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A solitaire white chair in a room with red walls

A solitaire white chair in a room with red walls, Pedro Ribeiro Simões (CC BY 2.0)

   
GAAAP_ The Blog

hart aber fair

Louise Haitz über Diskursstrategien zum Missbrauch – Wie das Schweigen verwalten?

30.3.2018

Ich habe die Polit-Talkshow hart aber fair in der ARD-Mediathek angeschaut.

Der Titel der Sendung, um die es sich handelt, lautet: Macht, Mann, Missbrauch – was lehrt uns der Fall Wedel? Sie wurde am 5.2.2018 in der ARD live ausgestrahlt.


Wut ist eine Form von Energie. Sie fließt nun in einen Aufsatz.
Mein Schreiben ist viel zu langsam, um in eine hitzige Erregungsdynamik einzusteigen, die sich an schnelllebigen Debatteninhalten entzündet und nach einer Woche die Aktualität verliert. Dieser Text versucht, eine beruhigende Analyse zu schaffen, die das Gefühl des Ausgeliefertseins an die gewaltvollen Reden und die bedrückende Ordnung des Diskurses zum Thema sexualisierte Gewalt zugunsten eines Begreifens und emanzipatorischen Abwehrens auflöst. Auch wenn ich nicht hitzig schreibe, ist meine Körpertemperatur sicherlich nicht kühl.
Mein Text ist außerdem sehr umfangreich geworden, so dass er in drei Kapiteln als Mini-Serie erscheint. [Anm. d. Red.: Teil 2 erscheint am 8.4., Teil 3 am 15.4.2018.]

1. Die Täter-Opfer-Umkehr ist nur ein Austausch von Standpunkten

Breiter Einstieg

Plasberg begrüßt die Zuschauer_innen mit seiner geübten kleinen Einleitung in die Sendung, die Sachverhalte und Politiken in kontroverse Häppchen zerteilt, die sodann von Gästen performiert und in Einspielern aufgewärmt werden:

Schönen Guten Abend, [...] Es ist, als ob ein Korken von der Flasche geflogen wäre. Kaum ein Tag, an dem nicht neue Geschichten bekannt werden, wie Männer ihre Machtstellung ausnutzen, um Frauen gefügig [!] zu machen. […] eine breite gesellschaftliche Debatte ist losgetreten und da wird nicht weniger verhandelt als das Verhältnis von Männern und Frauen. Die Vorwürfe gegen Wedel, die machen fassungslos […] Wie konnten damals nur so viele wegschauen? Und heute? Sind wir nur wachsamer geworden oder vielleicht schon hysterisch, wenn es zum Beispiel um Alltagssexismus geht? Vieles wird vermischt, aber die Verunsicherung bleibt. Wann wird ein Flirt zur Nötigung? Wann wird ein poetisches Gedicht an einer Unimauer übermalt, weil es einige Studentinnen [!] an die alltägliche sexuelle Belästigung von Frauen erinnert?

Plasbergs Rede versetzt das Thema «Macht, Mann, Missbrauch – Was lehrt uns der Fall Wedel?» in eine breite gesellschaftliche Debatte, die von Machtmissbrauch bis hin zu (sexistischen) Gedichten, von Flirt zu Nötigung reicht. Dazwischen streut sie die «Fassungslosigkeit» jener, die alle zwei Jahre aufs Neue von der Existenz sexualisierter und sexistischer Gewalt überrascht werden (lucky you!) und die altbackene Diskreditierung dezidiert weiblich gegenderter Kritik, die «hysterisch» werde und doch besser wieder zum Schweigen, zumindest zur stehenden (statt zerfließenden) Ordnung einer frisch verkorkten Flasche gebracht werden sollte.1

Die Gäste am 5. Februar 2018 sind:
- Christoph Amend, Chefredakteur des ZEIT-Magazins, für das die Journalistinnen Jana Simon und Annabel Whaba die Aussagen der Frauen, die den erfolgreichen deutschen Regisseur und Intendanten Dieter Wedel als Täter ausweisen, recherchiert und veröffentlicht haben (>ZEIT Magazin). Amends Vorstellungsstatement lautet: «Im Fall Wedel geht es um Gewalt und Machtmissbrauch und auch darum, warum alle so lange geschwiegen haben.» Er steht also für Journalismus, ‹Medien› und die Sichtbarmachung von Opfern;
- Monika Frommel. Sie wird redaktionell so vorgestellt: «Die Strafrechtlerin kritisiert: „Es gibt kein Schweigekartell. Die Frauen haben von sich aus 30 Jahre nichts gesagt. Und eine Zeitung spielt Staatsanwalt und Richter in einem. Dieses Tribunal ist unerträglich.» Frommel stellvertritt den Rechtsstaat, der sich bei Diskussionen zu sexualisierter Gewalt und Gewalt gegen Frauen zumeist damit hervortut, sich selbst am besten zu verteidigen. Wenig überraschend ist sie eine Frau – es gehört zum Fernsehen im Postfeminismus, dass eine Frau die frauenfeindlichsten Positionen vertritt.2 Frommel tut sich mit den gewohnten Argumenten der Repräsentant_innen des Strafrechts hervor: nur nicht überregulieren. Der Opferschutz ist sehr gut in Deutschland. So gut, dass eigentlich die wahre Sorge nun denjenigen gelten muss, die hypothetisch verleumded, als (hierbei stets männlich vergeschlechtlichte) Täter angezeigt werden könnten.
- Die weiteren Gäste sind Lisa Ortgies von Frau-TV und die im Februar noch geschäftsführende SPD-Familienministerin Katarina Barley, die also die Verortung des Themas im Ressort «Frauen» verdeutlicht.3  Schließlich ist noch Thomas Kleist, der Intendant des Saarländischen Rundfunks, bei dem Wedel zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten als Regisseur arbeitete, anwesend und performiert guten Willen auf Seiten der MännerTM und des Rundfunks. Gegen Ende wird die Journalistin Emilia Smechowski in die Runde geholt. Sie hat für eine Reportage Männer mit ihrem sexistischen Verhalten ihr gegenüber konfrontiert und präsentiert ihr Ergebnis: Sexismus gehört zum Alltag.

 

Die hart aber fair -Debatte ist sehr breit angelegt, so dass eine eingehende Beschäftigung mit allen angerissenen Themen den Umfang dieses Textes (und sicherlich auch einer Sendung hart aber fair) übersteigt. Die Breite selbst kann als Verwässerung gelesen werden. So geht es zeitgleich mit Vergewaltigung und Körperverletzung um die heterosexuelle Beziehungsanbahnung, den allzu unschuldigen bzw. zu entschuldigenden männlich initiierten Flirt, den alle bewahren wollen sollen, selbst wenn er mal schiefgehe›. So geht es um den berühmt-bemühten US-amerikanischen Mann, der sich nicht mehr traut, mit seiner Kollegin Aufzug zu fahren, dessen Angst vor Verleumdung dominant thematisiert wird; um den erniedrigenden Spruch beim Job und die sich selbst behauptende, taffe Frau – Gleichberechtigung heißt, sie muss sich wehren! Kurz vor Schluss geht es noch um das Avenidas-Gedicht Gomringers, das im Namen der bürgerlichen Kunstfreiheit geschützt, das heißt hochhausgroß an die Wand der Alice-Salomon-Hochschule Berlin gemalt gehört,4 denn mit Sexismus habe es, so sind sich alle einig, nichts zu tun. Der bürgerliche Konsens wird nicht nur bei der Frage der Kunstfreiheit die Wogen glätten und Männer und Frauen auf dem Podium versöhnlich stimmen. Der einträchtige Tenor lautet: Es geht doch eigentlich um Respekt und Wertschätzung. Auf beiden Seiten.
Nun ja.
Nein.

Ich werde mich im Folgenden mit der Aussage-gegen-Aussage-Konstellation auseinandersetzen, die anhand der Einspieler der Sendung zum Fall Wedel erzeugt wird. Dabei lege ich den Fokus auf diskursive Strukturierungen, die das Ausrasten angesichts von dermaßen sichtbarer und dermaßen tolerierter Gewalt gegen Frauen verhindern, indem sie die gesamte Debatte auf der obligatorischen Hypothese aufbauen, dass die Frauen auch gelogen haben könnten. Indem sie eine Täter-Opfer-Umkehr bedienen und im Namen des Rechtsstaates die Tabuisierung der Existenz sexualisierter Gewalt verstetigen. Indem sie die Arbeit, sexistische Gewalt zu bekämpfen, auf die Schultern von weiblichen Betroffenen legen, die nur überzeugend genug sprechen sollen, deren Schmerz aber nie laut genug ist, um nicht überhört zu werden. Die redaktionell inszenierte und moderierte Debatte erzeugt so ein beruhigtes, gemäßigtes Wir, dessen größte Sorge ein übermäßig politisiertes Geschlechterverhältnis ist.
Ich analysiere also die Ordnung des Diskurses, wie sie sich im derzeitigen Sprechen – im bürgerlichen TV-Polit-Talk – über sexualisierte und sexistische Gewalt errichtet. Mit diskursiver Strukturierung meine ich folglich nicht eine unbedingt bewusste Entscheidung der sprechenden Subjekte, sondern eine diskursive Regel im Sinne Foucaults.5 Sie strukturiert das Sprechen über Gewalt gegen Frauen, ohne dass Sprechende sich bewusst dafür entscheiden (mussten), weil sie eingeübt ist und das Denken bahnt, weil sie plausibel erscheint und rational. Mit der Metaphorik der Bahnung und des Ausrastens ist derweil die Arbeit Jürgen Links zum Normalismus angesprochen6 – mithin eine These, die im Sprechen bei hart aber fair ein Bewahren der Normalität von Gewalt gegen Frauen erkennt.

 

Fakten schaffen für die Täter-Opfer-Umkehr

Zu Beginn der Sendung werden wir Zuschauer_innen über den Fall Wedel informiert. Die Aussagen und Erlebnisse der von Wedel Misshandelten, die stets «Frauen» und niemals «Zeuginnen» sind (zeugen, das können eben eigentlich nur Männer),7  werden mithilfe eines Einspielers aufgerufen. Ebenso Wedels Dementi, in dem er seinen Rücktritt als Intendant erklärt und sich als Opfer eines «Klima[s] der Vorverurteilung, der sogenannten ‚Verdachtsberichterstattung‘, die auf keine erwiesenen Fakten gestützt sein muss», bezeichnet. Er stellt sich als wehrlos dar; er könne «den Kampf um meine Reputation nicht gewinnen – weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen», zugleich erklärt er sich und seine Familie zum Opfer dieser medialen Angriffe: «Der Umfang, die Art und Weise der Darstellung, die Anfeindungen haben für mich […] ein für meine Gesundheit und natürlich auch für meine Familie erträgliches Maß überschritten.»8  In diesem Einspieler stehen die sexuelle Selbstbestimmung, körperliche Integrität und Glaubwürdigkeit von drei (insgesamt, so die Information des ZEIT-Magazins, 22) Frauen, der Arbeit, Reputation und der Gesundheit, sowie dem Wohlbefinden der Familie Wedels gegenüber. Basis von Wedels bemerkenswert implizitem Angriff auf die Klägerinnen ist eine Kritik der medialen Herstellung von Öffentlichkeit, die bereits im Eingangsstatement der Strafrechtlerin Frommel als «Tribunal» verunglimpft wurde. Wedel will nicht (vor)verurteilt werden von einer Öffentlichkeit, die maßgeblich durch seine Opfer hergestellt wurde. Er konnte sich einem juristischen Urteil entziehen, da die angeklagten Taten verjährt sind. Einem sozialen Urteil und einer Antwort auf bzw. seiner Verantwortung für die Verletzungen der Zeuginnen entzieht er sich auf mehreren Ebenen: Zunächst wird er als Individuum zu seiner Familie, seiner Reputation und seiner Arbeit – gewichtige Institutionen im bürgerlichen Kapitalismus. Außerdem entzieht er sich der Adressierbarkeit durch die ihn beschuldigenden Frauen, indem er behauptet, es sei ohnehin unmöglich, seine Unschuld zu beweisen. Dabei verlässt er den Rahmen der antagonistisch verteilten und noch zu ermittelnden Un-/Schuld, indem er seine Verletzung zum Faktum erklärt: Seine Reputation ist unwiederbringlich geschädigt.9  Ob sein Schaden Konsequenz seines gewalttätigen Verhaltens ist und nicht der medial verbreiteten Aussagen seiner Anklägerinnen, spielt dabei keine Rolle. Wedel hat sich selbst veropfert und liefert mit seinem Rücktritt zugleich den Beweis für diesen seinen Opfer-Status, der aus dem Verlust von sozialer Anerkennung und bezahlter Arbeit resultiert. Er geriert sich als faktisches Opfer und so wird jeder Ruf zur Verantwortung und zur Antwort auf die Anschuldigungen zur Wiederholung seiner Verletzung – sein Rückzug und sein Schweigen zu den Taten werden zur legitimen Selbstverteidigung. Die Frauen, die gegen ihn aussagen, werden damit in jedem Fall zu Täterinnen, selbst wenn sie, was ich freilich glaube, die Wahrheit sagen. Ihre Herstellung von Öffentlichkeit, also ihr Hinaustreten aus der Vereinzelung im Privaten – dem zugewiesenen Ort für Frauen und Opfer – wird gleichsam zu einem illegitimen Angriff. Frauen, die ihr Sprechen mithilfe von Zeitung und Web (der Hashtag #Metoo ist hier mitzudenken) hörbar machen wollen, erzeugen Aufmerksamkeit, die ihnen nun als Angriff zur Last gelegt werden kann – sie sollen sprechen, aber nicht mit so vielen Zuhörer_innen. So wird auch im Diskurs, plausibilisiert durch die hierarchisch höhere Gewichtung männlicher über weiblicher Reputation, stärker auf ihr Schweigen und Sprechen statt auf Wedels Täterschaft fokussiert.

 

Die Diskreditierung der Opfer als gesellschaftlicher Standpunkt

Das Dementi Wedels nun nimmt Plasberg in der TV-Debatte der ARD zum Anlass, um Chefredakteur Amend zu fragen, ob dieses ihn an den Recherchen des ZEIT-Magazins zweifeln ließe. Amend listet geduldig auf, welche Vorkehrungen er und die Journalistinnen getätigt haben, um einen faktenbasierten und journalistisch lauteren Artikel zu schreiben (so wurden etwa Wedels Dementi ebenfalls gedruckt sowie in der Recherche 250 Personen aus dem Umfeld der Frauen und Wedels befragt). Er wagt es sogar, stets unter dem Vorbehalt, nicht juristisch urteilen zu dürfen, die Frauen für glaubwürdig zu erklären (dies tun Ortgies, Barley und Kleist ebenfalls, mehr und weniger deutlich und zeitversetzt in der Sendung). Frommel spricht dem entgegen deutlich agitiert von einem «digitalen Pranger» und meint damit die Öffentlichkeit, die sich im Hashtag #Metoo bildet, sowie das ZEIT-Magazin. Es handle sich um einen historischen Rückschritt in die Antike, da die Möglichkeit des geordneten Verfahrens im Sinne der Justiz nicht wahrgenommen wurde (dies ist, wie wir aus Frommels Eingangsstatement wissen, Schuld der «von sich aus» jahrelang ‹schweigenden› Frauen, von denen alle tatsächlich immer schon gesprochen haben, zwar nicht mit staatlichen Behörden, doch mit Freund_innen und Manager_innen). Die Öffentlichkeit gegenüber Wedel erklärt sie so dramatisch wie bildungsbürgerlich zum «Schergengericht wie im alten Athen, in dem sozusagen coram publico ein Mann bloßgestellt wird und eigentlich keine adäquaten Möglichkeiten hat, sich zu verteidigen […]».10  Sie wiederholt Wedels Selbstveropferung unter Zugabe eines überschwänglichen Lobs des deutschen Justizsystems und einer wiederholten Beschuldigung der Opfer, die schuldig sind, entweder, weil sie lügen oder, weil sie geschwiegen haben. Dieses Victim Blaming tarnt sich in Frommels Rede mithilfe einer postfeministischen Wendung. Sie gibt sich, selbst erfolgreiche Frau in einem männlich dominierten Berufsfeld, emanzipiert bzw. gleichgestellt und übernimmt so die diskursive Funktion des weiblichen Beweises für das gelungene deutsche Projekt der Gleichstellung. Sie wiederholt im Laufe der Sendung die Behauptung, Vergewaltigungen ließen sich mit einem deutlichen Nein oder einer schallernden Ohrfeige abwehren. Polizei und Gericht sind für sie ganz klar Freund und Helfer und heute gegen jeden (feministischen) Zweifel erhaben. Mithilfe des Appells an die starke Frau, die doch kein Opfer mehr sei, wird das Sprechen über heutige sexualisierte Gewalt in einen Angriff gegen das Projekt der Gleichstellung verdreht – wer von Frauen als Opfer redet, mache sie zu Opfern und sei rückschrittlich. Die postfeministische Figur der ‹eigentlich schon längst wehrhaften› Frau hält die Komplexität eines starken Opfers, einer Betroffenen mit Handlungsmacht nicht aus und arbeitet so gegen deren Hörbarkeit, und sie stützt den paradox-antifeministischen Standpunkt, die Gleichstellung sei erreicht, es gebe keine Notwendigkeit mehr für feministische Arbeit.

 

Frommel erhält für ihre Verteidigung des deutschen Justizsystems und des deutschen Regisseurs sehr verhaltenen Applaus. Amend hakt sehr ruhig und sachlich nach. Will den Vorwurf der schlechten, Recherche und Erzeugung eines öffentlichen Prangers nicht auf sich sitzen lassen. Beide gehen schließlich auf einen anderen Fall ein, der ebenfalls medial-journalistisch und nicht juristisch aufgedeckt und verhandelt wurde: jenem um die Odenwaldschule. (Zur Erinnerung: 1998 wurde öffentlich vom Missbrauch, den Schulleiter Gerold Becker an Schülern des Reforminternats verübte, berichtet. Die Aufklärung und der langwierige Kampf für eine einigermaßen angemessene Öffentlichkeit für diesen «Fall Odenwaldschule», der ein System des Kindesmissbrauchs und nicht eine Einzeltäterschaft bezeichnet, ging maßgeblich von Betroffenen und journalistischer Arbeit aus.)11  Frommel behauptet, die Fälle «Odenwaldschule» und «Dieter Wedel» seien nicht vergleichbar, da sich nur bei ersterem Betroffene an die Presse gewandt hätten. Dabei kann sie sich auf die soziokulturelle Ungleichbewertung von minder- und volljährigen, männlichen und weiblichen Opfern stützen, wird doch letzteren, insbesondere sobald sie als geschlechtsreif gelten, eine schuldhafte Sexualität zugeschrieben.12  Dass Frommel die unterschiedlichen Betroffenen sexualisierter Gewalt im Rahmen ihrer Diskreditierung des Journalismus (des ZEIT-Magazins) gegeneinander ausspielt, fällt somit auf einen soziokulturell angereicherten Nährboden. Sie blendet darüber hinaus geflissentlich die Tatsache aus, dass auch gegen die Überlebenden des Missbrauchssystems Odenwaldschule die Maschinerie der Unglaubwürdigkeitserzeugung und des Weghörens eingesetzt wurde. Während Amend versucht klarzustellen, dass sich auch im Fall Wedel Betroffene an die Presse gewandt haben, gibt Frommel einen ungeheuerlichen Satz von sich, der in der Sendung unkommentiert stehen bleiben wird:
«Hier ist eine Geschichte konstruiert worden, ich gebe zu, sehr gut konstruiert worden. Und es war auch klar, dass es einen medialen Tsunami geben wird.»13
Frommel bedient hier nicht nur die erwähnte Abwertung der Betroffenen, sondern darüber hinaus einen Diskurs, der sich in den schlagenden Unwörtern «Fake News» bzw. «Lügenpresse», einem nationalsozialistischen Propaganda-Begriff, kondensiert. Sie behauptet in einer glitschigen Passivkonstruktion, das ZEIT-Magazin und/oder die Wedel anklagenden Frauen hätten (wohl aus Gründen der medialen Aufmerksamkeitsgenerierung) die «Geschichte» erfunden. Amend widerspricht hier sogleich hinterfragend, «Wer hat die denn konstruiert? Erklären Sie mir doch. Wir haben recherchiert, wir haben ausführlich…», was Plasberg unterbricht: «Herr Amend, Frau Frommel, ich glaube ihre Positionen sind ausgetauscht, das ist eine gesellschaftliche Debatte…», auch Barley unterbricht: «Es ist aber eine interessante Frage, wer sie konstruiert haben soll», und Plasberg wiegelt ab: «Das ist ‘ne interessante Frage, aber wir werden sie nicht klären können, sondern es sind verschiedene Standpunkte.»14

In der Funktion des Moderators erzeugt Plasberg hier eine Verschiebung von tatsächlich beleg- und entscheidbaren Aussageinhalten zu unbelegbaren Standpunkten bzw. Meinungen, die gleichberechtigt in, d.h. zur Debatte stehen. Die Meinung als diskursive Figur und Funktion ist eng verknüpft mit einem akuten Diskurs über Meinungsfreiheit, der von «das wird man wohl noch sagen dürfen» zum strategischen «Tabubruch»15  der faktenlosen Diffamierung und der hasserfüllten Reproduktion von Rassismus/Sexismus/Klassismus gereicht. Das diskursiv bereitete Bett der Meinungsfreiheit ist ein weiches für jene, die beim Thema sexualisierte Gewalt auf den männlichen Prestigeverlust fokussieren und mithin die Leugnung von Täterschaft und Taten lancieren. Es ist ein Raum des konsequenzlosen Sprechens, das es nicht mehr nötig hat, die Hoheit über die Wahrheit zu behaupten, um die Macht des Hinterfragens, Bezweifelns, der Zuschreibung von Unglaubwürdigkeit auszuüben. Es ist ein verantwortungsloses Sprechen – es kann nicht zur Verantwortung gerufen werden, es entzieht sich der Prüfung. Seine Ethik ist die der entsetzlich banalen ‹Freiheit› des Alles Sagen- und Alles zur Debatte Stellen-Dürfens. Eine Ethik des monologischen Sprechens, in dem Aussagen nicht in einen Dialog, ein Gespräch eintreten, sondern einzeln gegen andere Aussagen stehen. Eine alternative Ethik, die die unbelegte Infragestellung von Betroffenheit und Glaubwürdigkeit als Akt der Gewalt statt als Akt der Freiheit markiert und die Sprecher_innen zur Verantwortung dieser Gewalt ruft, läuft im Feld der Meinungen und Standpunkte ins Leere oder ins Messer.

Plasberg schiebt nach, dass sich möglicherweise Rechtsseminare mit dem Konflikt zwischen Frommel und Amend beschäftigen könnten, und verschiebt also die Aussagen weiter in den Rahmen eines Diskurses der Wahrheit, in dem abwesende, höhere, juristische Instanzen recht- und wahrsprechen können. Dennoch erholen sich die Aussagen nicht von ihrer Verschiebung in einen Raum des Meinungsdisputs. Die Klarstellung, dass Frommels Aussagen hanebüchene Anschuldigungen ohne Belege und Amends bzw. die journalistischen und Betroffenen-Äußerungen belegt und geprüft sind, bleibt aus. Die Aussagen stehen gleichberechtigt einander gegenüber. Zugleich wird die Tätigkeit des Zweifelns an den Aussagen der anklagenden Frauen zu einer passiven Bestätigung des Rechtsstaates, dessen monopolisierte Instanz des Urteilens – die Judikative – das eigene Sprechen und Urteilen übersteigt und die verspricht, allen Bürger_innen die Last abzunehmen, zwischen Täter_in und Opfer unterscheiden zu müssen. Im dritten Kapitel stelle ich Überlegungen darüber an, was für eine (Nicht-)Gemeinschaft eine dergestalt eingesetzte Rechtsstaatsgläubigkeit erzeugt. Auf das Wirken des rechtsstaatlichen Prinzip des Zweifelns und des «Im Zweifel für den Angeklagten» auf die Debatte werde ich im zweiten Teil eingehen.

  • 1Zur Hysterikerin äußerte sich zuletzt Sabine Grenz in der österreichischen Zeitung Der StandardErfundene Probleme einer Hysterikerin»): «Das längst nicht mehr anerkannte Krankheitsbild der Hysterie beschreibt eine Frau, die sich ihre Symptome nur einbildet, erklärt Grenz, ‹eine, die sich völlig ohne Grund aufregt, eine Lügnerin›. Der Geschlechtsverkehr galt im 19. Jahrhundert als mögliches Heilmittel gegen Hysterie. Äußerungen im Stile von ‹Die müsste mal richtig rangenommen werden› spielen – auch unbewusst – auf diese Praxis an, sagt Grenz. In dieser derben Form finden sich solche Beiträge zwar nicht, wenn sich allerdings die ‹eingebildete› Diskriminierung mit Vorstellungen über Frauen, die sich den Gender-Studies widmen, verschränken, sieht das so aus: ‹Genderwissenschaften sind eher etwas für gefrustete Frauen höheren Alters mit zu viel Zeit.›»
  • 2Dies greift auch Frank Lübberding in der FAZ auf, wenn er die Anforderung an Frauen, sich eben zu wehren gegen Angriffe auf ihre sexuelle Integrität, als die Bestätigung weiblicher Autonomie und der Kämpfe für Gleichberechtigung interpretiert.
  • 3Seit März bekleidet Barley das Amt der Bundesministerin für Justiz und Verbraucherschutz.
  • 4An der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin steht seit 2011 das Gedicht Avenidas das Dichters und Künstlers Eugen Gomringer. 2016 trug der AStA der Hochschule eine feministische Interpretation des Gedichtes vor und forderte den Hochschulsenat auf, eine Ersetzung des Gedichtes zur Diskussion zu stellen, da dies sexistische Stereotype und die Verharmlosung von sexueller Belästigung transportiere. Dies wurde in deutscher Presse zum ›Fall‹ von Zensur und bedrohlichem Feminismus. Vgl. den Text des Referats für Hochschulkommunikation der ASH Berlin mit einem beachtlichen Pressespiegel zur «Fassadendebatte», AHS Berlin: Pressespiegel über die Debatte der Hochschulfassade (letzter Zugriff 29.3.2018).
  • 5Vgl. neben Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses [1972], Frankfurt/M. 1991 z.B. Doll, Martin: Kritik als ‹Befreiung des Denkens›: Foucaults Politik der Entautomatisierung, in: Annete Bauerhoch et al. (Hg.): Entautomatisierung, Paderborn 2014, 229-250.
  • 6Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Aufl. 2. Wiesbaden 1998.
  • 7Vgl. Christine Künzel, Das Problem weiblicher Zeugenschaft, in: dies., Vergewaltigungslektüren. Zur Codierung sexueller Gewalt in Literatur und Recht, Frankfurt/M. 2003, 205-237, 208. Dies ist wörtlich im Sinne von Zeugung bei der Reproduktion gemeint. Nach Künzels Analyse hat patriarchale Höherbewertung des männlichen Zeugungsaktes gegenüber der weiblichen, passiven Empfängnis ihren Anteil an der höheren Gewichtung der Aussagen männlicher Zeugen. «Es sind wohl mehrere Aspekte, die an der kulturell tradierten skeptischen Haltung gegenüber der weiblichen Rede in rechtlichen und außerrechtlichen Glaubwürdigkeitsdiskursen beteiligt sind: bestimmte Rechtstraditionen, die sich aus dem römischen und germanischen Recht herleiten; ein Konzept der Geschlechterordnung, das den Diskurs um die Beweisfähigkeit des Wortes traditionell mit einem Diskurs um das Primat männlicher Prokreativität verknüpft hat – wie es sowohl in dem lateinischen Begriff ‹testis› als auch im deutschen Wort ‹Zeuge› andeutet; und daran anschließend ein Rhetorikdiskurs, in dem die Konzeptionen von Rhetorik, Lüge und Frau zusammenfallen.» 208.
  • 8Stellungnahme Wedel, 21.1.2018 in hart aber fair, 00:04:04-00:04:34.
  • 9Eine sehr lesenswerte Kritik an der öffentlich geäußerten Trauer um Wedels Reputation formuliert Sebastian Schipper im Interview mit dem Spiegel, Hannah Pilarczyk, Regisseur Sebastian Schipper zum Fall Wedel. «Wie kann Tukur sagen, dass er nichts bemerkt hat?», in: Spiegel Online, 14.2.2018 (letzter Zugriff 5.3.2018).
  • 10hart aber fair, 00:10:55- 00:12:26.
  • 11Vgl. Andreas Huckele alias Jürgen Demers, Wie laut soll ich denn noch schreien, Aufl. 2 Hamburg 2011.
  • 12Dies bestätigt auch der Fall Kampusch. In einem Interview mit dem Magazin an.schläge äußert sich Natascha Kampusch zur ungleichen Beschreibung männlicher und weiblicher Überlebender von Kindesmissbrauch: «Keiner würde auf die Idee kommen, dass Buben, die von Priestern missbraucht wurden, besonders sexuell aufreizend sind. Aber bei Mädchen, die missbraucht oder gequält wurden, ist es stets so, dass man davon ausgeht, dass sie ja sowieso gefällig, wild und was weiß ich wären.» Kampusch, Natascha im Interview mit Barbara Fohringer und Katharina Payk: Die ganze Kritik hat mich viel Energie gekostet, in: an.schläge 11/2018, 42.
  • 13hart aber fair, 00:15:42, Auf diskursiver Ebene sei kurz auf den Gebrauch der Metaphorik der Naturkatastrophe verwiesen, die sich in der Kollektivsymbolik der mehr oder minder großen, in jedem Fall unkontrollierten Wassermassen zur entkorkten Flasche im Eingangstext Plasbergs gesellt. Zum Begriff der Kollektivsymbolik vgl. Link a.a.O., 25 et passim.
  • 14hart aber fair, 00:15:00-00:16:04.
  • 15Vgl. die herausragende Analyse von Gabriele Dietze und Simon Strick zum Aufstand der Betamännchen, in: ZfM-Genderblog, 20.12.2017.

Bevorzugte Zitationsweise

Haitz, Louise: hart aber fair . Louise Haitz über Diskursstrategien zum Missbrauch – Wie das Schweigen verwalten?. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, GAAAP_ The Blog, , https://zfmedienwissenschaft.de/online/hart-aber-fair.

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