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Gender-Blog

Disabled by Normality

Medienwissenschaft, Disability und Queer Crip Theory

22.6.2020

Studierende des tfm-Masterstudiengangs recherchierten im Wintersemester 2019/20 im Rahmen der Lehrveranstaltung Illness, Disability und Queer Crip Theory in der Medienwissenschaft zu zeitgenössischen medialen Phänomenen und/oder zu inter-/nationalen Institutionen, die sie unter Gesichtspunkten von Cost-of-Illness Studies, Deaf und Disability Studies sowie Queer Crip Theory intersektional problematisierten. Im Gespräch mit den drei Gastvortragenden Christina Lammer (Akademie der Bildenden Künste, Wien), Anne Faucheret (Kunsthalle Wien) und Christina Ernst (Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin) sowie in regelmäßigen Plenums-Redaktionssitzungen wurden die Thematiken der Essays gemeinsam entwickelt und gegenseitig befeedbackt, wodurch eine Ausgabe des tfmlog entstand, die vielfältige Perspektiven und Anwendungsgebiete zwischen Queer- und Disability-Zugängen versammelt und zugleich programmatisch die sie verbindende politische Dringlichkeit intersektionaler Medienanalyse betont.

Um den Leser_innen des Gender-Blogs einen Vorgeschmack auf die Lektüren zu geben, werden im Folgenden zwei Essays vorgestellt.

Im Fokus von Katha Schöchs Essay «Zwischen Anerkennung und Heilsversprechen. Zur Normalisierung chronischer Erkrankung durch neoliberale Einfühlsamkeit» steht die Analyse eines Insulinpumpen-Werbespots für Typ 1-Diabetiker_innen. Ausgehend von einer kritischen Besprechung der Marketingstrategie des Spots und ihrer eigenen subjektiven und betroffenen Rezeptionsweise nimmt die Autorin Bezug auf einschlägige Konzepte der Disability Media Studies. So wird etwa Ulrike Bergermanns Theoretisierung des komplexen Verhältnisses von Wahrnehmung, Repräsentation und Anerkennung behinderter Personen ebenso bemüht wie der Begriff der «temporalities of disability» von Shoshana Magnet und Amanda Watson sowie die Studien zur Verschränkung von Feminisierung und Pathologisierung von D. Travers Scott und Megan Bates. Daran anknüpfend kann eine problematische Doppelbödigkeit von Behandlung und Ökonomisierung von Typ 1-Diabetes aufgezeigt werden: Die Affirmation eines bereitwilligen neoliberalen Selbst-Managements verortet Schöch zum einen darin, dass der kommerzielle Analysegegenstand nur von Diabetiker_innen gelesen und verstanden werden soll und so die Lebensrealität von Diabetiker_innen für nicht-betroffene Personen gezielt verunsichtbart. Die gesellschaftlich relevante Frage nach einer Behandlung von und einem Leben mit Diabetes soll damit allein von Betroffenen verhandelt werden. Eine Adressierung nicht-behinderter Personen, die an deren Verantwortlichkeit appelliert, bleibt aus, da keine Repräsentation stattfindet.

Darüber hinaus ruft der Spot auf Motiv-Ebene unhinterfragt die Idealvorstellung eines unversehrten Lebens an, das durch einen weißen, cis-männlich-heterosexuellen, ‹gesunden› Protagonisten repräsentiert wird, der vor allem berufstätigt ist und Leistung erbringt. Der suggerierte erstrebenswerte Lebensstil, in dem Zeit als ‹erfüllte Zeit› empfunden wird, wenn Leistung erbracht wird, offenbart sich damit als zutiefst konformistisch, zumal die Kehrseite dieser Weltanschauung in den Leben von Menschen mit Disabilities allein ‹unvollkommene› Leben sieht, deren Zeit nur ‹ungenügend› erfüllt ist. Anstelle eines nüchternen Fazits, das lediglich markiert, wie der Spot Sehnsüchte von Typ-1-Diabetiker_innen ausbeutet, unterbreitet Schöch jedoch den Vorschlag einer Kopräsenz von verschiedenen Lesarten des Spots, die zueinander in Konflikt stehen können und sollen. In ihren Augen ist es von entscheidender Relevanz, dass die affirmative Lesart im Unterschied zur dekonstruierenden eine genuin emotionale ist. So sei es schließlich die Thematisierung der in ihr ausgelösten Gefühle bei der Rezeption des Spots, die einen Möglichkeitsraum und eine Chance für einen Diskurs über Betroffenheit eröffnet.

Knochen, Muskeln und Organe, zusammengestückelte Körper. Das geht unter die Haut. Körperwelten, das gemeinsame Ausstellungskonzept der Kuratorin Angelika Whalley und des Plastinators Gunther von Hagens, stellt echte menschliche Präparate zur Schau. Selbst ernanntes Ziel ist die vorsorgliche Gesundheitsaufklärung; sie gelinge über einen Blick in den fremden (posierenden) Körper, über das (vergleichende) Anschauen von als ‹krank› bzw. ‹gesund› markierten Körperteilen. In ihrem Essay «tot, krank, plastiniert» versucht Yvonne Sobotka, Körperwelten als mediales Phänomen und aus Perspektiven der Illness- und Disability Studies sowie der Queer Crip Theory zu betrachten. Der Analyse liegt ein erweiterter Begriff von Disabilities zugrunde, der jegliche Formen von begrenzter Handlungsfähigkeit einbezieht – im medial inszenierten und konstruierten Gegensatz zur idealen Befähigung. Die inszenatorische Normativität der Exponate wird im Laufe des Essays und anhand eigens angefertigter bildanalytischer Skizzen zum Gegenstand einer machtverhältniskritischen Befragung.

Die Autorin greift unter anderem auf Travers Scotts und Meagan Bates Auseinandersetzung mit (Ab-)Normalisierung und Michel Foucaults machttheoretische wie medizingeschichtliche Überlegungen zurück. So wird etwa kritisch aufgezeigt, wie die Kurator_innen Fragen von Körperlichkeit, Gesundheit und Krankheit innerhalb eines streng-binären Geschlechterspektrums und dabei überwiegend an männlich vergeschlechtlichten, abled bodies verhandeln. Anschließend stellt die Autorin die These auf, dass Kranksein in diesem Ausstellungskontext immer nur sichtbare Abweichung von einem definierten Normalzustand markiere und dass eine tatsächliche privilegienbewusste Problematisierung von Körperlichkeit ausbleibe. Die postulierte ‹Natürlichkeit› der ausgestellten Plastinate sei trügerisch, zumal verbesserte «Neokörper» (Pates) mit austauschbaren Teilen geschaffen und in äußerst fragwürdige Zusammenhänge gestellt werden. Körperwelten (re-)produziere ein (westlich) dominantes, neoliberal regiertes Körperwissen, wonach Disabilities den Status von Ausfallerscheinungen einnehmen. Der ausgestellte Körper sei in erster Linie ein idealisierter und verunmögliche es den Ausstellungsbesucher_innen, in ihrer Rezeption der Exponate über die eigene Erfahrung von Körperlichkeit oder eigene Beziehung zu Aspekten von Gesundheit/Krankheit in einer sehr realen Welt ungleich verteilter Privilegien zu reflektieren.

Die Autorin schließt: «Das bin ich nicht».

Bevorzugte Zitationsweise

Sobotka, Yvonne; Schöch, Katha; Schweigler, Stefan: Disabled by Normality. Medienwissenschaft, Disability und Queer Crip Theory. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Gender-Blog, 22. Juni 2020, https://zfmedienwissenschaft.de/online/gender-blog/disabled-normality.

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