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Open-Media-Studies-Blog

Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Zwischenstand einer Diskussion

Dietmar Kammerer und Kai Matuszkiewicz über medienwissenschaftliches Forschungsdatenmanagement heute und morgen

21.4.2023

Einleitung

Als wir die Sonderreihe «Forschungsdaten in der Medienwissenschaft» im November 2021 auf dem OMS-Blog mit einem Auftaktbeitrag eröffneten, gaben wir nicht nur einen thematischen Einstieg, sondern sprachen auch eine doppelte Einladung aus. Erstens luden wir dazu ein, sich an der Diskussion zu beteiligen und deren Verlauf mitzugestalten. Wir wollten damit einen intrinsisch motivierten Fachdiskurs anstoßen, um die Spezifik medienwissenschaftlicher Forschungsdaten und des Umgangs damit zu erfassen. Nur wissenschaftsgetrieben schien es möglich, die Voraussetzungen für das Forschungsdatenmanagement (FDM) nach den Bedarfen der Medienwissenschaft zu schaffen. Zweitens erfolgte eine Einladung gedanklicher Art, indem wir dazu aufforderten, Forschungsdaten als «eine (mögliche) Perspektive auf die Transformation (geistes-)wissenschaftlicher Praxis unter den Bedingungen der Digitalisierung» zu verstehen. Diese Wendung rückt die Perspektive nicht nur in Richtung praxeologischer Ansätze, sondern macht die oft nur abstrakt diskutierte digitale Transformation der Medienwissenschaft konkret erfassbar und analysierbar. Auch wenn dieses Aufbrechen in neue (Forschungs-)Landschaften immer auch eine Abkehr vom Bekannten darstellt, so ist diese Neugierde am Erkunden eines unbekannten Terrains für die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Disziplinen essentiell und wir sind den Beiträger_innen sehr dankbar dafür, dass sie sich mit uns auf diesen Weg begeben haben. Mit dem vorliegenden Text möchten wir den bisher erreichten Stand der Diskussion zusammenfassen, um davon ausgehend einen Blick auf die möglichen nächsten Entwicklungen des FDMs in der Medienwissenschaft zu werfen. Dieser Blick soll abschließend mit einer dritten Einladung abgeschlossen werden, den Diskurs weiterzuführen, sehr gerne auch auf dem (neuen) OMS-Blog.

Forschungsdaten und Forschungsdatenmanagement in der Medienwissenschaft heute

Forschungsdaten und ihr Management werden für die Medienwissenschaft in ihren verschiedenen Bereichen, methodischen Ausprägungen und Fragestellungen zunehmend bedeutender. Das ist zugegebenermaßen eine Formel, die zu vage ist und zu oft wiederholt wurde, als dass sie noch als Wegweiser dienen könnte. Was aber lässt sich konkret beobachten? Wie sieht die Landschaft aus, die wir bislang durchquert haben? Zum einen sind zahlreiche neue Gebäude hinzugekommen. Viele davon gehören zur Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI), die 2020 gestartet ist. Die NFDI hat eine paradoxe Aufgabe: Gleichzeitig überall und auf allen Ebenen präsent zu sein, ohne die bestehenden Strukturen zu ersetzen oder zu verdrängen. Ihr Anspruch ist, eine föderierte Struktur zu sein, die vorhandene Akteur_innen miteinander vernetzt, dabei die lokalen Unterschiede bewahrt und alle Entscheidungen scholar-led trifft. Inwiefern sie diesem Selbstbild gerecht werden kann und die Klippen der Zentralisierung, der Redundanz der Angebote und der Nivellierung unterschiedlicher Fachkulturen umschiffen kann, muss sich noch herausstellen. Jenseits solcher Leuchttürme1 stehen kleinere Projekte wie media/rep/, das 2017 als  medienwissenschaftliches Repositorium für Open-Access-Publikationen gestartet ist, ab 2023 auch Forschungsdaten aufnimmt und sich darüber hinaus im engen Austausch mit dem Fach weiterentwickeln wird.2 Neben solchen Infrastrukturen, die als Angebote für Forschende eine gute Praxis des FDM ermöglichen sollen, stellen Fördereinrichtungen wie DFG, BMBF oder VolkswagenStiftung zunehmend konkrete und ausdifferenzierte Anforderungen im Bereich FDM an Förderanträge. Diese sind mal verpflichtend, mal optional, aber immer mit dem Ziel, dass Antragsteller_innen nachweisen, dass sie mit den Anforderungen des FDM in ihren Projekten vertraut sind und wenigstens die Mindestanforderungen umsetzen. Neben diesen beiden Faktoren, die – verkürzend und leicht polemisch – mit «Zuckerbrot und Peitsche» umschrieben werden könnten, möchten wir vor allem (erneut) an den oben genannten, dritten Aspekt erinnern: die Einladung, FDM als zentralen Aspekt der digitalen Transformation (geistes-)wissenschaftlicher Praxis zu begreifen. Wir möchten eine intrinsische Motivation wecken, eine gemeinsame Praxis im Umgang mit Forschungsdaten zu entwickeln, unabhängig von Vorgaben der Drittmittelgeber_innen und von Angeboten der Infrastruktureinrichtungen. Gutes FDM, so unsere Überzeugung, ist ein elementarer Bestandteil in der Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Praxis und eine Voraussetzung für neue Formen des wissenschaftlichen Publizierens. Darüber hinaus ermöglicht FDM neue Strategien in der Recherche und Zusammenstellung von Forschungsressourcen sowie neue Formen der Kollaboration. Welche Formen das im Einzelnen sein können, ermittelt man am besten in gemeinsamen Diskussionen und im Nachdenken über Forschungsdaten als Forschungsgegenstand. Ein Ort dieses Nachdenkens waren die Beiträge des OMS-Blogs (wie z. B. der Text von Sophie G. Einwächter), aber auch weitere Publikationen, die sich mit Forschungsdaten in medienwissenschaftlichen Teildisziplinen (wie z. B. Sarah-Mai Dangs «Forschungsdatenmanagement in der Filmwissenschaft») befassen, die die Auswirkungen von Forschungsdaten und deren Infrastrukturen auf medienwissenschaftliche Methoden (wie unser Beitrag im Handbuch Digitale Medien und Methoden) betrachten oder die das FDM im Fach selbst untersuchen.

 

Sonderreihe FDM revisited

Die Beiträge der Sonderreihe wendeten sich dem Themenkomplex Forschungsdaten in der Medienwissenschaft aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Gewichtungen zu. Lukas Weimer und Bastian Weiß widmeten sich in ihren praxisorientierten Texten der Publikation sowie Nachnutzung von Forschungsdaten. Bastian Weiß plädierte für eine pragmatische Forschungsdatenpraxis in der Medienwissenschaft, die der Veröffentlichung vorhandener Forschungsdaten die höchste Priorität beimisst, und zwar unabhängig von deren Bearbeitungszustand. Dergestalt wird die Publikation imperfekter Forschungsdaten in Kauf genommen, deren Aufbereitung zeitlich nicht darstellbar wäre, anstatt auf deren Veröffentlichung gänzlich zu verzichten. Handlungsleitend ist dabei das Motto: Lieber imperfekt publizieren als gar nicht. Lukas Weimers praxisnahe Fallstudie zur (Nach-)Nutzung FAIRer geisteswissenschaftlicher Forschungs- und Metadaten am Beispiel der DARIAH-DE-Infrastruktur ging von veröffentlichten Forschungsdaten aus und illustrierte, dass nicht nur Nachnutzende, sondern auch Veröffentlichende von FAIRen Forschungsdaten profitieren. Wer wie von publizierten Forschungsdaten profitiert und welche Bedeutung das FDM in der Medienwissenschaft spielt und spielen sollte, war das Thema der Beiträge von Sophie G. Einwächter und Sarah Dellmann, die dezidiert die Arbeitspraxis der Medienwissenschaft in den Blick nahmen. Sophie G. Einwächter setzte sich mit der Frage der Anerkennung von FDM als eigenständiger wissenschaftlicher Leistung, ergo deren Wert innerhalb der Reputationsmechanismen der Medienwissenschaft kritisch auseinander. Besonders bedeutsam sei es hierbei, die Publikation von Forschungsdaten nicht nur zu fördern, sondern auch anzuerkennen, indem Forscher_innen trotz Zeit- und Mittelknappheit einerseits extrinsisch inzentiviert und andererseits durch die nachhaltige Öffnung des Forschungsprozesses unterstützt werden. Das im Mai 2022 erschienene Positionspapier der DFG zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen zählt u. a. «das Einstellen von Ergebnissen in ein Datenrepositorium» explizit als akzeptierte Form der Publikation auf und geht damit in die richtige Richtung. Sarah Dellmann fragte, fußend auf Beobachtungen der medienwissenschaftlichen Arbeitspraxis, nach dem Verhältnis von FDM und Nachhaltigkeit in der Medienwissenschaft. Hierbei betrachtete sie die gegenwärtige Förderpolitik, den Umgang mit Kooperationen oder den Stand der Interdisziplinarität in der Medienwissenschaft. Ein erfolgreiches FDM in der Medienwissenschaft hänge stärker von der Besonderheit der Fachkultur denn von der Spezifik der Daten ab, so Dellmann. Wenn das FDM die Arbeitspraxis in der Medienwissenschaft verändert, so bedeutet dies natürlich nicht zuletzt, dass nach dem Stand der Forschungsdaten und ihres Managements in Forschung und Lehre zu fragen ist. Alexander Stark und Christoph Eggersglüß reflektierten in ihrem Beitrag, welche Auffassungen von Datenkompetenz gegenwärtig in der Medienwissenschaft und angrenzenden Forschungsfeldern wie den Digital Humanities existieren und welche Rolle diese bisher in der fachwissenschaftlichen Lehre spielen. Sie ermutigten die Medienwissenschaft, sich eingehender mit der Thematik zu befassen und hierbei auf Vernetzung sowie bestehende Datenbestände zu setzen. Erfolgreich könne die Vermittlung einer medienwissenschaftlichen Datenkompetenz aber nur sein, wenn die erstellten Lehr- und Lernmaterialien im Sinne einer Kultur des Teilens offen und frei lizenziert würden. Steffen Krämer legte in seinem zweiteiligen Beitrag dar, mit welchen Überlegungen sich medienwissenschaftliche Forschungsprojekte konfrontiert sehen, die mit sensiblen Daten aus sozialen Netzwerken arbeiten und sich somit mit dem Spannungsfeld aus Forschungsethik, Recht und Öffentlichkeit auseinandersetzen müssen. Hierbei ging er insbesondere auf personenbezogene Daten und Öffentlichkeitsstatus, Datenverarbeitung, konversationsbezogenes Sampling sowie Archivierung und Nachnutzung ein. Ein Beweggrund, diese Sonderreihe ins Leben zu rufen, bestand von Beginn an darin, eine Diskursplattform für Forschungsdaten und FDM in der Medienwissenschaft zu bieten. Wie fruchtbar diese Diskurse sein können, stellte der Bericht von Kai Matuszkiewicz über einen im Herbst 2022 in Marburg durchgeführten Workshop zu Forschungsdaten und FDM in der Medienwissenschaft aus. So erscheinen die Arbeit an und mit Daten in der Medienwissenschaft im Allgemeinen ebenso ein wichtiges Diskursfeld zu sein, wie die Arbeit mit sozialen Medien und deren Datenbeständen, oder das Vorhandensein und die Beschaffenheit von Dateninfrastrukturen.

Forschungsdaten in der Medienwissenschaft von Morgen

Damit sich FDM als alltägliche Praxis in der Medienwissenschaft weiterentwickeln kann, bedarf es künftig nicht nur Initiativen, Netzwerken oder Infrastrukturen, es braucht auch ein Sprechen und Nachdenken über Forschungsdaten in der Community, das sich im diskursiven Austausch, auf Workshops oder Konferenzen sowie in offenen Publikationsformaten entfalten kann. Einige Themenkreise sind dabei bereits deutlicher konturiert als andere: etwa die Bedeutung von Urheberrecht und Datenschutz, eine stärkere Fokussierung auf die Arbeitspraktiken der Medienwissenschaft und damit auch eine Neuperspektivierung der stets virulenten Methodenfrage (wie sie auch in der ersten Sonderreihe dieses Blogs geführt wurde), die durch die Annäherung an Informatik, Data Science oder Sozialwissenschaften befeuert wird und die Geisteswissenschaften im Allgemeinen erfasst hat. Vielleicht noch nicht so ersichtlich ist die bedeutende Stellung, die Infrastrukturen als integraler Bestandteil einer zukünftigen Medienwissenschaft einnehmen werden sowie die damit zusammenhängenden Probleme ihrer nachhaltigen Finanzierung und Betreuung. Des Weiteren ist Forschungsethik ein Thema, mit dem sich nicht nur Medienethnograph_innen, Mediensoziolog_innen oder Netnograph_innen eingehender auseinandersetzen müssen. Unabhängig davon, ob sich die Medienwissenschaft mit digitalen Medien als Untersuchungsgegenstände befasst, wird sie sich, bedingt durch die digitale Transformation, in zunehmendem Maße als digitale Wissenschaft begreifen müssen. Hierdurch rückt die Gretchenfrage, wie es die Medienwissenschaft mit den Digital Humanities hält, in den Vordergrund. Damit geht aber nicht nur die Frage nach Methodenimporten einher, sondern auch die Frage nach dem Selbstverständnis als wissenschaftliche Disziplin. Medienwissenschaftliche Forschung lässt sich in dem Zuge weniger produktorientiert als vielmehr prozessorientiert denken. Das ermöglicht neue Blickwinkel z. B. auf den Datenlebenszyklus, der künftig in seiner Gänze betrachtet werden sollte: Neben den viel diskutierten Aspekten der Erhebung, Speicherung und Publikation von Daten wurden der Planung des FDM im Projektverlauf und der Nachnutzbarmachung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Und letztlich, wenn auch vielleicht etwas abstrakter, bietet das Nachdenken über das FDM in der Medienwissenschaft auch die Chance, über die Datafication der Medienwissenschaft selbst nachzudenken. Diese ermöglicht einerseits interessante Analysen medienwissenschaftlicher Arbeitspraktiken für das Fach selbst, eröffnet andererseits aber auch die Option, dass andere Akteur_innen medienwissenschaftliche Arbeitspraktiken mit eigenen Interessen analysieren. Das ist gerade vor dem Hintergrund bedeutend, dass über die Bereitstellung von Open-Science-Dienstleistungen kommerzielle Anbieter wie die RELX Group ihr Geschäftsmodell des Verlegens von Publikationen hinter sich gelassen haben, um zum Daten- und Informationskonzern aufzusteigen. Derartige Entwicklungen haben als Ausprägung des «surveillance capitalism» potentiell schädliche Auswirkungen auf die wissenschaftliche Praxis, weshalb die damit verbundenen Geschäftspraktiken einer eingehenden Betrachtung durch die Medienwissenschaft bedürfen. Ein von der Wissenschaft selbst entwickeltes und gesteuertes FDM kann hierfür ein Anknüpfungspunkt sein. Fachspezifische Empfehlungen zum FDM, wie sie in anderen Disziplinen bereits etabliert sind, sind eine Möglichkeit, sich als Fach mehr Klarheit zu verschaffen. Solche Empfehlungen könnten nicht nur dazu dienen, Mindestanforderungen an ein gemeinsames FDM zu formulieren, sondern zugleich auch die Grenzen der gewünschten Vereinheitlichung von Standards und Praktiken im Umgang mit Daten festzustellen.

Ausblick

Wir wollen im OMS-Blog weiterhin gemeinsam mit der Community über das FDM von Morgen nachdenken und damit auch über die Medienwissenschaft als digitales Fach. Wir sind für Vorschläge, Ideen, Themen, auch für kritische Einwände gegen das bisher Gesagte offen und dankbar. Nur als Anregung: Insbesondere freuen wir uns über Erfahrungsberichte in der Implementierung von FDM, ob im eigenen Forschungsprojekt oder in einer Institution. Dazu zählen wir auch die Umsetzung der Rahmenbedingungen für FDM, etwa in der Wissenschaftsbewertung. Was heißt es zum Beispiel, das DFG-Positionspapier in der Medienwissenschaft umzusetzen? Beiträge könnten von der Erstellung eines Datenmanagementplans für ein Projekt berichten oder anhand konkreter Fälle die Herausforderungen und Chancen in der Nachnutzung oder der Publikation von Open Data abwägen. Schließlich sind wir auch gespannt darauf, welche Forschungsdaten gerade «da draußen» entstehen: Show Your Own Data! Wir wollen, mit anderen Worten, FDM als Alltag und als gelebte Praxis in der Medienwissenschaft beschreiben.

  • 1Wir verwenden das Bild des «Leuchtturms», weil es in der Rhetorik der Förderpolitik so üblich ist, erinnern aber daran, dass der Zweck dieser nautischen Infrastruktur oft darin besteht, vor Untiefen und Klippen zu warnen. Man sollte niemals auf einen Leuchtturm zusteuern.
  • 2Disclaimer: Die Verfasser dieses Artikels waren bzw. sind aktuell die Koordinatoren von media/rep/.

Bevorzugte Zitationsweise

Kammerer, Dietmar; Matuszkiewicz, Kai: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Zwischenstand einer Diskussion. Dietmar Kammerer und Kai Matuszkiewicz über medienwissenschaftliches Forschungsdatenmanagement heute und morgen. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Open-Media-Studies-Blog, , https://zfmedienwissenschaft.de/online/wo-stehen-wir-wo-wollen-wir-hin-zwischenstand-einer-diskussion.

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