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Title IX
GAAAP_ The Blog

Kinky terror, der ‹Fall Ronell› und die Körper akademischer Zeichenträger

12.9.2018

Im Juni 2018 wurde ein Brief öffentlich, in dem prominente Wissenschaftler_innen wie Judith Butler1 Partei für eine Beschuldigte ergreifen. Die renommierte Professorin Avital Ronell vom German Department der New York University war zu diesem Zeitpunkt bereits nach einem neunmonatigen Verfahren für schuldig befunden worden, schuldig des sexual harassment im Sinne des sogenannten Title IX-Verfahrens der Universität.

Es überrascht nicht, dass in einer politischen Kultur, die seit mindestens zwei Jahren sowohl von Polarisierung als auch von einem Rechtsruck geprägt ist, diese Nachricht von rechts funktionalisiert wurde, dass etwa die Antigender- (wie auch die Anti-Dekonstruktions-, Anti-Queer- etc.) Fraktionen oder Plattformen wie Breitbart zu Angriffen auf ganze Forschungsrichtungen übergehen, dass einzelne Ex-Kollegen die Gelegenheit für eine Abrechnung nutzen2 oder dass Dozent_innen, die ‹Vorsicht› mit Denkfaulheit verwechseln wollen, sowohl Ronell als auch die Namen ihrer Unterstützer_innen von den Literaturlisten ihrer Seminare streichen. Das ist schlimm genug, aber im Rahmen der herrschenden Diskurse erwartbar.

Immer mehr Leaks und öffentliche Statements auf Blogs3 oder in der New York Times führten in den Folgewochen dazu, dass wir nun en detail darüber informiert sind, wie die verurteilte Professorin Ronell und der Ankläger, der ehemalige NYU-Promovend Nimrod Reitman4 , in Mails und SMS-Botschaften kommunizierten, wie Ronell sich uneingeschränkte Gefolgschaft, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Bewunderung zu verschaffen wusste, dass ihr Kommunikationsstil in einer Weise als hysterisch oder leidenschaftlich zu kennzeichnen ist, der sich zwar als reflexiv und doppelbödig versteht, aber nicht weniger ernsthaft im Sinne einer bedingungslosen Gefolgschaft um nicht zu sagen Unterwerfung wirken soll. Sie hat Menschen, die von ihr abhängig waren, terrorisiert. Das hat tief in Lebensläufe, Selbstbilder und Karrieremöglichkeiten von Studierenden und Promovierenden eingegriffen, und zwar scheußlich und perfide. Ob es wirklich zu körperlichen Berührungen (Aneinanderliegen in einem Hotelzimmer bei einer ungeplant nötigen Übernachtung) gekommen ist, bleibt offen, hier steht Aussage gegen Aussage; die Verurteilung stützt sich nicht auf diese Frage, sondern auf das psychische, diskursiv-sexualisierte Ausnutzen einer Abhängigkeitsposition.

Eine große Rolle spielt in diesen Verfahren die Frage nach retaliation, der Vergeltung – ob das Zurückweisen der sexuellen Belästigung oder die Anzeige zur Folge hat, dass die oder der Ankläger_in mit der Behinderung seiner/ihrer weiteren Karrieremöglichkeiten zu rechnen hat.5 Dass es in Zukunft kein ‹System à la Ronell› mehr geben darf, in dem das durchaus bekannte Herrschaftsgebaren, das ich mit kinky terror betiteln würde, ein ganzes Institut prägte – nicht nur in der Lehre und Betreuungsverhältnisse einer Professorin, sondern auch in dessen Tolerierung durch die akademische Umgebung –, steht außer Frage.

Der Unterstützer_innenbrief muss als die zweite Katastrophe im ganzen Zusammenhang bezeichnet werden. Dass solche Briefe dort üblich sind, wo es um Prozesse wegen sexueller Belästigung geht, ist in Deutschland unbekannt; es handelt sich fast um eine gängige Textsorte, die in aller Regel allerdings wie die gesamten Verfahrenspapiere der Geheimhaltung unterliegt. Trotzdem ist es schlicht unmöglich, dass in diesem Brief a) die Beklagte für ihre wissenschaftlichen Leistungen gelobt wird, als ob das ein Argument in Bezug auf sexuelles Fehlverhalten sei, und b) der Ankläger persönlich herabgewürdigt wird – man stelle sich wiederum vor, es handele sich um eine Frau, deren Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wird. Dass es sich um Unterzeichner_innen handelt, die in der Mehrheit als links und/oder liberal und/oder feministisch situiert sind (die deutschen Unterzeichner_innen bestätigen ggf. als Ausnahme die Regel), zeigt, dass ein vermeintlich erkämpfter Konsens zumindest innerhalb des nichtkonservativen Lagers, demzufolge victim blaming abzulehnen ist, schon weil es in aller Regel strategisch zum Machterhalt der meist männlichen Täter aufgebaut wird, verlassen wurde. Es hat den Anschein, dass unsere Kolleg_innen, von deren komplexen Schriften wir seit Jahren lernen und die sich oft politisch und ethisch öffentlich geäußert haben, die Grundregeln feministischer Reflexion den eigenen Aussagen gegenüber eingerissen und wie Verteidiger von Weinstein mit veränderten Rollen agiert haben.

Nachdem zahlreiche Mitglieder des Dachverbands MLA, der Modern Language Association, Butler dazu aufriefen, von der Präsidentschaft des Verbands zurückzutreten, veröffentlichte Butler wiederum eine selbstkritische Distanzierung zu Teilen des Briefs – leider u.a. mit matten Verweisen auf mehrere zirkulierende Briefversionen und zudem recht spät.6 Schon früh hatte Slavoj Zizek publik gemacht, warum er den Brief unterzeichnet habe – dass er sich als Querdenker im vermeintlich allzu gesettleten linken Diskurs sieht und gerne als Provokateur betätigt, trägt natürlich zu seiner Einschätzung bei, man müsse hier gegen die Mainstreamisierung durch Political Correctness angehen.7 Das erinnert an Aussagen etwa der Unterzeichnerin Barbara Vinken im Zuge der #MeToo-Debatte, die ebenso wie Cathérine Deneuve beklagte, mit einer feministischen Diskurspolizei ginge der «Eros» zwischen den Geschlechtern verloren und sie wolle «für die Freiheit der Liebe kämpfen»; wenn sie hiermit die Freiheit männlicher oder weiblicher Professor_innen einschließen sollte, den Promovierenden die Hand aufs Knie zu legen, so hat sie der Angelegenheit einen Bärendienst erwiesen.8

Eine Auswahl des Presseechos kann hier nachgelesen werden – von ersten Sympathiekundgebungen für Ronell9 oder dem lesenswerten Beitrag von Zoe Greenberg in der New York Times, die das Verfahren von Anfang an unter der Perspektive der ‹Umkehr› der Geschlechterrollen in den klassischerweise feministisch angeklagten Machtverhältnissen betrachtet, ebenso wie Corey Robin in einem überzeugenden machtkritischen Beitrag im Chronicle und Masha Gessens reflektiertem und ausführlichem Stück im New Yorker bis hin zu Autoren, die sich an einer scheinbaren sexuellen Schmierenkomödie erregen10 und antifeministische Gelegenheits-User in der Welt und sogar der Süddeutschen Zeitung11 über frühe klare Verurteilungen Ronells wie auch der Unterstützer_innen im Freitag oder der Jungle World, gefolgt von Ekkehard Knörers prägnanter Einschätzung der Sachlage und der inhärenten «privilegiengestützte[n] Machtvergessenheit» in der taz.

Drängend für eine Analyse bleiben Fragen wie:

– Wird hier mit zweierlei Maß gemessen – wie sehen vergleichbare Verfahren gegen männliche Beschuldigte aus?12 Wie lassen sich Parallelen zu #MeToo produktiv machen?13 Spielt es eine Rolle, dass die Verurteilte 66 Jahre alt ist und sich als queer bezeichnet, der Ankläger 34 Jahre alt und schwul ist? Kurz: Wird sexual harassment nun als institutionelles Element sichtbar, das sich kaum mehr an die Identifikationen der beteiligten Personen haftet?

– Wie lässt sich der Terminus «sexual harassment» verstehen, übersetzen, als juristischer und auch politischer, kultureller Term verhandeln? Wie weit müssen wir die Besonderheiten des us-amerikanischen Title-IX-Verfahrens kennen, um den Vorfall einordnen zu können, und können wir daraus für eigene zukünftige Verfahren an unseren Universitäten lernen?

– Welche Rolle spielt die zunehmend neoliberale Entwicklung der Universitäten im Bezug auf Verfahren wegen sexueller Belästigung?14

– Die spontane Abwehr einer Vermischung der Ebenen von sexueller Gewalt und der jeweiligen Arbeit einer Beschuldigten mögen zunächst nachvollziehbar sein, wo es um die Verteidigung einer verfälscht dargestellten Forschungsrichtung (mit Anteilen aus den Labeln postmodern/ dekonstruktiv/ philosophisch/ feministisch/ queer/ psychoanalytisch …) geht. Gleichzeitig bleibt unverständlich, wie eine Person, die sich ein Berufsleben lang mit Machtverhältnissen, der Macht der Sprache, mit der psychoanalytischen Übertragung etc. beschäftigt, in der eigenen Lebenspraxis so komplett ignorant agiert; oder: Wir müssen einmal mehr realisieren, dass die schönste, ethisch korrekteste und (selbst-)kritischste Theorie nicht in die Praxismöglichkeiten in hierarchisch dominanten Positionen hineinreichen muss. Aber ist das alles? Lohnt es sich nicht, nochmal zu überdenken, wie die Theoriebildung selbst hier funktioniert?

Denkbar sind z.B. Relektüren von Ronells Schreiben, die zu ihrer Verteidigung oder eher Erklärung den Stil der Kommunikation mit dem Kläger als «flamboyant» bezeichnete – als sprachlich von beiden gleichermaßen als Inszenierung begriffene, für die queere Szene nicht unübliche, mit Lust am Theatralischen betriebene Ausdrucksform behauptete. Ich halte es für unmöglich, in einer solchen möglicherweise gemeinsamen Inszenierung die gegebenen Hierarchien auszublenden – hier muss die hierarchisch machtvoller platzierte Person m.E. einfach auf den möglichen Spaß verzichten. Eine Relektüre ist trotzdem von Interesse, nicht um in Texten irgendwelche Relativierungen für das Ausnutzen von Macht zu finden, sondern um die Grenze zu untersuchen, die hier verhandelt wird und die zentral für eine ebenso medien- wie genderreflexive wissenschaftliche Arbeit ist. Denn:

Es gibt keine Subjektivierung außerhalb der Sprache. Das Subjekt, das sich auch in theoretische Texte wie die von Ronell einschreibt, bringt sich im Schreiben auch selbst hervor. Es setzt sich in Bezug zu anderen, zu den gelesenen Texten, zum Dekonstruierten, zu möglichen lesenden Adressat_innen. Als nur ein mögliches Beispiel von vielen wäre hier Ronells Buch The Test Drive zu nennen, das philosophische und wissenschaftliche Verfahren des Testens, Überprüfens, Belegbarmachens untersucht, dazu Lektüren von Nietzsche, Heidegger, Turing etc. vornimmt, und eine Wissenschaftsgeschichte der Beweisführung mit experimentellen Schreibweisen verbindet.15

Lesenswert ist Lisa Duggans Blogbeitrag The Full Catastrophe nicht zuletzt wegen ihrer Reflexion der Bezüge auf das Medium der Sprache. «Reitman wants us to take the email literally, as evidence of sexual desire and conduct. Ronell understands it as coded, not literally about sex. But why is sex the central factor anyway? The central issue is whether there were boundary violations that could be considered harmful. Advisor intrusions do not need to be sexual to be a problem.»16 , oder Amy E. Robinsons Bezugnahmen zwischen Biografischem, dem ‹Fall Ronell› und Texten wie Derridas Gesetzeskraft.

Mit der Sprache steht auch die Lehre zur Debatte, Formen von Performativität und die Frage nach Möglichkeitsräumen von Ironie (oder deren Fehlen). Martin Jay schrieb 2011 im Artforum über Ronells kleines Buch Fighting Theory und den Film über sie von Astra Taylor, Examined Life (USA 2008, 88 min.) und thematisierte darin auch die Selbstinszenierung und eine Lehre, die mit «Ansteckung» operiert:

«In the classroom, AR practices what she calls the ‹pedagogy of anacoluthon, of syntactical disturbance,› arriving ‹on the scene often dressed in a bizarre, postpunk manner, that is, a little outrageous, theatrical.› ‹Often [making] a point of scandalizing [her] students,› she proclaims herself a devotee of ‹institutional contamination,› ‹a renegade, in a way, whose research and publications are sometimes seen as subversive.› Anacoluthonic pedagogy, for those who were not rhetoric majors, means to mimic in one’s teaching a grammatical structure that denies sequentiality and often introduces several different voices in the same passage, defeating the impression that there is a single controlling presence behind the text. In other words, it is the art of the non sequitur, which deliberately tries to thwart coherent meaning and detranscendentalize the subject. In another performance, her bit in Astra Taylor’s 2008 film Examined Life, AR expresses her general suspicion of philosophy as the search for meaning, which ‹has often had very fascistoid nonprogressivist edges, if not a core.› Accordingly, AR confides to her analyst/interlocutor Anne Dufourmantelle that ‹even when I seem to be mimicking this discourse, I’m actually totally distancing myself from it.›»17

Insgesamt ist es an der Zeit, 1. Verfahrensweisen gegen sexuelle Gewalt weiter an Universitäten zu etablieren und 2. etwas Revue passieren zu lassen, was in den 1980er Jahren «die Lust am Text» hieß und nicht zufällig von mehr als einer Generation feministischer und linker Akademiker_innen aufgegriffen wurde. Der französische Poststrukturalismus, Roland Barthes’ Lust am Text, das Begehren und die Sprache bei Kristeva oder Irigaray, die Bedeutung von Lacans nom/non du père, die Effekte medialer Praktiken wie der Beichte und anderer diskursiver Regelungen für das sexualisierte Subjekt bei Foucault, die Dekonstruktion Derridas (den Ronell als engen Mentor und Freund bezeichnet), stehen zur Debatte. Lust und Begehren leben von und als Bezug zwischen Text- und anderen Körpern. Die Körper sind nicht mehr, was sie vor ein bis zwei akademischen Generationen waren, sie stehen neu zur Disposition – in digital vernetzten und echokammerfähigen Medien, in neuen Möglichkeiten des gender transitionings, und in Machtkämpfen zwischen weißen Männern, die ihre Rasse bedroht sehen, mit anderen, die im Zeitlupentempo, aber dennoch merklich in Positionen aufgestiegen sind.

Der Fall Ronell kann ein boot camp sein, um hier weiter zu lernen, und: um ein update feministischer medienperformativer Theorie zu unternehmen, und: um die erkämpften Freiräume für eine Vielzahl von Subjektivitäten nicht wegen eines Falls von sexualisiertem Machtmissbrauch unreflektiert aufzugeben. Das erfordert, eine gewisse mögliche Komplizenschaft durchzudenken: nicht mit Avital Ronell, sondern mit einigen Prämissen, die sie für ihre Arbeit in Anspruch nahm und die in Gender Studies und Medienwissenschaft geteilt werden. Auf dem Gender Blog der ZfM sollen in der nächsten Zeit verschiedene Kommentare zu lesen sein, die aus diversen Perspektiven Aspekte des Felds, unserer Arbeit, der Idee von einem «uns» kritisch wenden.

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Updates:

  • Oktober 2019: Studentischer Protest gegen die Rückkehr von Ronell an das Institut: Critical Reception, in: Inside Higher Education, 3.10.2019
  • April 2019: Ronell kündigt ein Seminar an der NYU für den Herbst an: Unsettled Scores. Theories of Grievance, Stuckness, & Boundary Troubles. «The course explores the literature, psychoanalysis and political theories of straightjacketed existence. Is the stagnation of being a temptation or a necessity? How are we confined within a grievance culture - by whom, to what purpose? Do we have enough agency to pull out of the psychic stalls or [sic] political stagnation fueled by misgivings and faltering assumptions? How does fiction manage these questions and reconfigure our being-toward-death? Are growing accounts of ethical failure and mounting injustice at all survivable? We shall also analyze different aspects of penitentiary culture or what Michel Foucault calls ‹the carceral subject› - effects of incarceration whether material or imaginary, corporeal and psychic. To what extent do boundaries protect of limit the possibility of experience? How have we secretly internalized penitentiary structures? By the end of the course, the thinking organized around limits, frontiers, and different forms of lockdown, will offer countless interpretive possibilities and a new freedom for understanding movement and its inhibitors. Our start-up text will be Heinrich v. Kleist's famous work on the making of a terrorist, Michael Kohlhaas, whose exemplary demise in the face of inequity drives him to political despair. [...]»
  • die New York Times kommentiert nicht das Seminar, aber erinnert an das Verfahren.
  • Jean-Luc Nancy parliert - nicht über sexuelle Gewalt, Macht, sexualisierte Hierarchie oder whatever, sondern über eine Hysterisierung der Kommunikation, wo man nicht mehr mit sincerely, sondern mit love seine Mails beschließe, wo das denn noch enden solle... denn es gehe ja nur um zwei flirtende Erwachsene im Vollbesitz ihrer Rechte und ihres Bewusstseins! Eine grandiose Verharmlosung. Die Anzeige sei auch erst erstattet worden, nachdem der Kläger zwei Jahre lang keinen Job gefunden habe. Clear Confusion, in: TheoryIlluminati, 3.9.2018.
  • Das Amsterdamer Institute for Cultural Analysis veranstaltet am 28. September 2018 eine Diskussionsrunde zu The Ronell/Reitman Case.
  • Adam Harris und Alia Wong in the Atlantic über das System, in dem eine Krähe der anderen kein Auge aushackt: When Academics Defenc Colleagues Accused of Harrassment, 15.8.2018
  • eine halbherzige Erklärung ihrer Unterschrift unter den Unterstützerinnenbrief von Cathy Caruth im Chronicle, 18.9.2018
  • Angela Koch auf dem Gender Blog: Machtmissbrauch eindämmen!, 25.9.2018
  • Reaktionen auf die Rückkehr Ronnells an die NYU, September 2019, im Chronicle und einem offenen Brief von Studierenden (hier in der Langfassung der Forderungen)
  • 1Jean-Luc Nancy, Laurence Rickels, Manthia Diawara, Bernhard Siegert, Hans-Christian von Herrmann, Rüdiger Campe, Samuel Weber, Gayatri Chakravorty Spivak, Emily Apter, Anselm Haverkamp, Barbara Vinken u.a., insgesamt 51 Wissenschaftler_innen; 11.5.2018.
  • 2Bernd Hüppauf, Hexenjagd oder Suche nach Gerechtigkeit?, in: Tumult, Herbst 2018, englisch in Salon.
  • 3Der Blog des Rechtswissenschaftlers Brian Leiter, der den Unterstützerbrief leakte und weitere Materialien und Internetquellen versammelt: Brian Leiter, Blaming the victim is apparently OK when the accused in a Title IX proceeding is a feminist literary theorist, in: Leiter Reports: A Philosophy Blog, mit einem Link zum Unterstützerbrief, 10.6. 2018, Teil 2: More on Avital Ronell and the friends defending her, 10.6.2018. Ronells Presseerklärung von Mangalika de Silva zitierte im Gegenzug dann aus Mails/SMS-Botschaften von Nimrod an Ronell und verweist darauf, dass die Verurteilung keine sexuellen Handlungen betreffen: An Eleven Month Denial of All Nimrod Reitman Allegations, in: Theory Illuminati, 16.8.2018.
  • 4Vgl. die 56-seitige Anklageschrift Nimrods an die NYU, 16.8.2018.
  • 5In diesem Fall verhalfen zwar zwei Gutachten Ronells Reitman zu Stipendien; dennoch ist davon auszugehen, dass die Karriere des Klägers unter dem Verfahren erheblich leiden wird. Kommentator_innen vermuten, dass Reitman keine Stelle in einem German Department mehr wird antreten können; an dieser Stelle wurde mehrfach auf den Reichtum des Klägers bzw. dessen Lebensgefährten verwiesen, so im bereits zitiertern Haaretz-Artikel und im Blog bei Lisa Duggan über Reitman, «(whose husband Noam Andrews is a member of a wealthy New York real estate family, presumably well able to fund lawsuits.)», was schon per se problematisch ist. Noch problematischer ist der gelegentlich gezogene Vergleich mit der finanziellen Situation der Verurteilten, die von der NYU ein Jahr lang ohne Bezüge zwangsbeurlaubt wurde – man stelle sich vor, das Ganze spiele im umgekehrten Fall, und zu einer weiblichen Vergewaltigten würde angemerkt, sie sei ja wohlhabend.
  • 6Offener Brief von Judith Butler an die MLA, deren gewählte Präsidentin (president-elect) sie ist, unter dem Titel «Judith Butler Explains Letter in Support of Avital Ronell», in: The Chronicle of Higher Education, 20.8.2018; hier der Ethical Code der MLA.
  • 7«Avital definitely is a type of her own: acerbic, ironic, shifting from funny remarks to precise perceptions of an injustice, mocking others in a friendly way … In short, she is a walking provocation for a stiff Politically Correct inhabitant of our academia, a ticking bomb just waiting to explode. A person with minimal sensitivity can, of course, immediately discern Avital’s affected surface as the form of intense vulnerability and compassion. But in today’s academia persons with sensitivity are more and more rare. Avital’s ‹eccentricities› are all on the surface; there is nothing sleazy hidden beneath her affected behaviour, in contrast to quite a few professors that I know who obey all the Politically Correct rules while merrily screwing students or playing obscene power games with all the dirty moves such games involve.»
  • 8In meinem eigenen akademischen Umfeld erhielt ich Mails und hörte Kommentare, die teilweise sehr differenzierte Einzelbetrachtungen formulierten und die sich in etwa in drei Gruppen sortieren lassen: 1. Spontane und uninformierte Solidaritätsbekundungen meist älterer weiblicher Kolleginnen, die sich reflexhaft vor eine verdiente und unangepasste Forscherin werfen wollten; 2. merkwürdig unaufgeregte Aussagen jüngerer Kolleg_innen aus Nachwuchs- und Mittelbau-Generationen, die mit Verweis auf die endlich zu realisierende Abschaffung von Abhängigkeitsverhältnissen z.B. bei der Promotion weitere Verstrickungen ebenfalls für erledigt zu halten schienen, sowie 3. eine mittlere Generation, die sich weitgehend und ebenfalls merkwürdig still verhalten hat, weil sie m.E. ihre eigene Verstricktheit befragt und schwer nach außen formulieren kann. Darin gibt es verschiedene Formen der Komplizität – von Menschen, die selbst bei Ronell studiert oder gearbeitet haben, bis zu anderen, die nach der Idee des pädagogischen Eros fragen oder die feministische Kritik an der Trennung zwischen Akademie und persönlicher Leidenschaft, bis hin zu sexuellen Beziehungen innerhalb der Hierarchiegruppen wie bei Laura Kipnis, Jane Gallop und Jennifer Doyle noch einmal Revue passieren lassen wollen (zu Letzterem vgl. den Beitrag von Nanna Heidenreich und mir in der kommenden Ausgabe der ZfM, 1/2019).
  • 9Chris Kraus befindet, alle hätten um Ronells ‹Stil› gewusst, und Reitman hätte sich eine andere Betreuung aussuchen können … Dialing : Back : Darkness, in: Theory Illuminati, 20.8.2018; die israelische Zeitung Haaretz verweist zunächst auf die Angriffe antifeministischer Medien auf einen Fall, der zwei israelische Personen betrifft, und formuliert mit Sympathie für eine «exzentrische» Professorin: Hilo Glazer, An NYU Scholar Is Accused of Sexual Harassment, and Top Feminist Theorists Come to Her Defense, in: Haaretz, 1.7.2018.
  • 10Jon Wiener etwa zitiert zunächst lange Passagen bezüglich der gegenseitigen Vorwürfe und Beschreibungen von Liebeserklärungen und angeblichen körperlichen Übergriffen und bezeichnet die Beteiligten nur mit ihren Vornamen Avital und Nimrod, zitiert aber dann auch mehrere Statements von Unterzeichnern, die ihre Unterstützung kommentieren; Jon Wiener, Avital and Nimrod: Sexual Harassment and ‹Campy Communications› at NYU, in: BLARB, Blog/Los Angeles Review of Books, 20.8.2018.
  • 11Springers Welt macht schon in ihrer Überschrift antifeministische Politik: Sarah Pines, Der Doktorand und die Brüste der Feministin, in: Die Welt, 16.8.2018; Klaus Birnstiel steigt mit einer geifernden Beschreibung einer alten geilen israelischen (warum ist das hier von Interesse?) Frau ein, die bestimmte sexuelle Berührungen verlangt haben soll, zunächst im Indikativ geschrieben, als sei Birnstiel dabei gewesen, und dann erst als Teil der Anklageschrift kenntlich gemacht – formal Ausdruck einer populistischen Ekelkampagne (alte Frau habe Sex haben wollen – als sei das schon per se widerlich), wie sie sich in der SZ selten findet: Birnstil, Dekonstruktion und Begehren, in: Süddeutsche Zeitung, 27.8.2018. Auch die Auswahl von Fotos, die die Texte begleiten, wäre einen zweiten Blick wert.
  • 12Lisa Duggan kommt vor dem Hintergrund langjähriger Beobachtungen von Title IX-Verfahren zu dem Schluss, dass es eine Dämonisierung von weiblichen und queeren Angeklagten (im Vergleich zu männlichen Angeklagten) gebe: «I have been collecting cases of queer faculty accused of sexual harassment. My hypothesis is that queers are disproportionately charged, often by homophobic or sexually confused students, sometimes by queer students whose demands for special› treatment are disappointed. I do think that queer faculty can be guilty, and should be held accountable! But the stories I’ve collected so far do suggest that many cases involve fantasies, projections, or revenge. Because queers are hypersexualized in the public imagination, they are targets for sexual accusations.»
  • 13Vgl. Jennie Livingstons einsichtsreichen Text über die Beziehungen zwischen den Verfahren gegen Argento (die Harvey Weinstein wegen sexueller Gewalt angezeigt hatte und nun einem Schauspielerkollegen Geld dafür bezahlt haben soll, dass er nicht publik macht, dass er zur Zeit ihres Verhältnisses noch minderjährig war) und Ronell: Jennie Livingston, Asia Argento, Avital Ronell, and the Integrity of #MeToo, in: The New Republic, 21.8.2018.
  • 14Lee Konstantinou verweist auf den Starstatus von Ronell und die entsprechenden Karriere- und Netzwerkmöglichkeiten, die dieser Status den Promovierenden verspricht, sowie auf kulturelles Kapital in Zeiten der job market crisis. «The fantasy of Ronell’s star power is, therefore, the unexamined linchpin of the scandal.» «As a mark of how much things have changed we might look back to 1997, when David R. Shumway published an essay in PMLA called The Star System in Literary Studies,› in which he traced the rise of a new sort of academic celebrity to the 1970s. This system arose from a new set of material conditions, including the rise of an international conference circuit (predicated on cheap air travel), the prominence of High Theory, and the development of new-media technologies.» Lee Konstantinou, Avital Ronell and the End of the Academic Star, in: The Chronical of Higher Education, 22.8.2018. Zur Abhängigkeit von Promovierenden vgl. auch Nefertiti Takla
  • 15«Who can patrol symbolic territories and assure secure frontiers among levels and systems of transfer?» Avital Ronell, The Test Drive, Urbana, Chicago (University of Illinois Press) 2005, 279; vgl. dazu Bergermann in: Julia Bee, Nicole Kandioler, Differenzen und Affirmationen. Queer-/feministische Perspektiven auf Medialität, Berlin 2019, Druck i.V.
  • 16Duggan verweist u.a. auf die Möglichkeit, es gebe konsensuelle Intimitäten, deren Sprache in der heterosexuellen Welt Anderes bedeute als in der queeren. «[Is there a] [r]omantic language that does not signify sexual desire?», und lässt den Status dieser Aussage in der Schwebe.
  • 17Im Folgenden thematisiert Ronell sich selbst als Schülerin, ihre Mimikry im Lernen, ihre Unterordnung... vgl: Martin Jay, Avital Ronell's Fighting Theory, in: Artforum, Mai 2011.

Bevorzugte Zitationsweise

Bergermann, Ulrike: Kinky terror, der ‹Fall Ronell› und die Körper akademischer Zeichenträger. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, GAAAP_ The Blog, , https://zfmedienwissenschaft.de/online/kinky-terror-der-fall-ronell-und-die-koerper-akademischer-zeichentraeger.

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