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Open-Media-Studies-Blog

Wissenschaftliche Webseiten (Teil 3)

Über eine vernetzte Forschung und ein Webseitenarchiv der Zukunft

28.4.2020

Vernetzung: Projektwebseiten sind keine solitären Erscheinungen.

In den Wörtern Internet sowie World Wide Web steckt der Begriff des Netzes. Ein Netz kann klar sichtbare Strukturen haben, verfügt meist aber auch über viele Möglichkeiten ans Ziel zu gelangen. Eine Navigationsmöglichkeit durch dieses Netz sind Schlagworte, Keywords, die von Suchmaschinen gefunden werden können. Es ist also sinnvoll, dass auch eine wissenschaftliche Webseite mit aktuellen und relevanten Schlagworten operiert, um von Suchmaschinen gefunden und anerkannt zu werden. Die Suchmaschinenoptimierung ist heute allerdings weit mehr als das Registrieren der Seite bei Suchmaschinen, wie es noch in den 1990er-Jahren üblich war. Strategien für die On-Page-Optimierung (Inhalte, Schlagworte,...) sind dabei nur die Hälfte des Erfolgs, bedeutsamer ist die Off-Page-Optimierung, also das Netzwerk von Verlinkungen zu und von der Seite, in das die Webseite eingebettet ist. Das klingt hochkomplex, bedeutet im Prinzip aber nur: vernetzt euch und interagiert!

Es ist also notwendig, dass man die Möglichkeiten des Hypertextes und der Datenvernetzung des World Wide Webs in ihrem Umfang begreift. Hierzu gehört vor allem, dass die Arbeit von Projektseiten nicht an digitalen Journalen, Repositorien und Blogs vorbei passiert, sondern im Austausch mit ihnen stattfindet. Wenn sich die Forschungsgemeinschaft so zusammentut, dass das gemeinsame Publizieren direkt auf Echos stößt – beispielsweise in Form von Kommentaren auf den eigenen Seiten, Empfehlungen von Artikeln auf anderen Seiten oder gemeinsamen Texten – dann erst zeigen Webseiten ihren echten Mehrwert. Diese Netzwerke können sich online formieren und finden sich bereits in produktiver und häufig interdisziplinärer Form beispielsweise auf Twitter.

Suchmaschinen im Web of Science

Im zweiten Teil dieser Reihe ging es einführend um veränderte Möglichkeiten digitaler Texte in der Präsentation von Forschungsergebnissen. Die Kehrseite sind Anforderungen, die sich nun an diese Texte stellen. Viele Suchmaschinen gehen ursprünglich auf die akademische Nutzung des Internets (und seiner Vorgängernetzwerke) und die Bibliothekslogik der akademischen Institutionen zurück.1 Wikipedia bietet beispielsweise eine umfassende Liste von Suchmaschinen, die weit über die großen, kommerziellen Namen hinausgeht und deren akademische Suchmaschinen den geschlossenen Suchalgorithmen der Internetfirmen häufig offene Kriterien entgegensetzen. Die Aufgabe dieser Suchmaschinen ist es, das sogenannte Web of Science abzubilden2, aber dazu benötigen sie Unterstützung.

Die Idee Texte durch Suchwörter zu optimieren kommt derzeit zurück in die akademische Schreibpraxis. Unter dem Schlagwort Academic Search Engine Optimization (ASEO) werden seit über einer Dekade Regelungen diskutiert und vorgeschlagen, mit denen offen zugängliche PDFs besser auffindbar werden.3 Denn die Vernetzung von Forschungsseiten birgt langfristig auch Potentiale für ein kontextualisierendes Vorschlagssystem (Suggestion System), das für private Suchen längst etabliert ist, in Form eines «academic counterpart»4. Die immer noch in den Kinderschuhen steckende Idee dahinter, skizziert Tobias Fries, ist, dass im Schreibprozess mögliche relevante Texte angezeigt werden, die als Vorschläge einer dauerhaften, internetbasierten Suche im Hintergrund gesucht, aufgerufen und ausgewertet werden können– quasi eine Verbindung aus Zitationsdatenbanken und großen Online-Bibliotheken mit Textsuche (wie Google Books oder die derzeit eher auf Naturwissenschaften ausgelegte CiteSeer).

Hier könnten digital zur Verfügung gestellte Texte nicht nur wesentlich zu einem neuen Diskurs beitragen – sondern würden ihn zusammen mit Archiven, Online-Bibliotheken und Repositorien überhaupt erst ermöglichen.

Bewerbung: Eine Onlinepublikation hat Öffentlichkeit, aber auch viel Konkurrenz

Insbesondere die Bewerbung der Inhalte, die auf den Forschungswebseiten veröffentlicht werden, fällt in den Bereich der Wissenschaftskommunikation, in dem eine Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen für ein breites, interessiertes Publikum stattfinden soll. Dass sich dieses Feld in den letzten Jahren deutlich verändert hat, wird im Kontext der Herausforderung der Aufmerksamkeitsökonomie in einer digitalisierten Gesellschaft kritisch diskutiert.

Individuelle Projektwebseiten erreichen ohne aktive Bewerbung häufig weder interessierte Leser_innen noch jene Kolleg_innen, mit denen sie in Austausch treten wollen. Ist die Webseite nur eine oberflächliche Präsentation von Team und Projekt, dann reicht es, wenn man über einige wenige Schlagworte gefunden werden kann und ansonsten beispielsweise seine Texte in einem zentralen Repositorium (wie media/rep/ oder MediArxiv) online stellt und auf dieses verweist. Soll die Seite allerdings eigene Inhalte bieten, deren Zitation und Verbreitung man wünscht, dann muss sie bereits anders gebaut werden.

Die fundamentalste Fehleinschätzung, die vermutlich in Bezug auf Forschungswebseiten besteht, ist ihre Reichweite. Aus der Erfahrung eigener Webseiten und dem Austausch mit Kolleg_innen, kann ich sagen, dass die Traffic-Quote der meisten Projektseiten (sofern sie überhaupt kontrolliert wird) weit hinter den Hoffnungen zurückbleibt. Die größten Sprünge in den Zugriffszahlen passieren dann, wenn die Forschungsgemeinschaft aktiv mit den Daten konfrontiert wird. Dies geschieht beispielsweise, wenn das Projekt auf einer Konferenz präsentiert oder Inhalte in den sozialen Netzwerken beworben werden. Dies deckt sich auch mit einer Einschätzung der Expertin für Wissenschaftskommunikation, der ehemaligen Pressesprecherin der Humboldt-Universität zu Berlin, Susann Morgner, dass «heutzutage [...] weniger der direkte Pressekontakt gepflegt, sondern viel mehr direkte Kommunikation in die Gesellschaft betrieben» wird.

Für wissenschaftliche Webseiten bedeutet dies, dass früh eine einfache Domain gewählt wird und im besten Fall eine klare Marke mit Icons und Symbolen erstellt wird. Eine frühe Verbindung eines Projekts mit einer professionellen, einfachen Domain, die beispielsweise sowohl www.dokumentarfilmgeschichte.de als auch www.musikobjekte.de haben, sorgt für einen Wiedererkennungswert. Klare Farben und eventuell ein eigenes Logo (letzteres ist in meiner Erfahrung eine echte Herausforderung und sollte möglichst durch bezahlte Expert_innen produziert werden!) helfen visuell zwischen anderen Angeboten wiedererkannt zu werden.

Wissenschaft als Marke?

Zu einer Forschungsplattform mit digitalen Inhalten gehört ein verändertes Selbstverständnis. So formuliert die US-amerikanische Wissenschaftsakademie in Open Science by Design die veränderte Rolle von Zeitschriften: «In the digital age, while the journal framework may well continue for branding and content integration purposes, compiling articles in journals [...] is no longer a requirement for broad distribution».5

Wenn Zeitschriften also bei der Etablierung einer akademischen Marke helfen können, so braucht es für ein digitales Umfeld, in dem Aufmerksamkeit zur neuen Ersatzwährung wird, vergleichbare Strategien. Diese Haltung mag diskutabel sein – solange sich allerdings wissenschaftliche Inhalte im Netz neben anderem Wissenskapital bewegen, scheint mir die Frage nach einem akademischen Branding berechtigt. John Gribas und Kolleg_innen skizzieren dies für Institute «as an effort to recognize, take ownership of and invite others into our collective story»6. Julian Cribb und Tjempaka Sari hingegen raten: «Don’t promote the organisation; promote the scientific achievements and outcomes».7.

Es gilt für eine Projektwebseite also auch ein grundlegendes Verständnis dafür zu schaffen, dass man für digitale Inhalte jene Bewerbung übernehmen muss, für die in Büchern und Zeitschriften die Verlage und Herausgeber_innen zuständig wären. Damit ist nicht gemeint, dass man die wissenschaftliche Gemeinschaft mit Eigenwerbung überhäuft, sondern, beispielsweise, dass man die technischen Möglichkeiten schafft, den eigenen Forschungsblog zu abonnieren, dass man punktuell in sozialen Netzwerken oder digitaler Kommunikation auf neue Inhalte verweist und hierbei auch (und dies ist vor allem in den Naturwissenschaften populär) Ergebnisse mit Wissenschaftsjournalist_innen und deren Webseiten teilt.

Wer braucht bitte diese ganze zusätzliche Webseiten-Arbeit, für die wir nicht ausgebildet wurden? Diese Frage ist berechtigt, denn eine Verlagerung von Wissenschaftsdebatten ins Internet erfordert eine Veränderung der Denk- und Arbeitsmuster. Dies nur zu tun, um dann einige schön visualisierte, aber selten aufgerufene Texte zur Verfügung zu stellen, scheint nicht produktiv. Andererseits ist dies häufig auch die Realität unserer Texte in den Bibliotheken, mit der wir allerdings seltener konfrontiert werden. Eben jene Bibliotheken stellen sich seit Jahren auf diese veränderten Arbeitsbedingungen ein. Sie werden «high-tech to stay relevant in the digital era», wie das Technikmagazin CNET dieses Jahr programmatisch titelte. Wenn mit Open Access in der Search Engine Society die Vorzeichen des Web of Science wieder experimenteller werden, dann ist das vor allem eine Chance.

Im Internet ist das Paradigma der vernetzten, offenen Welt bereits angelegt. Wir müssen Webseiten also nicht alleine erstellen und wir sollten sogar gezielt Infrastrukturen erwägen, in denen wir kooperieren können. Zur Frage nach Netzwerken und Eigenwerbung gehört beispielsweise die Frage, ob eine eigene Webseite dringend notwendig ist oder ob sich nicht thematisch organisierte, akademische Digitale Projektgemeinschaften zusammenfinden können, deren (nicht nur wissenschaftliche) Potentiale als ‹Innovationsinkubatoren›, wie derzeit im Forschungsverbund Digitalisierung, Mitbestimmung, gute Arbeit der Hans-Böckler-Stiftung, erforscht werden können. Ein auf diese Weise vergrößertes Team könnte eine thematische Webseite anders bespielen als ein kleines Projekt.

Für eine Utopie (?) eines deutschen Projektseiten-Netzwerks

Der Nutzen für offene Wissenschaftswebseiten, die parallel zu dem wachsenden Angebot an Open-Access-Zeitschriften und digitalen Repositorien entstehen, sollte in jedem Fall achtsam bemessen werden. Webseiten haben vor allem in ihrem Umfang, ihrer Streuung und ihrer Reichweite jenseits von regulären Publikationskanälen ein immenses Potential. Dieses lässt sich mit den derzeitigen Modellen ihrer Finanzierung allerdings nicht immer ausschöpfen, denn um am Ende offene Inhalte zu haben, müssen oft hohe Summen in die Anfänge gesteckt werden. Es braucht vor allem in diesem Zusammenhang dringend Lösungen für die langfristige Finanzierung und insbesondere bei Projekten eine Planung auf Augenhöhe mit anderen Publikationsformen. Dazu gehören auch Vernetzungen und neue Strukturen für akademische Texte im Netz.

Denn das größte Problem des wissenschaftlichen Austauschs im Internet ist dessen Verfallsdatum. Selbst die schönste Projektwebseite hat Schwierigkeiten, ein Projektende zu überstehen. Die ‹verrottenden Links› zu ihrer grauen Literatur durchziehen das Internet – ohne Index, ohne Archiv. Gegen diesen Ver- und Zerfall sind selbst «metadata tagging standards», wie Stevan Harnad sie in seinem für die Geschichte von Open Access bedeutsamen Artikel The Self-Archiving Initiative 2001 in der Zeitschrift Nature angeregt hat, machtlos.

Ein Eckstein der Geschichte der Netzmedien ist die Idee eines dezentralisierten, demokratischen, transparenten Netzes mit freiem Zugang für alle, ein ‹Versprechen› das immer wieder aufs Neue die Diskurse und Strategien der Netzkultur bestimmt.8 In vollem Bewusstsein dieser quasi Mantra artigen Vision möchte ich hier abschließend den sicherlich utopischen Lösungsvorschlag formulieren, dass Projektseiten in einer großen, übergreifenden CMS-Infrastruktur auf gemeinsamen Servern der Forschungsförderinstitutionen angelegt werden könnten. Ein solches Angebot, das beispielsweise auf der Grundlage von summarischen Projekt-Datenbanken wie GEPRIS (DFG) und insbesondere dem quellenoffenen Digital Asset Management System PHAIDRA ausgebaut werden könnte, wäre nicht nur eine herausragende Ausstellung der deutschen Forschungslandschaft. Dort könnten auch, pragmatisch gesprochen, abgeschlossene Projektwebseiten archiviert, ihre Inhalte bewahrt und ihre Daten quasi in einer ‹digitalen Projekt-Bibliothek› geschützt werden. Die Webseiten wären außerdem im Prozess ihres Aufbaus bereits durchsuchbar, hätten gegebenenfalls eine niedrige technische Schwelle für das Erstellen und könnten über Querverweise neue Forschungserkenntnisse produzieren. Ein Vorreiter für eine solche Form der Aufarbeitung ist das Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, das auf seiner Webseite unter «Digitale Ressourcen» bereits eine Reihe von Forschungswebseiten archiviert hat. Auch die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) hat im Zuge ihrer Archivierung von Netzpublikationen jüngst eine Strategie des Webharvesting begonnen, die allerdings zunächst nicht auf Forschung konzentriert ist, sondern vielmehr auf Institutionen und gesellschaftliche Ereignisse. Der Prozess sei zudem «noch nicht so weit, dass man von der DNB archivierte Webseiten in jeder Bibliothek einsehen kann,» erklärte DNB-Vizedirektorin Ute Schwens. Eine Suche in wissenschaftlichen Webseiten über diesen Zugang wäre derzeit also an Frankfurt am Main oder Leipzig als Standort gebunden und würde eher einer kuratierten Suchmaschinensuche im gesamten Internet ähneln als einer Forschungswebseiten-Bibliothek.

Die Wissenschaftslandschaft befindet sich im digitalen und systemischen Umbruch, nicht zuletzt aufgrund der Bemühungen um Open Access. Webseiten, auf denen Wissenschaftler_innen und alle interessierten Mitglieder der Gesellschaft Informationen zugänglich finden, sind seit dem Beginn der Netzwerkgeschichte Movens und Plattform für diese Veränderung. Geben wir ihnen diese Chance.

  1. Einleitung
  2. Existenzielle Fragen und das Verhältnis der Wissenschaft zum Internet
  3. Wissenschaftliche Webseiten planen und umsetzen lassen
  4. Vernetzte Forschung und ein Webseitenarchiv der Zukunft
  • 1Alexander Halavais: Search Engine Society, Cambridge 2009, hier 98.
  • 2Halavais, Search Engine Society, 98.
  • 3Vgl. Jöran Beel, Bela Gipp, Erik Wilde: Academic Search Engine Optimization (ASEO) – Optimizing Scholarly Literature for Google Scholar & Co, in: Journal of Scholarly Publishing, Vol. 41, Nr. 2 Januar 2010. 176–190.
  • 4Tobis Fries: The Social Factor of Open Science, in: Sönke Bartling, Sascha Friesike (Hg.): Open Science – The Evolving Guide On How The Internet Is Changing Research, Heidelberg 2014, 271–287, hier 280.
  • 5 National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine: Open Science by Design – Realizing a Vision For The 21st Century Research, Washington 2018, hier 152.
  • 6 John Gribas u.a.: Finding Story in Unexpected Places – Branding and the Role of Narrative in the Study of Communication, in: Brian Atteberry u.a. (Hg.): Narrative, Identity, and Academic Community in Higher Education, New York 2017, 91–111.
  • 7 Julian Cribb, Tjempaka Sari: Open Science – Sharing Knowledge in the Global Century, Collingwood 2010, 146. Herv. i. Orig.
  • 8Vgl. Jan-Felix Schrape: The Promise of Technological Decentralization. A Brief Reconstruction, in: Society, Nr. 56, 2019, 31–37, hier 31.

Bevorzugte Zitationsweise

Niebling, Laura: Wissenschaftliche Webseiten (Teil 3). Über eine vernetzte Forschung und ein Webseitenarchiv der Zukunft. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Open-Media-Studies-Blog, , https://zfmedienwissenschaft.de/online/wissenschaftliche-webseiten-teil-3.

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