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Woman in red boilersuit in a performance

Tameka Norris: Untitled, in: Radical Presence. Black Performance in Contemporary Art, http://radicalpresenceny.org/?page_id=358 (26.02.2022).

Gender-Blog

Im Plasma der Schattenpandemie

Anna Wäger über postkoloniales und queeres Blut als Infrastruktur und Leibarchiv

21.3.2022

«If I’m dying from anything, I am dying from homophobia. If I am dying from anything, I am dying from racism. If I’m dying from anything, it’s from indifference and red tape, because these are the things that are preventing an end to this crisis. If I’m dying from anything, I’m dying from Jesse Helms. If I’m dying from anything, I’m dying from the President of the United States. And, especially, if I’m dying from anything, I’m dying from the sensationalism of newspapers and magazines and television shows, which are interested in me as a human-interest story—only as long as I’m willing to be a helpless victim, but not if I’m fighting for my life.»1

In der Performance «Untitled» (2012), die im Rahmen der Ausstellung Radical Presence: Black Performance in Contemporary Art im New Yorker Stadtteil Harlem stattfand, malt die Künstlerin Tameka Norris mit aufgeschnittener Zunge eine Spur von Blut und Speichel an die weißen Galeriewände.2 Indem sie ihren Schwarzen, als weiblich gelesenen Körper als Medium inszeniert und damit in den weißen, im doppelten Sinne unmarkierten, institutionellen Raum der Kunstgalerie interveniert, schafft sie Sichtbarkeit der Historie Schwarzer, als weiblich vergeschlechtlichter Subjekte. Die Spur erinnert an einen Zeitstrahl, der die Geschichte kolonialistischer Praktiken seit dem 15. Jahrhundert mit der Gegenwart verknüpft. Ihr Blut fungiert dabei als Infrastruktur, die einerseits körperliche Existenz ermöglicht und erhält, an der sich andererseits auch rassistische Abwertung nicht-weißen Lebens äußert. Françoise Vergès stellt Blut als Kategorie der Rassifizierung mit der Furcht weißer Kolonialisierenden vor der ‹Unreinheit› des Blutes in Relation.3

Gender, race and blood had to remain expressive markers of difference. On métis’ bodies and souls whom they accused of menacing duality, white colonizers projected their own duality: their discourse about fraternité and equality of human beings and their desire to annihilate, to destroy the differences that they confronted.4

Dabei wurde das rassistische Konzept einer vermeintlich dualistischen Differenz des Blutes durch den medizinischen Diskurs gestützt, um seine politische und ideologische Funktion zu bewahren. Kolonialer Imperialismus bedeutete ein Rückgriff auf entsubjektivierende Praktiken, die konstituiert von und konstituierend für (Bio-)Macht sind. Dazu zählt auch die Klassifizierung und das othering entlang rassifizierter Merkmale des Körpers. So wird der Körper zum Leibarchiv5 , das, wie es Paul B. Preciado beschreibt, über die Materialität des Körpers hinausgeht. «The body is a living, constructed text, an organic archive of human history […], in which certain codes are naturalized, others remain elliptical, and still others are systematically deleted or scratched out.»6 Als lebendiges kulturelles und politisches Archiv speichert der Körper Erfahrungen, äußere Zuschreibungen, sichtbare und unsichtbare Codes. Norris’ Blut verkörpert als veräußerte organische Flüssigkeit die symbolische Konnotation mit Formen des Leids und der Gewalt. Ohne Mediatisierung ist Blut jedoch über diese symbolischen Bedeutungen hinaus nicht ‹lesbar› oder klassifizierbar.

Blut ist laut Bishnupriya Ghosh eine komplexe organische Struktur, die ein Kohabitat für unzählige Mikroorganismen, darunter auch Viren, darstellt.7  Trotz Schwellenwert, der Wirt und Parasit abgrenzt, ist der Virus untrennbar mit seinem Trägermedium verbunden. Die Etablierung eines Testverfahrens zur Bestimmung der Virussättigung des Blutes markierte einen Meilenstein im Umgang mit Epidemien. Der viral load test transformiert Blut durch Extraktion, Destillation, Klassifizierung und Quantifizierung bestimmter Biomoleküle zu einem Datensatz. Mittels der Testprotokolle wird aus den komplexen Bedingungen der individuellen pathologischen Situation ein kohärentes Krankheitsbild erstellt und klinische Schwellenwerte der Virussättigung definiert. Dieser Vorgang ist mittlerweile global standardisiert, was beispielsweise die chronische Blutüberwachung als eine der Hauptbehandlungsmethoden von HIV ermöglicht. Wie Ghosh anmerkt, bedeutete dabei vor allem die Inklusion von zuvor ausgeschlossenem ‹dirty blood›, also co-infiziertem Blut, durch das parallel track program für viele Patient*innen aus marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen einen einfacheren und schnelleren Zugang zu Medikamenten. Diese von Aktivist*innen des Aids Coalition to Unleash Power Movements (ACT UP) erkämpfte Option des parallel track program kommt nun auch im Kontext des SARS-CoV-2-Virus zum Tragen.8

Die Relation der Patient*innengruppe zu medizinischen Institutionen ist maßgeblich von biosozialer Datenerhebung über den menschlichen Körper geprägt. Damit tritt das Blut aus der Ordnung der Natur aus und in die des Wissens ein. Es wird zum Parameter, über den die Normierung von Gesundheit als Abgrenzung zum pathologischen Zustand etabliert wird. Dieser lediglich auf Blutdaten basierende Antagonismus kann die reale Sorge um den individuellen Körper beeinträchtigen, wie Ghosh schlussfolgert:

«Managed HIV» is now the grand accomplishment of this formidable biomedical behemoth. Yet, as I have suggested, what such valuation produces is the erasure of clinical labor at dispersed points of clinical care – doctor’s office to home – without which neither tests nor drugs would settle blood. Quotidian exertions of stemming saturation ensue at clinical microscales: in modest environs, living with saturation becomes creative practice.9

Was Ghosh hier anspricht ist die Koppelung medizintechnologischer Errungenschaften an ein funktionierendes Netzwerk aus öffentlichem Gesundheitssystem, aber vor allem auch an Care-Arbeit im privaten Bereich. Der Mangel an Ressourcen verunmöglicht besonders in vielen Ländern des globalen Südens eine Infrastruktur, die diese Fürsorge gewährleisten kann. Das betrifft besonders PoC, deren Zugang zu medizinischer und klinischer Patient*innenfürsorge durch strukturelle Barrieren erschwert wird.

Mit der Corona-Pandemie sind nun auch die westlichen Industrienationen von den gesundheitlichen Auswirkungen des kapitalistischen und kolonialistischen Systems betroffen. Natürlich blieben auch diese Länder damals nicht von der verheerenden HIV/AIDS-Pandemie in den 1990ern verschont, jedoch galten vornehmlich marginalisierte und queere Personengruppen, homosexuelle Männer*, MSM (Männer, die Sex mit Männern haben), Sexarbeiter*innen und Menschen aus dem globalen Süden als gefährdet.10  Auch in der globalen Reaktion auf die Corona-Pandemie konnte eine Welle von Rassismus und Xenophobie, besonders gegenüber der als asiatisch gelesenen Bevölkerung, beobachtet werden. Grenzschließungen und Isolationsmaßnahmen zur Gesundheitskontrolle verstärken nationale Identitätskonstrukte und zeigen die Spannungen zwischen lokalen und überregionalen Handlungen auf.

Neben den direkten Auswirkungen der Pandemie spricht der Philosoph Kwame Anthony Appiah von einer zweiten, verdeckten Entwicklung, der sogenannten «Schattenpandemie».11 Damit sind die indirekten Folgen der Corona-Pandemie gemeint, wie beispielsweise gravierende ökonomische Auswirkungen, die wirtschaftlich bereits geschwächte Länder noch weiter belasten. Soziale, politische und gesellschaftliche Umstände wie Armut, Hungersnot und der Mangel an Bildung stellen die größte Disparität des globalen Südens zu den westlichen Industriestaaten dar und sind die Grundlage für eine Übersterblichkeit in der Bevölkerung trotz niederer Corona-Infektionsraten. Aufgrund überlasteter Gesundheitssysteme wird neben einer Verdoppelung der Anzahl an Menschen, die an Malaria sterben könnten, auch eine erhöhte Todesrate an Tuberkulose und HIV/AIDS-Kranken erwartet.12  Um hier Theorien des biologischen Determinismus zu entkräften möchte ich Nick Estes Beitrag The Empire of All Maladies anführen, indem die vermeintliche epidemiologische Anfälligkeit der indigenen Bevölkerung im Zusammenhang mit der Invasion Amerikas auf koloniale Praktiken der Ausbeutung zurückgeführt wird.13  Die enorme Depopulation wurde lange Zeit als eine kausale Folge des Importes europäischer Krankheiten, die sich aufgrund der fehlenden Immunität der einheimischen Bevölkerung rasch ausbreiteten, somit als «biologische Katastrophe», bezeichnet. Heute ist klar, dass die koloniale Politik einen maßgeblichen Einfluss auf das Massensterben hatte. Der US-Handel führte beispielsweise zu ökologischer Destruktion sowie erhöhter Militarisierung der besetzten amerikanischen Gebiete sowie zur Transformation der Ernährung der einheimischen Bevölkerung. Erst durch diese Entwicklungen wurde der Effekt der importierten Krankheiten massiv verstärkt. Estes schlägt vom historischen Rückblick einen Bogen zur Corona-Politik der USA, in deren Namen die Regierung Trump sich ebenfalls einer Narration bediente, die bestimmten nicht-weißen Bevölkerungsgruppen schlechtere genetische Voraussetzungen unterstellte als Grund für deren erhöhte Vulnerabilität gegenüber dem Virus. Dass diese Bevölkerungsgruppen nach wie vor unter der Ressourcenkolonisierung der USA ächzen, und somit systematischer politischer Vulnerabilisierung unterliegen, ist (nicht nur) im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie unbedingt hervorzuheben. Oder wie es die Ärztin, Epidemiologin und Anti-Rassismus-Aktivistin Camara Phyllis Jones formuliert: «Race doesn’t put you at higher risk. Racism puts you at higher risk.»14

Das zeigt, Epidemien sind keine «organic events», sondern in mediale Infrastrukturen eingebettete multi-kausale Ereignisse, die zwischen individuellen und kollektiven Körpern stattfinden. Der einzelne Körper als Medium der Übertragung ist demnach Teil eines kollektiven Körpers der Gesellschaft und hat für die Erhaltung der gesamtgesellschaftlichen Gesundheitsstruktur enorme Relevanz: Jede*r kann potentiell zur*m «Superspreader*in» werden. Aber auch: Jede*r ist Teil eines Systems, indem strukturelle Ungleichheit der Sorgepolitik inhärent ist. Krankheit fungiert dabei im doppelten Sinne als Eintrittsstelle des individuellen Körpers. Er ist nicht nur zentrale Angriffsfläche der Viren, sondern auch der gesellschaftlichen Virenbekämpfung, das heißt zentraler Ausgangs- und Eingriffspunkt für eine Politik der Sorge. Angesichts einer epidemischen Situation wird Blut zu einer medialen Konfiguration, die die Grenzen individueller Körper überschreitet. Unter diesem Vorzeichen manifestiert sich beispielsweise in Österreich die Stigmatisierung von nicht heterosexuellen Männern* am temporären Verbot von Blutspende für MSM, da sie laut Rotem Kreuz nach wie vor als Hauptrisikogruppe für eine HIV-Infektion gelten.15  Für Transgender-Personen ist die Blutspende grundsätzlich nicht erlaubt. Es stellt sich die Frage: Does a medical condition have a sexual orientation?16  Hier zeigt sich institutionelles Wissen als Ausdruck einer Machtstruktur der Biopolitik. Mit diesem Begriff meint Foucault den Zugriff der Souveränitätsmacht auf die Regulierung von Körpern bis hin zur Entscheidung über Leben und Tod. Biopolitik perpetuiert den herrschenden Normativitätsdiskurs und die Frage danach, welche Menschen Subjektstatus17  erhalten. «Marginalised people exist literally in the margins of the archives, they flit between the words, under the words, behind them. They do not speak their own words; rather, they are spoken for.»18 Sichtbarkeit zu haben bedeutet mehr als Repräsentation zu erfahren als erfasster Infektionsfall in der nationalen Statistik. Es bedeutet unter der internationalen Gesetzgebung Schutz zu finden.

We have all lost in recent decades from AIDS, but there are other losses that afflict us, from illness and from global conflict; and there is the fact as well that women and minorities, including sexual minorities, are, as a community, subjected to violence, exposed to its possibility, if not its realization. This means that each of us is constituted politically in part by virtue of the social vulnerability of our bodies - as a site of desire and physical vulnerability, as a site of a publicity at once assertive and exposed. Loss and vulnerability seems to follow from our being socially constituted bodies, attached to others, at risk of losing those attachments, exposed to others, at risk of violence by virtue of that exposure.19

Mit Butlers Vorstellung von Gemeinschaft wird Relationalität nicht nur als eine deskriptive oder historische Tatsache erkannt, sondern auch als eine fortlaufende Dimension unseres sozialen und politischen Lebens. Wir sind gezwungen, Bilanz zu ziehen aus unserer Interdependenz, der kollektiven Verantwortung für das physische Dasein des*r Anderen. «We are all living with HIV», was das Human Microbiome Project als wissenschaftlichen Fakt bewiesen hat20 , zeigt nicht nur menschliches Blut als Multispezies an, sondern schafft eine neue Perspektive auf das Leibarchiv. Dem Körper Subjektstatus anzuerkennen bedeutet demnach, ihn nicht nur als Datenspeicher, sondern als Archiv menschlicher Erfahrung und Emotion, Trauma und Erinnerung zu begreifen, das sich in die leibliche Existenz einschreibt und wofür wie kollektive Verantwortung tragen.

Indem die Künstlerin Norris eine dekoloniale und intersektionale Auseinandersetzung mit dem Körper als Ort der politischen Gewalt thematisiert, wird «Grievability»21  für Schwarze Subjekte gefordert. Sie transferiert ihr Leid an Vergeschlechtlichung, Rassifizierung und Sexualisierung als kollektive Erfahrung Schwarzer Frauen* vom privaten Raum in die öffentliche Sichtbarkeit. Hier erst kann eine Infrastruktur der Sorge entstehen, welche sich als Widerstandspraxis gegen das molekulare und rassistische profiling versteht.

Bevorzugte Zitationsweise

Wäger, Anna: Im Plasma der Schattenpandemie. Anna Wäger über postkoloniales und queeres Blut als Infrastruktur und Leibarchiv. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Gender-Blog, 21. März 2022, https://zfmedienwissenschaft.de/online/gender-blog/im-plasma-der-schattenpandemie.

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