Kinky terror, der ‹Fall Ronell› und die Körper akademischer Zeichenträger

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Mit den Reaktionen unter Republikanern und Reaktionären (z.B. Fox News und Friends) zu Kavanaugh sehen wir wieder – als ob wir noch ein Beispiel bräuchten – wie ein System, egal ob es gesetzlich Gleichstellung verpflichtet ist – die gewaltätige patriarchale Ungleichheit von Frauen und Männern aufrecht erhält. Wie es Gabriele Dietze auf dem Gender-Blog formuliert, "Auch in diesem Hearing ist es nicht ansatzweise gelungen, die systematische Verdinglichung von Frauen durch Männer auf dem Weg nach oben zur Sprache zu bringen und/oder ihre Zerstörung in den Blick zu nehmen." Diese traurige Realität bleibt im Kopf wenn ich an die Debatte und öffentliche Diskussion zum Fall Avital Ronell denke.

Ulrike Bergerman hat schon viele der relevanten Fragen aufgestellt. Ich möchte hier nur einen Aspekt hinzufügen, was ich aus Zeitgründen leider nur skizzenhaft zum Ausdruck bringen kann. Mich stört die Art des selbstverständlichen Automatismus womit einige Kommentator_innen fast reflexartig argumentieren, dass der Ronell Fall genauso zu betrachten ist, wie ein Fall von Sexual Harassment von Frauen durch Männer: "Er ist das Opfer und wir müssen bedingungslos hinter ihm stehen." "Frauen können auch Täterin sein." "Zur Zeiten von #MeToo müssen wir, die unsere Stimmen so laut gegen Männer erheben, die angeschuldet sind, auch öffentlich agieren [und sogar lauter schreien?] wenn es sich um eine Frau als angebliche Täterin handelt." Und so weiter.

Natürlich können Männer Opfer von Machtmissbrauch durch Frauen sein. Und es muss Regelungen geben, die solche Fälle addressieren und verhindern. Können aber solche Regelungen die gleichen sein, die Frauen von Sexual Harrassment durch Männer schützen sollen? Da bin ich mir nicht so sicher. Hierzu finde ich den Beitrag von Nerfertiti Takla sehr produktiv:

http://feministinterventions.com/2018/09/02/reitmanvsronell/

Sie argumentiert dass der Kampf gegen Sexual Harassment ein Kampf gegen strukturelle Sexismus ist, gegen Diskriminierung von Frauen und gegen patriarchale Strukturen. Solche Strukturen sichern z.B. dass ein männlicher Prof, der für schüldig in einem Title IX Verfahren gefunden werde, seine Stelle möglichst nicht verliert, seinen Ruf und Gehalt behält, und sein Verbrechen vertuschen kann. In einem Sinne ist Taklas Argument sehr provokativ, so in die Richtung Belästigung von Männern durch Frauen sollte nicht als "Sexual Harrassment" verstanden werden, weil der Begriff nur für die Ausübung von sexualisierten Gewalt gegen Frauen und im Kontext institutionellen Sexismus benutzt sein soll.

Natürlich soll offen über Machtmissbrauch durch Frauen gesprochen werden. Ronells Machtmissbrauch wurde aber weit und breit mit einer unvergleichbaren Wut und Schadenfreude offen diskutiert. Ich kann mich an keinen einzigen Fall von Machtmissbrauch/Sexual Harrassment von männlichen Profs erinnern, der so viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Takla zu folgen bedeutet nicht dass wir Frauen ihre "Handlungsspielräume" negieren – wie Angela Koch in ihrem Beitrag auf dem Gender-Blog argumentiert – sondern dass wir wahrnehmen müssen, dass in einem Universitätskontext und einem patriarchalen politischen und sozialen System, was von institutionellen Sexismus geprägt ist, es keine geschlechtsneutrale Regelungen zur Behandlung von Machtmissbrauch geben kann.

Marc Siegel

I would be interested to know how German academia perceives the protests by students against the handling of the complaint of Reitman by the university's administration. Also, the Chronicle reported that faculty teaching literature now drop to teach texts by Ronell because they think students should spend time on texts by authors with undisputed morality while Ronell now has entered a kind of moral twilight. These two consequences on the side of future reception of Ronell's oevre by junior and senior philosophy scholar might deliver a judgement over Ronell's behavior that could outlast the specifics how the complaint was handled.

Laubeiter

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Ulrike Bergermann ist seit 2009 Professorin für Medienwissenschaft an der HBK Braunschweig; zuvor SFB «Medien und kulturelle Kommunikation» Köln, Lise-Meitner-Habilitationsstipendium («Leere Fächer. Gründungsdiskurse von Kybernetik und Medienwissenschaft»), Vertretungsprofessuren in Bochum, wissenschaftliche Mitarbeit in Paderborn, Dissertation zur Notation von Gebärdensprachen. GfM-Vorstand 2007–2011, DFG-Lenkungsgremium Medienwissenschaft 5/2010–10/2017, Gründung der ZfM 2008 und Redaktionsmitglied der ZfM bis Heft 20, 2019; Gründung des Gender Blogs 2015. Schwerpunkte: Gender Studies, Postkoloniale Theorie. Publikationen etc.: www.ulrikebergermann.de

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