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Videography

Der Videoessay als feministischer Remix

Medienproduktion aus der Perspektive der Schauspielerin

29.2.2024

English Version

Aufbauend auf feministischen videografischen Arbeiten befasst sich dieser Videoessay mit der schwer fassbaren Beziehung zwischen audiovisuellen Darstellungen und medialen Produktionsverfahren.

Bei der erneuten Betrachtung der Videoessays von Laura Mulvey,1 Allison de Fren2 und anderen stellt Catherine Grant fest, dass diese Wissenschaftlerinnen in ihren Arbeiten nicht nur audiovisuelle Inhalte kommentieren, sondern Videoessays dazu nutzen, ihre Forschungsobjekte zu ‹remixen›, um weibliches Handeln, Stereotypen und Blickbeziehungen zu untersuchen.3 Auf diese Weise, so Grant, kann die feministische Videokritik sichtbar machen, was sonst vielleicht nicht so leicht wahrgenommen wird, und hat ein einzigartiges Potenzial, die Politik der Repräsentation nicht nur zu zeigen, sondern aktiv zu stören.4

In Anlehnung an Grants Beobachtungen schlage ich vor, dass die Werkzeuge der Videografie uns in die Lage versetzen, einen ‹feministischen Remix›5 zu produzieren. Der feministische Remix hinterfragt, wie sich überschneidende hegemoniale Vorstellungen von Geschlecht, race, Klasse, Sexualität usw. sowohl das, was wir auf dem Bildschirm sehen, als auch den Produktionskontext und die Arbeitsbedingungen hinter den Kulissen prägen.6 Die Verwendung feministischer Remixe als Lehrmittel oder die Aufgabe, dass Studierende ihre eigenen feministischen Remixe produzieren, verspricht, die Diskussion im Kurs zu bereichern und neue Perspektiven auf verschiedene Arten von audiovisuellen zu eröffnen, indem die Arbeit hinter den Kulissen als weitere Komponente in das Gespräch einbezogen wird.

Hier verwende ich einen feministischen Remix, um die Erfahrungen von Schauspielerinnen als Arbeitskräfte in den Mittelpunkt zu rücken und ihre Arbeit an der Schnittstelle von Produktion und Repräsentation in den Mittelpunkt zu stellen. In diesem dreiteiligen Videoessay werden Szenen aus Filmen und Fernsehserien der letzten 60 Jahre mit den Aussagen der Schauspielerinnen über ihre Erfahrungen am Set und die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, vermischt, insbesondere im Hinblick auf ihre Darstellung junger Frauen auf der Leinwand.

Der erste Teil enthält unbearbeitete Szenen aus Some Like It Hot (Billy Wilder, 1959), Euphoria (HBO, 2019-) und One Tree Hill (The WB/The CW, 2003-2012), um die anhaltende Einengung von Schauspielerinnen auf stereotype, sexualisierte Rollen über alle Zeiten, Medien und Genres hinweg hervorzuheben. Amy Lawrence nennt dies «the problem of the woman‘s voice» (das Problem der weiblichen Stimme): weibliche Figuren werden durch eine männliche, oft sexistische Sichtweise dargestellt, was dazu führt, dass die authentischen Stimmen der Frauen auf der Leinwand zum Schweigen gebracht werden.7

Im zweiten Teil werden geschnittene Versionen derselben Szenen aus Filmen und Fernsehserien mit Auszügen aus Interviews und Podcasts der Schauspielerinnen überlagert. Dieser feministische Remix lässt die Worte verstummen, die für die Frauenrollen geschrieben wurden, und bringt stattdessen die Schauspielerinnen mit ihren Stimmen aus dem Off wieder zusammen. Die unzulängliche Übereinstimmung von Ton und Bild verweist auf Abwesenheiten und wirft Fragen auf. Die Erinnerungen der Schauspielerinnen bringen die Zuschauenden dazu, das Material anders zu sehen und zu erleben, und regen uns dazu an, uns mit den Auswirkungen von Geschlechternormen und Frauenfeindlichkeit auf die Arbeit hinter den Kulissen auseinanderzusetzen.

Im dritten Teil des Videoessays werden die Handlungsmacht und die Erfahrungen von Schauspielerinnen durch die Zusammenstellung einer audiovisuellen Diskussionsrunde in den Mittelpunkt gestellt. Trotz der unterschiedlichen Projekte und intersektionalen Identitäten der Schauspielerinnen tauchen gemeinsame Themen auf, die die Notwendigkeit verdeutlichen, die Rolle der Schauspielerinnen in der Medienproduktion weiter zu untersuchen.

  • 1Laura Mulvey: Gentlemen Prefer Blondes (remix remixed 2013) in: Catherine Grant et al., [in]Transition: Editors’ Introduction, in: [in]Transition: Journal of Videographic Film and Moving Image Studies, Jg. 1, Nr. 1, 2014.
  • 2Allison de Fren: Fembot in a Red Dress, in: [in]Transition: Journal of Videographic Film and Moving Image Studies, Jg. 2, Nr. 4, 2016.
  • 3Catherine Grant: Looking at To-Be-Looked-at-Ness: Feminist Videographic Criticism, in: [in]Transition:Journal of Videographic Film & Moving Image Studies, Jg. 4, Nr. 1, 2017.
  • 4Ibid.
  • 5Ich fasse meine Definition des ‹feministischen Remixes› absichtlich weit, da ich hoffe, dass – im Sinne der Disziplin – andere Videoessayist*innen den Begriff flexibel verwenden und weiterentwickeln, was als feministischer Remix verstanden werden kann. Ich erhebe auch nicht den Anspruch, die erste zu sein, die einen feministischen Remix produziert, und dieses Projekt wurde von vielen brillanten videografischen Arbeiten erfahrenerer Wissenschaftler*innen inspiriert. Siehe zum Beispiel Catherine Russell und Shannon Lynn Harris: Barbara Stanwyck Rides Again, in: [in]Transition: Journal of Videographic Film & Moving Image Studies, Jg. 8, Nr. 3, 2021.
  • 6Obwohl sie im Forschungsfeld des Videographic Criticism keine Hauptrolle spielt, gibt es einige hervorragende videografische Erkundungen der Arbeit hinter den Kulissen. Siehe zum Beispiel Katie Bird: Feeling and Thought as They Take Form: Early Steadicam, Labor, and Technology (1974-1985), in: [in]Transition Journal of Videographic Film & Moving Image Studies, Jg. 7, Nr. 1,2020. Siehe auch Aaron Taylor: Thinking Through Acting: Performative Indices and Philosophical Assertions, in: [in]Transition Journal of Videographic Film & Moving Image Studies, Jg. 3, Nr. 4,2016.
  • 7Amy Lawrence: Echo and Narcissus: Women’s Voices in Classical Hollywood Cinema, Berkeley 1991.

Bevorzugte Zitationsweise

Brüning, Kristina: The Video Essay as Feminist Remix. Centering Actors' Labor and Experiences. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Videography, , https://zfmedienwissenschaft.de/en/online/videography-blog/der-videoessay-als-feministischer-remix.

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