Raum – Wissen – Medien

Raum – Wissen – Medien

Raum – Wissen – Medien, Technische Universität Darmstadt, 27./28.11.2009

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Die intensivierte kultur- und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kategorie des Raumes, die auch in aktuellen medienwissenschaftlichen und wissensgeschichtlichen Forschungsansätzen zu einer Konjunktur des „Raumparadigmas“ geführt hat, bildete den Hintergrund für die am 27./28. November 2009 im Rahmen des Graduiertenkollegs „Topologie der Technik“ an der TU Darmstadt veranstaltete Tagung „Raum – Wissen – Medien“. Die Veranstaltung führte VertreterInnen unterschiedlicher Disziplinen, darunter Medien- und LiteraturwissenschaftlerInnen, KulturwissenschaftlerInnen sowie Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen zusammen, um das im Zentrum der Tagung stehende Wechselverhältnis von Raum, Wissen und Medien medien- bzw. wissen(schaft)stheoretisch zu reflektieren und an konkreten medien- und wissenshistorischen Beispielen zu diskutieren.

In ihrer Einführung erklärten die OrganisatorInnen Dorit Müller und Sebastian Scholz es zum Ziel der Tagung, den komplexen Wechselverhältnissen von räumlichen Ordnungen, Konstruktionen und Repräsentationen von Wissen und deren medialen Möglichkeitsbedingungen bzw. den Bedingungen ihres Erscheinens, ihres Sicht-, Les-, Denk- oder allgemein Wahrnehmbar-Werdens nachzugehen. Der Fokus der Veranstaltung, so Scholz, liege auf den Verbindungslinien zwischen Raum, Wissen und Medien, die von einem Element auf das andere verweisen und wieder zurück, den konjunktiven Kräften, welche die drei disjunkten Elemente in eine Abhängigkeitsbeziehung setzen, ohne dabei eine Vorgängigkeit eines der Elemente zu postulieren. Dabei sei davon auszugehen, dass die räumliche Organisation und Präsentation von Wissen untrennbar mit medialen Techniken und Praktiken der Herstellung und Darstellung verknüpft ist, ohne eine universale Medialität vorauszusetzen, die allen Prozessen, der Wissensproduktion, -repräsentation und -zirkulation unterlegt oder eingeschrieben ist. Vielmehr müssten Medienformate auf ihre je spezifischen Erzeugungsmodalitäten hin befragt werden. Sprachliche Darstellungen, Tabellen und Diagramme, Karten und Skripten, Zeichnungen, Fotografien, Filme, Computerspiele oder digitale Geomedien formatierten auf sehr unterschiedliche Weise durch ihre medientechnischen und darstellungspraktischen Eigenlogiken die relationale Verknüpfung, Systematisierung und damit Verräumlichung von Wissensinhalten.

Einem wichtigen Aspekt solcher Forschungen, den medialen Bedingungen der Konstitution von „Wissensräumen – Raumwissen“, gingen die medien- und literaturwissenschaftlich ausgerichteten Vorträge des ersten Tages nach. So widmete sich der Vortrag von Christine Hanke (Potsdam/Istanbul) mit dem Titel „Epistemische Räume des Sichtbaren“ den spezifischen Sichtbarkeiten, die dem Raum, verstanden als mediale, Wissen generierende Anordnung, eingeschrieben sind. Dabei befragte Hanke zum Einen das Verhältnis von Raum, Sichtbarkeit und Labor, indem sie unter Rückgriff auf Bruno Latour und Michel Foucault die Produktion spezifischen Wissens durch die räumliche Anordnung des Benthamschen Panoptikons in Bezug setzte zu der des Labors. Zum Anderen beleuchtete Hanke in einem weiteren Schritt die Relation von Labor, Visualisierung und Spatialität und konzentrierte sich auf Verfahren der Wissensgenerierung durch Visualisierungen wie z.B. die statistische Datenauswertung in Tabellen und Diagrammen, welche u.a. durch die explizite Sichtbarmachung von Datenhäufungen bildliche Evidenz hervorbringen und maßgeblich an der Produktion von Normalität beteiligt sind.

Das Potential des Diagramm-Begriffs lotete Daniela Wentz (Weimar) in ihrer Präsentation aus. Wentz verwies dabei auf aktuelle Diskussionen zum Diagramm in der Wissenschaftstheorie sowie bei Michel Foucault und Gilles Deleuze, welche das Diagramm einem Grenzbereich des Bildlichen zuordnen bzw. diesem eine bildliche Implikation vollständig absprechen und es dem Primat der Schrift unterordnen. Da das Potential des Diagramms jedoch entgegen dieser Lesarten gerade auf einer radikal bildlichen und zugleich räumlichen Logik beruhe, schlug Daniela Wentz den Begriff des diagrammatischen Bildes vor, um diesen für die Analyse von (Bewegt-)Bildern produktiv zu machen, auch wenn letztere im engeren Sinne des Begriffs eben keine Diagramme darstellen, aber diagrammatisches Potential besitzen.

Die Stadt als Wissensraum stand im Zentrum des Vortrags „Gebäude ziehen vorüber. Über mediale Topografien“ von Kathrin Peters (Braunschweig). Im Anschluss an Roland Barthes ging es Peters dabei um eine Semiologie der Stadtplanung mit besonderem Fokus auf die 1950er Jahre in der BRD. Anhand von dokumentarischem Filmmaterial stellte Peters stadtplanerische Strömungen der Moderne und Antimoderne vor, deren Gemeinsamkeit darin liegt, die Stadt aus einer quasi-natürlichen Organizität zu begründen. Die Filme selbst sind in diesem Kontext als mediale Topographien zu verstehen, die nicht von der Stadt handeln, sondern diese allererst erzeugen.

Ramon Reichert (Wien) nahm in seinem Vortrag die Wissensräume der Finanzmärkte in den Blick. Die historisch veränderlichen Wissensformationen der Börse, so Reichert, müssten als Ergebnisse des Medienwandels und seiner Umbrüche verstanden werden. Ausgehend von der These, dass Produktion und Verbreitung von Finanzmarktwissen als Effekte medialer Praktiken zu begreifen seien, erläuterte Reichert u.a., inwiefern die aus der Meteorologie entlehnte Metaphorik der Börse (die z.B. im Begriff des „Börsenbarometers“ zum Ausdruck kommt) zur diskursiven Herstellung von Evidenz und Selbstverständlichkeit bzw. zur Naturalisierung des Ökonomischen herangezogen werde und Einfluss auf finanzmarktliches Handeln selbst habe.

In seinem Abendvortrag konzentrierte sich Jörg Dünne (Erfurt) auf die operationale Dimension von „Raum-Skripten“, worunter präskriptive Formen der schriftlichen Raumaufzeichnung zu verstehen sind, welche zur Aktualisierung in Raumpraktiken bestimmt sind. Raum-Skripten stellen Hybride aus Text und Apparatprogrammierung dar, sie seien keine Modelle der automatischen Steuerung, sondern der Aktivierung von Akteuren und somit Teil eines Actor-Networks, so Dünne. Am Beispiel des portugiesischen Begriffs „roteiro“, welcher sowohl das Routenbuch der Schifffahrt als auch das Drehbuch eines Films bezeichnet, untersuchte Dünne nachfolgend das Verhältnis von Raum-Skripten und „scripts“. Während z.B. Schiffbruchberichte im Routenbuch als Ausweis des Herausfallens aus der Programmierbarkeit des Skripts lesbar seien, so sei das Drehbuch eines Films als Programmierung der filmischen Diegese zu verstehen, welche im Film selbst durch eine Selbstanzeige von Fiktionalität und einen Verweis auf die eigene „Gemachtheit“ in einem ähnlich schwierigen Verhältnis zwischen Faktualität und Fiktionalität resultieren kann.

Die zweite Sektion der Tagung fasste unter dem Titel „Raummedien – Medienräume“ medien- und filmwissenschaftliche bzw. wissenschaftshistorische Perspektiven auf das Verhältnis von Raum, Medien und Wissen zusammen. Im ersten Beitrag dieses thematischen Blocks mit dem Titel „Lebensraum. Frühe pflanzengeographische Karten und die ‚natürliche Ökonomie’ der Gewächse“ präsentierte Nils Güttler (Berlin) die These, dass die im 18. Jahrhundert entstandene Disziplin der Pflanzengeographie ein spezifisches Wissen bereit stellte, um Ökonomien auf neuartige Weise biopolitisch zu verwalten. Den kartographischen Visualisierungen der regionalen und globalen Verteilungsmuster von Pflanzen kam dabei insofern eine besondere Rolle zu, als diese in eine nationalökonomische Diskussion eingebettet waren, die um die Neuerschließung nationaler und kolonialer „Räume“ und deren „natürliche Ressourcen“ kreiste. Am Beispiel der Arbeiten des Naturforschers Jean-Louis Giraud-Soulavie, der die ersten „Querschnittsbilder“ von Landschaften erstellte, um die Verteilung von Pflanzen im Verhältnis zur Höhe über dem Meeresspiegel darzustellen und dazu divergente Mess- und Beobachtungsverfahren kombinierte, führte Güttler aus, dass in ökonomischer Hinsicht das operationale Potential der Karten darin lag, eine Vorstellung von der „natürlichen“ Nutzung der jeweiligen Räume zu vermitteln.

Dorit Müller (Darmstadt), eine der beiden VeranstalterInnen der Tagung, beleuchtete in ihrem Vortrag „Antarktis als medialer Wissensraum“ die Bedeutung des Einsatzes spezifischer Beobachtungs- und Aufzeichnungspraktiken im Rahmen von Expeditionen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts für die Konstitution des Wissensraums Antarktis. Müller führte aus, dass neben Tagebüchern, die in Tabellen und schließlich Karten überführt wurden, insbesondere Expeditionsfilme für die Erschließung räumlicher Daten und Phänomene eine maßgebliche Rolle spielten und dieses spezifische Raum-Wissen durch Medien nicht nur übersetzt und verbreitet wurde, sondern vielmehr über die eingesetzten Darstellungsmedien eigene, einzig medial verfügbare Wissensräume hervorgebracht wurden. Dieses medial erzeugte Wissen ermöglichte es schließlich auch, die zuvor unbekannten polaren Räume für eine breitere Öffentlichkeit erfahrbar zu machen, was Müller anschaulich an einem Expeditionsfilm aus dem Jahr 1919 demonstrierte.

Den Versuch einer Kartographie der Filme L’ami de mon amie (1986) von Eric Rohmer sowie Muriel ou le temps d’un rétour (1963) und Mon Oncle d’Amérique (1980) von Alain Resnais unternahm Herbert Schwaab (Regensburg). Sowohl die Bedeutung der jeweiligen Städte in den Filmen (so z.B. Boulogne sur Mer in Muriel ou le temps d’un retour) als physischer Ort und Bezugspunkt sowie die Auseinandersetzung mit dem Alltäglichen bzw. alltäglicher Erfahrung rückten dabei in den Fokus. Schwaab argumentierte, dass die Filme über eine formale Fragmentierung (vor allem durch die Montage) den filmischen Raum nicht zerstören, sondern diesen kartographieren bzw. abbilden und als Erfahrungsraum erschließen, um ein spezifisches filmisches Wissen über das Leben „in der Stadt“ zu erschaffen.

Einen weiteren filmwissenschaftlichen Beitrag zur Tagung lieferte Martin Schlesinger, der sich filmischen Räumen im Hinblick auf das Konzept der Enge widmete. Am Beispiel des Kurzfilms Der Mensch im Ding von Tom Tykwer entwickelte Schlesinger die These, dass räumliche Verengungen des bewegten Filmbildes sich auf ein Zugleich an Flächigkeit und Räumlichkeit zurückführen lassen. Diese Oszillation zeitige vor allem in so genannten Zimmer- oder Laborfilmen, die Einschlüsse produzieren und das Filmbild präzise begrenzen, eine spezifisch filmische Konstitution von Wissen. Neben dem Begriff der Enge spielen dabei immer auch Konzepte der „Weite“ oder „Leere“ eine maßgebliche Rolle.

Eine technikhistorische Perspektive auf die Wissensräume des Klavierbaus des 19. und 20. Jahrhunderts eröffnete der Beitrag von Sonja Petersen (Darmstadt). Anhand historischer Quellen untersuchte Petersen die räumliche Organisation und Präsentation unterschiedlicher Wissensformen und -prozesse sowie ihre jeweiligen medientechnischen und darstellungspraktischen Eigenlogiken. Petersen bezog sich auf aktuelle Ansätze der Wissenschafts- und Technikgeschichte und bediente sich zur Analyse der unterschiedlichen medialen Konstitution der Räumlichkeit von Wissensformen im Klavierbau der drei Kategorien Raum, Ort und Stätte des Wissens. Dabei sind unter Orten des Wissens materielle Aufzeichnungen wie Notizbücher, unter Räumen des Wissens öffentliche Diskussionsforen (z.B. in Fachzeitschriften) und unter Stätten des Wissens materielle Stätten wie Firmen und Labore zu verstehen.

Unter der Überschrift „Digitalisierte Wissensräume“ standen die beiden letzten Vorträge der Tagung. Die Bedeutung der Kategorie des Raums für Computer-Strategiespiele nahm Rolf F. Nohr (Braunschweig) in seinem Vortrag „Computer-Strategiespiele und Diskurse geopolitischer Ordnung“ in den Blick. Nohr argumentierte, dass Computer-Strategiespiele wie z.B. „Age of Empires“, welche Politik einerseits als Konflikt und andererseits als räumliche Formation verhandeln, nicht nur im Raum stattfänden und ihre Visualität im Raum konstituierten, sondern auch die Aneignung des Raums zu ihrem Spielprinzip erklärten. Einen besonderer Schwerpunkt der Analyse von Strategiespielen bilden in diesem Kontext die an den Raum durch das Spiel angelagerten Wissensformationen sowie die Frage, welches spezifische Wissen über Konflikt und Politik als Artikulationen im Raum das Strategiespiel je spezifisch produziert (und medialisiert). Nohr führte aus, dass Strategiespiele den Raum (repräsentiert in Form der Karte) konsequent zu einem Konfliktraum und zu einem Raum der Sichtbarkeit, der Aneignung und der Beherrschbarkeit überformen und ein geopolitisches Wissen über den Raum herstellen.

In ihrem Vortrag zu medientechnologischen Auswirkungen auf (supra-)nationalstaatliche Grenzziehungen im Zeitalter des Digitalen entwickelte Hedwig Wagner (Jena) die These, dass sich an der Grenze exemplarisch die reterritorialisierende Wirkung von Medientechnologien zeige: Das Territorium konfiguriere sich unter dem Medialen neu und das Territoriale bediene sich gleichsam einer Medien-Mimikry. Am Beispiel des EU-Grenzüberwachungssystems FRONTEX und seiner GPS-gestützten Ortungsverfahren zeigte Wagner den Zusammenhang von medialer Ortung und geographisch-räumlicher Ordnung sowie die Verschiebung der Grenzsicherung von analog zu digital bzw. mechanisch zu elektronisch auf.

Den OrganisatorInnen Dorit Müller und Sebastian Scholz ist für eine äußerst vielfältige Tagung und einen anregenden, Disziplinen übergreifenden Austausch zu danken, der auch auf die bewusst im Konzept der Tagung angelegte, interdisziplinäre Perspektivierung des Verhältnisses von Raum, Wissen und Medien zurückzuführen ist. Doch nicht nur die Vielfältigkeit, sondern vor allem die durchgängig hohe individuelle Qualität der Vorträge sowie die überaus produktiven und intensiven Diskussionen ergaben einen Gesamteindruck, der auf einen aufschlussreichen Tagungsband, welcher im Laufe des Jahres erscheinen soll, hoffen lässt.

März 2010

letztes Update am 
26. Juni 2016

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