Tiefes Fahrwasser und Lonely Krauts

Tiefes Fahrwasser und Lonely Krauts

Das dritte medienwissenschaftliche Kolloquium der DFG: «Connect and Divide. The Practice Turn in Media Theory», Fraueninsel, Chiemsee, 26.–28. August 2015

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Seit einigen Jahren initiiert und finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Reihe von medienwissenschaftlichen Kolloquien, die der Weiterentwicklung des Fachs dienen sollen. Das dritte derartige Kolloquium war das erste, das auf Englisch abgehalten wurde und somit auch Gästen die Teilnahme ermöglichte, die ansonsten nicht im deutschen Wissenschaftssystem zuhause sind. Damit setzte die Veranstaltung ein Zeichen gegen einen vermeintlich deutschen Sonderweg in der Medienwissenschaft und öffnete sich bewusst einer internationalen Diskussion. Dass der Ausrichter Erhard Schüttpelz (Siegen) dafür ausgerechnet auf die Fraueninsel im bayrischen Chiemsee geladen hatte, könnte man als einen ironischen Kommentar zur Situation fassen – die klösterliche Abgeschiedenheit einer Klausurtagung auf einer Insel als Gegengift zur «splendid isolation». Ähnlich paradox brachte der Titel der Veranstaltung – «Connect and Divide. The Practice Turn in Media Theory» – die basale Operation der Trennung und Verbindung, die jeder medialen Operation zugrunde liegt, auf den Punkt. Im Kern zielte die Tagung ab auf den medialen Moment des Kontakts und der Übertragung, in dem Agenten und Protokolle, Dinge und Affekte, Denkweisen und Materie in einem potentiell unentwirrbaren Knäuel zusammenkommen und Kräfte der Verbindung und Trennung freisetzen. In der Betonung der Praxis könnte man darin auch eine Abkehr von einer vor allem theoretisch aufgeladenen und realitätsfernen Spielart mancher Medientheorien sehen. Insofern war es wohl kein Zufall, dass die Mehrzahl der Vortragenden keine medienwissenschaftlich ausgebildeten Fachkolleginnen war, sondern aus einer ganzen Reihe von anderen Feldern kam – von der Soziologie über die Religionswissenschaft bis hin zur Wissenschaftsgeschichte. Diese lieferten dabei Bausteine, um ein so komplexes Phänomen wie Praxis im Hinblick auf Medien zu konturieren und zu konzeptualisieren.

Praxis findet stets an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit statt. Wiederholt und mit unterschiedlicher Stoßrichtung wurde daher auch der genius loci angerufen: So geriet die gegenüber der Fraueninsel befindliche Herreninsel, auf der sich König Ludwig eine Versailles-Replik bauen ließ, unter dem Gesichtspunkt des Theorieimportes in den Blick, auch wenn auf der Tagung eher Toronto und Freiburg als Paris in die Debatte geworfen wurden. Um die Geografie von einem allzu starken Binarismus wegzuführen, wurde auch wiederholt auf die dritte Insel im See, die unbewohnte, aber landwirtschaftlich genutzte Krautinsel hingewiesen. Ob diese nun in bayerischer Mundart für «queer» steht oder sich im Sinne eines agentiellen Realismus zu einem «Kraut- und Rübenuniversum» öffnet, wurde zwar nicht abschließend geklärt, aber es öffnete sich ein semantisches Bezugsfeld auch für die Praktiken einer Konferenz, die neben dem Reden und Zuhören auch das Essen und Trinken, das Schwimmen und Spazierengehen umfasste. Die wissenschaftliche Praxis selbst erweiterte sich in der klösterlichen Klausuratmosphäre derart auf eine Lebenspraxis, ein in mittelalterlichen Zeiten durchaus übliches Verfahren.

Die erste Sektion zur Mediengeschichte wurde von Monika Dommann (Zürich) zusammengestellt, die eingangs daran erinnerte, dass die historiografische Quellenkritik immer schon eine Form der Medienwissenschaft war. Die Geschichtsschreibung ist dabei auf besondere Weise mit Schwierigkeiten konfrontiert, wenn sie sich für die Praxis interessiert. Praxis ist nicht für eine Aufzeichnung und Speicherung gedacht, sondern entfaltet und erschöpft sich im Augenblick des Tuns selbst, existiert zunächst einmal ohne eine Reflektion oder Tendenz zur Verstetigung. Jede Bewahrung eines gelebten Handlungsvollzugs ist notwendig partiell und unvollständig, nicht selten zufällig, auch wenn eine derartige Aufzeichnung durchaus strategisch oder taktisch eingesetzt werden kann. In jedem Fall sind Medien nötig für die Aufzeichnungsakte einer langfristigen Bewahrung, so dass eine Praxis wiederum nur medial aufgezeichnet werden kann und sich derart eine Struktur der Beobachtung zweiter Ordnung ergibt.

Die unterschiedlichen Fallstudien und methodologischen Sonden in dieser Sektion – von informellen Messmethoden über die Geschichtlichkeit digitaler Objekte bis hin zur Standardisierung von Papier in der Moderne – eröffneten das Feld der Medien- und Kulturtechniken. In allen Beiträgen zeigte sich die Frage nach dem Maßstab – welche Dimension nimmt man in den Blick, wie groß ist der zu beobachtenden Ausschnitt gewählt, welche Aspekte werden so beobachtet und welche sind damit ausgespart? Grundsätzlich ging es um die Wechselwirkung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Agenturen in komplexen Vorgängen und Prozessen der Übertragung und Kommunikation. Aber auch andere Fragen kamen zur Sprache, die Geschichts- ebenso wie Medienwissenschaft betrifft: Wie verhalten sich Empirie und theoretische Perspektive zueinander, welches Material findet sich überhaupt im historischen Abstand noch?

Die zweite Sektion erwies sich als eine Fundgrube, weil Religion und Medien in Deutschland noch allzu selten zusammen bedacht werden. Eine ernstzunehmende Religionswissenschaft, so argumentierte der Sektionsleiter Jeremy Stolow (Montréal), ist nur als Medienwissenschaft vorstellbar, auch wenn sich durchaus signifikante Differenzen zwischen den beiden Feldern abzeichnen. So stellt sich der Religionswissenschaft wohl noch deutlicher die Frage danach, mit welchen Instanzen, Akteure und Medien man es überhaupt zu tun hat: menschliche Handelnde, Artefakte materieller Kultur (Architektur, Kleidung, Requisiten), Praktiken wie Gebete oder Anrufungen, aber auch Agenten mit kontroversem Status (Engel, Götter, Dämonen)? Betreffen diese noch eine mediale Praxistheorie? Und finden sich die übernatürlichen Kräfte in der Welt oder in den neuronalen Netzen der Gläubigen?

Im Einzelnen kamen auch hier ganz unterschiedliche Objekte und Praktiken in den Blick – horizontale Bücher, das Handauflegen bei technischen Geräten (Radio, Fernsehen), spiritualistische Tonpraktiken und rituelle Steinen verdeutlichten, dass Religion es immer schon mit medialen Austauschprozessen zu tun hat, weil uns das Feld des Göttlichen und Religiösen nur in vermittelter Form zugänglich ist. Eine der zentralen Erkenntnisse, die man aus der Tagung mitnehmen konnte, bestand im Zugriff auf Material und Empirie. MedienwissenschaftlerInnen begeben sich in der Regel nicht dorthin, wo die Sozialwissenschaften das Feld verorten (es sei denn man bezeichnet das Archiv, die Bibliothek und das Netz als Feld) – dies ist eine der beklagenswerten Folgen der strikten Trennung von Medien- und Kommunikationswissenschaft, weil die Beschäftigung mit Medienpraxis etwas ist, das der Sozial- oder Erziehungswissenschaft zugeschrieben wird. Egal ob teilnehmende Beobachtung, «grounded theory» oder auch unterschiedliche Formen der Befragung – die Aneignung und Anwendung von anthropologischen und ethnographischen Methoden ist in der Medienwissenschaft bisher weitgehend ausgeblieben. Dass dabei potentiell eine reiche und produktive Quelle für unser Fach verloren geht, wurde in den zwei Tagen durch Beispiele vielfach deutlich. Ähnlich haben Andreas Dörner und Ludgera Vogt vor kurzem in einem programmatischen Beitrag in MEDIENwissenschaft: Rezensionen/Reviews argumentiert.

Die dritte Sektion, die Beiträge aus dem Feld der Gender- und Postcolonial Studies versammelte, wurde von der Leiterin Ulrike Bergermann (Braunschweig) mit dem Verweis auf die Frage der Macht eröffnet, gerade in komplexen Gemengelagen der verteilten Handlungsmöglichkeiten. Die Actor-Network-Theorie bietet hier einen möglichen methodischen Rahmen für die Beforschung von Netzwerken, in denen Menschen, Dinge und andere Agenturen gemeinsam wirken, aber auch Karen Barads agentieller Realismus und der neue Materialismus wurden im Verlauf der Sektion angesprochen, wie auch Mischungsverhältnisse von Cultural Studies mit avancierter politischer Philosophie.

In diesem Zusammenhang wurde auch darauf hingewiesen, dass wichtige Beiträge der praxiswissenschaftlichen Ansätze in (post-)kolonialen Zusammenhängen gewonnen wurden – man denke nur an Bourdieus Arbeit in Algerien, Mauss‘ Körpertechniken oder die frühen ANT-Studien aus afrikanischen Kontexten. Diese Urszenen verweisen auf komplexe Gemengelage von (Bio-)Macht und (Mikro-)Politik, auch wenn diese Aspekte sonst häufig nicht akzentuiert werden. In derartig performativ aufgeladenen Szenarien eröffnet sich auch das Spannungsfeld von Struktur und Handlung für die Medienwissenschaft, das diese bisher eher wenig interessiert hat. So ließe sich die Konferenz auch als eine Untersuchung zur Methode verstehen, denn es ging in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Beispiele darum, wie man mit Praxis umgeht, wie man sie beobachtet, aufzeichnet und verarbeitet. Und es ging schließlich auch darum, was die Praxis einer Konferenz mit der Praxis der Wissenschaft macht und wie der Fokus auf die Praxis die Medienwissenschaft verändert.

Die vierte Sektion wurde mit einem Statement von Nick Couldry eröffnet, in dem er auf seinen inzwischen gut zehn Jahre alten Artikel «Theorising Media as Practice» (Social Semiotics, Vol. 14, Nr. 2, August 2004) zurückblickte, in dem er damals seiner Frustration mit den dominanten Tendenzen der Medienwissenschaft Ausdruck verlieh. Tatsächlich – und in Übereinstimmung mit Couldrys eigenem Ansatz – wurden Thesen im Laufe der Tagung eher als Fragen denn als affirmative Äußerungen vorgetragen, ein Hinweis auf den prekären Status des Wissens in Feldern des Übergangs, aber auch bezogen auf den flüchtigen Aggregatszustand der Praxis.

Der Sektionsleiter der abschließenden vierten Abteilung zur Medientheorie, Erhard Schüttpelz, blieb den nautischen Metaphern treu und sah die Medienwissenschaft im tiefen Fahrwasser unterwegs, wobei das Problem der Besatzung darin besteht, sich nie über die Tiefe des Wassers klar zu sein, ehe das Boot unbeschadet sein Ziel erreicht oder auf Grund läuft. Dabei wurde auch deutlich, dass die Betonung der Operationen der Medien selbst, die ja häufig im Fokus unseres Faches steht, sich teilweise deutlich unterscheidet vom Interesse an mediatisierten Tätigkeiten, wie sie aus anderen Fächern eingebracht wurde. Impliziert ging es also auch darum, worin das ureigenste Erkenntnisinteresse der Medienwissenschaft nun eigentlich besteht: Wissen über Medien, Wissen über Menschen in mediatisierten Umgebungen oder Wissen über jedweden Umgang mit Medien.

Die Öffnung der Medienwissenschaft zu anderen Feldern wurde in dieser abschließenden Sektion noch einmal deutlich vor Augen geführt – zur Kulturanthropologie, Ethnologie und Soziologie. Worin im einzelnen nun die Beiträge der anderen Fächer nützlich sein können und wie sich daraus eine veränderte Medientheorie ergibt, das ist so generell noch nicht abzusehen. Deutlich wurden jedoch eine ganze Reihe von methodologischen und strukturellen Innovationen, die hoffentlich ihren Nachhall im Fach und darüber hinaus finden. Nicht zuletzt der gerade bewilligte Siegener Sonderforschungsbereich «Medien der Kooperation» wird sicher diese Spuren verfolgen.

 

letztes Update am 
23. April 2016

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