Cluster
Das Wort ‹Cluster› bezeichnet etymologisch Büschel oder Mengen, Formen der Ver- und Ansammlung sowie Bedingungen der Bezogenheit und Konstellation. In der Medienwissenschaft taucht der Begriff in der Diskussion von Assemblagen, Schwärmen und Crowds auf. Umgekehrt durchdringen postdigitale Funktionslogiken der Referenzialität, Algorithmizität und Gemeinschaftlichkeit soziokulturelle Zusammenhänge.1 Aufgrund seiner semantischen Offenheit ist der Cluster-Begriff ein Schauplatz solcher Durchdringungen: Er findet sich in gegenhegemonialen, ambivalenten und normativen Formen medialer Konnektivität und Kollektivität wie Hashtags, Links, Communities, Tribes, Bubbles oder Echokammern. Bei all diesen Verwendungszusammenhängen handelt es sich um Verdichtungen in Netzwerken, die auf Clustering basieren – der Erkennung von Korrelationen und Mustern im Datenmaterial entlang von Ähnlichkeit und Homophilie, die nach Wendy Chun segregierte Nachbarschaften bilden.2
Während die Medienwissenschaft die diskriminierende Seite des Clusterings vielfach rezipiert hat, wurde Chuns Forderung, auf Differenz basierende Muster zu kreieren, bislang kaum aufgegriffen. Unter Bedingungen des Technofaschismus steht jedoch nichts weniger als die Schaffung einer anderen Welt auf dem Spiel. Für Chun verläuft dieser Weg über eine von Schwarzen, queerfeministischen und dekolonialen Ansätzen informierte Rekonfiguration von Homophilie und Segregation hin zu Ko-Relation, Konflikt und Differenz. Dies erfordert neben der Zweckentfremdung existierender Werkzeuge auch die Praxis des ‹Maschinenverlernens›.3 Der Schwerpunkt lädt dazu ein, das von Chun entworfene Projekt eines Lebens in Differenz auszuloten. Zum einen schlagen wir vor, den Blick auf queerfeministische Cluster-Begriffe zu richten, die dieses Projekt unterstützen könnten: Das lose Netzwerk der Feel Tank-Gruppen verstand sich als Cluster von Bezugsgruppen (affinity groups), in denen Dissens produktiv wurde; in Lauren Berlants queerem Infrastrukturdenken tauchen Cluster als elastische Assemblagen auf,4 in denen Infrastrukturen porös und produktiv werden. Zum anderen hat die Unschärfe des Begriffs Integrationsqualitäten hervorgebracht, die technische Verfasstheiten, Statistik, epistemische Annahmen und soziale Beziehungen umfassen, und darüber hinaus das Potenzial haben, als Denkfigur und Trope zu firmieren. Diese Offenheit erlaubt es, Möglichkeiten der Rekonfigurationen von Clustern auszuloten und Entwürfe eines Lebens in Differenz in Vergangenheit und Gegenwart aufzuspüren. Motiviert ist dieser Vorschlag von Kara Keelings Insistieren darauf, dass eine andere Welt bereits existiert und die Aufgabe darin besteht, ihrer Poesie, ihren Refrains, Rhythmen und ihrem Rauschen zuzuhören.5
Leitfragen des Schwerpunkthefts sind u.a.: Inwiefern organisieren Medien bestimmte Formen von Clustern und verhindern andere? Welche alten und neuen medialen Praxen der Kollektivierung stellen sich polarisierenden Medienkulturen entgegen? Wie können Vorstellungen des Clusterings unwahrscheinliche Bündnisse, Safer Spaces oder «Gefüge vernachlässigter Dinge»6 infrastrukturieren, während sie Kritik, Dissens und Kontingenz einen konstitutiven epistemologischen Wert zusprechen?
Wir freuen uns darüber hinaus über Einreichungen zu u.a. folgenden Themen:
- Kritik an problematischen Anrufungen der Cluster-Form (z. B. Affirmation der Homophilie in der Netzwerkforschung; universitäre Exzellenzcluster; tech-industrielle Creative Industry Clusterings)
- Explorative Überlegungen zum ‹Maschinenverlernen› und Praxen der ‹Entnetzung›7
- Erzwungene Diskonnektivität und Vereinzelung (z.B. staatliche Zensur/Blackouts, Shadow Banning)
- Schwarze, dekoloniale und queerfeministische Re-Perspektivierungen medienwissenschaftlicher Infrastrukturforschung
- Analysen theoretischer, medialer oder künstlerischer Repräsentationen, Fabulationen und Poetiken von relationalem, differentiellem oder herrschaftskritischem Clustering (z. B. das Palaver bei Isabelle Stengers8)
- Cluster als ‹Datenbank-Ästhetik›9 oder als reflexive Erzählform (z. B. in episodischen Ensemble-Narrativen wie Sense8, The White Lotus, Die Amitié)
- Vernetzte Chorpraktiken, Flashmobs, queerfeministische Mailing-Listen
- Relektüren medienwissenschaftlicher Konzepte des Clusterings (z. B. Lynn Spigels ‹family circle›10) sowie ethischer Kollektivität (Marshall McLuhans ‹globales Dorf›11, Alexander Kluges ‹digitale Gärten›12)
- Clustering als Methode medienwissenschaftlicher Forschung und Lehre (Mapping, Dwelling, Kuratieren, dekoloniale Hackathons, Queer Digital Humanities)
Schwerpunktredaktion: Maja Figge und Stefan Schweigler
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Einreichung von Beiträgen (und ggf. Bildmaterial) bis 26.02.2027. Die vorgesehene Beitragssprache ist Deutsch. Einreichung per Email an figge[at]mdw.ac.at, stefan.schweigler[at]univie.ac.at
Texte sind vor Einreichung an den Styleguide der ZfM anpassen, der sich hier befindet: https://zfmedienwissenschaft.de/einreichungen. Eine Vorlage zur Beitragseinreichung, die die formale Anpassung der Texte erleichtern soll, ist dort ebenfalls zu finden.
- 1
Vgl. Felix Stalder: Kultur der Digitalität, Berlin 2016.
- 2
Vgl. Wendy Hui Kyong Chun: Queerying Homophily. Muster der Netzwerkanalyse, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. 10, Nr. 18 (1/2018): Medienökonomien, 131–148, doi.org/10.25969/mediarep/2336.
- 3
Vgl. Wendy Hui Kyong Chun: Discriminating Data. Correlation, Neighborhoods, and the New Politics of Recognition, Cambridge (MA) 2021.
- 4
Vgl. Lauren Gail Berlant: On the Inconvenience of Other People, Durham 2022, doi.org/10.1215/9781478023050.
- 5
Vgl. Kara Keeling: Queer Times, Black Futures, New York 2019, doi.org/10.18574/nyu/9780814748329.001.0001.
- 6
Vgl. María Puig de la Bellacasa: Matters of Care. Speculative Ethics in More than Human Worlds, Minneapolis 2017, doi.org/10.1017/S2753906700002096.
- 7
Vgl. Urs Stäheli: Soziologie der Entnetzung, Berlin 2021.
- 8
Vgl. Isabelle Stengers: The Cosmopolitical Proposal, in: Bruno Latour, Peter Weibel (Hg.): Making Things Public. Atmospheres of Democracy[Ausstellungskatalog], Karlsruhe, Cambridge (MA.) 2005, 994–1003.
- 9
Vgl. Lev Manovich: Database as Symbolic Form, in: Convergence, Bd. 5, Nr. 2, 1999, 80–99, doi.org/10.1177/135485659900500206.
- 10
Vgl. Lynn Spigel: Make Room for TV. Television and the Family Ideal in Postwar America, Chicago 1992, doi.org/10.7208/chicago/9780226769639.001.0001.
- 11
Vgl. Marshall McLuhan, Quentin Fiore: Das Medium ist die Massage. Ein Inventar medialer Effekte, Stuttgart 2011 [1967].
- 12
Vgl. Uwe Ebbinghaus: Gärten anlegen im Daten-Tsunami. Alexander Kluge im Interview, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.1.2010, dort gelöscht, aber noch abrufbar unter https://web.archive.org/web/20120215070746/http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/alexander-kluge-gaerten-anlegen-im-daten-tsunami-1596476.html (8.9.2026).