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Onlinebesprechung

Other(ed) Feelings, Feeling Otherwise

Affekt, Race und sentimentale Biomacht

1.9.2022

Erica Fretwell: Sensory Experiments. Psychophysics, Race, and the Aesthetics of Feeling. Durham, London (Duke University Press) 2020

Kyla Schuller: The Biopolitics of Feeling. Race, Sex, and Science in the Nineteenth Century. Durham, London (Duke University Press) 2018

Sachi Sekimoto, Christopher Brown: Race and the Senses. The Felt Politics of Racial Embodiment. London, New York (Routledge) 2020

Xine Yao: Disaffected. The Cultural Politics of Unfeeling in Nineteenth-Century America. Durham, London (Duke University Press) 2021

To question the relations of power, [...] we must interrogate the relations of sensing. (Sekimoto/Brown, S. 132)

Können Maschinen fühlen oder Roboter empathisch sein? Kann eine künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln? Fragen nach mehr-als-menschlicher sentience und agency haben in medienwissenschaftlichen Diskursen einen prominenten Platz eingenommen. Dabei ist ungewiss, ob durch diese – im Sinne posthumaner und neumaterialistischer Theorien – die Privilegierung menschlicher Handlungs- und Empfindungsfähigkeit aufgelöst oder implizit weiter bestärkt wird. Was mit den Fragen danach, wer oder was fühlt, allzu leicht übersehen werden kann, ist, welche anderen Abgrenzungen und Ausschlüsse in der Kategorisierung eines ‹menschlichen› Empfindens angelegt sind. Die Attribuierung von Empfindungskapazitäten entlang von «animacy hierarchies»1 ist schließlich an einer Idee des Humanen ausgerichtet, die – als kolonialer Universalismus – einer Normsetzung durch weiße, (cis-)männliche, nichtbehinderte Körper unterliegt und Praktiken der Diskriminierung lange Zeit durch Zuschreibungen von Insensibilität und Ausdruckslosigkeit sowie ‹unregulierter› Affizierbarkeit legitimiert hat.2 Gewaltvolle Stereotype wie ‹weiße Fragilität› und ‹Schwarze Schmerzunempfindlichkeit› sind jedoch keine Sache der Vergangenheit, wie beispielsweise Studien zu rassistischen Fehlannahmen in der Medizin belegen.3 Setzungen normativer und ‹andersartiger› Sensibilitäten sind nach wie vor bestimmend in Prozessen der Objektifizierung, des Otherings und der Dehumanisierung.4

Wie kann eine Medienwissenschaft, die sich vermehrt der Sensibilität zuwendet, mit diesen «Biopolitiken des Fühlens» (vgl. Schuller) umgehen? Wie lassen sich Konzepte wie Empfindung, Affektivität, Plastizität und Vitalität in Anspruch nehmen, ohne die dehumanisierenden Verstrickungen dieser Konzepte zu ignorieren?5 Die nachfolgend besprochenen Publikationen aus dem interdisziplinären Feld von feministischer Wissenschaftsgeschichte, Literaturwissenschaft, Critical Race Studies, Phänomenologie und Sensory Studies verfolgen die Kontinuitäten der rassistischen und anderweitig diskriminierenden Sensibilitätsdiskurse des 19. Jahrhunderts und spüren dem «visceral grip» (Sekimoto/Brown, S. 6) und der «sensuous materiality» (S. 16) von Rassifizierung und Rassismus in der Gegenwart nach. Sie zeigen auf, inwiefern den Sinnen und Sinnesklassifizierungen eine konstitutive Rolle in «raced, gendered, and disabled embodiments» (Fretwell, S. 25) zukommt und suchen Erklärungsansätze für das Verhältnis von diskursiver Zuschreibung zu sinnlicher Einschreibung: «[H]ow social oppression shapes embodied consciousness». (S. 260) Wie die Herausgeber_innen des Bandes senseAbility beschreiben, sind «sensorische Prozesse der Wahrnehmung niemals direkt zugänglich oder einfach vorhanden […], sondern immer schon in gewisser Weise in sozialen, technologischen und medialen Milieus übersetzt und produziert […], die sie ihrerseits (mit-)verfertigen».6 Somit lassen sich mediale Wahrnehmungsdispositive kaum losgelöst von Kategorien wie Race, Geschlecht, Sexualität oder Dis/ability untersuchen. Vielmehr sind jene selbst als Technologien heranzuziehen, die bestimmte Wahrnehmungen, Empfindungsweisen und Gefühle hervorrufen, verstärken oder verwehren können. (Vgl. Sekimoto/Brown S. 21ff.)

Other(ed) Feelings

«White feelings, white tears, white fragility, white women’s tears, white men’s tears» – mit dieser Aufzählung beginnt Xine Yaos Buch Disaffected. (S. 1) Die sprachliche Häufung verdeutlicht: Immer und immer wieder stehen weiße Gefühle im Zentrum von Rassismusdebatten, nehmen sich Raum, verfestigen weiße Privilegien und Dominanz. «Black Lives > white feelings» lautet die Umkehrung dieser Aufrechnung, die sich 2015 als Meme in sozialen Medien verbreitete und Kyla Schuller wiederum als Einstieg in ihr Buch The Biopolitics of Feeling dient. (S. 1) Sowohl Yao als auch Schuller arbeiten zu (Bio-)Politiken des Fühlens in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts, ausgehend von der Feststellung, dass die Kämpfe um soziale Gerechtigkeit auch in der Gegenwart noch immer vom Wohlwollen hegemonialer Gefühlsordnungen abhängig sind. Das Anliegen beider Monografien ist folglich hochaktuell: Wie wurden physiologische und moralische Rezeptivität zu Vektoren der Rassifizierung, aber auch von Geschlechtlichkeit und Sexualität? Wie fungieren weiße Gefühle als Stabilisatoren eben solcher Strukturen? Und welchen Umgang mit dem Erbe der «sentimental biopower» (Schuller, S. 4) schlagen die Autor_innen vor?

Der in The Biopolitics of Feeling untersuchte US-amerikanische Sentimentalismus beschreibt nicht nur eine literarische Epoche oder die ‹Kunst› moralischen Fühlens, sondern einen weitaus umfassenderen Diskurs, der auch die Naturwissenschaften beeinflusste und sich für (bio)politische Zwecke einspannen ließ.7 Im Zentrum von Schullers Buch steht die evolutionstheoretische Karriere des sentimentalen Konzepts der «impressibility»: «[I]mpressibility denotes the capacity of a substance to receive impressions from external objects that thereby change its characteristics». (S. 7) Individuen der menschlichen Spezies – so die zentrale Idee der American School of Evolution, die sich Jean-Baptiste de Lamarcks Theorie zur Weitergabe erworbener Eigenschaften anschloss – sollten den Kurs der Evolution durch die Häufigkeit bestimmter Sinneseindrücke und Gefühlsreaktionen bestimmen können. Zum Gradmesser für die Anpassungsfähigkeit unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen erhoben, galt impressibility als ausschlaggebend für das Projekt eines ‹zivilisatorischen› Populationsmanagements und damit als wichtigster Ansatzpunkt für den regulatorischen Eingriff in die sensorischen und emotionalen Prägungen, von Schuller als «sentimentale Biomacht» (S. 204) bezeichnet. (Physische) Empfindlichkeit und die daraus hervorgehende (moralische) Empfindsamkeit dienten dabei als Metrik für Rassifizierung: Weißen Körpern wurde zugestanden in besonderem Maß «impressible» zu sein, während nicht-weiße Körper als höchstens empfänglich für sensorische Reize, nicht jedoch zu einer inneren Responsivität fähig galten. (Vgl. auch Yao, S. 18) Schwarze und indigene Menschen wurden entsprechend als «unimpressible» und damit als ‹unformbar›, ‹in der Zeit gefangen› und hinderlich für die nationale Evolution deklassiert. (Vgl. S. 13)

An diese Ungleichverteilung sensibler Kapazitäten schließt ebenfalls eine geschlechterbinäre Gefühlstaxonomie an, die weiße Frauen im oberen Spektrum der Empfindsamkeit (am Rande der Hysterie) verortete, sodass allein weißen Männern der delikate Balanceakt zwischen Affizierbarkeit und Affektkontrolle gelingen sollte: «In this dimorphic pair, the adult female absorbs the instability of impressibility and its tendency to hysteria, absolving her male counterpart of the excesses inherent to delicate feeling». (S. 59) So zeigt Schuller in ihrem Kapitel zur «evolutionary race science», inwiefern der Konstruktion binärer Geschlechtlichkeit eine Schlüsselrolle in Prozessen der Rassifizierung zukam und dass Empfindungsfähigkeit und Affizierbarkeit nicht nur stereotypischen Zuschreibungen unterliegen, sondern als wissenschaftliche Konzepte an der Hervorbringung von Differenzmarkierungen beteiligt waren. Andere Teile ihres Buchs zeichnen die Wirkmächtigkeit sentimentaler Biomacht anhand medizinischer Diskurse und sozialer Reformprogramme nach: Das Kapitel «Vaginal Impressions» untersucht eine rassifizierte Sexualitätsgeschichte, die weiße Frauen zur ultimativen Steuerungsinstanz der zivilisatorischen Entwicklung machte. Im Kapitel «Incremental Life» wiederum behandelt Schuller staatliche Wohlfahrtsprogramme, mit denen migrantische Kinder aus New York in ländliche Schul- und Arbeitsprogramme gebracht wurden, um sie im Sinne einer «hereditary optimization» (S. 170) zu prägen.

Ähnlich wie das evolutionstheoretische Konzept der impressibility von Schuller als «the nineteenth-century precursor of the notion of affect» (S. 10) gedeutet wird, schreibt Erica Fretwell über die Psychophysik, sie sei eine zentrale «Geheimzutat» (S. 5) heutiger Affekttheorien. Die 1860 von Gustav Fechner in Leipzig begründete Disziplin versuchte Fragen von Bewusstsein und Empfindung im Labor zu klären, subjektivem Fühlen objektive Faktoren zuzuordnen. In Sensory Experiments beschreibt Fretwell, wie komplementär zu den psychophysischen Sinnesexperimenten des 19. Jahrhunderts eine «psychophysical aesthesis» bzw. die Ausbildung von «genres of feeling» (S. 20) entstanden, die als programmatische Kalibrierung von Sensibilitäten entlang des aristotelischen Fünf-Sinne-Schemas und entlang der Achse rassifizierter Differenz gelten können.8 Perzeptuelle Sensitivität («perceptual sensitivity», S. 15ff.) galt unter Psychophysiker_innen als jene Fähigkeit, besonders sensibel für kleinste sensorische Reizunterschiede («just noticeable differences») zu sein, und damit als eine Art vorbewusste Stufe zu ästhetischer Empfindung und Urteilskraft. Parallel zur Kapazität der impressibility fungiert das psychophysische Konzept der «perceptual sensitivity» also als Gradmesser einer besonders feingestimmten Übersetzung zwischen (äußerer) Empfindung und (innerem) Bewusstsein. Eine Fähigkeit, die nur kurze Zeit später von Francis Galton in seine Theorie der Eugenik überführt wurde und sich in dessen Versuchsordnungen als in der Bevölkerung ungleich verteilt zeigte. Somit wurde auch perzeptuelle Sensitivität Bestandteil rassistischer und anderweitig diskriminierender Taxonomien: einer «sensitivity hierarchy». (S. 17)

Fretwells Kapitel zur «Krise des Sehens» vollzieht auf prägnante Weise nach, wie das kulturelle Nachleben der angenommenen Sensitivitätshierarchien sich in den Körperbildern jener Zeit ausdrückte. Ihre Untersuchung medizinischer Fotografien von amputierten Kriegsveteranen sowie des dazugehörigen Wissenschaftsdiskurses um Phantomschmerzen bringt die physische Verwundung in Zusammenhang mit dem Verlust von weißer Männlichkeit: «because disability fractures self-possession, it diminishes any claim to whiteness». (S. 54) Währenddessen manifestierte sich die psychische Verwundung Hinterbliebener im Medium der Geisterfotografie, das dazu beitrug, die Vorstellung von weißen Körpern als besonders sensibel und «particular capable of feeling loss» (S. 31) zu festigen. «By reinforcing historical scientific claims that black people are unable to feel pain and ‹to ‹own› their bodily experiences,› spirit photographs attached different meanings to different bodies in pain». (S. 65)9 Fretwells Beschreibungen solch psychophysischer Ästhetiken verfolgen dabei nicht nur die soziokulturellen Zuschreibungen gegenüber Schwarzen Körpern, sondern auch die Rückkopplungseffekte rassifizierender Blicke, Töne und Berührungen.

Feeling Othering

Sachi Sekimoto und Christopher Brown setzen mit ihren phänomenologischen Überlegungen genau dort an, wo die gelebte Erfahrung von Rassismus und Rassifizierung einsetzt. Wie sich bei Fretwell bereits andeutet, scheint es unzureichend, sozialkonstruktivistische Sensibilitätshierarchien lediglich aufzuzeigen, während sie noch immer tief mit gelebten Realitäten verwoben sind.10 Sekimoto und Brown plädieren daher für einen Sensory Turn in den Critical Race Studies, der dem Fühlen von rassistischen Einschreibungen Rechnung trägt. Ihr Buch ist ein Vorschlag, die Sinneserfahrung und Affekte marginalisierter Subjekte als kritische Untersuchungsmethode zu reklamieren, denn «the body is not merely an object on which racial differences are inscribed, but it is simultaneously the subject that feels such inscription». (S. 5) Das Bewusstsein um ebendiese Objektifizierung wurde von W.E.B. Du Bois im afroamerikanischen Kontext als «double consciousness»11 beschrieben. Sekimoto und Brown sprechen parallel dazu von einem «Hautbewusstsein»: «For racialized subjects, the skin consciousness becomes a bodily organ for assessing risk, affirming racial solidarity, sensing belonging, feeling ‹out of place,› or buffering microaggressions». (S. 137) Diesen und anderen alltäglichen Phänomenen, in denen Rassifizierung spürbar wird, geht das Autor_innen-Team in dichten, somatisch-situierten Beschreibungen nach. In einem der eindrücklichsten Kapitel schildert Sekimoto, die vor rund 20 Jahren aus Japan in die USA zog, wie sich die Wahrnehmung ihres eigenen Gesichts verändert hat: Sekimotos täglicher Blick in den Spiegel «gradually morphed into the act of looking at an Asian woman». (S. 47) In Anlehnung an Maurice Merlau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmung geht sie davon aus, dass die Wahrnehmung des eigenen Gesichts immer aus dem Gesichtsausdruck des Gegenübers hervorgeht. Mit Xine Yaos Kapitel zum anti-asiatischen Stereotyp der «oriential inscrutability» (S. 179 ff.) gelesen, lässt sich Sekimotos Schilderung der Wahrnehmung ihres eigenen Spiegelbilds als ein kinästhetischer Vollzug ebenjenes Stereotyps lesen – verinnerlicht durch die fazialen Interaktionen mit anderen und sich selbst: «I feel like I cannot move my face, or change the image of my face reflected in someone else’s gaze. That is, I myself freeze in the image of my own racialization». (S. 58)

Once more, with unfeeling

Während Sekimoto und Brown eine sinnliche Methodologie zur Beschreibung der «politics of racial embodiment» ins Zentrum von Race and the Senses rücken und an dessen Ende eine hoffnungsvolle «pedagogy of the sensuous» als Teil einer antirassistischen Bildungsarbeit (S. 138ff.) formulieren, verweilt Xine Yaos Buch im Zustand einer Unzufriedenheit (disaffection), die gar nicht erst aufgelöst werden soll:

This book deliberately reads against the grain of the culture of sentiment to refuse the usual move of arguing for the humanity of minoritized subjects by enlisting literature to affirm that they feel too. Disaffected asks what we can apprehend if we stay with the negativity of unfeeling and suspend its rehabilitation. (S. 3)

Dem Erbe sentimentaler Biomacht wird das Konzept des «unfeeling» entgegengestellt; es repräsentiert eine affektive Strategie ‹von unten›, einen «mode of care» (S. 6), ein «feeling otherwise» (S. 28), das dem weißen Gefühlsregiment entsagt und die rassifizierten und sexualisierten Stereotype der Gefühlskälte, Unergründlichkeit oder Frigidität als Schutzschild und Gegenstrategie umdeutet. Mit unfeeling bezeichnet Yao Gefühlsmodi, - praktiken und – performanzen, die nicht bloß dem negativen Gefühlsspektrum zugeordnet werden können, sondern die sich einer Lesbarkeit nach hegemonialen Maßstäben gänzlich entziehen, «that fall outside of or are not legible using dominant regimes of expression». (S. 11) Damit folgt sie den kritischen Affekttheorien um rassifizierende und sexualisierende Emotionsstereotype und Dominanz weißer Gefühlsordnungen, wie sie beispielsweise von Sianne Ngai und Sara Ahmed formuliert wurden.12

Zu den von Yao zu einer Theorie des unfeeling verwebten «minoritarian affects» zählen «unsympathetic Blackness», «queer female frigidity», «Black objective passionlessness» und die bereits erwähnte «Oriental inscrutability». Beschreibbar werden diese durch (Rand)Figuren der amerikanischen Literatur nach Harriet Beecher Stowes Uncle Tom’s Cabin, jenem Schlüsselwerk des US-amerikanischen Sentimentalismus, das zwar Mitgefühl für die Versklavten hervorrufen wollte, dies aber nicht tat, ohne es an repressive Bedingungen zu knüpfen: «[O]ne must be recognized as sympathetic to be deserving of sympathy from those with the agency to sympathize». (S. 4) In einer solchen «sentimental politics of recognition» (S. 21) bleibt die Komfortzone weißer Gefühle stets unangetastet. Die von Yao verfolgten negativen Affekte stellen demgegenüber – ähnlich wie Ahmeds «feminist killjoy» – einen Moment der Störung dar, aber das ist nur aus Perspektive der hegemonialen Gefühlsordnung so. Für diejenigen, die diese Ordnung ausgrenzt, können sie den Weg zu dem ebnen, was Yao «counterintimacies» (S. 15) nennt: «[W]e can be disaffected together». (S. 210) Am Ende des Buches richten sich ihre Überlegungen auf die Institution Wissenschaft und sich selbst: Unfeeling kann Marginalisierten (wie ihr) als politische Strategie in einem diskriminierenden Forschungs- und Lehrbetrieb dienen, in dem Vulnerabilität und emotionale Arbeit einer gravierenden Ungleichverteilung unterliegen. (Vgl. S. 208ff.) Yao meint damit nicht, sich angesichts widriger Bedingungen lediglich ein ‹dickes Fell› wachsen zu lassen, sondern «strategically vulnerable» zu sein und Koalitionen zu schmieden, anstatt sich weiterhin vom Wohlwollen weißer Gefühlsordnungen und deren «sentimental apparatuses of oppression» (S. 209) abhängig zu machen.

Ausblick: Academic Feelings

Welche sind die Implikationen dieser Lektüren für die medienwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den eigenen theoriegeschichtlichen und institutionellen Rassismen? Die in dieser Sammelbesprechung dargelegten Positionen adressieren vor allem diejenigen Diskurse, die das Verhältnis von Technologie und Empfindungsvermögen in den Blick nehmen sowie mediale Konfigurationen der Wahrnehmung und Affizierung befragen. In der Annahme, dass sich Wissenschaft und Kultur des Fühlens mit und durch Medien konstituieren und fortschreiben, gilt zu fragen: Wie können medienwissenschaftliche Theoriebildung und Analyse dazu beitragen, die biopolitischen Taktiken der Abwertung bestimmter Körper aufzuarbeiten, anstatt koloniale Theorien von Empfindungs(un)fähigkeit zu reproduzieren? Gerade in seiner Auffassung als «Meta-Wissenschaft»13 scheint es für das Fach naheliegend, Weißsein – in ähnlicher Weise zur Medialität – zum Erscheinen bringen zu können, gerade dort, wo seine Unsichtbarkeit konstitutiv für seine Vorrangstellung ist.

Nicht zuletzt, so implizieren es Yaos institutionskritische Überlegungen, muss weiße Dominanz nicht nur hinsichtlich der Forschungsinhalte, sondern auch innerhalb der affektiven Strukturen des Forschungs- und Lehrbetriebs kenntlich gemacht werden. Diese Arbeit geschieht bereits, doch zuständig fühlen sich zumeist diejenigen, die diese Strukturen sowieso schon benachteiligen. So fällt auch bei der Lektüre aller vier vorgestellten Bücher auf, dass dem Benennen und Beschreiben der eigenen Positionalität vor allem von denjenigen Raum gegeben wird, die Rassismus erfahren. Auch das Aufzeigen eines «point of undoing»14 , wie Sara Ahmed die implizite Erwartung an die Praxis der Kritik bezeichnet, ihren eigenen Ausweg im Sinne eines ‹Lösungsansatzes› zu formulieren, fällt mehrheitlich jenen zu, die ohnehin auf Überlebensstrategien im (akademischen) Alltag angewiesen sind. Beides sind typische Bestandteile einer – oft geringgeschätzten – emotionalen Mehrarbeit, von der eben weniger geleistet werden muss, je weißer und männlicher jemand ist.15 Dabei ist eine «selbstkritische Reflexion weißer Perspektiven […] dringend notwendig und bedarf aufgrund der Setzung dieser Perspektiven als unmarkierter Norm sowie ihrer tradierten Unsichtbarkeit spezifischer Arbeit».16 Diese spezifische Arbeit ist dabei auch affektiver Art, denn die Auseinandersetzung mit Rassismus kommt nicht weit, wenn die Diskussion immer wieder um weiße Gefühle kreist.

  • 1Mel Y. Chen: Animacies: Biopolitics, Racial Mattering, and Queer Affect, Durham, London 2012, S. 30.
  • 2Während es in den hier besprochenen Werken um die gewaltvolle Geschichte rassifizierender bzw. rassistischer Zuschreibungen von Un/Empfindlichkeit geht, soll nicht unerwähnt bleiben, dass Mel Chen mit der «animacy hierarchy» auch die Degradierung von nicht-menschlichem Leben in den Blick nimmt. So wurde und wird die Ausbeutung von Körpern speziesübergreifend darüber legitimiert, dass sie als nicht-belebt oder als unfähig zu Empfindungen erklärt werden. Entsprechend wenig überraschend ist es, dass die Existenz tierischen Schmerzempfindens noch nicht lange wissenschaftlich anerkannt ist. Außen vor gelassen ist in diesem Text auch die Zuschreibung von Überempfindlichkeit, mit der versucht wird, die weiße Deutungshoheit im Diskurs über Diskriminierungserfahrungen aufrecht zu halten.
  • 3Vgl. Kelly M. Hoffman, Sophie Trawalter, Jordan R. Axt, M. Norman Oliver: Racial Bias in Pain Assessment, in: Proceedings of the National Academy of Sciences, 2016/113, 16, S. 4296–4301.
  • 4Vgl. Denise Ferreira da Silva zu «affectability» in: Towards a Global Idea of Race, Minneapolis 2007.
  • 5gl. Kyla Schullers Kritik an einer unkritischen Übernahme von Konzepten wie «Plastizität», «Vitalität» und «Porosität» im Neuen Materialismus (S. 26f.) und Xine Yao zum «Race Problem» der Affect Studies. (S. 9ff.)
  • 6Beater Ochsner, Robert Stock (Hg.): senseAbility – Mediale Praktiken des Sehens und Hörens, Bielefeld 2016, S.9.
  • 7Vgl. hierzu auch Jessica Riskins Beobachtungen zum intimen Verhältnis der «natural sciences und […] emerging moral sciences» und der Korrespondenz von «physical sensation und moral sensitivity» in der europäischen Aufklärung. Jessica Riskin: Science in the Age of Sensibility, Chicago 2002, S. 3f.
  • 8Fretwell weist darauf hin, dass eine rassifizierte Hierarchisierung der Sinne bereits im aristotelischen Schema angelegt ist, indem es bestimmte Sinne in die Nähe von ‹Rationalität› und ‹Vernunft› rückte, während er andere degradierte. Der deutsche Naturforscher Lorenz Oken ordnete den fünf Sinnen später rassistische Klassen von Menschen zu: Der Sehsinn rangierte am höchsten und wurde mit dem europäischen, weißen «Eye-Man» besetzt, während die restlichen Sinne eine graduelle Abstufung bis hin zum Schwarzen «Skin-Man» erfuhren. (S. 14)
  • 9Fretwell zitiert hier Simon Strick: American Dolorologies: Pain, Sentimentalism, Biopolitics, Albany 2014, S. 73.
  • 10Vgl. hierzu auch Schullers Bezugnahme auf Anne Fausto-Sterling und deren Arbeit zur biologischen «re-inscription» von Gender sowie Sylvia Wynters Auseinandersetzung mit dem von Frantz Fanon beschriebenen Prinzip der «sociogenesis». (211 f.)
  • 11«It is a peculiar sensation, this double-consciousness, this sense of always looking at one’s self through the eyes of others, of measuring one’s soul by the tape of a world that looks on in amused contempt and pity». W.E.B. Du Bois: The Souls of Black Folk: Essays and Sketches, Chicago, 1903, S. 9.
  • 12Vgl. Sianne Ngai: Ugly Feelings, Cambridge 2005 und Sara Ahmed: The Promise of Happiness, Durham, London 2010.
  • 13Alkin, Ömer; Gözen, Jiré Emine; Pinkrah, Nelly Y.: Kein Lagebericht. Einleitung in den Schwerpunkt. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. 14 (2022), Nr. 1, S. 11.
  • 14Sara Ahmed: A Phenomenology of Whiteness, in: Feminist Theory, 2007/8, 2, 149–168, hier 165.
  • 15Zu den emotionalen Anforderungen des universitären Betriebs vgl. auch Yvette Taylor & Kinneret Lahad (Hg): Feeling Academic in the Neoliberal University: Feminist Flights, Fights and Failures, Cham, 2018.
  • 16Eine Gruppe aus dem FAM: Rassismuskritische Arbeit an/in der Medienwissenschaft: Das Forum Antirassismus Medienwissenschaft (FAM) Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. (2022) 14, Nr. 1, S. 150–158, hier 156.

Bevorzugte Zitationsweise

Oberin, Vanessa: Other(ed) Feelings, Feeling Otherwise. Affekt, Race und sentimentale Biomacht. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Onlinebesprechung, 1. September 2022, https://zfmedienwissenschaft.de/online/othered-feelings-feeling-otherwise.

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