Timing of Affect

Timing of Affect

International Symposium, Kunsthochschule für Medien Köln, 30.05.-01.06.2013. Organisation/Idee/Konzeption: Prof. Dr. Marie-Luise Angerer (Köln) mit Dr. Bernd Bösel (Köln/Wien), Prof. Dr. Rolf Grossmann (Lüneburg), Prof. Dr. Michaela Ott (Hamburg), Jun.-Prof. Dr. Anna Tuschling (Bochum)

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"The increasing significance of affect as a focus of analysis across a number of disciplinary and interdisciplinary discourses is occuring at a time when critical theory is facing the analytic challenges of ongoing war, trauma, torture, massacre, and counter/terrorism. If these world events can be said to be symptomatic of ongoing political, economic, and cultural transformations, the turn to affect may be registering a change in the cofunctioning of the political, economic, and cultural, or what Brian Massumi in the epigraph to this introduction dubs the 'social'."1

In "Vom Begehren nach dem Affekt"2 forderte Marie-Luise Angerer 2007 dazu auf, die zunehmende Hinwendung zum Affektiven "symptomatisch" zu lesen und das sich formierende "affektive Dispositiv" machtanalytisch zu durchdenken, um den Diskurs vom Affekt historiosoziomedienkulturell in Bezug auf die Verfasstheit unserer Gegenwart zu befragen. 2013 versammelte Angerer nun mit dem Symposium "Timing of Affect" WissenschaftlerInnen heterogener Disziplinen, die den Affekt für eben diese Problematisierung und Befragung unserer Gegenwart zu mobilisieren vermochten: "Was geschieht heute? Was geschieht jetzt? Und was ist dieses 'Jetzt' ...? [...] ,Was also genau ist diese Gegenwart, der ich angehöre?'"3 So stellt Foucault den Typus kritischen Denkens vor, der nicht nach den Bedingungen "wahren Erkennens" fragt, sondern nach unserer Zugehörigkeit zu einem aktuellen Feld möglicher Erfahrungen und dessen immanenten Potentialitäten und der damit jeglichen Standpunkt eines erkennenden "Blicks von Nirgendwo" (Haraway) radikal infrage stellt. Vor diesem Hintergrund erscheint der Diskurs vom Affekt weder homogen noch ahistorisch denkbar, sondern verweist vor jeglicher Positionierung in affirmative oder kritische theoretische Haltungen auf ein Problematisches der Ontoepistemologie (Barad) unserer Aktualität selbst. Bereits die programmatische Herausstellung des Timing des Affekts muss also mehrdeutig gelesen werden; so steht sowohl die Zeitlichkeit des Affekts im Sinne eines virtuellen Intervalls, als auch die Zeitigung des Affekts im Sinne einer auftauchenden historischen Konstellation und Konfiguration, auf dem Spiel. Unter dieser Perspektive der Zeit des Affekts tritt damit der Einsatz der Tagung hervor: Es geht nicht um das vermeintliche Wesen des Affekts, um eine vorgängige Realität, sondern um spezifische Anordnungen, die nicht von der Frage der Technologie getrennt werden können, den digitalen "Neuen Medien" und "Biomedien", der Frage des Politischen, der Machtverhältnisse, des Kapitalismus in neoliberaler Gestalt, der Politiken des Nicht-Menschlichen, einer "postbiologischen Bedingung" (Clough), der Ästhetik und Sexualität - kurz jener kritischen Befragung des Feldes unserer Zugehörigkeiten.

Moira Gatens (Sydney) machte den Auftakt zur Tagung und dem ersten Panel "Between Affect and Affection" mit ihrem Vortrag "Affective Transitions and Spinoza's Art of Joyful Deliberation", in dem sie sich kritisch auf die 'Vereinnahmung' von Spinozas Philosophie durch den affective turn bezog und die dominante Form des zeitgenössischen Affektdiskurses als ein entpolitisiertes Unternehmen ausstellte. Wenn die Zeit des Affekts gegenwärtig hereinbricht als eine medientechnologische Anordnung, in der aufgrund der Allgegenwärtigkeit ubiquitärer Netzwerke, "alles grundsätzlich und unbedingt mit allem anderen verbunden ist", so scheint nun Spinoza nachträglich "seine 'Zeit' gefunden zu haben".4 Problematisch werde diese Konvergenz zwischen Medienrealität und Theorie nach Gatens, wenn der Reflexionsabstand kritischer Theorie zugunsten emphatischer Bezüge gänzlich eingeebnet wird. Ins Zentrum ihrer Kritik zeitgenössischer Affektdiskurse stellte Gatens Brian Massumis Spinoza-Lektüre, welche auf einer Autonomie des Affekts insistiert. Die Proklamation der Autonomie affektiver Intensität, die Massumi bekanntlich über das Timing des Affekts herleitet, über die "fehlende halbe Sekunde", die eine zeitliche Kluft zwischen Affektion und (dem immer-zu-spät-kommenden) Bewusstsein bedingt, stellt nach Gatens den "infrage-zu-stellenden" Kern gegenwärtiger Affektdiskurse dar, insofern hiermit ein Primat des Affekts vor der Sprache eingefordert werde. "Die fehlende halbe Sekunde" würde derart bei Massumi als virtueller Überschuss des Affekts im Verhältnis zu Formen der Signifikation interpretiert. Diese Lesart würde damit zu einer Romantisierung und Naturalisierung des Affekts führen, als einer vor-sozialen, vor-kulturellen, vor-sprachlichen und vor-symbolischen Realität körperlicher Existenz. Ihr affektkritischer Beitrag schloss daher mit der Frage, was diese 'asoziale' Interpretation des Affekts für die Kulturwissenschaften eigentlich so begehrenswert macht.

Eine Verschiebung dieser Perspektive ermöglichte Marie-Luise Angerers (Köln) Beitrag "Timing of Affect – Moving Bodies and Machines", der anhand der zentralen Frage der Zeitlichkeit des Affekts herausstellte, inwiefern der Affekt als theoretisches Konzept zwar einerseits für Unmittelbarkeitsfantasien eingespannt werde, aber umgekehrt eben gerade das Potential berge jegliche Ursprungslogik zu durchkreuzen. Insofern nämlich die Medialität der Zeitlichkeit der Affektivität auf eine immanente Differentialität verweise, die den Affekt als bedeutsam herausstelle für ein Denken von Mittelbarkeit, und gerade jene Begehren nach Authentizität und Ursprünglichkeit radikal unterwandere. Ausgangspunkt von Angerers Argumentation bildete die Frage, warum wir gegenwärtig derart interessiert seien an kleinsten Mikrobewegungen von Körpern und subjektlosen Mikrowahrnehmungen, jener Zone der Unbestimmtheit, "auf der sich humane und maschinische Körper treffen (sollen)".5 Die medienbedingte Erzeugung dieser mikrotemporalen Affektivität zeigte Angerer anhand zweier historischer Linien der Zeitigung auf, der Spannung zwischen einer mechanistischen und einer lebendigen Zeit, und deren medientechnologischen Produktionsbedingungen. Gegen das naturalisierende Schema einiger Affektlesarten, führte Angerer aus, inwiefern es nicht um Rückkehr zu einer vorgängigen Sinnlichkeit ginge, sondern um eine "(medien-)technische Implementierung" der Zeitigung des Affekts. Derart gelte es der Ambivalenz Rechnung zu zollen, dass auf der einen Seite die digitalen Medienindustrien affektive Relationalität als heilsversprechende Figur von Unmittelbarkeit aufrufen. Auf der anderen Seite gelte es gegen diese Figuration des Affekts hier einen Abstand zu denken, der von diesem Diskurs negiert werde – (nicht den Abstand durch Repräsentation, sondern) den Affekt als Abstand selbst, als Intervall, Verrutschung, Unterbrechung, Lücke der Zeitlichkeit, In-Medialität – den Affekt als Differenz zu sich selbst. In dieser Zuspitzung, die all jene Affektdiskurse herausfordert, die sich auf ein totalisierendes Begehren nach Geschlossenheit, Verschmelzung, Identität stützen und den dem Affektiven inhärenten Bruch verleugnen, wird Angerers Interpretation und Starkmachen des timing of affect als weitreichendes Projekt einer "affektiven différance" konturiert.

Michaela Otts (Hamburg) Beitrag "'Timing of Affect' as ,First Aesthetics'" stellte mit der Figur der Affizierung das Primat der Ästhetik vor jeglicher Ontologie heraus. Wenn Affizierung einen primären temporalen (Selbst-)Konstitutionsprozess ausdrückt, dann tritt an die Stelle des ontologischen Grundes eine "erste Ästhetik" der (grundlosen) Verzeitlichung, die sie gegenwartsdiagnostisch als "umfassende Senso(techno)ökologie"6 fasst, die ein genuin dividuelles Sein bedinge. Ott folgte dann in ihrem Vortrag den epistemologisch-ästhetischen Figuren der Affizierung quer durch die Philosophiegeschichte bis hin zu seinen zeitgenössischen medientheoretischen Aufrufungen, in denen das Verhältnis zwischen medialen Ästhetiken und dividuellen, nichtsubjekt-basierten/-zentrierten Modalitäten der Subjektivierung in den Vordergrund des Interesses rückt.

Diese "Sensotechnoökologien" waren dann am Abend im Rahmen der Rauminstallation "Atmosphere@glasmoog" und der Performance Lecture "Affective Atmospheres: Can we talk of objects when they go through you....?" des kanadischen Künstlers Chris Salter (Montreal) ganz konkret zu erfahren. "Atmosphere" ist eine Art nichtmenschliche Ökologie der Affekte, die sich aus der Interferenz zwischen Akustik, Sound, Licht, Nebel, zeitlicher Modulation herausbildet – als ein Raum der Mikro-Differenzen, Vibrationen, Frequenzen und Resonanzen. "Atmosphere" streicht Ursprünge und abgeschlossene Entitäten durch, um Ereignisse "aus der Mitte" (Deleuze/Guattari) emergieren zu lassen, in und aus den Intra-Aktionen (Barad) zwischen Medien und heterogenen Dimensionen. Die unwahrnehmbaren, existenziellen Affekte im Sinne Félix Guattaris erscheinen hier nicht als Transzendenz, sondern als andere, ahumane, materielle Bedingung von Erfahrung, so zum Beispiel, wenn Infrarot ein ständig wechselndes Klima nichtwahrnehmbarer Mikrodifferenzen generiert, das die Körper – unbewusst – affiziert. Als ein präindividuelles, asignifikantes, affektives Gefüge des Ausdrucks folgt "Atmosphere" damit einer Öko-Logik der Situationen, Milieus und Konfigurationen.

Das Panel "Affect and Algorithms" zollte dem für die Konzeption der Tagung wesentlichem und spannungsgeladenen Verhältnis zwischen Affekt und Technologie besonderen Tribut. Mit dem programmatischen Beitrag "There is No 'Missing Half-Second'. Some Thoughts on the Artifactuality of Affect" insistierte Mark B. Hansen (Durham) auf einer genuin medientechnologischen Verfasstheit des Affekts. Den Ausgangspunkt von Hansens Vortrag bildete seine Interpretation der Zeitlichkeit des Affekts als einem technologisch erzeugten Phänomen. So insistierte Hansen auf der unhintergehbaren Künstlichkeit und Artifizialität des Affekts als einer durch und durch maschinell verfassten Dynamik im Kontrast zu der, die Affektdiskurse dominierenden, neuronalen Auffassung des Affekts als eines gehirnbasierten Prozesses (brain-bound). Gegen diese Neuro-Logik stellte Hansen zunächst im Anschluss an Henning Schmidgen die Produktivität der Laboranordnung für die Gehirn-Zeit heraus, um dann darüber hinaus den Affekt gegenwartsdiagnostisch über die digitalen Technologien als eine medientechnologisch distribuierte Dynamik zu denken, die den zeitgenössischen digitalen Medienumwelten inhärent sei und nicht mehr zentriert vom Körper aus gedacht werden könne. Ausgehend von dieser These, dass der Affekt als ein medientechnologisch erzeugtes Artefakt unserer neuartigen verteilten Existenz- und Emergenzweisen über multiskalare Netze zu denken sei, formulierte Hansen eine Kritik an allzu affirmativen Lesarten des Affekts. Insofern der Kapitalismus auf dem Zugang und der Manipulierbarkeit dieser Zeitrahmen basiere und deren Vereinnahmung für Marketingstrategien, sei der Affekt nämlich gleichzeitig Teil der immanenten Operationsweise des zeitgenössischen neoliberalen Kapitalismus. Vor diesem Hintergrund kontrastierte Hansen seine eigene Lektüre mit Brian Massumis Analyse des Affekts im Rahmen postideologischer Macht, anhand einer Verschiebung von einem Regime der Preemption (der Präemptiven Macht), das Massumi beschreibt, hin zu einem Regime der Prediction (der Vorhersagenden Macht), das im Zentrum von Hansens Analyse steht, und das auf einer sich gewandelten Form der Handlungsmacht von Daten beruht. Gegen Massumis ereignislogische Argumentation, bei der der Affekt als eine quasi-kausale Zeitform und Wirkung der nichtgegebenen Zukunft auf die Gegenwart fungiert und ein Prinzip der absoluten Nichterkennbarkeit begründet, setzte Hansen die operationale Logik von Data-Mining Technologien, bei der die Ungewissheit operational adressiert und einbezogen werde. Damit ginge es bei diesen Datenprozessen, laut Hansen, gerade nicht um unmittelbare Ereignisse, sondern um immer bereits durch technologische Apparaturen vermittelte Potentiale der Verwirklichung. Diese Verschiebung impliziere einen konzeptuellen Bruch mit der Logik der Präemption der Bush-Regierung, statt diese affekttheoretisch, wie Massumi, zu begründen. Als Frage blieb am Schluss offen, ob der originär technologisch verfasste Affekt notwendigerweise dem kapitalistischen Dispositiv zuspielen müsse, oder ob sich auch mediale Umwelten denken ließen, die affektive Weisen des Partizipierens erlaubten, die genauso künstlich, aber eben nicht zwangsweise im Modus des Kapitalismus verfasst seien.

Mit dem Vortrag "The Age of Affective Computing" stellte Anna Tuschling (Bochum) die historische Verzahnung von Affekt (von Tuschling synonym mit Emotion verwendet) und Computing heraus. Während im 20. Jahrhundert Emotionalität als Antipoden zur "kalten", berechnenden Logik der Computation galt, mutierte "emotionale Intelligenz" im 21. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Affektiven Computing zur wesentlichen Dimension von Computation selbst. Tuschling stellte in ihrem Vortrag aus historischer Perspektive die Bedeutung der Psychologie für diesen radikalen Paradigmenwechsel in der Computerforschung heraus. Als kritischen Einsatz deckte Tuschling das zumeist verdrängte Bündnis zwischen dem Vormarsch der Emotionsforschung und dessen militärischem Hintergrund auf. Zentral sei hier die Rolle, die das Defense Advanced Research Projects Agency (DAPRA) spielte, eine Behörde des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, die sowohl das APRANET entwickelte, aus dem das Internet hervorging, als eben auch entscheidend die Emotionsforschung vorantrieb, die schließlich den affektiven Turn hervorbrachte.

Orit Halpern (New York) ging in ihrem Beitrag "The Time of Circuits: Rationality, Psychosis and Cybernetics" der Transformation der Rationalität durch die voranschreitende Kybernetisierung und der paradoxalen Verfasstheit dieser neuen Form Algorithmischer Rationalität nach. Dabei ging Halpern in ihrem Vortrag zurück zur Nachkriegsgeschichte der Kybernetisierung und zeigte auf, inwiefern ein philosophisches Problem in eine konkrete technologische Anordnung transformiert wurde und diese technologisch erzeugte Nachkriegsrationalität mit einer "originär psychotischen" Denkweise zusammenfiel. Wo die Vergangenheit indeterminiert und die Zukunft probabilistisch werde, das Wissen als Repräsentation zur Operationalität der spekulativen Vorhersage mutiere, werden wir mit folgendem Paradox konfrontiert: "Konnte Rationalität affektiv und logisch, paranoid und vernünftig, zentral und vernetzt, vorraussagend und amnetisch sein? Und all das gleichzeitig?".7

Mit ihrem programmatischen Beitrag "Affect and Digital Automation" formulierte Luciana Parisi (London) eine radikale Kritik an den immer noch vorherrschenden anthropozentrischen Extensionstheorien der Medien, wonach Technologie schlicht als Exteriorisierung menschlicher Formen von Erkenntnis, Wahrnehmung bzw. Kognition begriffen wird und forderte dementgegen eine Anerkennung eines maschinischen Denkens, das nur noch ein affektives sein könne. So erfordere das Aufkommen interaktiver Algorithmen – als einer neuartigen Form automatisierten Denkens – nach Parisi einen radikalen Bruch mit anthropozentrischen Medientheorien. Durch das Interaktiv-werden von Algorithmen im Rahmen eines Wechsels von einer axiomatischen Auffassung von Algorithmen zu einem evolutionären Verständnis, stünden wir vor einem grundlegenden Wandel des Sinns von Automatisierung selbst – insofern die algorithmische Automation nun kontextsensitiv operiert und emergente kognitive Fähigkeiten auftauchen lässt. Dieser Bruch in der Seinsweise der Algorithmen sei bisher überwiegend daraufhin befragt worden, welche Auswirkungen dies auf unsere Kultur oder Kognition habe. Was solche Ansätze jedoch überhaupt nicht in den Blick bekommen würden, ist die Problematik, inwiefern die Algorithmen selbst als ein Modus des Denkens gedacht zu werden verlangen: als konzeptuelles Erfassen (Whitehead), das sich nicht in das Schema von reiner versus praktischer Vernunft eingemeinden lässt, sondern eine abstrakte und nicht-repräsentationale Vernunft implementiere, einen spekulativen Modus des Denkens. Gegen anti-technische Lesarten, die verkörperte Affektivität gegen technologische Computation ausspielen, stellte Parisi das affektive-Incomputable als ein der algorithmischen Computation inhärentes Phänomen heraus. Der Affekt könne derart nicht mehr als ursprüngliches Außen und Grenze der Computation begriffen werden, sondern mutiere zu dem ihm eigenen immanenten Paradox einer unendlichen Quantität. Die Zeit des Affekts markiere damit nicht weniger als einen in seiner Reichweite noch abzuschätzenden, historischen Bruch mit dem normativen "Bild des Denkens".8

Das Panel "Sound, Voice and Rhythm" wurde eingeleitet von Rolf Großmanns (Lüneburg) Vortrag über "Sensory Engineering – Media, Sound, Rhythm", der die HörerInnen sowohl theoretisch wie auch konkret zu den neuen akustischen Räumen führte, die über ein digitales Sensory Engineering im Milli- bis Mikro-Sekundenbereich von musikalischen Zeitstrukturen erzeugt werden. Diese über die elektronischen Medien neu erschlossenen Zeitlichkeiten, stellen einen technologischen Zugang her zu vorbewussten, affektiven Dimensionen des Empfindens, die Großmann als "Laboratorium der Sinne" interpretiert. Auch wenn Musik schon immer als kulturelle Technik der Hervorrufung und damit auch der Standardisierung von Affekten fungiert habe, erschließen die elektronischen und digitalen Medien des 21. Jahrhunderts nun subphänomenale Zeitstrukturen und unbekannte intra-technologische Affekte.

Wiebke Trost (Genf) steuerte mit ihrem Vortrag "Rhythmic Entrainment as Emotion Induction Mechanism in Music" eine neurowissenschaftliche Perspektive bei. Im Zentrum ihres Vortrags stand das Verhältnis zwischen den temporalen Rhythmen der Musik und den neuronalen Rhythmen der Rezipienten. Der Begriff des Rhythmischen Entrainment bezieht sich auf diesen Vorgang der zeitlichen affektiven Synchronisierung. Womit die neurowissenschaftlichen empirischen Forschungen, jenseits der Modelle kategorischer Basisemotionen, auf Vitalitätsaffekte, die Trost in ihrem Vortrag als "ästhetische Emotionen ohne Objekt" beschrieb, Zugriff nehmen wollen.

Bernd Bösels (Köln/Wien) Vortrag "Affective Synchronization and Rhythmanalysis" schloss hier unmittelbar an, wobei er das Konzept von Affektiver Synchronisierung kritischer verhandelte. So zeige die Sprache von "real time synchronisation" den bevorzugten Modus Operandi des kapitalistischen Dispositivs an. Dementgegen solle die Philosophie, mit Nietzsche gedacht, als eine "Unzeitgemäße" ja gerade entgegen derartiger Synchronisierungen operieren. Also stellt sich nach Bösel die Frage, wie der medialen Gleichschaltung affektiver Zustände theoretisch zu begegnen sei. Zu diesem Zweck wendete er sich Lefebvres Alltagsforschung und dessen Konzeption einer Rhythmusanalyse zu, die es ermöglicht, rhythmische Abstimmungen jenseits von Totalisierung unter Einbezug von Differenz zu denken.

Im Panel "Politics of Affect" wurde die Problematik der Relationierung von Affekt und Macht verhandelt, die sich als roter Faden durch die Tagung zog. Den Anfang machte Brigitte Bargetz (Berlin) mit ihrem Vortrag "Mapping Affect. Challenges of un/timely Politics", in dem sie direkt die, während der Tagung immer wieder auftauchende, Frage adressierte, ob der affective turn eine Entpolitisierung der Theorie bedingen würde. Gegen die Dichotomie von affirmativer versus paranoider Lesart des Affekts, von Romantisierung versus Dämonisierung, stellte Bargetz die Frage, wie der Affekt aus einer nicht-binären Perspektive in die politische Theorie einbezogen werden könne. Um dieser Ambivalenz gerecht zu werden, verknüpfte sie zwei divergente analytische Perspektiven: Während "Politik fühlen" im Anschluss an Eve Kosovski Sedgwicks affirmative Lesart, den Affekt als einen transindividuellen, transhistorischen Subjektivierungsprozess gegen die Hegemonie der Macht der Objektivierung stark macht, müsse die "Politik der Gefühle" im Anschluss an Lauren Berlants Analyse historischer Gegenwart umgekehrt als ein Operationsmodus der hegemonialen Macht verstanden werden, bei dem über Gefühle normative Rahmen konstituiert und reproduziert würden. Dieses nichtauflösbare Spannungsverhältnis machte im Kontext der Tagungsproblematik nochmals deutlich, inwiefern der Begriff vom Affekt nicht auf eine präsoziale, präkulturelle Realität referiert, sondern die relationale Dimension sozialer Existenz in eine nicht-natürliche Körperlichkeit bzw. Materialität radikalisiert.

Sebastian Vehlkens (Lüneburg) Vortrag "Calculating Disaster. Swarms, Panic and Crowd Controll" befasste sich mit dem zurzeit "boomenden" Begriff der Schwarmintelligenz und band diese Diskurskonjunktur zurück an eine oftmals "unterschätzte" medientechnologische Bedingung, nämlich an Entwicklungen im Bereich von Computational Swarm Intelligence, wie den dynamischen agentenbasierten Computersimulationstechnologien, die im Crowd Control zum Einsatz kommen um Massenpaniken vorzubeugen, und die einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Diskurs vom social swarming genommen hätten. Damit ermöglichten diese, auf Reglungsverfahren basierenden, Simulationstechnologien, paradoxerweise erst die zeitgenössische Wiederbelebung der massenpsychologischen Theorien von 1900 und deren Transformation in eine euphorische Ästhetik des Kollektiven sowie diverser "network (e/)affects-basierter" Widerstandskonzeptionen, was letztere in ihrer Subversivität laut Vehlken gleichzeitig vehement in Frage stellen würde.

(Affekt-)Werden war nicht Gegenstand oder Inhalt von Patricia Cloughs (New York) Vortrags-Performance "The Rosary: The Object´s Affect ", sondern ihre Methode, ihre Praxis, der Prozess selbst. Nicht mit einem Vortrag, der sich im akademisch-theoretischen Rahmen bewegte, wurden die HörerInnen konfrontiert, sondern von einem ethisch-ästhetischem Experiment (im Sinne Félixs Guattaris) affiziert – und das mitten im Politik-Panel, was politisch gesehen "Statement" genug sein müsste. Wobei eben gerade nicht (makro-politisches) Statement, sondern (mikro-politisches) Gefüge, maschinische Anordnung einer repetitiven "Rosenkranzigkeit". So leitete Clough die Performance ein, indem sie die Frage vorweg schickte: "Wie antworten wir, wenn ein Werk kein Argument darlegt?" Um unmittelbar überzugehen zu einer Performance, in der sich ihr Kindheitserlebnis der Konstellation Corona, Mutter, Schwester, Rosenkranz mit den spekulativen Philosophien von Affekten und Objekten mischte um ein interferentes Ereignis zu kristallisieren, das sich aus einem affektiven Unbewussten zusammensetzte, in dem die "intimsten" Erfahrungen als immer bereits transindividuell, unheimlich verfasst erscheinen – aber dies alles nicht auf einer Ebene der Rekognition oder der Repräsentation. Keine Erkenntnis, die versucht adäquat abzubilden, wollte sich bei den ZuhörerInnen einstellen, stattdessen wurden diese einer Transformation "jenseits der Rekognition denken" unterworfen, die sie in einem Milieu der Unbestimmtheit zurückließ, in einer Traurigkeit, Schönheit und Dunkelheit, in einer spekulativen Umwelt, von Andersheit durchzogen.

Das Panel "Aesthetics of Senses and Affects" wurde eingeleitet von Steven Shaviros (Detroit) Vortrag "Discognition", in dem Shaviro den Affekt zum zentralen Einsatz einer nichtrepräsentationalistischen Empfindungstheorie erhob und als blinden Fleck der analytischen Philosophie des Geistes vorführte. Denn während die Philosophie des Geistes auf dem repräsentationalistischen Paradigma der Erkenntnis basiert und sich auf affektive Dynamiken letztlich nur abgeleitet als Instrumente zum Zweck des Erkennens beziehen könne, verkehrte Shaviro diese Logik, um darzulegen, inwiefern umgekehrt Erkenntnis als sekundärer Effekt aus einer zugrundeliegenden Affektivität überhaupt erst auftauche und folglich nicht unter das kognitivistische Dogma subsummiert werden könne. Shaviro diskutierte dies anhand des "Qualia-Problems" der analytischen Philosophie um aufzuzeigen, dass hier bereits das Problem falsch gestellt sei. Insofern die Philosophie des Geistes auf der Annahme basiert, dass es bei der Phänomenalität – dem "wie" des Erfahrens – um zusätzliche Information ginge, könne diese das Ereignis des Erfahrens in diesem Schema überhaupt nicht konzeptualisieren und verfehle damit die Frage des Ästhetischen selbst.

Mit dem Vortrag " Affective Politics of Timing: Ragnar Kjartansson's 'The Visitors'" verfolgte Christoph Brunner (Zürich) das Unternehmen einer Rehabilitation des Konzepts der Unmittelbarkeit des Affekts. Anhand von Kjartanssons Videoinstallation The Visitors und mit Bezug auf Henri Bergsons Konzept der Dauer und Daniel Sterns Vitalitätsaffekte zeigte Brunner auf, inwiefern Unmittelbarkeit gerade nicht auf eine ursprüngliche Spontaneität einer abgeschlossenen Entität referiere, sondern auf das existenzielle affektive Vermögen der Abstimmung und des Abgestimmt-Werdens mit einer Vielheit environmentaler und disjunktiver Zeitlichkeiten.

Arjang Omrani (Köln) setzte sich in seinem Vortrag "Emotions and Anthropolgy. A Review of the Sensorial Turn in Anthropology" mit nicht-repräsentationalen, sensorisch orientierten Methodologien der ethnographischen Feldforschung auseinander, in denen der Versuch unternommen werde, unter anderem durch Einbezug verschiedener Medien und ästhetischer Praktiken, gerade keinen objektivierenden Forscherblick von außerhalb zu konstituieren, sondern die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich eine Mannigfaltigkeit von verkörperten Erfahrungen heterogener kultureller Räume auszudrücken vermag – "nicht andere Leute untersuchen, sondern mit ihnen untersuchen". Als experimenteller Filmemacher und Anthropologe stellte Omrani dazu das – in Anlehnung an Jean Rouch entwickelte – Konzept der "Shared Anthropology" vor, das die vermeintliche Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst in eine Unbestimmtheitszone überführe.

Den Abschluss der Tagung bildete Tanja Wiedmanns videobasierte Performance "Y´all this text post doesn´t even make any sense i was just quoting a commercial i saw when i was watching judge judy", in der mit dem Verhältnis von Sprache, Affekt und Technologie experimentiert wurde. Affektive Trigger verknüpften sich in der Arbeit mit Techniken der Entleerung und Aushöhlung beziehungsweise der Transformation von Sprache an der "Grenze von Sinn/Unsinn" durch vielfache Remediationen in eine Art affektive Medialität des Ausdrucks.

Wenn während der Tagung insgesamt deutlich der kontroverse Bezug zu Brian Massumis Affektkonzeption hervortrat, dann lässt sich dies in Hinsicht auf die zu Anfang konstatierte Problematisierung unserer Aktualität nochmals neu perspektivieren und den Einsatz des Affekts herausstellen: Dass die "asoziale" Interpretation des Affekts bei Massumi nicht ansatzweise als Naturalisierungsbestreben gedeutet werden kann, macht nicht nur dessen Analyse im Rahmen eines postideologischen Machtregimes deutlich, sondern bereits dessen vehemente Unterscheidung zwischen presocial und asocial, und die paradox anmutende Interpretation von asozial als "open-endedly social"9, so dass der Affekt hier gerade nicht auf eine präsoziale Natur verweist, sondern auf einen radikal verschobenen Modus von Sozialität – der Autonomy of Relation – an Bruno Latours Soziales Nr. 2 erinnernd und inhärent auf die medientechnologische Bedingung fortschreitender Kybernetisierung (Erich Hörl) verweisend. Somit wird deutlich, inwiefern der Bezug zu einem problematischen Feld der Aktualität auf dem Spiel steht, in dem letztlich noch nicht ausgehandelt ist, wer an der Relationalität des "becoming with" (Donna Haraway) teilhaben wird und wer nicht.

September 2013

  • 1. Patricia Ticineto Clough, Introduction. in: Patricia Ticineto Clough, Jean Halley (Hg.), The Affective Turn. Theorizing the Social, Durham, London (Duke University Press) 2007, 1.
  • 2. Marie-Luise Angerer, Vom Begehren nach dem Affekt. Zürich-Berlin (Diaphanes) 2007.
  • 3. Michel Foucault, Was ist Aufklärung?. in: Daniel Defert, Francois Ewald (Hg.), Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2005, 838.
  • 4. Abstract im Programm der Tagung, 16.
  • 5. Abstract im Programm der Tagung, 9.
  • 6. Abstract im Programm der Tagung, 24.Abstract im Programm der Tagung, 24.
  • 7. Abstract im Programm der Tagung, 20.
  • 8. Vgl. das Gespräch zwischen Erich Hörl und Luciana Parisi in der zfm-Ausgabe 1/2013 „Medienästhetik“: Luciana Parisi, Erich Hörl, Was heißt Medienästhetik? Ein Gespräch über algorithmische Ästhetik, automatisches Denken und die postkybernetische Logik der Komputation, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft. Medienästhetik, 8, 2013, 35-51.
  • 9. Brian Massumi, Parables for the Virtual. Movement, Affect, Sensation., Durham, London (Duke University Press) 2002, 9.
letztes Update am 
26. Juni 2016

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