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Jedes Heft hat ein Schwerpunktthema, das von Gastredakteur_innen konzipiert und betreut wird. Die eingereichten Aufsätze durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren. Vorschläge für Schwerpunktthemen sind jederzeit an die Redaktion möglich. Hinweise zu Einreichungen finden Sie in unseren Submission Guidelines.

ZfM 26, erscheint im April 2022
Abstracteinreichungen bis Ende Mai 2021
Heftvorschau

X | Kein Lagebericht

Die Auseinandersetzung mit Rassismus darf auch in der Medienwissenschaft keinen Halt vor der eigenen Forschungskultur machen und kann nicht nur auf Forschungsberichte oder -ergebnisse begrenzt sein. Sie muss antirassistische Praxis werden. Der Schwerpunkt von Heft 26 wird daher kein Lagebericht. Wir gehen bei seiner Gestaltung von der Beobachtung des Widerspruchs aus, dass in einer kulturwissenschaftlich verbürgten und sich auch als Meta-Wissenschaft verstehenden Medienwissenschaft, die so umfassend dekonstruiert, dass sie kaum eine ontologische, epistemologische oder gar onto-epistemologische Prämisse unangetastet lässt, kritische Diversität zu kurz kommt. In Bezug auf die Beschaffenheit ihrer theoretischen und praktischen Zugänge, ihres Beschäftigungsapparats und ihrer systemischen Wissenschaftskultur schöpft die Medienwissenschaft ihre Möglichkeiten also nicht aus. Diesen Widerspruch der Medienwissenschaft als ›Symptom‹ und damit ›diagnostisch‹ in den Blick zu nehmen, ist das Anliegen des Schwerpunkts von Heft 26: »X | Kein Lagebericht«.

Die Lage ergibt sich aus der von bell hooks benannten »Trinität von weißer Vorherrschaft, Kapitalismus und Patriarchat«, die sich in Rassismus, Klassismus, Sexismus und der Diskriminierung von wie auch immer markierten ›Anderen‹ manifestiert. Wissenschaft und ihre Institutionen re-/produzieren rassistische Ordnungsprinzipien, die durch die Einwirkung auf Selbst-, Gegenstands- und Weltverständnisse eine rassistische Normalität etablieren. Dass es zurichtende Gefüge gibt, ging in unterschiedlichen Kontexten der Theoriebildung und ihrer Diskurshistorien schon zu Entstehungszeiten des Fachs ein – die hier zu nennenden Namen gehören zum Kanon und sind uns allen bekannt. Nun ist die Medienwissenschaft dazu angehalten, sich eben auch mit den rassistsischen Kontinuitäten verwendeter Narrative, Methoden, und Theorien ihrer Wissenschaftsgeschichte und -kultur zu befassen.

Insofern sich die Medienwissenschaft ihrer eigenen Medialität immer bewusst war, gilt es nun, diese so in den Blick zu nehmen, dass ihre institutionellen und wissenschaftssystemischen Bereiche rassismuskritisch befragt werden können. Es geht also auch darum, diese Medialität mittels »Störung« des Feldes auszuweisen und sie produktiv zu machen – und damit um eine instabile Lage, aus der durch verschiedenförmige Um-Lagerungen Neues zu entstehen vermag. Der Lage, deren permanente Ver-Lagerung und Verschleierung gewissermaßen ihr eigenes Funktionieren beweist, möchten wir Vervielfältigung und Ermöglichung entgegensetzen. Mit diesem Vorhaben sind wir daher an den komplexen Über-Lagerungen von Verhältnissen und Schichten, von Positionen, Bedingungen, Zuständen und Status interessiert. All jene Begriffe finden sich in der »Lage« wieder, die veränderbar ist, auch und vor allem in medienwissenschaftlichem Denken und damit in medienwissenschaftlicher Praxis.

Das »X« im Titel dieser Ausgabe steht für das Durchkreuzen und Durchdenken rassistischer und diskriminierender Mechanismen und Denkweisen. »X« bedeutet weder Auslöschung, Anti-Haltung noch Antagonismus. Sondern es geht darum, das Verbindungsmoment, den Kreuzungspunkt im »X«, zu erkennen und immer wieder herzustellen. »X« adressiert das Dazwischen, den Defekt und die Dysfunktionalität, die Ver-, Über-, und Quer-Lagerungen, sowie die affektiven Schwierigkeiten des ›Redens und Schreibens über‹. »X« verleiht auch der Leere eine Form und es tritt an die Stellen der Namen und Perspektiven, die nicht zum Kanon gehören und uns nicht allen bekannt sind. Zuletzt symbolisiert »X« Multiplikation, die vielfältige Formen annehmen kann und polyphon ist. Den damit gemeinten Stimmen gilt es einen Möglichkeitsraum zu eröffnen.

Beiträge für den Schwerpunkt sind angehalten, das Verhältnis von Medienwissenschaft und Rassismus zu reflektieren und könnten folgende Themen und Annäherungen zum Ausgang nehmen:

• medienphilosophische Perspektiven auf die eigene Wissenschaftskultur und ihre rassistischen Verwicklungen
• rassismus- und/oder herrschaftskritische Auseinandersetzungen mit der eigenen Forschungspraxis, -kultur und -geschichte (zum Beispiel die Beschäftigung mit nicht-dominanten Wissensgeschichten und einer damit einhergenden kanonkritischen Befragung des Fachs aus trans-/interdisziplinärer Perspektive)
• Auseinandersetzungen mit soziokulturellen Verhältnissen in der Medienwissenschaft über Postmigration/Postdiaspora
• Case Studies zu strukturellen Problematiken der Medienwissenschaft als Institution
• künstlerische Forschung und/als antirassistische Praxis in Bezug auf Medienwissenschaft

Formate können hierbei von ›klassisch‹-wissenschaftlich bis künstlerisch-experimentell reichen.

Einreichung Abstracts (max. 300 Wörter): 31. Mai 2021 an kein-lagebericht@zfmedienwissenschaft.de
Einreichung kompletter Beiträge: 30. September 2021

Schwerpunktredaktion: Ömer Alkin, Jiré Emine Gözen, Nelly Y. Pinkrah, Alena Strohmaier

Stylesheet und weitere Hinweise unter: 
http://www.zfmedienwissenschaft.de/service/submission-guidelines

 

ZfM 27, erscheint im September 2022
Texteinreichungen bis Ende Februar 2022
Call for Papers

Reparaturwissen: DDR

«So kann man uns Experten nicht abfertigen, so viel will ich sagen. Noch immer repariere ich die Zäune, die unser stillgelegtes Betriebsgelände, das ein Investor erworben, aber nicht neu bebaut hat, umgeben, auch wenn solches Volkseigentum uns, dem Volk, nicht mehr gehört. […] Auch Hoffnungen lassen sich instand setzen. Es geht nichts über Reparaturerfahrung.» (Alexander Kluge: Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs, Frankfurt am Main 2015: 16)

Ähnlich wie im gesellschaftlichen Diskurs sind Geschichte, Akteur_innen, Herkunftsberichte und die Rede von der DDR auch in der deutschsprachigen Medienwissenschaft unterrepräsentiert. Diese Distanz zur DDR verwundert. Schließlich stellen medienwissenschaftliche Zugänge an materiellen Arrangements ansetzende Beobachtungsformen bereit, die politische, bürokratische und ökonomische Ordnungen, erlebte Zugehörigkeiten oder gegenwärtige Praktiken des Erinnerns und Vergessens erfassen. Auch die historiografischen Modelle der Medienwissenschaft sind geeignet, differenzierte Recherchen zur Alltagskultur, Geschichte und Überlieferung der DDR anzuleiten, insofern sie keine lineare Entwicklung suchen, sondern das Vergangene in Übertragungsereignissen verzeichnen. Entsprechend erlauben medienwissenschaftliche Studien es in besonderer Weise, Übergänge in den Blick zu nehmen, Einschnitte zu markieren und in temporären Verbindungen der Erinnerung mit der Gegenwart einen Ort einzurichten, der dem Versäumten und Aufgegebenen Platz macht.

In Alexander Kluges Erzählung Es geht nichts über Reparaturerfahrung tritt ein Mann auf, der als Ingenieur in der DDR arbeitete. Wie dieser «Kollege aus der Gegend von Eisleben berichtet» (Kluge 2015: 13), hat das Stillgelegte als Reparierbares eine Zukunft. Doch welche Bedeutung kommt Reparaturerfahrungen als einer nachträglichen, (Erinnerungen an) die DDR und die Wendezeit prägenden Anpassungsarbeit zwischen Personen, Dingen und sozialen Handlungsräumen heute noch zu? Ausgehend vom Reparieren als einer den DDR-Alltag bestimmenden Praxis möchte der Schwerpunkt eine Beschäftigung mit Medienarchiven der DDR anregen: Welches Potenzial für eine Neuorientierung von historiografischen und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen haben die vielfältigen Überlieferungen der DDR in Archiven, in privaten Sammlungen und in Praktiken der provisorischen Bewahrung?

Etwas zu reparieren, heißt, Material, Gestalt, mitunter auch die Gebrauchsmöglichkeiten von Gegenständen zu verändern. Reparaturwissen stellt behelfsmäßige Verknüpfungen zwischen Überkommenem und zukünftigem Handeln her. Es fügt sich nicht in wertschöpfende Entwicklungsdynamiken wie Wachstum, Ausbreitung, Konsumption und Reproduktion. Wenn medienhistorische, praxeologisch und an Infrastrukturen orientierte Forschung daran arbeitet, Formen des Reparaturwissens konzeptuell zur Sprache zu bringen, so geht es nicht um Ereignisse der technischen Erfindung. Entscheidend sind stattdessen die Zuneigung zum Abgenutzten und Deklassierten sowie pragmatische und affektive Haltungen zu Mangel, Inkohärenz und minderer Qualität.

Folgende drei Gegenstandsbereiche bieten Zugänge zum «Reparaturwissen: DDR»:

Alltag

Reparaturwissen entspringt aus der Arbeit des Instandhaltens und dem findigen Umgang mit Mangel, Auflösung und Zerfall. Das Flicken von Kinderkleidung, das Instandsetzen bei Subbotniks oder die Autoreparatur ohne passende Ersatzteile sind Beispiele für die unermüdliche Arbeit des Ausbesserns in der DDR. Reparaturen hinterlassen Spuren. Als materielle Ablagerungen eines handlungsbezogenen Wissens können sie Auskunft über alltägliche Praktiken auch mit geringer Reichweite, Dauer und Sichtbarkeit geben. Mit dem Reparieren verbinden sich die Fähigkeit, Bruchstellen auszumachen, und die Bereitschaft, sich improvisatorisch zu Störungen geplanter Prozesse zu verhalten. An diese Ausgangslage schließen zahlreiche Fragen an: Welche Bedeutung haben Reparaturen für die affektive Bindung an Dinge oder für tauschwirtschaftliche soziale Beziehungen? Was können Modelle des Reparierens leisten, um Alltagserfahrungen der Sorge-Arbeit von ostdeutschen Frauen* vor und nach 1989 zu erschließen? Wie können Rückfragen an Gebrauchsspuren in DDR-Medienarchiven die lokalen Zugehörigkeiten, aber auch die globalen Empfindungsstrukturen von Jugend- und Populärkulturen erschließen? Welche Vertrautheit mit Mängeln treibt gegenwärtige Recherchen zur DDR-Alltagskultur an?

Anachronismen

Reparaturen sind Refugien: Bastelstunden des Reparierens sind Nischen in der Chronologie. Gegen lineare Dynamiken der Ersetzung und Überwindung arbeiten Reparaturen am Überdauern des Beschädigten. Die Arbeit an der Wiederherstellung von Gebrauchsfähigkeit ist eine oft zeitaufwändige Umgangsweise mit Mangel und Beschränkung. In der DDR war diese Alltagspraxis Teil einer Geschichte der Einhegung und der Zentralisierung, der Kontrolltechniken und der Begrenzungen, die die Übermittlungs- und Übertragungsgeschichten der klassischen Medientheorie infrage stellt. Ebenso gerät das Zusammendenken technischer Medien mit Öffentlichkeit, Handlungsmacht, Beschleunigung und globalen Prozessen der Synchronisierung ins Schlingern, wenn man für die DDR die beschränkte Verfügbarkeit technischer Infrastrukturen und Geräte (Telefonanschlüsse, Autos), die Kontrolle des Zugriffs (Fotokopierer, Filmdistribution) oder die Verzögerung technischer Entwicklungen gegenüber der Bundesrepublik (Farbfernsehen, Personal Computer) in Rechnung stellt. Anstelle der Überwindungsgeschichte(n) bieten Medienarchive der DDR Anlässe, um Medientheorien der Verknappung und der Einkapselung, der Zeitverzögerung und des Anachronistischen, des Provisorischen und des Lokalen auszuarbeiten. Unter anderem lässt sich fragen: Was könnten reparierende Überlieferungen für Medientheorien leisten, die sich nicht durch Expansions- und Entdeckungsszenarien machtvoll selbst begründen? Welche Beschreibungen technischer Weltverhältnisse lassen sich aus der Wissensgeschichte der Medientheorie und Kybernetik in der DDR beziehen? Wie lassen sich aus der Medienwissenschaft heraus ungleiche Bildungschancen, ungleichzeitige Zäsuren der Gegenwart oder die ostdeutsche Universitätsgeschichte vor und nach 1989 thematisieren?

Archivprozesse

Ähnlich wie alltägliche Reparaturpraktiken arbeiten auch Archive und Sammlungen an der Bewahrung von Artefakten. Statt um Gebrauchsfähigkeit geht es dabei um die Aussagekraft von Dokumenten und die Aura von Objekten. Ausgehend von Sammlungen und Archiven nach Reparaturerfahrungen zu fragen, bedeutet, die oft übersehene Arbeit der Erschließung, Ordnung, Dokumentation und Konservierung als Reparaturwissen mit in den Blick zu nehmen. So bilden etwa die Materialverbindungen des Selbstgemachten und Wiederverwerteten, aber auch analoge Technologien (wie Magnettonband), ehemals neue Kunststoffverbindungen oder mindere Qualität (hoher Holzstoffgehalt im Papier) gleichermaßen die Voraussetzung für die (zu rekonstruierende) Alltagspraxis der DDR und die Archivierungsvorgänge von Objekten und Dokumenten der DDR-Zeit. Als Alternative zur Polarisierung von SED-Herrschaft einerseits und Alltagserfahrung andererseits können Mediengeschichten, die sich den doppelten Reparaturen im Archiv und den vielschichtigen Überlieferungen zuwenden, ein differenziertes und uneinheitliches Bild der DDR zeichnen.

Wie kann ein medienwissenschaftlicher Rückblick in die Archive und Aufzeichnungen eines vergangenen Staates dessen Funktions-, Verwaltungs- und Lebensweisen lesen? Wie sehen Sammlungen von Künstler_innen, Schriftsteller_innen oder Alltagsgeschichten aus, die sich nicht als Archivgut wiederfinden lassen, sondern von dem Ort erzählen, der noch nicht verzeichnet und in den Regalen reponiert ist? Welche reparierenden Impulse zeigen sich im Aufbau von Sammlungen auf digitalen Plattformen? Wie können heutige Betrachter_innen den starken Eindruck des Vergangenseins von DDR-Medien in eine Beschreibungssprache überführen? Wie lassen sich Reparaturen als historiografisches oder medienästhetisches Verfahren konzeptualisieren?

Einreichung kompletter Beiträge: 28. Februar 2022

Ideen für mögliche Beiträge können sehr gern vor dem Einreichen der ausgearbeiteten Texte mit der Schwerpunktredaktion besprochen werden. E-Mail für inhaltliche Rückfragen: u.hanstein@filmschule.de, klaut@leuphana.de, jana.mangold@uni-erfurt.de

Schwerpunktredaktion: Ulrike Hanstein, Manuela Klaut, Jana Mangold

Stylesheet und weitere Hinweise

Auswahlbibliografie