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Gender-Blog

Female Bouncer

Über Frauen, die Nein sagen

11.3.2020

In Solidarität mit den prekären Arbeiter_innen der Club- und Kulturlandschaft!

Mit einem coolen Poster, einem T-Shirt mit dem Aufdruck «Vulva Industries» und einem an die achtziger Jahre erinnernden emblematischen Zeichen sowie dem Schriftzug «://about tür» bin ich nach der Veranstaltung Female Bouncer – About the struggles at the doors im ://about blank wieder nach Hause gekommen. Das ://about blank zeichnet sich als Berliner Club durch seine politische und gleichzeitig hedonistische und queer/feministische Partykultur aus. Ab und an öffnet er auch die Türen für vorabendliche Diskussionsveranstaltungen, so diesmal zu der Veranstaltung Female Bouncer (29.2.2020), eine Veranstaltung der ://about blank Türcrew, die in Kooperation mit der Clubcommission und Helle Panke e.V. organisiert wurde.

Das Poster zeigt drei Türsteherinnen, die streng die ankommenden Gäste ins Visier nehmen: Ich kenne diesen Blick. Er löst folgende Fragen bei mir aus: Zuerst, will ich da wirklich rein? Will ich mich diesem Blick und den mit ihm verbundenen Fragen aussetzen? Ist es die Party dahinter wert? Komme ich überhaupt rein? Wie wird es sein, wenn ich drin bin?

Zumeist sind mir diese Fragen nicht bewusst, sie schwingen eher mit, während ich vor der Tür warte. Und ob der Erleichterung «drin» zu sein, verfliegen diese Fragen, sobald ich durch die Tür bin. Was genau es mit dem Job der Tür auf sich hat, diese Frage jedoch habe ich mir bisher noch nie wirklich gestellt. Zugegebenermaßen wohl auch deshalb, weil der Dokumentarfilm Berlin Bouncer (Dietl, 2019) an mir auf Grund meiner erschöpfenden Lohnarbeit im vergangenen Jahr vorbeiging.

Der Abend Female Bouncer im ://about blank ist eine Antwort oder vielleicht besser gesagt eine Reaktion auch auf Berlin Bouncer. Das Wahnsinnige an diesem Film ist, dass er so selbstverständlich auf der Bildebene damit umgeht, dass Clubs in erster Linie für junge, schöne und weiße Frauen sind, die sich gern (halb-)nackt präsentieren und Türsteher als bärbeißige Beschützer dieser (Frauen-)Welt gezeigt werden: Es scheint als sei das die Nachtwährung: Frauen verschenken Nacktfotografien von sich selbst an Türsteher, oder aber Türsteher machen selbst Nacktbilder von Frauen (mit denen dann der Mann berühmt wird). Bei aller denn doch bestehenden Sympathie mit den «Wächtern der Nacht», die dort porträtiert werden: Die Bezüge zur Kommune 1 (z.B. beim Nacktdreh eines nebulösen Films, der die Kommune 1 zum Thema hat und an dem einer der Türsteher teilnimmt) und die immer wiederkehrenden Darstellungen nackter Frauen bei gleichzeitiger Nicht-Präsenz von Frauen in den gezeigten Interviews – das ist schon von einem gepflegten Sexismus getragen. Wer feiert und wer lässt feiern?

Ist es noch immer so: die Frauen müssen geschützt werden und die Männer (interessanterweise sind zwei der in Berlin Bouncer gezeigten Türsteher ehemalige Soldaten) schützen?

Das dem nicht so ist, wurde schnell bereits 2019 in Interviews und Berichten klargestellt: Personen aus der Türcrew des ://about blank hatten der taz zu diesem Thema ein Interview gegeben. Das Missy Magazin hatte ebenfalls in diesem Zeitraum ein Interview mit einer Türsteherin veröffentlicht. (Das Thema der Türsteherin ist auch ein international präsentes, wie z. B. ein Artikel zu Türsteherinnen in Neu-Dehli von 2016 zeigt.)

Natürlich zeigt der Dokumentarfilm bereits auf, dass es sich um einen Arbeiterjob handelt und dass Rassismus, Männlichkeit und Klasse hier intersektional miteinander verwoben sind: Die Vormachtsituation des an der Tür stehenden Mannes erhebt diesen über Klasse und white privilege. Dies wird insbesondere deutlich, wenn der Türsteher Schwarz ist (wie Smiley in Berlin Bouncer). Als Schwarzer Arbeiter kann er weiße reichere Männer abweisen. Gleichzeitig macht sie die Türsteher aber auch außerhalb ihrer Arbeitswelt angreifbar, wie Smiley plastisch beschreibt, z.B. wenn er bei einem privaten Kinobesuch auf Männer trifft, die er abgewiesen hat. Die Rolle des Türstehers ist an den spezifischen Clubort gebunden und ohne den Ort bzw. ohne den Rest der Tür-Crew fehlt der Schutz «der Tür» (das ist übrigens auch der Grund, weshalb die Türsteherinnen bei der Veranstaltung im ://about blank nur beim Vornamen genannt werden möchten).

Auch Homosexualität und schwule Subkultur ist Thema des Dokumentarfilms, wenn auch recht verschwiegen. Merkwürdigerweise, denn Sven Marquardt (langjähriger und ob seiner Strenge berüchtigter Türsteher des Berghains in Berlin) ist der gar nicht mal so heimliche Held und Mittelpunkt des Films. Er sowie das Berghain stehen für eine andere und auch queere Clublandschaft – die zu einem großen Teil auf ihrer Exklusivität beruht. Wer es hinein schafft, gehört ganz klar zu den hipsten Menschen in town. Der besondere und andere Schutz, den eine queere Party benötigt, wird nicht thematisiert. Stattdessen überwiegt ein melancholischer Heroismus, ein Nachtrauern um die alten Berliner Nachwendezeiten, in denen alles möglich schien. Was derzeit in der Berliner Clublandschaft existiert und welche neuen Räume hier über die Jahre gewachsen sind, zeigt der Film nicht.

Der Abend der ://about blank Türcrew ist eine queerfeministische Antwort auf den Diskurs um «den Türsteher». So heißt es im Ankündigungstext:

«An vielen Clubtüren haben Frauen sich inzwischen ihren festen Platz erkämpft. Doch mit welchen Zuschreibungen müssen sie sich auseinandersetzen? Wie gehen sie mit ihnen um, und was sind ihre Rollen? Geht es um eine Reproduktion klassischer Securityarbeit, oder bieten insbesondere Clubs in Berlin die Möglichkeit, Räume jenseits der Dominanzgesellschaft zu erschließen? Was bedeutet das für die konkrete Arbeit sowohl in den Teams als auch den Gästen gegenüber? Und überhaupt: Müssten ‹gute Türen› nicht eher daran arbeiten sich nicht mehr notwendig werden zu lassen?»

Im ://about blank-Zelt drängeln sich an diesem Abend die Zuschauer_innen. Über einhundert Personen haben sich eingefunden. Auf dem Podium sind heute zunächst die beiden Türsteherinnen Nadine und Alina sowie die beiden Moderatorinnen Birgit Ziener (Helle Panke) und Laura E. Ewert im Gespräch. Im weiteren Verlauf der Diskussion kommen Lewamm «Lu» Ghebremariam (Clubcommission Berlin) und Christine Preiser (Soziologin, forscht zu Türarbeit) dazu.

Haben es Frauen nun endlich auch in die mythisch aufgeladene Position des Türstehers geschafft? Sind auch sie nun (wie Sven Marquardt) zum Höllenhund bzw. zur Medusa der Clubkultur geworden, die darüber entscheidet, wer reinkommt und wer nicht? Die eine_n zu Stein erstarren lässt, wenn ihrem Blick nicht standgehalten wird? Oder ist eher die Sphinx das Äquivalent zur Türsteherin? Denn die richtige Antwort kann für das Eingelassen- oder Abgewiesen-Werden viel entscheidender sein.

Gleich zu Beginn des Abends wird festgehalten, dass es um eine Entmystifizierung geht, und klargestellt: Türsteherinnen gab es schon immer. Eine Frage taucht bei mir auf: Seit wann existiert der Tür-Job eigentlich? Klar, meistens ist dieser Job mit den goldenen siebziger Jahren und dem Aufkommen von Clubs und Diskotheken verbunden. Wie weit kann das zurück verfolgt werden? Brauchte Sappho schon Frauen, die aufpassten, wer an ihren Parties teilnahm? Gab es Feiern im alten Ägypten, nur für geladene Gäste? Und wie war das im Mittelalter? Und Marie-Antoinette? Wie ging es denen, die für sie arbeiten mussten? Heimliche Partys der Hausangestellten auf Versailles?

Doch darum dreht sich dieser Abend nicht. Es geht eben um Entmystifizierung. Und um ganz konkrete Fragen – und Aufgaben. Welche Erwartungen werden an die Frauen an der Tür herangetragen, welche Rollen nehmen sie ein? Je nach Veranstaltung, Veranstalter und Club sollen Frauen an der Tür deeskalierend wirken, oder sie werden nur als (im Tür-Jargon) «Taschenmädchen» angestellt. Hier erfolgt die geschlechtsspezifische Rollenzuweisung nicht nur durch die Leitung, sondern häufig auch durch andere männliche Türsteher, die Frauen den «richtigen» Job an der Tür nicht zutrauen.

Frauen, die Nein sagen, und das gehört sogar mit an erster Stelle zu ihrem Job. Das macht doch was mit diesen Frauen – und ist auch ein starkes feministisches Vorbild für andere Frauen. Leider werden diese letztgenannten Aspekte nicht direkt besprochen. Doch bilden sie die Basis des Gesprächs, das ist deutlich spürbar. Haltung und Antworten der Türsteherinnen geben zu verstehen, dass sie die Technik des bestimmten Deeskalierens beherrschen. Es besticht auch ihr Wissen über Möglichkeiten und Wichtigkeiten von gewerkschaftlicher Organisiertheit. Bisher gibt es noch keine solche Gewerkschaft, aber es wird daran gearbeitet. Unter anderem, wenn einer die dritte Anzeige wegen (vermeintlicher) Körperverletzung ins Haus flattert, sei es gut, sich austauschen zu können und unterstützt zu werden.

Der Tür-Job als Rolle, die eingenommen wird und die wieder abgelegt wird, dies wird ebenfalls thematisiert. Und zeigt, dass vermeintlich eindeutig männliche Verhaltensweise wie Durchsetzungsvermögen völlig genderless sind (aber das haben wohl alle auf der Veranstaltung Anwesenden vorher gewusst). Anders verhält es sich mit den Formen der Beschimpfungen, die sich die weibliche Tür, die abweist, anhören muss: Da würden dann brachiale Wünsche nach sexualisierter Gewalt angedroht.

Türarbeit ist Teamarbeit, das wird schnell klar. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, oft allein und in Sekunden, jedoch wird sich gegebenenfalls auch die Zeit genommen, sich kurz zu besprechen und dann zu entscheiden. Grad der Alkoholisierung, Umgang mit den anderen Leuten in der Schlange, Reaktionen auf den Flaschensammler – das alles können Gründe dafür sein, weshalb Menschen nicht hereingelassen werden. Der darunterliegende Grund ist, einen diskriminierungsfreien und offenen, antisexistischen und antirassistischen Raum zu schaffen bzw. zu erhalten. Gleichzeitig ist die Tür ein Ort des Ausschlusses und damit auch der Diskriminierung. Wie diesem Widerspruch begegnen? «Am besten mit einer diversen Tür», rät das auf dem Podium sitzende Mitglied der Clubkommission Lewamm «Lu» Ghebremariam. Es habe einen positiven und diskriminierungsmindernden Einfluss auf die Gäste, wenn diese sehen, dass die Tür von diversen Menschen gemacht wird – und dies hat wiederum einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden der Gäste.

Neben der Türcrewzusammenarbeit ist auch die Zusammenarbeit zwischen der Leitungsebene eines Clubs und der Tür von besonderer Wichtigkeit. Denn letztendlich sei die Türpolitik Ausdruck des Clubideals oder der Clubutopie. Denn es geht ja um die Party – die auf die eine oder andere Art und Weise geschützt werden soll. Und jenseits der Utopie gibt es (leider mehrheitlich) Veranstalter und Clubs, die (z. B. wie im Dokumentarfilm Berlin Bouncer gezeigt) vor allem junge, weiße Frauen einlassen, nicht in erster Linie mit der Absicht, diese zu schützen, sondern zur Erstellung eines erlesenen, elitären Party-Publikums, in dem dann letztendlich (reiche) Männer Geld für die eingelassenen Frauen ausgeben (PoC sowie ältere und queere Menschen sind da eher selten und eher zu exotischen Zwecken vom Einlass betroffen, freundlich ausgedrückt). Rassistische und sexistische Türpolitiken seien schon Grund für die Auflösung eines Arbeitsverhältnisses gewesen, so eine der beiden Türsteherinnen.

Wenn über die Club-Kultur sinniert wird, steht im Mittelpunkt (fast) immer die Party. Dieser Abend beschäftigte sich mit den Rahmenbedingungen der Party, mit Sicherheit und Awareness. An diesem Ort geht es für alle Beteiligten um die Möglichkeit, einen sex-positiven, queer/feministischen, antirassistischen space zu gewährleisten. Alle sind sich einig auf dem Podium: Dies kann mit absoluter Sicherheit nie gewährleistet werden. Türsteherinnen – die Cherubim des paradiesischen Clubevents? Auch das nicht. Das Podium ist sich schnell einig darüber, dass es egal ist, wer die Macht des Zutritts inne hat: Jede_r kann Macht missbrauchen. Wenn ich mich auch im Nachgespräch mit anderen darüber austausche, dass Frauen, die von Berufswegen Nein sagen, eine positive Funktion als Vorbild erfüllen und mit der ihnen verliehenen Macht aufgrund eigener Erfahrung sehr wahrscheinlich differenziert und selbstreflektiert umgehen. Dies zeigte sich auch in den Diskussionsbeiträgen der Türsteherinnen auf dem Podium: Keine nahm von dieser Gesprächsposition zu viel Raum ein, niemand protzte mit Wissen, Anekdoten oder Erfahrung.

Am Ende möchte ich noch auf ein paar Fragen aus dem Publikum eingehen. Die erste Frage zielte auf die Tatsache, dass nur von Frauen an der Tür gesprochen wurde und verlieh dem Wunsch nach einer stärkeren Berücksichtigung einer queeren Perspektive Ausdruck. Es wurde darauf hingewiesen, dass Personen, die sich als nichtbinär bzw. als queer verstehen und als solche gelesen werden, sich ganz anderen Problemen gegenüber sähen. Diese Position habe nicht vereinnahmt werden sollen. Frage und Antwort zeigten das reflektierte Problembewusstsein und die Schwierigkeit, über Geschlechterkonstruktionen, die immer wieder stereotyp (z. B. an der Tür) hergestellt werden, hinwegzukommen. Die «diverse Tür» – wie von der Vertreterin aus der Clubcommission angemerkt – scheint hier ein mögliches Differenzierungsinstrument zu sein.

Eine sehr schöne und gute Frage zielte auf das Partyklientel: Schließlich seien die Gäste das Problem – wie könnten diese sensibilisiert werden? Auch in Fragen der Awareness und des sich Sorgens um Menschen, die gemeinsam feiern und es vielleicht gerade ein wenig übertrieben haben. Gegenseitige Achtsamkeit als Teil der Feierkultur – dies werde in der Clubcommission Berlin bereits versucht, unter das Partypublikum zu bringen, z. B. indem sie sich an solchen Podiumsgesprächen beteiligen.

Die letzte Frage von Birgit Ziener zielte auf den Zusammenhang der Arbeit an der Tür mit dem der Care-Arbeit. Inwiefern spielt Gender eine Rolle, wenn das Wochenende im Club mit Allroundbetreuung einen von den Lasten der Reproduktionsarbeit befreit und dafür von denen gezahlt wird, die sich das leisten können? Wohingegen diese Party-Care-Arbeit bzw. Awareness-Arbeit zumeist von Menschen ausgeübt wird, die in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten. Etwas worüber in Zukunft verstärkt nachgedacht werden soll, so die Moderatorin. Der Job der Tür ist eben auch (bisher) kein Ausbildungsberuf.

Beim Nachgoogeln im Berufslexikon unter Türsteher_in heißt es:

«Die Ausbildung für diesen Beruf ist nicht gesetzlich geregelt. Die erforderlichen beruflichen Kenntnisse und Fertigkeiten können betriebsintern oder in einer Kurzausbildung erworben werden, z.B. Europäische Detektiv-Akademie: ‹Doorman/Doorwoman›. Dauer: 40 Lehreinheiten […]» Zu den Anforderungen zählen «Bereitschaft am Wochenende zu arbeiten: Durchsetzungsvermögen, Fremdsprachenkenntnisse, Freude am Kontakt mit Menschen, Gepflegtes Erscheinungsbild, Kommunikationsfähigkeit, Organisationstalent, Problemlösungsfähigkeit, Serviceorientierung»

Aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive heraus betrachtet, ist es äußerst feministisch von Frauen an der Tür zu schreiben, über sie Filme zu machen (steht meines Wissens noch aus) und sie alle auf einem Podium im gemeinsamen Gespräch zu vereinen. Und nicht zuletzt auch dazu zu ermutigen, selbst als Frau an der Tür zu arbeiten. Im Vorfeld des Female Bouncer-Abends fand ein Workshop für Türsteherinnen statt. Auch wenn es heißt, dass Frauen schon immer auch an der Tür standen, verhält es sich vielleicht ähnlich wie mit der Reproduktionsarbeit: Kochen tun die Frauen schon immer (stereotyp gesprochen), berühmt werden die einzelnen Starköche.

Google ich «Frauen an der Tür» erscheinen Beiträge darüber, ob es sexistisch ist oder nicht, wenn ein Mann einer Frau die Tür aufhält. Wenn dort in Zukunft erscheinen würde: «Türsteherinnen von der Antike bis ins ://about blank – Frauen, die Nein! sagen» wäre das doch eine sehr positive Entwicklung.

Bevorzugte Zitationsweise

Hanitzsch, Konstanze: Female Bouncer. Über Frauen, die Nein sagen. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Gender-Blog, 11. März 2020, https://zfmedienwissenschaft.de/online/gender-blog/female-bouncer.

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