Popular Seriality

Popular Seriality

Internationale Konferenz der DFG Forschergruppe „Ästhetik und Praxis populärer Serialität"

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Vom 6. bis 8. Juni 2013 lud die DFG-Forschergruppe „Ästhetik und Praxis populärer Serialität" zu einer öffentlichen, internationalen Tagung nach Göttingen ein1. Sprecher Frank Kelleter (FU Berlin) beschrieb in seiner Eröffnungsrede die Konferenz als ein Geschenk, das die Gruppe sich selbst mache, um den Abschluss ihrer ersten Förderperiode zu feiern. Das Konferenzprogramm bestand aus einer Mischung von Vorstellungen der Ergebnisse gerade abzuschließender Projekte, zukünftiger Forschungsunternehmungen der beantragten zweiten Förderperiode und Vorträgen eingeladener Gäste, mit denen die Forschergruppe bereits kollaboriert hatte oder dies in Zukunft noch tun wolle. Auf die bisherigen Ergebnisse der Forschergruppe wurde mit Ausnahme von zwei Vorträgen (Mayer und Denson, Hämmerling und Nast) allerdings wenig eingegangen. Zunehmend wurde in den einzelnen Sitzungen und Diskussionen der retrospektive Blick durch eine vorausschauende Orientierung abgelöst und der Fokus auf zukünftige Entwicklungen der Serialitätsforschung gelegt. Die Konferenz hatte den Anspruch sich sowohl auf einer theorie- als auch praxisbezogener Ebene der Thematik zu nähern. Die Rückbindung an einen theoretischen Rahmen wurde nicht von allen Vortragenden forciert, sodass insgesamt statt einer kulturwissenschaftlichen Fragestellung ein stärker historisch ausgerichteter Fokus im Zentrum der meisten Vorträge stand.

Ein Vortrag, der dezidiert eine theoretische Einbettung der Konferenz vornahm, war die Eröffnung von Kelleter. Er stellte fünf Prämissen zu Populärer Serialität als interdisziplinärem Forschungsfeld vor. Es sei erstens zentral, Serien als „moving targets“ („bewegliche Ziele“) zu konzeptionalisieren und von geschlossenen Werken abzugrenzen. Die Serie werde konsumiert, während sie produziert wird, was zu einer sich überschneidenden, wechselwirkenden Interaktion von Rezeption und Produktion führe.

Zweitens sei nur innerhalb der Erzählung selbst die Möglichkeit zur Revision des Vorherigen gegeben, weswegen Serien als rekursive Narrationen fungieren. Es finde innerhalb von Serien also eine komplexe Koordinationsarbeit im Sinne eines Ausbalancierens von Widersprüchlichkeiten statt. Rekursivität sei hier als Plausibilität der Fortführung zu verstehen, eine kontinuierliche Adjustierung, um an das bisher Erzählte anzuschließen oder es neu zu verwalten. Die Tendenz von Populärkultur, sich selbst zu beobachten und zu reflektieren träte dadurch deutlich hervor. Ein weiterer zentraler Aspekt dieser Rekursivität sei, dass populäre Serien unter kommerziellen Zwängen stehen und sich daher konstant selbst neu erfinden müssten, was mit übergreifenden Bestrebungen nach Abschluss/Closure kontrastiere. (Die Frage nach Abschluss oder Beendung von Serien war ein zentraler Fokus der Konferenz und wurde in mehreren Vorträgen und Diskussionen häufig aufgegriffen.)

Drittens könnte mit dem Verständnis von populären Serien als Narrative der Proliferation oder Wucherung den gesteigerten Einflussmöglichkeiten von Rezipient_innen etwa im Rahmen von Fanfiction entsprochen werden. Die Tendenz, sich selbst fortzusetzen, wirke sich auch darauf aus, dass Konsument_innen von Serien als aktive Quellen der Fortführung genutzt werden.
Als vierten Ansatz betonte Kelleter die Nützlichkeit der Akteur-Netzwerk-Theorie nach Bruno Latour für die Analyse populärer Serien. Sie biete eine Alternative zu als wenig hilfreich empfundenen, simplifizierten Gegenüberstellungen von Konsument_innen und Produzent_innen.

Der letzte Aspekt, der die Arbeit der Forschergruppe beeinflusse, ist die Betrachtung von Serien als Agenten imaginierter Kollektivierung im Sinne von Benedict Andersons Konzept der Imagined Communities. Anders als bisher werde für die zukünftigen Projekte zunehmend auch 'Ideologie' als Analysebegriff relevant. Darunter sei eine Ideologie des Fortsetzens zu verstehen, die Serien aufrechterhalte und die zentral sei für ein System des 'Kapitalismus'.

Gerade diese letzte Prämisse wurde ob ihrer bisherigen Analyseunschärfe von den Konferenzteilnehmenden stark diskutiert; es bleibt somit abzuwarten, wie die zukünftigen Arbeiten der Forschergruppe den Begriff der Ideologie auslegen und verwenden werden.

Abschließend gab Kelleter einen Überblick über die beantragten neuen Projekte der Gruppe, die sich auf drei Forschungsebenen bewegen: Historische Grundierung, konzeptionelle Verfestigung und die Erweiterung des Forschungsfeldes durch Projekte, die bisherige Forschungslücken schließen möchten.

Die Keynote Lecture „The Ends of Serial Criticism“ wurde von Jason Mittell (Middlebury College), der bereits eng mit der Forschergruppe zusammengearbeitete hatte, gehalten und ist auf seinem Blog nachzulesen2. Mittell setzte sich mit den Abschlüssen von seriellen Erzählungen auseinander: So würden gerade die finalen Episoden von TV-Serien exzessiv begutachtet und könnten daher die unterschiedlichen Erwartungen, die in sie gesetzt werden, oft nicht erfüllen. Closure – oder das Gefühl eines narrativ überzeugenden Abschlusses – widerspreche aber der Natur des Seriellen mit seinem Fokus auf Wiederholung. Deshalb neigten viele TV-Serien zu meta-fiktionalen Enden, beispielsweise The Wire, Lost, Six Feet Under oder The Sopranos. An zwei Fallbeispielen (das zirkulierende Video des Soldaten Brody in Homeland, die Geschlechterpolitik von Breaking Bad und ihre Rezeption) verdeutlichte Mittell seinen Zugang zu Serialitätsforschung als sowohl an konkreten Spezifika von Medientexten als auch historischen und kulturellen Institutionskontexten interessiert.

Beide Vorträge der ersten Sitzung zu „Media (In)Specificities” betrachteten, wie sich Veränderungen der Medienlandschaft auf populäre Serien bzw. populäre Serienfiguren auswirken. Jared Gardner (Ohio State University) gab einen Überblick über mediale Verhandlungen von seriellen Narrationen in Comics ab dem Aufkommen von Comic Strips im späten 18. Jahrhundert bis hin zu Graphic Novels und aktuellen Entwicklungen. Unter Einbezug von europäischen Vorläufern und seriell publizierten politischen Essays beleuchtete er, welche Rolle wachsende Großstädte in den ersten Experimenten mit Serialität in Comicform spielten (The Yellow Kid, Happy Hooligan, Little Nemo in Slumberland). Solche Narrative nahmen in den 1920ern explosionsartig zu und brachten durch ihre serielle Wiederholung Kontinuität in ihr Trägermedium Zeitung (anders als in dem Vortrag von Judith Keilbach am letzten Tag, betonte Gardner den event-bezogenen und nicht-seriellen Charakter von Nachrichtenberichterstattung). Abschließend zeigte Gardner auf, dass Graphic Novels wie Maus, Watchmen oder The Dark Night Returns zunächst seriell publiziert, dann allerdings nach ihrem gebundenen Erscheinen in Bezug auf ihre angebliche Nähe zu Literatur rezipiert wurden.

Ruth Mayer und Shane Denson (Hannover) analysierten die Medienlogik und serielle Dynamik von ikonischen Figuren wie Frankensteins Monster, Tarzan, Sherlock Holmes, Fantomas, Fu Manchu oder in diesem Vortrag Dracula. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf medialen Veränderungen der Medienlandschaft und deren Auswirkung auf die Darstellung serieller Figuren. Obwohl viele dieser Figuren erstmals in der Literatur auftauchten, hätten sie eine hohe Affinität zu modernen Medien. An der Figur Draculas illustrierten Denson und Mayer wie, „the sights and sounds of Dracula became the sights and sounds of media change“; wie sich also beispielsweise der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm in den Darstellungen von Dracula auswirkte.

Der zweite Konferenztag begann mit einer Sitzung zu US-amerikanischen Serialitäten des neunzehnten Jahrhunderts. Beide in diesen Vorträgen vorgestellte Projekte verband eine Beschäftigung mit dem urbanen Raum, Kommerzialität sowie den methodologischen Herausforderungen eines großen Textkorpus.

Daniel Stein (Göttingen) beschäftigte sich in „Serial Politicization in Antebellum America: On the Cultural Work of the City Mystery Genre" mit der Gegenüberstellung von dogmatischen Politiken und den Notwendigkeiten populär-seriellen Geschichtenerzählens. Christina Meyer (Hannover) arbeitete zum ersten bunten Comic Strip ab 1895, The Yellow Kid, der in den irischen Arbeitermietsvierteln von New York spielte, und zeitweise parallel in drei Versionen publiziert wurde, die sich diskursiv aufeinander bezogen. Meyer las die Sonntagsbeilagen, die diesen Strip enthielten, als öffentliche Diskussionsforen und kommerzielle Produkte: Sie zeigte als zentralen Aspekt des seriellen Vergnügens auf, in welchen Formen sich der Charakter des Yellow Kid einer Logik der Proliferation folgend ausbreitete, so auf Postern oder in Theateradaptionen. Gerade die erwähnten methodologischen Herausforderungen des Materialüberflusses zeigen Problemfelder auf, denen sich alle Forschungsarbeit zu Serialität stellen muss. Die zukünftigen Projekte der Forschergruppe könnten hier mögliche Lösungsansätze und Kompetenzen aufzeigen, um solchen Methodenschwierigkeiten zu begegnen.

Ben Singer (University of Wisconsin‐Madison) divergierte von der starken US-amerikanischen oder europäischen Ausrichtung der Konferenz, in dem er in der Sitzung zu „Vast Narratives” seine Arbeit zur japanischen Filmserie Tora-San (Otoko wa Tsurai yo) vorstellte. Tora-San wurde über einen Zeitraum von 26 Jahren in einer überraschend konstanten Personengruppe produziert. Aufgrund dieser kreativen Konstanz bezeichnet Singer die Serialität dieses Textes als „perennial“, als beständig oder omnipräsent; er vertiefte diese theoretische Zuschreibung in seinem Vortrag allerdings nicht.

Julika Griem (Frankfurt) nahm in „Serial Ways of Worldmaking: Holistic Heuristics and Epic Effects" eine über Narratologie hinausgehende Perspektive ein, die soziologische und philosophische Zugänge miteinander verband. Unter Bezug auf Theorien der sozialen (Max Weber) und operationalen Schließung (Niklas Luhmann) interessierte sich Griem für das serielle Ganze und schlug eine Annäherung über Story Worlds, erzählte Welten der Narrationen, vor: So werde der serielle Fluss am Deutlichsten, wenn er vor einen stabilen Hintergrund, die konstante Story World nämlich, gesetzt werde. Griem plädierte dafür, konzeptionelle Begrifflichkeiten wie Aspekte des World-Making, des Erschaffens einer Welt in der Narration, zu überdenken. An den Beispielen von Lost und The Wire erarbeitete sie, wie ein solcher Ansatz aussehen könnte, und bot somit Anschlussmöglichkeiten für ein weiteres, zukünftiges Projekt der Forschergruppe zu Story Worlds und dem Chronotopos (Michail Bachtin) von Bärbel Tischleder.

In der Sitzung „The Seriality of Remaking“ stellten Frank Kelleter (FU Berlin) und Kathleen Loock (Göttingen) ihr neues Projekt zu Remaking als einer historisch bedingten Praxis vor. Sie erkannten einen Trend zur retrospektiven Serialisierung im Remaking: Indem sich Remakes auf vorhergehende Filme bezögen, kanonisierten sie ihre 'Ursprungstexte'. Das Kino schreibe so durch die Tätigkeit des Remaking selbstreflexiv an seiner eigenen Geschichte mit. Remakes etablierten außerdem eine spezifische Art der Rezeption, eine „film literacy“, nach der Zuschauer_innen sich vergleichend auf verschiedene Versionen oder Remakes bezögen. Am Beispiel der Remakes von Planet of the Apes/Planet der Affen analysierte Loock, wie Remakes medienbezogene Generationsübergänge markieren. In der Diskussion wurde dieser Punkt aufgegriffen und von Jared Gardner dahingehend ergänzt, dass Medienveränderungen immer schneller stattfänden und sich dies auch in einem schnelleren Tempo des Remaking niederschlage. Im Anschluss analysierte Constantine Verevis (Monash University) am Beispiel von Jaws/Der weiße Hai (1975) und dem Konzept des Film Set, wie Jaws als Teil eines selbst-reflexiven Zyklus Zuschauer_innen dazu ermutigt, sich auf frühere Filme zu beziehen und somit als eine Art Signaturprodukt den Anspruch hatte, eine ganze Gruppe von Filmen zu vermarkten.

Zum Abschluss des Tages diskutierten unter der Moderation von Regina Bendix (Göttingen) Sudeep Dasgupta (Amsterdam), Lothar Mikos (Potsdam), Sean O’Sullivan (Ohio State University) und Sabine Sielke (Bonn) die „Zukunft der Serialitätsforschung“.

Zentrale Aspekte der Paneldiskussion waren die unterschiedliche Beurteilung der zukünftigen Serialitätsforschung, die sich aus den Disziplinen und Ansätzen der Diskutierenden ergab, sowie die Überlegung nach der Notwendigkeit und Nützlichkeit eines meta-theoretischen Ansatzes innerhalb dieser Forschung. Außerdem fragte Bendix, inwiefern die untersuchten Serien durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen beeinflusst würden.

Während Sielke hervorhob, dass Akademiker_innen quasi als Motoren der seriellen Produktion agierten, da sie durch ihre Arbeit ausgewählte Texte kanonisierten, nahm Mikos eine Gegenposition ein. Er sagte, dass Medientexte und Medienproduktion nicht durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen beeinflusst würden, höchstens beispielsweise die Arbeit der Fan Studies zu einer strategischen Ausbeutung von Fans durch die Industrie geführt habe. Frank Kelleter benannte diesen Punkt als zu normative Gegenüberstellung von Produktion und Rezeption. Andere Wortmeldungen hinterfragten, welche Aufgabe oder Verpflichtung die Serialitätsforschung der Industrie gegenüber überhaupt haben könne.

Diskutiert wurde weiter, ausgelöst von O’Sullivan, inwiefern es notwendig sei, Serien als Teil einer Populärkultur zu verstehen. Dasgupta ergänzte, dass es insofern problematisch sei, Fernsehserien nur über Populärkultur zu analysieren, als sich dies von vornherein auf Terminologie oder Methodik der Forschung auswirke. Ruth Mayer entgegnete, dass gewisse Aspekte dieser Serien nur sichtbar werden, wenn sie als Teil der Populärkultur betrachtet werden.

Insbesondere Mikos provozierte eine Diskussion durch seine Bemerkung, dass er in der bisherigen Serialitätsforschung eine stärkere ökonomische und soziologische Ausrichtung vermisse – ein Punkt, dem die Forschergruppe wie bestellt mit den Vorträgen am letzten Konferenztag nachkam. Der Beitrag von Mikos verdeutlichte aber auch die insgesamt starke Ausrichtung der Konferenz auf die US-amerikanische Medienforschung und US-amerikanische Fernsehserien. Es kam nur geringfügig zu Annäherungen an Diskurse und Debatten der deutschen oder europäischen Medienwissenschaft.

Die Sitzung „Temporalities“ verband mit den Beiträgen von Scott Higgins (Wesleyan University) und Irmela Schneider (Köln) zwei sehr unterschiedliche Zugänge zur Thematik der Zeit in seriellen Narrativen. Higgins zeigte am Beispiel von Film Serials der 1940er wie Perils of Nyoka (1942) die Wichtigkeit von wöchentlichen Pausen zwischen einzelnen Filmabschnitten für die Rezeption auf. Er machte für jede Folge eine fünfteilige Struktur aus, die immer auf einem Cliffhanger ende. Gerade diese spezifische Form mache die Konventionalität des Cliffhangers sichtbar, indem das Überleben der Heldin immer gewährleistet und für Zuschauende eher die Frage nach dem „Wie?“ relevant sei. Die Pause zwischen den Folgen schaffe hier „time for play“, für ein Suchen nach Hinweisen oder Informationen dazu, wie die Heldin es letztendlich doch schaffe, zu überleben. In der nächsten Folge werde häufig als Auflösung des Cliffhangers die Temporalität der Folge verändert und dadurch eine Verbindung von Räumlichkeit, Zeitlichkeit und Diskontinuität relevant.

Schneider erarbeitete in ihrem Vortrag einen theoretischen Hintergrund für eine Geschichte des Scheduling, welche auch das Verhältnis von Scheduling und Serialität in den Blick nehmen solle. Unter Bezug auf Paul Ricœurs Begriff der narrativen Identität führte sie aus, dass das Strukturieren von Fernsehinhalten in Programmen (schedules/scheduling) narrative Identitäten beeinflusse und verändere, so beispielweise die Freitagnachtkrimis der 1980er oder die „Dallaszeit“. Schneider strukturierte ihren Vortrag entlang Ricœurs dreifacher Mimesis der Erzählzeit (das Präfigurative, das Konfigurative und das Refigurative), welche sie als hilfreichen Ansatz zur Arbeit an Serialität und Scheduling vorschlug.

Die Sitzung „Technologies and Practices” begannen Christine Hämmerling (Göttingen) und Mirjam Nast (Tübingen), die aus einer ethnographischen Perspektive Rezeptionsforschung zu den langlaufenden Serien Perry Rhodan (seit 1961) und Tatort (1970) betreiben. Hämmerling und Nast stellten eine erstaunliche Stabilität von Rezeptionspraxen fest und betonten, dass Rezipient_innen, nachdem sie sich daran gewöhnt hatten, ihre Serie in einer Medienform zu sehen/lesen, nur selten alternative Medienformen (Ebook, Stream) in Betracht zögen. Sie bezeichneten mit dem Verweis auf Henry Jenkins die Seh- und Lesepraxen dieser Serien als zeitlich gebunden („appointment-based“ statt „engagement-based“).

Anschließend analysierten Tanja Weber und Christian Junklewitz (Köln) die Bedeutung von VoD (Video on Demand) für serielles Fernsehen und die Medienindustrie. Sie hoben hervor, dass VoD als Praxis nicht industriegesteuert, sondern von Nutzer_innen selbst etabliert wurde, als dies durch technische Möglichkeiten (Internetgeschwindigkeit, Speicherkapazitäten) möglich wurde. Ab 2004/2005 reagierte dann die Medienindustrie mit rechtlichen Maßnahmen gegen illegales Anbieten und Nutzen von Inhalten, sowie mit unterschiedlichen Modellen des legalen VoD (Pay-per-View, Download-to-Own, Advertising, Licence Fee, Subscription-Based). Durch VoD veränderten sich auch Sehpraxen: Hier nannten Weber und Junklewitz Aktualität und Zugänglichkeit als zentrale Motivationen für VoD. Es sei für Rezipient_innen durch VoD möglich, räumliche Grenzen zu überwinden, während zeitliche Beschränkungen umso dringlicher würden. Durch VoD sei die Möglichkeit gegeben, Teil einer imaginierten Zuschauerschaft zu werden und sich am internationalen und interkulturellen Austausch über Serien zu beteiligen. Regina Bendix betonte in der Diskussion das Verlangen von Zuschauer_innen, über Inhalte miteinander zu kommunizieren, und die mit diesem Bedürfnis verbundenen zeitlichen Restriktionen, welche beide Vorträge dieser Sitzung miteinander verbinde. Weiterhin unternahmen Weber und Junklewitz eine Analyse des deutschen VoD-Anbieters Watchever, in der sie feststellten, dass die genutzten Angebote eine größere Diversität von Genres aufwiesen, als sich dies im Fernsehprogramm spiegele. Die anschließende Diskussion drehte sich um die Fragen, ob Fernsehen als Medium durch VoD obsolet werde und ob durch VoD Inhalte nicht mehr als seriell betrachtet werden könnten (eine Überlegung, die auch im Rahmen des letzten Vortrags von William Uricchio aufgegriffen wurde). Weber und Junklewitz hielten fest, dass während VoD Distributions- und Produktionsprozesse von Fernsehinhalten beeinflusse, Fernsehen als Medium dennoch ihrer Meinung nach fortbestünde. Des Weiteren halten sie es, unabhängig vom Rezeptionsmodus ,für sinnvoll am Begriff der Serialität festzuhalten.

Die Sitzung „Beyond Popular Narratives“ begann Judith Keilbach (Utrecht) mit Überlegungen zur Serialität von Medienereignissen. Keilbach griff die vermeintliche Dichotomie zwischen dem einmaligen transnationalen Medienereignis und seriellen Formen auf. Beispielsweise werde eine Serialität der Berichterstattung deutlich, wenn die Krönung von Willem-Alexander in den Niederlanden mit denen seiner Mutter/Großmutter verglichen werde und so erst im Vergleich durch Variation Bedeutung entstehe. Diesen Ansatz von Berichterstattung als Serie illustrierte sie anhand der Fernsehausstrahlung des Prozesses gegen Adolf Eichmann (1961).

In seinem Vortrag zeigte William Uricchio (MIT/Utrecht) vielfältige Arten der Rezeption serieller Narrationen auf. Uricchio prägte den Begriff Heterochronia, um damit Sehpraxen zu erfassen, die serielle Geschichten in einer Störung ihrer vorgesehenen Sequenz konsumieren, und hinterfragte insgesamt die Annahme einer intendierten Sequenz. Als zweites Konzept der Rezeption diskutierte er Bingeing3 und die daraus folgende Verdichtung der seriellen Periodizität. Damit zusammen hängt eine auch schon im Anschluss an Weber und Junklewitz' Vortrag aufgekommene Frage: Lässt sich beispielsweise House of Cards noch als Serie bezeichnen?4 Somit eröffnete dieser letzte Vortrag eine Diskussion darüber, wie diese Veränderungen von Rezeptions- und Produktionsverhalten durch die Serialitätsforschung erfasst werden können. Während die starke Einbindung und Berücksichtigung dieser Aspekte für den Forschungsgegenstand unabdingbar sind, so ist es doch fragwürdig, wie erkenntnisleitend Diskussionen darum, was eine „Serie“ oder „Serialität“ ist oder nicht ist, wirklich sind.

Obwohl sich viele Beiträge und Diskussionen inhaltlich mit der Frage nach seriellen Enden und Closure beschäftigten, wurde gerade durch die Konferenz deutlich, wie sehr die Serialitätsforschung am Anfang steht und noch lange kein Ende der Debatten und Diskurse um populäre Serialität in Sicht ist. Gerade die Diskussionen um Ideologie als Analysebegriff, die Frage nach einer meta-theoretischen Forschungsperspektive, die methodische Herausforderung eines umfangreichen Analysegegenstandes und eine starke interdisziplinäre und internationale Ausrichtung werden die Forschergruppe nach dieser Konferenz in ihre zweite Förderperiode begleiten. Angekündigt ist auch eine Publikation der Tagunsbeiträge (siehe auch Publikation der ersten Tagung der Forschergruppe5)

August 2013

  • 1. Internetauftritt der DFG-Forschergruppe "Ästhetik und Praxis populärer Serialität", Ankündigung der Konferenz.
  • 2. Jason Mittell, Just TV, The Ends of Serial Criticism, dort datiert 13.06.2013, gesehen am 17.06.2013.
  • 3. Begriff abgeleitet von 'binge' als eine gehäufte Konsumierung beispielsweise von Nahrung oder im Fall des 'binge viewing' eine direkt anschließende Konsumierung von Fernsehserien.
  • 4. House of Cards wurde vom US-amerikanischen VoD-Anbieter Netflix produziert, der alle 13 Folgen der ersten Staffel gleichzeitig online stellte und es somit Zuschauer_innen selbst überließ, ob und wie sie die Pausen zwischen einzelnen Abschnitten legten oder ob sie Bingeing praktizierten und alle 13 Folgen auf einmal schauten.
  • 5. Frank Kelleter (Hsg.), Populäre Serialität: Narration-Evolution-Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld: transcript, 2012.
letztes Update am 
26. Juni 2016

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