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Videography

Kreative Resonanz und der audiovisuelle Essay

Zwischen dem globalen Imaginären und lokalen Affekten

29.2.2024

English version

Als ich anfing, über die pädagogischen Aspekte der videografischen Praxis nachzudenken, dachte ich sofort daran, wie viel ich selbst online gelernt hatte, nicht nur, weil Videoessays meist im Internet zirkulieren, sondern auch dank des vielfältigen Lehrmaterials, das dort verfügbar war. So hatte ich zum Beispiel nicht an den Middlebury-Workshops teilnehmen können, konnte aber auf viele ihrer Inhalte auf ihrer Website zugreifen. Darüber hinaus war es lehrreich, renommierten Videoessayist*innen wie Ariel Avissar oder Catherine Grant in den sozialen Medien zu folgen. Dennoch reicht es nicht aus, aus der Ferne online teilzunehmen und nachzuahmen. Ich habe Videoessays erst dann unterrichtet, als ich selbst welche gemacht hatte, wodurch sich mein Bezug zu Videoessays veränderte und nun eng mit einer lokalen Dimension verknüpft war.  

Die Frage des pädagogischen Potenzials von Videoessays warf für mich auch die Frage der lokalen Resonanz auf: Welche Videoessays zeigen wir unseren Studierenden und worin unterscheidet sich das gemeinsame Schauen von ihrer Erfahrung, wenn sie sich Videos allein online ansehen? Welche Art von Essays verlangen wir wiederum von ihnen? Wie können wir mehr Kolleg*innen für diese Form gewinnen, sodass sie zu einer Kernkompetenz in unseren Lehrplänen wird? Dies wiederum führte mich zurück zu meiner persönlichen Erfahrung und zu meinen eigenen Schritten von Rezeption zu Produktion: Wann, wie und warum beginnen wir mit der Erstellung von Videoessays? Und inwiefern trifft der Einfluss durch die online zirkulierenden Videos auf ein unmittelbares und lokales Umfeld?  

Dieses Wechselspiel zwischen dem Lokalen und dem Globalen resoniert (wobei ich dieses Verb vielleicht nicht weiter nutzen sollte, sonst wiederhole ich mich unentwegt) mit den Schriften von Hartmut Rosa, einem Philosophen, dessen Werk ich während der COVID-Pandemie entdeckte, als unsere Existenz in der Welt sowohl durch eine verstärkte digitale Verbindung mit dem gesamten Planeten als auch durch eine physische Beschränkung auf unseren häuslichen Raum und eine körperliche Trennung von unseren üblichen sozialen und geografischen Interaktionen gekennzeichnet war.1 Damals halfen mir Rosas Untersuchungen der modernen kapitalistischen Gesellschaft durch die Prismen der Beschleunigung, der Kontrollierbarkeit und der Resonanz, das Problem unserer Existenzweise zu formulieren, die zu COVID ebenso beitrug wie zu den anderen diversen Krisen, die wir derzeit erleben. Heute hilft mir Rosas Einsicht auch dabei, über die vielfältigen Formen von Videoessays nachzudenken und ihre Bedeutung in Live-Events als gemeinsame Erfahrungen von Lehrenden und Studierenden zu verstehen. 

Formal geht dieses Video indirekt auf das pädagogische Potenzial der Videografie ein, indem es deren Fähigkeit veranschaulicht, theoretische Texte mit audiovisuellem Filmmaterial interagieren zu lassen, wie durch Verwendung von Voiceovers und Texteinblendungen. In gewisser Weise werden hier zwei Middlebury-Übungen kombiniert: die Übungen «Voiceover» und «videographic Epigragraph»2, die sich auf das assoziative Denken als performativen Analysemodus stützen. Studierende aufzufordern, sich mit einem theoretischen Text auseinanderzusetzen, indem sie ihn auf audiovisuelle Werke anwenden, die in sich schon einige Aspekte des Textes evozieren, ist eine gute Möglichkeit, aktives Lesen und kritisches Anwenden zu fördern. Audiovisuelle Formate und unser Verständnis von philosophischen Konzepten können sich in der Tat gegenseitig bereichern. Ich fand es besonders anregend, filmische Passagen zu finden, die assoziative Verbindungen zu Rosas Worten hervorrufen, so dass der Text eine zusätzliche, erfahrbare Präsenz in den von mir zitierten Erzähluniversen erhält. Die Multiversum-Passage von Everything, Everywhere, All at Once3 zum Beispiel verweist nicht unmittelbar auf die ‹Eskalation› und ‹Beschleunigung› einer kapitalistischen Moderne, aber ihr formaler Exzess, der manische Rhythmus des Schnitts und die mehrfachen Verpflanzungen des Körpers der Hauptfigur in eine Vielzahl möglicher Kontexte passen perfekt zu dem Zitat. Die Verbindung zwischen dem absoluten Zugang zur Welt einerseits und dem Gefühl der Entfremdung andererseits provozierte sofort eine Verbindung zu der desillusionierten Darstellung der Familie Roy in Succession.4 Insbesondere die Aufnahme von Kendall, der hinter der Glaswand auf dem Dach von Waystar Royco sowohl geschützt als auch eingeschlossen ist, schien ein perfektes visuelles Konzept zu sein, das Rosas Argumente auf den Punkt brachte. Insbesondere die Aufnahme von Kendall, der hinter der Glaswand auf dem Dach von Waystar Royco sowohl geschützt als auch eingeschlossen ist, schien ein perfektes visuelles Konzept zu sein, das Rosas Argumente auf den Punkt brachte.

Was den Begriff der Resonanz selbst betrifft, so kam mir zunächst Wenders' Der Himmel über Berlin5 in den Sinn, weil ich nach einer Filmfigur suchte, die auf einem Trapez schwingt (ein wörtliches Beispiel für das physikalische Phänomen der Resonanz). Dann wurde mir klar, dass sich die gesamte Geschichte wie eine poetische Verkörperung von Menschen anfühlt, die ‹schwingen›, jeder in seiner/ihrer eigenen Frequenz (in Form von Engeln, die den inneren Gedanken der Menschen zuhören und die einsamsten von ihnen trösten), was zu einem Beispiel für ‹Selbstveränderung› führt, wenn die von Bruno Ganz gespielte Figur, nachdem sie sich in die Trapezkünstlerin verliebt hat, die engelhafte Distanz aufgibt, um sich auf die bunte, instabile, aber resonante Körperlichkeit der sterblichen Welt einzulassen.

Die Filmaufführungsszene aus Michel Gondrys Be Kind Rewind6 verkörperte schließlich perfekt die Art von freudiger, feierlicher Stimmung beim Filmeschauen, nach der ich suchte, um die Aufführung der Videoessays der Studierenden im Unterricht mit dem langwierigen Prozess der Benotung schriftlicher Aufsätze zu kontrastieren (zumindest meiner Erfahrung nach). Das Benoten empfand ich oft als einen sehr antiklimaktischen Abschluss von Kursen, die weit aufregender waren als die Ergebnisse, zu denen sie schließlich führten (obwohl ich natürlich den pädagogischen Wert schriftlicher Aufsätze anerkenne). Ich habe selten einen Weg gefunden, Studierende dazu zu bringen, sich voll und ganz auf meine Kommentare zu ihren schriftlichen Arbeiten einzulassen, wohingegen Screening- und Feedback-Sitzungen konstruktive Kritik innerhalb der Gruppe auslösen und meine Kommentare nur einer von vielen Gesichtspunktes zu ihren Arbeiten ist. Ohne gleich das utopische Ideal in Gondrys Film zu bemühen, haben diese Sitzungen eine freudige Stimmung, die effektiv zum Lernen beiträgt, vor allem, weil der Bewertungsprozess bei Screening- und Feedback-Sitzungen in der Gruppe entsteht. Wie Estella Sendra in ihrem Artikel «Video Essays: Curating and Transforming Film Education through Artistic Research» erklärt, stellen videografische Aufgaben übliche Hierarchien und vorab festgelegte pädagogische Konventionen infrage: «Die Praxis der Videoessays führt zu einem inklusiven, kollaborativen und vielstimmigen Forschungsumfeld [...] und stellt die privilegierte Position des geschriebenen ‹Textes› in Frage, wenn dieser nur als das geschriebene Wort verstanden wird. Sie trägt auch dazu bei, die Distanz zwischen dem Status der Studierenden und dem der Forschenden aufzuweichen».7

Akademische Produktion und Bewertung lässt sich so auch als einen fortlaufenden Prozess und nicht als ein endgültiges, fixes Ergebnis für jedes Semester auffassen. In diesem Blog haben sich Evelyn Kreutzer und Johannes Binotto in ihrem «Manifest für videografische Verletzlichkeit» ebenfalls von Rosa inspirieren lassen und uns insbesondere dazu ermutigt, «nicht mehr über Erfolg», sondern «über Resonanz zu sprechen».8 Ich habe das Gefühl, dass das Kernwesen der audiovisuellen Essays in der Tat dazu beiträgt, eine andere Form der akademischen Anforderung an unsere Studierenden zu etablieren, weniger im Sinne des Erfolgsdrucks, sondern mehr in Verbindung mit persönlichem Engagement, das durch diese resonanten Momente gemeinsamer Seherfahrungen gefördert wird.

Nachtrag: Ich danke meinen Masterstudierenden des MIIC-Programms an der U. Paris Cité dafür, dass ich die Overhead-Aufnahmen ihrer physischen Desktops verwenden durfte, während sie im Unterricht an ihren Desktop-Filmen arbeiteten.


 

  • 1Siehe Hartmut Rosa: Social Acceleration: A New Theory of Modernity, New York 2015; und Hartmut Rosa: Aliénation et accélération: Vers une théorie critique de la modernité tardive, Paris 2014. 
  • 2Alle Übungen finden sich über den folgenden Link: sites.middlebury.edu/vfms22/assignments.
  • 3Everything Everywhere All at Once, Daniel Kwan, Daniel Scheinert, USA, 2022. 
  • 4Succession, kreiert von Jesse Armstrong, HBO, 2018-2023
  • 5Der Himmel über Berlin (Wings of Desire), Wim Wenders, Germany/France, 1987.
  • 6Be Kind, Rewind, Michel Gondry, USA/UK, 2008.
  • 7Estrella Sendra: Video Essays: Curating and Transforming Film Education through Artistic Research, in: International Journal of Film and Media Arts, Jg. 5, Nr. 2, Nov. 2020: 65-81, 68. 
  • 8Evelyn Kreutzer und Johannes Binotto: A Manifesto for Videographic Vulnerability, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Videography, 12 Juni 2023, zfmedienwissenschaft.de/en/online/videography-blog/manifesto-videographic-vulnerability.

Bevorzugte Zitationsweise

Hudelet, Ariane: Kreative Resonanz und der audiovisuelle Essay. Zwischen dem globalen Imaginären und lokalen Affekten. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, ZfM Online, Videography, , https://zfmedienwissenschaft.de/online/kreative-resonanz-und-der-audiovisuelle-essay.

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