Media Homes: Material Culture in 20th Century Domestic Life

Media Homes: Material Culture in 20th Century Domestic Life

Tagung, NIAS Wassenaar 29. Juni 2012, organisiert von Natalie Scholz und Carolyn Birdsall, Amsterdam School for Cultural Analysis (ASCA), University of Amsterdam

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Ende Juni 2012 fanden sich rund zwanzig TeilnehmerInnen im Konferenzsaal des „Netherlands Institute of Advanced Studies“ (NIAS) in Wassenaar (Niederlande) für die Tagung „Media Homes: Material Culture in 20th Century Domestic Life“ zusammen. Gastgeber war neben NIAS die „Amsterdam School for Cultural Analysis“ (ASCA), ein Forschungsinstitut und (Post)Doktorandenprogramm der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Amsterdam. Konzeptionell knüpften die Organisatorinnen Natalie Scholz und Carolyn Birdsall (beide Amsterdam) an das anhaltende Forschungsinteresse an materieller Kultur in den Geistes- und Kulturwissenschaften an.

Die vier Panels griffen thematisch den Diskurs häuslicher Mediennutzung auf, wie er im Domestizierungsansatz etabliert wurde. Dabei bezogen sich die Organisatorinnen maßgeblich auf die Doppelperspektive auf Medien als Medium und als Medientechnologie.1 Die „Media Homes“-Tagung verfolgte denn auch das Ziel, die immateriellen und materiellen Repräsentationen des Häuslichen aufzuschlüsseln und miteinander in Verbindung zu bringen. Panel 1 und 2 widmeten sich der Mediatisierung des Häuslichen und den Repräsentationen des Häuslichen in verschiedenen Einzelmedien (TV, Zeitschriften/Magazine, Radio und Film) und der Frage, wie diese das Bild des Heims formen. Panel 3 und 4 gingen der Domestizierung von Medientechnologien im häuslichen Gebrauch nach. Das programmatische Statement lautete, dass beide Phänomene, die immaterielle und die materielle Seite der häuslichen Sphäre, zwar nicht als separate Entitäten betrachtet werden könnten, die Unterscheidung in Medium und Medientechnologie jedoch eine unerlässliche theoretische Distinktion und analytische Operation darstelle.

Zentraler Fokus der Tagung war es, die materielle Dimension von Medien zu erkunden, um herauszufinden, welche Rolle der Aspekt der Materialität in beiden Perspektivierungen des medialen Zuhauses spielt. Ein Schwerpunkt der Vorträge lag in der Analyse der Domestizierung der Medientechnologien Fernsehen und Radio. Die Mikro-Ebene der häuslichen Sphäre – welche im Wesentlichen die Medienpraktiken rund um den Wohn- und Schlafbereich benennt – stellte einen populären Ausgangspunkt für die Frage dar, inwiefern Medien nicht nur den häuslichen, sondern auch den öffentlichen Raum formen.2 Ein Großteil der Vortragenden näherte sich damit Aspekten von Design, Gender und Lifestyle im häuslichen Raum als Indikatoren soziokultureller Tendenzen.

Den Auftakt in Panel 1 „Domesticating the Political Imaginary“ machte André Wendler (Weimar) mit einer Diskursanalyse zum Wandel der Ikonographie Kleopatras, deren Höhepunkt J. L. Mankiewicz’s Film Cleopatra von 1963 darstelle. Kleopatra werde nicht länger als Heldin der Weltgeschichte inszeniert, wie es etwa noch in klassischen historiographischen Darstellungen Plutarchs und Ciceros der Fall war; Werbeanzeigen und Zeitschriftenartikel zeigten sie vielmehr als Königin der häuslichen Sphäre in alltäglichen und privaten Posen. Wendler zeigte auf, wie die Materialitäten, die Elizabeth Taylor in ihrer Hauptrolle als Kleopatra umgeben, Einzug in die häusliche Sphäre hielten. Kleidung, Make-Up-Utensilien, Haarbürsten, Teppiche und Tagesdecken gingen mit dem Versprechen einher, dass sich jede Hausfrau wie eine Kleopatra fühlen könne und informierten laut Wendler sowohl das historische Bild Kleopatras als auch die damalige häusliche Umwelt der Zuschauer.

Steven Jacobs (Gent) widmete sich in seinem Vortrag den „Slapstick Homes“. Das Interesse des Slapstick-Films an der Architektur manifestiere sich in der systematischen Zerstörung des bürgerlichen Zuhauses, allem voran seiner teuren Möbel und fragilen Objekte. Jacobs führte vor, wie das Haus bei Laurel & Hardy als mechanisches Objekt gefeiert wird, dessen räumliche Struktur und Einrichtung die Protagonisten mittels Verfolgungsjagden erkunden. Bis unter die Decke beladen mit mechanischen Geräten wie „beseelten“ Klappbetten und Haushaltsgeräten, gleiche das Haus einer „Wohn-Maschine“. In einem zweiten Schritt zeigte Jacobs auf, dass auch die Entwürfe der Architekten und Designer von eben solchen Slapstick-Visionen der 1910/20er Jahre beeinflusst wurden.

Stefano Baschiera (Belfast) untersuchte die unterschiedlichen filmischen Repräsentationen des Häuslichen in den Generationenkonflikten Italiens der 1960er Jahre. Das elterliche Heim werde in der italienischen „New Wave“ noch als Schlachtfeld der Generationen inszeniert, bei dem sich die Rebellion der Kinder gegen ihre bürgerlichen Eltern vor allem in der Zerstörungswut gegenüber der häuslichen räumlichen Ordnung und seinen moralisch aufgeladenen Objekten äußert. Der zeitgenössische „Heritage Film“ widme seinen nostalgisch verklärten Blick weniger dem elterlichen Zuhause als vielmehr den vom Durcheinander geprägten Materialitäten, die die Studentenwohnung charakterisierten, wie etwa Bücher und Flugschriften.

In Panel 2 – „Reinventing Space and the Interior“ – ging Elizabeth Darling (Oxford Brookes) dem Siegeszug des ‚good design‘ über die viktorianische Inneneinrichtung in den britischen Haushalten der 1930er Jahre nach. Darling charakterisierte Design und Architektur als tief mediatisierte kulturelle Praktiken. Am Beispiel des Radiogeräts manifestiere sich denn auch die Doppelstrategie ihres Erfolgs: Sowohl inhaltlich, über das Radioprogramm (siehe etwa Wells Coates in der BBC-Reihe „Design in Modern Life“), als auch materiell über die Gestaltung des kabellosen Radioapparates (siehe etwa das Bakelite Radio), brachten Designer ihre Visionen von einem modernistischen Zuhause in die britischen Wohnungen.

Erica Carter (London) beschrieb anhand von Aussagen der Oral History die Rolle des Kinos bei der (Re)Konstruktion eines Zuhauses jüdischer Emigrantinnen im Exil zwischen 1930 und 1950. Aus Anne Franks Tagebucheinträgen geht hervor, dass ihre Schlafzimmerwände mit Bildern von Filmstars dekoriert waren; das Unterfangen, den kinematographischen Blick an der eigenen Schlafzimmerwand zu rekonstruieren, deutete Carter im Sinne der Cultural Studies als kreative Aneignung bzw. Produktion aus Fetzen und Spuren. Die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum verschwömmen in dem Moment, in dem die mobile Zuschauerschaft das Kino ins eigene Haus holte.

Sophie Feyder (Leiden) betrachtete anhand der „Lounge Photography“ des südafrikanischen Fotografen Ronald Ngilima die visuellen (Selbst)Repräsentationen des Zuhauses schwarzer SüdafrikanerInnen von Anfang der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre. Feyder konstatierte anhand des fotografischen Materials eine gegenseitige Beeinflussung von materieller Kultur und dem Medium Fotografie; die Lounge als neuer Typus der Architektur und die Innenraum- und Portraitfotografie bedingten sich so etwa wechselseitig. Die auf den Fotografien abgebildeten Materialitäten der Lounge, welche für den neuen Photographie-Trend eigens in Szene gesetzt wurden, deutete Feyder als Mise en Scène für die Aneignung der „generic matchbox houses“ der Townships als personalisiertes Zuhause jenseits der Konventionen der Kolonialisten.

Im dritten Panel „Transforming the Home: TV and Radio“ stellte Els de Vos (Antwerpen) heraus, dass die Zeitschriften soziokultureller Organisationen im Flandern der sechziger Jahre das bedeutendste Medium zur Kommunikation über das Zuhause darstellten. Der hohe Stellenwert materieller Kultur für die flämische Identität ließe sich nicht zuletzt an den Hoffnungen und Ambivalenzen in Bezug auf das Fernsehgerät ablesen, die Architekten in den Zeitschriften zum Ausdruck brachten. Die normative Dimension solcher Quellen stellte de Vos anhand ethnographischer Ergebnisse zur Domestizierung des Fernsehens und der tatsächlichen Architektur in Flandern heraus.

Cecilia Penati (Mailand) vertrat die These, dass der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt RAI eine Schlüsselrolle im Domestizierungsprozess des Fernsehens im Italien der fünfziger und sechziger Jahre zukam. Das konstruierte Publikum – die Kleinfamilie – sollte davon überzeugt werden, dass es sich um ein harmloses Gerät handele, das nicht etwas eine Störung sondern vielmehr eine Maximierung häuslicher Routinen mit sich bringe. Penati betonte, dass es sich hierbei um einen Top-down-Prozess handele, der durch die Synergie zwischen öffentlichen Sendeanstalten und Herstellern verstärkt worden sei.

Alexander Badenoch (Utrecht) beschäftigte sich mit dem Rundfunk und der Mediatisierung der häuslichen Sphäre aus feministischer Perspektive. Die „International Association of Women in Radio“ (IAWR) brachte in den fünfziger Jahren Frauen zusammen, die sich für mehr Raum für weibliche Belange im Radio – sowohl im Interesse der Produzentinnen als auch der Zuhörerinnen – stark machten. In diesem Sinne rief die Gruppe über das Programm die Hausfrauen dazu auf, dem Radio zu antworten und per Postkarten in Kontakt mit den Programmmacherinnen zu treten, um sich über die Themenkomplexe Technik (in Gestalt des Radios), Häuslichkeit und Feminität auszutauschen.

Im letzten Panel „Dissolving the Home? Domestic Media Practices at the Turn of the Millennium“ gingen Corinna Peil (Salzburg) und Herbert Schwaab (Regensburg) der Annahme nach, dass die Mediatisierung des Zuhauses in Bezug auf neue Medientechnologien relativ statisch verlaufe. Peil stellte unter Bezugnahme auf qualitative Forschungsergebnisse heraus, dass entgegen populärer Annahmen zu digitalen und mobilen Medientechnologien nicht davon ausgegangen werden könne, dass sich häusliche Routinen temporaler und räumlicher Natur plötzlich und vollständig geändert hätten. Schwaab untermalte die empirischen Befunde anhand popkultureller Darstellungen des Mediengebrauchs in den Fernsehserien Home Improvement, King of Queens und Big Bang Theory und zeigte, wie in der Sitcom etablierte häusliche Medienarrangements – wie etwa die Fernsehecke – gegenüber neuen bevorzugt würden.

Susan Aasman (Groningen) stellte neue Tele-Technologien wie den Skype-Videoanruf in die Tradition alter Medienpraktiken. Mittels einer Genealogie des Home-Videos beleuchtete sie, dass beide Praktiken in Anlehnung an John Tomlinson zum Bereich der „technologies of the hearth“ zu zählen seinen. Skype startete zwar als Business-Angebot, wurde jedoch nach kurzer Zeit zum Medium der privaten Kommunikation par excellence: im globalen und digitalen Zeitalter garantiere der virtuelle Raum den Familienmitgliedern neue Formen häuslichen Alltags. Das Medium Amateurfilm, in Form des historischen Familienfilms, erlaube das Festhalten privater Familienmomente und erweise sich in diesem Zusammenhang als Schlüssel zum Verständnis moderner Kommunikation(swege).

Alexandra Schneider (Amsterdam) widmete sich ebenfalls den (Dis)Kontinuitäten häuslicher Filmpraktiken und den Diskursen, die sie umgeben. In einer Medienarchäologie des Home-Videos stellte sie anhand aktueller Werbeanzeigen und mobilem Zusatzequipment Demarkationslinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart des Mediums vor. Das Medium Amateurfilm habe auf die Kolonialisierung des Zuhause und damit des Privaten abgezielt. So wurden Frauen in den zwanziger Jahren in Werbeanzeigen oftmals als Kamerafrauen adressiert, in den Dreißigern wurden weibliche Konsumentinnen in der Regel über Abbildungen filmender Mütter als Zielgruppe erschlossen. Die Tripod-Werbung baue auf diese Tradition der Eroberung der häuslichen Sphäre auf und versuche mittels Feminisierung der Medientechnologie seinen Absatz zu steigern.

Jedes der vier vorgestellten Panels wurde mit einer kurzen Diskussionsrunde abgeschlossen. Ein Leitthema stellte die Materialität von Medienpraktiken dar: Zum einen arbeiteten die TeilnehmerInnen heraus, dass die Individuen zwangsläufig in die materielle Kultur verwickelt seien, ob in Form von Architektur, Medientechnologien oder Leitbildern in Zeitschriften. Diese Top-down-Prozesse seien jedoch keineswegs als self-fulfilling prophecies zu deuten. Die Rationalisierung des Häuslichen sei nicht planbar und schlage oft fehl. Die häusliche Sphäre ist demnach als Ort zu verstehen, der maßgeblich durch Bottom-up-Prozesse bestimmt werde: wie die Vorträge gezeigt haben, kommt es in der Aneignung immer auch zum Missbrauch und zur Zweckentfremdung materieller Objekte. „Die Wiederkehr der Dinge"3 in den Geistes- und Kulturwissenschaften wurde im Rahmen der Tagung denn auch unter anderen Vorzeichen verhandelt als es derzeit im Zuge des sogenannten ‚material turn‛ der Fall ist. Anstatt etwa unter Bezugnahme auf die ‚symmetrische Anthropologie‛ der Akteur-Netzwerk-Theorie das Beziehungsnetz der häuslichen Akteure zu analysieren, gingen die Vortragenden vornehmlich den Subjekt-Objekt-Beziehungen im Sinne des Domestizierungsansatzes nach. Viele Vorträge beriefen sich somit auf die einschlägigen Arbeiten von Lynn Spigel, David Morley und Roger Silverstone. Dieses Konzept zur Untersuchung von Materialität hätte durch die Perspektive der Material Culture Studies auf Artefakte und auf sie bezogene Konsumpraktiken, wie sie u.a. der englische Anthropologe Daniel Miller verfolgt, weiter geschärft werden können.

In der finalen Diskussion zur Tagung wurde seitens der OrganisatorInnen zur Selbstreflexion aufgerufen: Die TeilnehmerInnen lobten das breite inhaltliche Spektrum, welches vielfältige Medienkulturen über mehrere Generationen hinweg verfolgte. Bemängelt wurde hingegen der heteronormative Ton der Analysen. Die perspektivische Engführung und Gleichsetzung des Begriffs des Zuhauses mit der Kleinfamilie hätte demzufolge kritischer reflektiert werden können. Zu wenig sei auf die negativen Facetten des Zuhauses als disturbia4 eingegangen worden. Anknüpfungspunkte stellten hier die Hinweise der OrganisatorInnen aus der Eröffnungsansprache dar. Darin verwiesen sie auf aktuelle Beiträge zu alternativen Repräsentationen des Zuhauses5, die zeigen, dass das viel bearbeitete Feld des medialen Zuhauses weiterhin reichlich Potenzial für wissenschaftliche Auseinandersetzungen bietet.

Januar 2013

  • 1. Vgl. Roger Silverstone, Leslie Haddon, Design and Domestication of Information and Communication Technologies. Technical Change and Everyday Life, in: Robin Mansell, Roger Silverstone (Hg.), Communication by Design. The Politics of Information and Communication Technologies, New York (Oxford University Press) 1996, 44-74.
  • 2. Vgl. David Morley, Where the Global Meets the Local: Aufzeichnungen aus dem Wohnzimmer, in: montage/av Heft 6,1/1997, 5-35.
  • 3. Ein gleichnamiger Sammelband ist unlängst erschienen: Friedrich Balke, Maria Muhle, Antonia von Schöning (Hg.), Die Wiederkehr der Dinge, Berlin (Kulturverlag Kadmos) 2011.
  • 4. Zum Wortspiel „Suburbia – Disturbia“ siehe z.B. Lynn Spigel, Welcome to the Dreamhouse. Popular Media and Postwar Suburbs, Durham (Duke University Press) 2001, 42f.
  • 5. Zu Abweichungen von heteronormativen Repräsentationen des Zuhauses wie etwa in der Fernsehserie Queer Eye for the Straight Guy siehe Tania Lewis, Smart Living. Lifestyle Media and Popular Expertise, New York (Lang) 2008. Zur Aufladung des Häuslichen mit Technik- und Erotikfantasien siehe etwa Beatriz Preciado, Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im „Playboy“, Berlin (Wagenbach) 2012.
letztes Update am 
12. Juni 2014

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