im Labor in pandemischen Zeiten lässt sich mit Linda Williams an gewisse Traditionen des Genres des pornografischen Films anschließen, in dem es, wie Williams analysiert hat, kein Zufall ist, dass sich die entsprechenden Werke als Beiträge zur Sexualforschung und -erziehung und/oder praktische Lebenshilfe ausgeben und dadurch ‹klinisch-dokumentarische› Qualitäten für sich beanspruchen können.38 Während Lovesick Futures der liebelosen Corona-Isolation ein Gegenmittel verabreicht, wählt der Pandemie-Porno Kissing the Corona Virus die mentale und physische Immersion und beruft sich ironischerweise außerdem auch auf Liebe, nur eben über das Vehikel der körperlichen Lust.39 Liebend stürzt sich die Heldin in das Virus oder, noch radikaler: Sie entdeckt mittels des Virus erstmals die Liebe und überwindet damit das einsame Quarantäne-Setting.

Techno-Quarantänen

Die Quarantäne stellt (wie der Lockdown allgemein) eine Versuchs- oder Laborsituation par excellence dar: Man befindet sich in einem kontrollierten und reduzierten environment ohne störende Einflüsse von außen. So kann auch das eigene Zimmer zu Labor, Klinik oder Künstler:innenatelier werden – oder in einer Imagination eines futuristischen smart homes immer schon alles gleichzeitig sein. Einen solchen Ansatz verfolgen Techno-Dystopien oder -Utopien. Hier liegen, ohne diese Repertoires gleichsetzen zu wollen, Überschneidungen mit den Verschwörungsfantasien der Querdenker:innen vor, die von Einschränkungen der ‹Freiheit› bzw. ‹Natürlichkeit› handeln und sich häufig aus einer diffusen Angst vor alltagsverändernden Eingriffen durch Big-Tech-Firmen nähren. Eine Horrorvorstellung dieser Szene ist beispielsweise, dass der Microsoft-Gründer und Multimillionär Bill Gates die Corona-Pandemie dafür nutzen würde, den Menschen bei ihrer Impfung einen Mikrochip zu injizieren, um sie dann genauestens überwachen und kontrollieren zu können. Einen Hintergrund dieses Narrativs bildet die Bill & Melinda Gates Foundation, in deren Rahmen Bill und Noch-Ehefrau Melinda Gates einen Großteil ihres Reichtums in Prävention und die Entwicklung von Medikamenten und medizinischen Behandlungsmethoden stecken.40

Die Genres der Science Fiction und Techno-Fantasien beschäftigen sich nicht selten mit der Frage, welches ‹Design› der Mensch haben müsste, um jede Form von Krankheit in Zukunft komplett zu vermeiden. Die US-amerikanische Filmemacherin und Künstlerin Peggy Ahwesh entwarf in dem Kurzfilm The Falling Sky bereits 2017 eine Art Dauerquarantäne.41 Die darin gezeigten Cyborg-Menschen der Zukunft verlassen die Überwachungsräume gar nicht mehr. Das Leben ist von Beginn bis Ende einge- und umschlossen von smarten Technologien, die bis in den Körper hineinreichen. ‹Realismus›, das heißt hier: virtuelle Gegenwartsnähe, wird darüber hergestellt, dass das Filmmaterial fast ausschließlich aus found footage aus Werbeclips für smart homes und tech solutions und aus techno visions aus den Sozialen Medien besteht. All diesen ‹Dokumenten› ist gemein und eigentümlich, dass sich ihre Vernetzungsfantasien, Synthesen, surveillance gimmicks und Ökonomisierungsvorstellungen bis ins ganz Kleine und Innere des Körpers, gar bis in die Gene hineinarbeiten. So wird ein Baby im Inkubator geschaffen, das praktischerweise gleich Strichcodes in den Pupillen hat.

Abb. 6: Standbild aus: The Falling Sky, USA, 9.25 min von Peggy Ahwesh, USA 2017, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, https://vimeo.com/320904520, (10.06.2021)

Die beschriebene Phantasmagorie greift aber auch ins ganz Große, in das Planetarische, die Umlaufbahn der Erde. Technisch werden Weite und Raum durch beschleunigtes Hinein- und Herauszoomen simuliert, ein Mittel, das sich spätestens seit den Powers of Ten-Filmen von Charles und Ray Eames als beliebtes Stilmittel bei Filmemacher:innen und Künstler:innen etabliert hat.42 So entsteht eine sowohl panoptische als auch paranoische totalitäre Welt, (in) der nichts und niemand entkommen kann, in der die ganze Zeit Daten gesammelt und menschliche Körper vermessen und gescannt werden, die von der Wiege bis zur Bahre kontrolliert, programmiert und überwacht werden können und sich selbst überwachen und broadcasten. Ahwesh inszeniert in ihrer Arbeit sowohl eine digitale Beerdigung als auch einen zukünftigen Friedhof, auf dem QR-Codes an den Grabsteinen die tote Person in Gestalt eines Hologramms wiederauferstehen lassen. Das ist eine Verdeutlichung und Erweiterung des Versprechens der Medien, über ihre Archivfunktion Unsterblichkeit zu produzieren.

Coda

Meine Bilder sind klüger als ich lautet der vielzitierte Titel eines Dokumentarfilms über das Werk Gerhard Richters.43 Eine solche Aussage über das Surplus-Wissen von Artefakten macht sicher einen Aspekt unserer Materialsammlung performativer Corona-Bewältigungen aus, trifft aber auf die Selbstinszenierungen der Querdenker:innen nicht zu. Uns kam es eher auf eine Praxisdimension (nicht-)diskursiver Pandemie-Auseinandersetzungen an, die mit Affekten arbeitet und darüber im Publikum affektives Verstehen bzw. eine andere Art von Wissen erreicht, das auf dem Gebiet der «ordinary affects» zu verorten ist. Nach der Anthropologin Kathleen Stewart wären diese: «committed not to the demystification and uncovered truth that support a well-known picture of the world, but rather to speculation, curiosity and the concrete, it tries to provoke attention to the forces that come into view as a habit of shock, resonance and impact.»44

Die Miniserie Schlafschafe stürzt die Zuschauer:innen in die Hermeneutik von Verschwörungstheorien und nötigt sie zur Empathie für eine Jüngerin ‹alternativen Wissens›. Der visuelle Essay Lovesick Futures bietet einen rite de passage zu einem ganz anders liebenden und vergemeinschaftenden Selbst an. In Lockdownlovestories wird das Heilmittel der Liebe zu einem endlosen Leporello zur Versicherung ihrer Noch-Existenz, während sie im Porno Kissing the Corona Virus als materiell-physische Wichsvorlage auftaucht. Zuletzt führte der – wenn auch prä-pandemische – Film The Falling Sky seine Rezipient:innen in ein umfassendes technisches Gesundheits-Design, das digitalisierte Impfpässe wie Lochkarten aus dem letzten Jahrtausend aussehen lässt.

Es geht uns in unserer Argumentation nicht um ‹besseres› Wissen, sondern um anderes Wissen: anders in der Art und Weise, wie es erworben wird, und anders in den Bearbeitungen, die es uns anbietet. Dabei ist der Zusammenhang mit der Pandemie keineswegs zufällig: Eine unserer Arbeit zugrunde liegende Hypothese besagt, dass eine potenziell alle betreffende Todesgefahr Nährboden radikaler Umbrüche in den betroffenen Gesellschaften sein kann. Die hier vorgestellten Artefakte machen fiktive Lösungsangebote gegenüber Problemen, die in der Pandemie auftauchen oder sich dort verschärfen. Gegenüber der Tatsache allerdings, dass sie stattfindet und dass eine Vielzahl ‹unserer› Lebensformen zu ihr beiträgt, bleiben sie neutral. Das führt uns noch einmal zurück zu Kathleen Stewarts Ordinary Affects, die unserer Materialsammlung zugrunde liegen:

They are a kind of contact zone, where the overdetermination of circulations, events, conditions, technologies and flows of power literally take place. To attend to ordinary affects is to trace how the potency of forces lies in their immanence of things that are both flighty and hardwired, shifty and unsteady but palpable too.45

Ein solches ‹anderes Wissen› bedient sich häufig eines weiblichen Mediums. Dass man in den künstlerischen Corona-Verarbeitungen so wenige männliche Protagonisten und Gestalter sieht, mag mit einem Faktum zu tun haben, dass die argentinische Anthropologin Rita Laura Segato das «Mandat der Maskulinität» nennt.46 Dieses sei der Effekt einer «Pädagogik der Grausamkeit».47 Sie meint damit, dass der Kolonialismus in Gestalt der (männlichen) Konquistadoren nicht allein in Lateinamerika eine Haltung eingeführt habe, die Welt als ‹Sache›, als ‹Objekt der Aneignung› und als ‹Körper-Ding› zu betrachten. Das Mandat der Maskulinität bestehe in dem bis in die postkoloniale Gegenwart weitergetragenen gefühlten Recht, sich die solchermaßen entseelte Welt, insbesondere Frauen, herrschaftlich anzueignen. Die Vitalität des lateinamerikanischen Feminismus habe dagegen den «affektive[n], nahe[n], festlichen[n] und bindungsfähige[n] Körper in kompromissloser Freiheit» gesetzt.48

Nun soll hier keineswegs behauptet werden, dass nicht auch weibliches Personal – vor allem westliches, weißes Personal – zu einer solchen Pädagogik der Grausamkeit fähig wäre. Jedoch scheint die kollektive Erfahrung, als Geschlecht strukturell zu den angeeigneten Körpern zu gehören, affektiv-diskursive Gestaltungsmöglichkeiten freizusetzen, der lebensbedrohenden Katastrophe einer Pandemie und dem daraus resultierenden Zwang kreativ zu begegnen.

  • 1Übrigens: Das Manuskript ist unter strikter Beachtung der Corona-Regeln entstanden. Die Autorinnen haben sich nie physisch (und auch nicht einmal per Zoom) getroffen, sondern den entstehenden Text bis zur Fertigstellung im Pingpong-Verfahren hin- und hergemailt.
  • 2Isabell Lorey: Die Immunität Jesu. ‹Lépra› und Lepra von der Bibel bis zum Mittelalter, in: Gabriele Dietze, Claudia Brunner, Edith Wenzel (Hg.): Kritik des Okzidentalismus. Transdisziplinäre Beiträge zu (Neo-)Orientalismus und Geschlecht, Bielefeld 2009, 187–199, hier 187.
  • 3Vgl. zum Beispiel Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Corona. Pandemie und Krise, Bonn 2021 (APuZ-Schriftenreihe, Bd. 10714); Philipp Dominik Keidl, Laliv Melamed, Vinzenz Hediger, Antonio Somaini (Hg.): Pandemic Media: Preliminary Notes Towards an Inventory, Lüneburg 2020; Curare. Journal of Medical Anthropology – Curare. Zeitschrift für Medizinethnologie (Hg.): Curare Corona Diaries. A Collection of Diaries in the Strict Sense of the Term, veröffentlicht ab dem 05.10.2020, https://boasblogs.org/curarecoronadiaries/ (08.06.2021); Paul B. Preciado, “Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken eines Übergangs”. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. © Paul B. Preciado 2019, 2020. © der deutschen Übersetzung. Berlin 2020 – und viele andere mehr.
  • 4William E. Connolly: Neuropolitics: Thinking, Culture, Speed, Minneapolis 2002, Vgl. Margaret Wetherell: Affect and discourse – What’s the problem? From affect as excess to affective/discursive practice, in: Subjectivity, Jg. 6, Nr. 4, 349–368, 349.
  • 5Vgl. Margaret Wetherell: Affect and Emotion: A New Social Science Understanding, Los Angeles, London u. a. 2012, insb. 51–76.
  • 6Vgl. Wetherell: Affect and discourse, a.a.O..
  • 7Vgl. Manon Garcia: Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt, Berlin 2021.
  • 8Vgl. Lauren Berlant: Cruel Optimism, Durham 2011.
  • 9Vgl. etwa Christina von Braun: NICHT ICH. Logik – Lüge – Libido, Frankfurt/M. 1985; Elaine Showalter: Hystorien. Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien, Berlin 1997.
  • 10Corona-Miniserien wie zum Beispiel Drinnen – Im Internet sind alle gleich (ZDFneo 2020) oder Ausgebremst (TNT Comedy/NDR 2020/21, 2 Staffeln) und Liebe. Jetzt! (ZDFneo 2020) sind in den letzten Monaten als fiktionale «Instant»-Verarbeitungsformate (vgl. die Serien-Homepage zur ZDFneo-Produktion Schlafschafe, Untertitel Instant-Serie, ZDF 2021, https://www.zdf.de/serien/schlafschafe [08.06.2021]) der Pandemie entstanden. Schlafschafe (gestartet im Mai 2021) ist das bislang letzte Produkt dieses ‹Genres›, vgl. dazu Jens Müller: ZDFneo-Serie «Schlafschafe»: 5-Minuten-Serien-Terrine, in: taz – die tageszeitung, 12.05.2021, https://taz.de/ZDFneo-Serie-Schlafschafe/!5771004/ (08.06.2021). Zur Miniserie als Corona-Bewältigungsformat vgl. Gabriele Dietze: Quarantine Culture. Corona-Fernseh-Serien. Gabriele Dietze über erzählte Weiblichkeit am Abgrund (mit Zugbrücke), in: Gender-Blog der zfm – Zeitschrift für Medienwissenschaften, 30.07.2020, https://zfmedienwissenschaft.de/online/quarantine-culture-corona-fernseh-serien (08.06.2021); dies.: Quarantäne als Therapie: Corona-Miniserien, in: Angela Krewani, Peter Zimmermann (Hg.): Der Virus im Netz medialer Diskurse. Zur Rolle der Medien in der Corona-Krise, Wiesbaden 2021 (i. E.).
  • 11Juli Zehs Roman Über Menschen erzählt eine ähnliche Geschichte mit umgedrehter Beziehungsdynamik und gegensätzlichem Problemprofil. Hier ist der männliche Part ein ‹Über-Erfüller› der Corona-Bestimmungen und Krisengewinnler, vgl. Juli Zeh: Über Menschen, München 2021.
  • 12Vgl. Luzia Sievi, Marcel Vondermaßen: Schlafschafe und Covidioten. Über Moralisierung in politischen Debatten, in: Blog Bedenkzeiten des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Eberhard Karls Universität Tübingen, 15.10.2020, https://uni-tuebingen.de/de/197228 (08.06.2021).
  • 13Ein Modell als echt auszugeben ist eine gängige Betrugsmethode, die sich spätestens mit der Entwicklung der Spezialeffekte in den visuellen Medien Fotografie und Film ausgebreitet hat.
  • 14«Are delusion and sanity to be rigidly separated or, on the contrary, could the former be not only consistent with but even a condition of the latter?», so Darian Leader: What is Madness, London, New York u. a. 2012, 2.
  • 15Siehe z. B. Louise Bourgois Cell (Eyes and Mirrors) 1989-93. Cécile B. Evans, ‚Amos‘ World 2018. Ausschnitt https://vimeo.com/341985851 (10.6.2021).
  • 16Eve Kosofsky Sedgwick: Paranoid Reading and Reparative Reading, or, You’re So Paranoid, You Probably Think This Essay Is About You, in: dies.: Touching Feeling: Affect, Pedagogy, Performativity, Durham, London 2003, 123–154, hier 128.
  • 17Vgl. Bartosz Józefiak: Verschwörungstheorien, an die Deutsche glauben: «Du musst nur die Augen aufmachen», Artikel auf der Internetseite des Goethe-Instituts Polen, Dezember 2020, https://www.goethe.de/ins/pl/de/kul/mag/22061471.html (09.06.2021).
  • 18Simon Strick: Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, Bielefeld 2021, 390.
  • 19Zit. n. Józefziak: Verschwörungstheorien, o. S.
  • 20Sie greift dabei auf Paul Ricœurs Werk zurück, vgl. Sedgwick: Paranoid Reading, 124; außerdem Paul Ricœur: De l’interprétation. Essai sur Freud, Paris 1965.
  • 21Vgl. zum Beispiel die aktuelle Ausgabe von Kunstforum International, Nr. 275, Juni/Juli 2021: Utopia. Weltentwürfe und Möglichkeitsräume in der Kunst; Samantha Culp: Augmented Dreams, in: Art in America, 11.01.2021, https://www.artnews.com/art-in-america/features/augmented-reality-art-1234581120/ (09.06.2021); Gilda Williams: Charting a Changing World One Loss at a Time, in: Art in America, 20.10.2020, https://www.artnews.com/art-in-america/aia-reviews/cao-fei-virtual-reality-changing-world-1234574390/ (09.06.2021).
  • 22Vgl. Kerstin Uvnäs Moberg: Oxytocin, das Hormon der Nähe. Gesundheit – Wohlbefinden – Beziehung, Berlin, Heidelberg 2016; Michael Kosfeld, Markus Heinrichs, Paul J. Zak, Urs Fischbacher, Ernst Fehr: Oxytocin increases trust in humans, in: Nature – The International Weekly Journal of Science, Nr. 435, 2005, 673–676.
  • 23Vgl. Heather Dewey-Hagborg: Lovesick: The Transfection, o. D. [© 2009–2021 Heather Dewey-Hagborg], https://deweyhagborg.com/projects/lovesick-the-transfection (09.06.2021).
  • 24Vgl. Heather Dewey-Hagborg: Lovesick Futures: An illustrated narrative describing a revolution of human intimacy brought on by a love virus designed by a biohacker, o. D. [© 2009–2021 Heather Dewey-Hagborg], https://deweyhagborg.com/projects/lovesick-futures (09.06.2021); dies.: Lovesick Futures, in: Biodesigned, Nr. 1, 2020, https://www.biodesigned.org/heather-dewey-hagborg/lovesick-futures (09.06.2021).
  • 25Vgl. ebd., o. S.
  • 26Vgl. ebd., o. S. Eine optimistischere mediale Kosmologie des global village hatte Marshall McLuhan mit einem Zitat aus einem gregorianischen Hymnus über den Erzengel Michael als Vermittler zwischen Gott und Menschen eröffnet und sich diesen Zustand noch positiv vorgestellt: Mediennetzwerke würden demnach den Globus überziehen und die Menschen einander näherbringen, vgl. Marshall McLuhan, Bruce R. Powers: The Global Village: Transformations in World Life and Media in the 21st Century, New York, Oxford 1992, Motto 1.
  • 27Eve Kosofsky Sedgwick: Introduction, in: dies.: Touching Feeling, 1–26, hier 16.
  • 28Dewey-Hagborg: Lovesick Futures, o. S. Ähnliche Szenarien, die auch in Richtung der Möglichkeit entwickelt werden, Sex nur noch mit Maschinen zu erleben, kursieren schon länger, vgl. zum Beispiel Sophie Wennerscheid: Sex Machina. Zur Zukunft des Begehrens, Berlin 2019.
  • 29Dewey-Hagborg: Lovesick Future, o. S.
  • 30Ebd.
  • 31Zit. n. Laura Ewert: «Querdenker» und Egoismus: Liebe zerstört unsere Demokratie, in: taz – die tageszeitung, 25.12.2020, https://taz.de/Querdenker-und-Egoismus/!5735907/ (08.06.2021).
  • 32Zit. n. ebd., o. S.; vgl. auch Christina von Dreien: Am Ende ist alles gut. Wie wir uns die heile Welt selbst erschaffen, Jestetten 2020.
  • 33Vgl. Lorey: Die Immunität Jesu, 192f.
  • 34Philippa Found: Lockdownlovestories – About, 07.05.2020, https://www.lockdownlovestories.com/about (10.06.2021).
  • 35Ebd., o. S.
  • 36M. J. Edwards: Kissing the Coronavirus, Wroclaw 2020, 7.
  • 37Ebd., 33.
  • 38Vgl. Linda Williams: Hard Core. Macht, Lust und die Traditionen des pornographischen Films, Frankfurt/M., Basel 1995, 82.
  • 39Auch dies ist durchaus konventionell, denn: «Er [der Porno, d. Verf.] braucht die Gewissheit, dass er nicht Zeuge der willkürlichen Vorführung weiblicher Lust wird, sondern ihres unwillkürlichen Geständnisses.» Ebd., 84.
  • 40Vgl. zum Beispiel Deutsches Ärzteblatt: «Verschwörer machen Bill Gates für die Pandemie verantwortlich»: 5 Fragen an Michael Butter, in: Deutsches Ärzteblatt, 28.10.2020, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/117772/Verschwoerer-machen-Bill-Gates-fuer-die-Pandemie-verantwortlich (11.06.2021). Das IT-Magazin Chip zeigt sich auch über Gates selbst irritiert: «Gates schrieb im März, dass irgendwann ‹digitale Zertifikate› Auskunft darüber geben könnten, wer eine Infektion mit dem Coronavirus bereits durchgestanden hat oder – sobald das möglich ist – dagegen geimpft ist. Diese Aussage wurde mit vollkommen anderen Projekten verrührt, die von der Gates-Stiftung unterstützt werden – etwa Forschungen zur digitalen Identifizierung, zu einer Technik, die Impfungen im Infrarotlicht auf der Haut anzeigt, sowie zu Verhütungsmethoden via Mikrochips. Mit dem Coronavirus haben sie nichts zu tun.» Redaktion Chip/dpa: «Absurd und albern»: Bill Gates äußert sich zu den Verschwörungstheorien um seine Person, in: Chip, 09.06.2020, https://www.chip.de/news/Absurd-und-albern-Gates-aeussert-sich-zu-den-Verschwoerungstheorien-um-seine-Person_182710227.html (11.06.2021).
  • 41Vgl. The Falling Sky, Regie: Peggy Ahwesh, 10 min, USA 2017. Ein Ausschnitt (02:52 Minuten) ist abrufbar unter https://vimeo.com/373500452 (11.06.2021).
  • 42Vgl. The Powers of Ten, Regie: Charles und Ray Eames, 8 (prototype version) bzw. 9 min (final version), USA 1968 bzw. 1977. Astrid Deuber-Mankowsky weist in Rückbezug auf Donna Haraway darauf hin, dass während des Kalten Krieges sowohl Bilder der Mondlandung/des Alls als auch Lennart Nilssons Fotografien von Föten in ihren Fruchtblasen um die Welt gingen, die sich unter anderem darin ähneln, dass sie eine allmächtige Blickposition, hinaus in unendliche Weiten und hinein in intimste Bereiche, repräsentieren, vgl. Astrid Deuber-Mankowsky: Queere Ökologien: Gegen die Ontologisierung von Queerness, für den Aufbau queerer Kollektive!, in: Marietta Kesting, Maria Muhle, Jenny Nachtigall, Susanne Witzgall (Hg.): Hybride Ökologien, Zürich 2019, 167–180, hier 176f.; außerdem Vera Tollmann: Sicht von oben. «Powers of Ten» und Bildpolitiken der Vertikalität, Dissertation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, 30.05.2020, https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/8774 (11.06.2021).
  • 43Vgl. Gerhard Richter. Meine Bilder sind klüger als ich, Regie: Viktoria von Flemming, 60 min, D 1993.
  • 44Kathleen Stewart: Ordinary Affects, Durham 2007, 1.
  • 45Ebd., 3.
  • 46Vgl. Rita Laura Segato: Corona oder die Leugnung des Todes, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 05/2021, 97–104, hier 102f.
  • 47Ebd., 99f.
  • 48Vgl. ebd., 104.

Bevorzugte Zitationsweise

Dietze, Gabriele; Kesting, Marietta: Quarantäne und Affekt. Gabriele Dietze und Marietta Kesting über schlafende Schafe, wache Paranoiker:innen und virale Medien-(Alp-)Träume. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Gender-Blog, 17. Juni 2021, https://zfmedienwissenschaft.de/online/gender-blog/quarantaene-und-affekt.

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