transmediale 2015: Capture All

transmediale 2015: Capture All

Gegenwartsdiagnose einer Kultur im Zeichen von Überwachung und Kontrolle
28. Januar–1. Februar 2015, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

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Mit ihrem Titel Capture All schlug die transmediale 2015 eine Gegenwartsdiagnose vor, die eine Kultur der Erschöpfung im Zeichen von Überwachung und Kontrolle ausmachte. In seiner Eröffnungsrede im Berliner Haus der Kulturen der Welt identifizierte der künstlerische Leiter des Festivals Kristoffer Gansing, der das Ausstellungs- und Tagungsprogramm gemeinsam mit Daphne Dragona kuratierte, die zunehmend umfassende Quantifizierung und Verdatung alltäglicher Äußerungen als ein zentrales Kennzeichen der techno-epistemologischen Situation der Jetztzeit. Die Problematisierung dieser Capture-All-Logik fungiere als «broader approach», der über eine Kritik der staatlichen Massenüberwachung hinausgehe und auch Phänomene der Selbstoptimierung und Gamification einschließe. «Track Sleep, Track Steps, Track Habits, Track Life», diese im Trailer-Video des Festivals aufgerufen Slogans, die einer Performance der Künstlerin Hanne Lippard entnommen sind, wiesen leitmotivisch auf die programmatisch adressierten medialen Praktiken der Erfassung hin, mittels derer laut Kuratorenteam die Verwandlung des Arbeitens, Spielens und Lebens in eine algorithmisch operationalisierbare digitale Ressource vollzogen werde. Deren potentielle Kommodifizierbarkeit und Finanzialisierbarkeit erwies sich im Verlauf des Festivals als zentrales Anliegen vieler Beiträge, die aus künstlerischer, aktivistischer und wissenschaftlicher Perspektive nach den medialen Ökonomien der Datengewinnung fragten.

 

 

Work, Play und Life hießen die drei thematischen «Streams», die eine lose Systematisierung des umfangreichen Festivalprogramms vornahmen, das neben Ausstellungen und Vorträgen diverse Workshops, Filmscreenings und Performances umfasste. Dass angesichts der großen Zahl an parallel programmierten Veranstaltungen ein Blick auf den Flyer genügte, um die oft beschworene fear of missing out des digitalen Zeitalters auszulösen, mutete dabei fast wie ein selbstreflexives Spiel des Festivals an, in das die Besucher_innen sich unversehens verwickelt fanden: Capture all – or try at least! Dabei zeigte sich auch, dass die spezifische Medialität der transmediale sich an dieser Stelle gerade einer digitalen Annäherung anzubieten schien. Das Festival, so man es denn möglichst vollständig erfassen wollte, funktionierte vor allem als Homepage gut. Die dort zugreifbaren Video-Live-Streams erlaubten schon während des laufenden Programms ein Hin-und-Her-Klicken zwischen synchron terminierten Veranstaltungen. Diese Videos bilden zugleich den Back-Katalog des Festivals, der in der Archiv-Rubrik der transmediale-Seite langfristig einsehbar bleibt. Eine Konferenz, die ihre eigene Dokumentation und digitale Präsentation so konstitutiv mitzudenken scheint, stellt auch die Frage nach dem Format des Tagungsberichtes. Denn über die transmediale zu schreiben bedeutet nicht zuletzt, über ein Set dauerhaft verfügbarer You-Tube-Videos zu schreiben. Die im Futur II automatischer Speicherung operierende Capture-All-Logik wird von der transmediale ebenso thematisiert wie vorgeführt. Retrograd kommen Möglichkeit und Anspruch einer umfassenden Berichterstattung wieder ins Spiel. An dieser Stelle seien daher mit Verweis auf die Archivseite und angesichts des Umfanges des Festivalprogramms ausdrücklich exemplarisch einige Themenkomplexe der transmediale skizziert.

Viele Konferenzbeiträge wiesen auf das bereits erreichte Ausmaß potentieller Kontrolle hin und entwickelten darin eine große Dringlichkeit, die auch konkret nach verbleibenden Handlungsspielräumen fragte. So erklärte der Eröffnungsredner Peter Sunde, Gründer des Payment-Servive Flattr und Sprecher der Plattform The Pirate Bay, der wenige Wochen vor seinem Auftritt auf der transmediale aus einem halbjährigen Gefängnisaufenthalt entlassen worden war, jegliche Subversionsversuche der gegenwärtigen digitalen Ordnung schon am ersten Tag des Festivals für vergeblich: «Capitalism won.» Als mögliche Alternative schlug er den freiwilligen Austritt aus der Gesellschaft vor. McKenzie Wark fragte in seinem Keynote-Vortrag «Capture All_Play», der die Planspiele urbaner Immobilienspekulationen mit der Gewinnlogik des Simulationsspiels The Sims parallel führte, ob man es womöglich schon gar nicht mehr mit einem Kapitalismus zu tun habe: «Maybe it’s something worse.»

 

 

 

 

Diese Momente schienen nicht zuletzt mit einer Revision und Aufarbeitung vergangener netzaktivistischer Utopien beschäftigt. Deren Ziele und Gründungsmythen wurden dabei auch direkt in die Tradition der Counter Culture der späten 1960er Jahre eingeschrieben. Nach einem Vortrag des Gedichtes All Watched Over by Machines of Loving Grace von Richard Brautigan aus dem Jahr 1967 stellte Felix Stalder, Moderator des nach dem Text benannten Panels All Watched Over by Algorithms, den Redner_innen für ihre spätere Diskussion die Frage: «What went wrong?» Panelteilnehmer Evgeny Morozov, der daraufhin sehr drastisch jegliche Versuche, sich dem von ihm als «Californian ideology» benannten Paradigma algorithmischer Gouvernementalität noch mittels theoretischer Analysen zu nähern, für wirkungslos erklärte, weil die Kräfte, die dieses implementierten nicht in «good faith» handelten, rief schließlich dazu auf, Wahlen zu gewinnen. Als Fehler der Gegenkultur identifizierte er, dass diese sich überhaupt auf die Medien konzentriert habe. «What did they get wrong? They never conceptualized or theorized capitalism.»

 

 

 

 

Anders als Morozovs Analyse es nahelegte, schienen auf der transmediale gerade medienwissenschaftliche Fragestellungen an den materiell-diskursiven Bruchlinien technischer und ökonomischer Systeme besonders produktiv zu werden. So wurden aus ihrer Perspektive spezifische Relais, die datenerzeugende digitale Technologien strukturell mit den Mechanismen der Verwertung des durch sie generierten Materials verschalten, konkret herausgearbeitet. Im von Jussi Parikka moderierten Panel Becoming Data Point zeigte etwa Anne Helmond in ihrem Vortrag Veränderungen der Internet-Infrastruktur hin zu einer zunehmenden Verbreitung des Plattformprinzips auf, das eine leichte Extrahierbarkeit von Content-Daten ermöglicht. Damit adressierte ihre Analyse eine Ebene technischer Materialität von Daten- und Netzwerkstrukturen, die mit Ausnahme etwa von Timo Arnalls Filminstallation Internet Machine im Ausstellungsteil der transmediale vergleichsweise wenig thematisiert wurde. So schien der «broader approach» der Capture All-Verfahren – als ubiquitäres Prinzip scheinbar ebenso unentrinnbar wie im Konkreten wenig greifbar – bisweilen selbst an jenem Mythos immersiver Reibungslosigkeit mitzuarbeiten, den er problematisierte. Einen Hinweis darauf, dass die zum Teil stark aufgeladenen Debatten um digitale Aktionspotentiale womöglich auch mit der spezifischen Affektpolitik der Netzkulturen selbst zu tun haben könnten, gab Ganaele Langlois’ Vortrag im selben Panel. Sie analysierte die Marktlogik der klar gegenderten online-shaming-Kultur, die sie als andere Seite einer auf Optimismus und Kreativität eingeschworenen «happy-metric of the like-button» beschrieb.

 

 

 

 

Auf die affektiven Dimensionen aktivistischer Initiativen verwies auch Mushon Zer-Aviv, der das Internet Post-Snowden als deprimierenden Ort schilderte. Im Panel ‹Becoming Fog›: Obfuscation in a Datafying World präsentierte Zer-Aviv die Ad-Blocking-Software AdNauseum als einen Versuch, sich spielerische Handlungsräume zurück zu erobern, statt Methoden zu entwickeln, sich besser zu verstecken. Die vorgestellte Software, die das Prinzip der Profilbildung durch Onlinewerbung affirmativ wendet, indem sie das flächendeckende Anklicken jeglicher Angebote automatisiert, ziele darauf, das Vertrauen, das den Markt auf die Datenerhebung als Methode überhaupt erst setzen lasse, strategisch in Frage zu stellen. Auch die im selben Panel präsentierten Projekte der Künstlerin Heather Dewey-Hagborg suchen nach Möglichkeiten, das Legitimationverhältnis zu verunsichern, das Techniken der Datengewinnung als Evidenzproduktion an Mechanismen der Auswertung koppelt. So präparierte Dewey-Hagborg ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse auf der Straße gesammelte Haare in einem öffentlichen Labor, um diesen genetische Informationen betreffend visueller Merkmale der dazugehörigen Personen zu entnehmen. Basierend auf diesen Daten erstellte sie mittels einer Software Gesichtsmodelle, die für eine Ausstellung dreidimensional ausgedruckt wurden. Einer Nachfrage aus dem Publikum, die diese künstlerischen Praktiken in die Nähe der Labor-Analysen Bruno Latours rückte, stimmte Dewey-Hagborg zu, berichtete aber auch von Anfragen verschiedener Behörden, das Verfahren in kriminalistischen Ermittlungen einzusetzen.

 

 

 

 

Trebor Scholz wies im von Mercedes Bunz moderierten Panel Your Future at Work: Logistics, Rights and Dilemmas darauf hin, dass der Erfolg einer Firma wie Uber, bei deren Software es sich nicht um «rocketscience» handele, keineswegs per se unvermeidlich sei und riet zu aktivistischem Pragmatismus «instead of counting down to next month’s apocalypse». Tatsächlich schien eine gewisse Lust am Untergang an vielen Stellen des Programms aktiv. Damit erinnerte die transmediale auch an die Anthropozän-Konferenz des vorherigen Jahres, die von HKW-Intendant Bernd Scherer schon in der Eröffnung als Kontextreferenz aufgerufen wurde. Für das pragmatische Nachdenken über ‹digital labour› zeigte sich in diesem Panel der Rückgriff auf die feministische Wages for Housework-Kampagne der frühen 1970er Jahre als konstruktive Perspektive, die von der Künstlerin Laurel Ptak in ihrem Projekt Wages for Facebook aufgegriffen wurde, um auf die strukturelle Angewiesenheit digitaler Wertschöpfungsmodelle auf die unbezahlte Produktion von content aufmerksam zu machen. Auch Judy Wajcman rief in der Keynote «Capture All_Work» die Tradition der Social Wage-Bewegungen als möglichen Horizont einer Kritik digitaler Arbeitsmodelle auf.

 

 

 

 

In der auf Deutsch vorgetragenen Keynote «Capture All_Life» beschrieb der Philosoph Byung-Chul Han die gegenwärtige digitale Ordnung als Herrschaft der Transparenz, die eine algorithmische Unsterblichkeit um den Preis des Lebens einsetze. Thesenhaft präsentierte Han eine eher assoziative als argumentative Denkbewegung, die sich aus einer kulturpessimistischen Perspektive auf einzelne Aspekte des foucaultschen Konzeptes der Biomacht sowie der deleuzianischen Kontrollgesellschaft zu beziehen schien. Diese wirkte in ihrer Tendenz zur aphoristischen Verrätselung mitunter selbst wie eine Intervention gegen die adressierte Transparenz. So handele es sich gegenwärtig, da die Transparenz nicht länger Frage der Optik, sondern der Mathematik sei, um kein televisuelles Modell der Angst, sondern um eine Herrschaft der freiwilligen Unterwerfung, denn die von der Freiheit ununterscheidbare Herrschaft wolle gefallen, nicht gefügig machen. In der anschließenden Diskussion forderte Han die Philosophie auf, aktiv zu werden und mehr Bereitschaft zu kritischer gesellschaftlicher Intervention zu zeigen.

Das transdisziplinäre Konzept des Festivals, künstlerische, aktivistische und wissenschaftliche Positionen in einen direkten Dialog zu bringen, erzeugte an vielen Stellen produktive Spannungen. Die Rolle der Künste zeigte sich dabei durchaus vielschichtig: So wurde die prekarisierte Kreativarbeit vielfach als Paradigma der neoliberalen Selbstausbeutung herausgestellt, zugleich zeigten sich künstlerische Strategien als zentrales Feld subversiver Übung. Auch der Eventcharakter des gut besuchten Festivals selbst schien nicht zuletzt mit dem Glamour der Künste zu rechnen. Gerade angesichts der Bedeutung affektbezogener Fragestellungen, deren epistemische Konstitutionsbedingung von Marie-Luise Angerer und Matteo Pasquinelli im Panel Devices of Affective Surveillance differenziert thematisiert wurden, stellte sich dabei auch die Frage nach dem Stellenwert der musikalischen Positionen, die im Partnerfestival der transmediale, früher «club transmediale» jetzt kurz «CTM», versammelt waren. Denn dieses behandelte in seinem eigenen Diskursprogramm nicht die digitalen Ökonomien der Capture All Logik, sondern setzte einen thematisch etwas anders gelagerten Schwerpunkt: unter dem Titel UnTune widmete sich die CTM 2015 den «direct bodily effects of frequencies, sound, and music». Wie das kuratorische Konzept des Festivals sich zu diesem Diskursprogramm verhielt, erschien dabei zum Teil weniger klar als im Falle der trotz aller Heterogenität auf thematische Ganzheitlichkeit setzenden transmediale. Denn die Programmierung der CTM, die unter anderem den 18-jährigen YouTube-Star Yung Lean umfasste, schien in diesem Jahr gerade auch Perspektiven einer emphatisch digitalen elektronischen Popmusik abzubilden, die virtuelle Komplexitäten der Post-Internet-Selbstvermarktung sowie ein Spiel mit klanglicher Warenförmigkeit selbst thematisiert. Damit schien sie pointiert auch Fragen zu stellen, die nicht nur mit der direkten physischen Wirkung von Sound, sondern mit jenen spätkapitalistischen Medienphänomenen befasst schienen, die parallel auf der transmediale diskutiert wurden.

 

 

 

letztes Update am 
26. Juni 2016

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