Kosmos und Kontingenz

Kosmos und Kontingenz

Tagung, Veranstalter: Reto Roessler, Tim Sparenberg und Philipp Weber, PhD-Net «Das Wissen der Literatur» (Humboldt-Universität zu Berlin, Harvard University, Princeton University, University of California, Berkeley) und DFG-Graduiertenkolleg «Lebensformen und Lebenswissen» (Universität Potsdam und Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder). Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum Berlin 10.–13.07 2014.

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Im nun angebrochenen Zeitalter des Anthropozän stellt sich angesichts globaler ökologischer und sozialer Krisen die Frage, wie der Mensch sein Verhältnis zum Kosmos gestaltet – genau diesem jüngsten Umdenken war die Konferenz Kosmos und Kontingenz gewidmet. Mit der Frage nach dem Zusammenhang von Kosmos und Kontingenz adressierte sie dabei die Ambivalenz von Kontingenz, deren Erscheinen einerseits stets eine fundamentale Verunsicherung nach sich zieht, andererseits aber gerade auch Handlungsmöglichkeiten und neue Darstellungsverfahren bedeutet. Der altgriechische Begriff «Kosmos», ursprünglich im militärischen Bereich zur Beschreibung von Rangfolgen gebraucht, war seit seiner ersten Übertragung auf Naturgegenstände stets ein Ordnungsbegriff. Die Geschichte der Kosmologie begreift die Ganzheit der Natur, Himmel und Erde somit als feste, stabile und geordnete Form, während zugleich jegliche Anzeichnen kosmologischer Unordnung, Abweichung und Kontingenz marginalisiert oder gar diskursiv ausgeschlossen wurden.

Mit dem ersten Panel nahm die Tagung ihren Ausgang bei Ausgehend von Lukrez’ antikem Lehrgedicht De rerum natura, das eine frühe Kontingenzkosmologie entwickelt. Das Ziel der Konferenz war es, die bislang übersehene wechselseitige Ausbildung von Kosmos- und Kontingenz-Konzepten historisch wie systematisch zu verfolgen. Die Lukrez-Rezeption, die in jüngere Zeit durch das Erscheinen von Greenblatts The Swerve (2011) an Aktualität gewonnen hat, eröffnet das Bild einer Welt ohne Gott und ohne Jenseits, an dessen Anfang das clinamen, eine minimale und zufällige Abweichung in der Bewegung der Atome steht. Während Kontingenz in der Kosmologie des Lukrez’ noch aus der Ereignishaftigkeit des Kosmos selbst resultiert, verlagert sich ihr Ort im Laufe der Zeit aber zunehmend in die Praktiken der Beobachtung der Wissensproduktion, -distribution und -darstellung. In ihrer Genealogie des Verhältnisses von Kosmos und Kontingenz spannte die Konferenz dabei einen weiten Bogen von der Kosmografphie des Mittelalters über die Mechanik des 18. Jahrhunderts und die Vorstellung einer radikalen Kontingenz im 19. und 20. Jahrhundert, bis hin zur gegenwärtigen Diskussion um eine neue ‹Kosmopolitik›.

Die Veranstaltung führte VertreterInnen unterschiedlicher Disziplinen, darunter Medien- und LiteraturwissenschaftlerInnen, PhilosophInnen, KulturwissenschaftlerInnen sowie Kunst-, Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen zusammen. Der Zusammenhang von Kosmos und Kontingenz rückte so nicht nur unterschiedliche Darstellungsformen wie Film, bildnerisches Kunstwerk, Performance und Literatur in den Fokus, sondern besonders auch technische Medien, mit denen seit der Antike Wissen über den Kosmos hervorgebracht wurde: etwa die Aufzeichnung von Fernrohr-Beobachtungen, die Grundlagen des Projektionsplanetarium oder radioteleskopische Bildern als Formen einer dem Menschen enthobenen Wahrnehmung.

Nach den Begrüßungsworten von Prof. Andrea Allerkamp (Viadrina) und Prof. Joseph Vogl (HU Berlin) stellten die Veranstalter Reto Roessler (HU Berlin), Tim Sparenberg (Viadrina) und Philipp Weber (Viadrina) ihr Konzept einer Gegengeschichte der Kosmologie vor, in welcher die Kontingenz als Motor wesentlich ist. In systematischer Hinsicht sollte diese Perspektive zudem um aktuelle Positionen der Kosmopolitik ergänzt werden.

Thomas Ebke (ENS Paris) schlug in seinem Impulsvortrag zu Alexandre Koyrés Rephänomenologisierung der mathesis universalis vor, Kontingenz als dialektischen Bezug auf die Endlichkeit bzw. die Unendlichkeit des Universums zu fassen. Koyrés Ansatz sei hierbei eine neue Reflexion auf die Zeitlichkeit jener Endlichkeit sowie die Singularität der Menschen im Kosmos. Die Verklärung der Physik zur Metaphysik führe dagegen, ähnlich wie im Spekulativen Realismus oder im transzendentalen Empirismus, zu einer unterbestimmten Opposition. Koyré dagegen bewahrt die unaufhebbare Differenz der Temporalität der Endlichkeit gegen das Absolute, wenn er in seinen Hegel-Studien sowohl auf die Dialektik der Geschichtlichkeit als auch auf jener der Logik der Unendlichkeit beharrt. 

Im ersten Panel zu «Neuanfängen zwischen Kosmographie und Lukrez» stellte Cornelia Selent (FU Berlin) bereits mit dem Titel ihres Vortrags die Frage: Ist die Kontingenz tatsächlich aus der mittelalterlichen Kosmologie ausgeschlossen? Die kosmologische Großdichtung Cosmographia des Bernardus Silvestris (1149) zeige im Kontext des christlich-mittelalterlichen Ordo-Denkens, wie spannungsreich die biblische und naturphilosophische Schöpfungsgeschichte nebeneinander stehen. An die Stelle eines unfehlbaren Gottes tritt die Erschaffung der Welt durch untergeordenete Gottesinstanzen. In Bernardus’ Werk steht die unbeherrschbare Urgewalt silva für den Einfall der Kontingenz in die geschaffene Ordnung. Räume des Zufalls und des Chaos entstehen immer dann, wenn die stabile, gottgewollte Ordnung mit dem künstlerischen Schaffensprozess in eins fallen; ihre gegenseitige Abgrenzung ist zumindest fraglich. Für Bernardus’ Dichtung ist Kontingenz also auch eine notwendige Bedingung schöpferischer Kreativität. Christian Reidenbach (Universität Bonn) machte Kontingenz und leeren Raum in der Epistemologie Pascals zum Thema und betonte die Bedeutung der physikalischen Versuche Pascals um 1646, die neue Perspektiven auf die Endlichkeit menschlicher Erkenntnis eröffnen. Neben dem Fernrohr, das zu Beginn des Jahrhunderts räumliche Unendlichkeit vor Augen führte, wird bei Pascal die Quecksilbersäule zu einem zweiten Medium kopernikanischer Kosmologie, in dem es dessen Leere experimentell hervortreten lässt. Der Raum erweise sich hier als eine Kombination von Leere und Materie, handelt es sich doch in Pascals Experiment «Leere in der Leere» zunächst um eine «scheinbare Leere», die so lange leer bleibt, bis jemand das Gegenteil beweist. Damit werde die behauptete Faktizität zur bloßen Meinung (sentiment), zehn Jahre später jedoch zu einem Prisma der Erkenntnis, das Sinnangebote enthält, die trotz ihrer Heterogenität konvergieren.

Der Abendvortrag von Hartmut Böhme (HU Berlin) mit dem Titel Die kosmische Leere, die Ästhetik des Weltraums und die moderne Kunst verglich neuere astronomische Fotografien weit entfernter Welten mit Entwicklungen der Himmelsbeobachtungen in der Frühen Neuzeit. Hierbei wurde zunächst die Unanschaulichkeit moderner Himmelsbeobachtung, etwa in den Radioteleskopen der modernen Astrophysik, deutlich. Sie gäben Daten aus, die menschlichen Sinnen in keiner Weise mehr unmittelbar zugänglich seien. Stattdessen, so Böhme, werde Wahrnehmung hier allein durch technische Bilder ermöglicht, deren maschinellen Messdaten nur durch computergestützte Bildgebungsverfahren Bedeutung zugewiesen werden könne. Eine andere Art der Bedeutungszuschreibung finde sich demgegenüber in ästhetischen Darstellungen seit der Frühen Neuzeit, in denen Welt- und Kosmosmodelle verhandelt werden. Das Vakuum beschrieb Böhme dabei als ein Forschungsfeld, das sich im 17. Jahrhundert am stärksten an der Grenze zwischen Physik und Metaphysik bewege, und das über den Zusammenbruch des horror vacui zugleich metaphysische Relevanz beansprucht, insofern es die räumliche Präsenz Gottes in Frage stellt.

Im zweiten Panel «Notwendigkeit und die Form der Kontingenz», das den Kosmos der Physikotheologie untersuchte, referierte Johannes Wankhammer (Cornell) über die Kosmologische und epistemische Kontingenz bei Breitinger und Brockes. Ebenso wie in Breitingers Critischer Dichtkunst der Übergang von der Nachahmung zur kosmologisch legitimierten Fiktion die Möglichkeit des Andersseins einer wirklichen Welt impliziert, finden sich in Brockes physikotheologischen Gedichten ein spezifisches Kontingenzbewusstsein. Zugespitzt wird dies in seinen Gedancken über ein Perspectiv, in denen er in der Reflexion über optische Geräte einen kontingenten Weltbezug konstruiert. Die Verfremdung des natürlichen Blicks führt zu einer qualitativen Änderung des Gesehenen, die auf die Bedingungen der Möglichkeit eines anderen, nicht-referenziellen Sehens hinweist. Nach dem strategischen Einsatzpunkt des Prinzips der Zweckmäßigkeit innerhalb der kantischen Tranzendentalphilosophie fragte Thijs Menting (Uni Potsdam) in seinem Vortrag Von der Teleologie zur Zweckmäßigkeit. Kritische Aufnahme einer neuen Idee. So ist das Zweckprinzip beim rationalistischen Leibniz noch notwendig, wohingegen der frühe Kant in seinen vorkritischen Schriften eine Synthese aus Teleologie und Mechanik entwirft und damit ein naturphilosophisches Anliegen verfolgt. Die Möglichkeit der Kontingenz wird durch die Existenz eines kontingenten Subjekts und eines göttlichen Korrektivs ausgeschlossen. In seiner dritten Kritik rehabiliert Kant die Zweckmäßigkeit allerdings wieder: Sie dient nun der Erwartung der Kohärenz der subjektiven Erfahrung als Antwort auf die Möglichkeit der Kontingenz. Wolfgang Hottner (HU Berlin) verfolgte anhand des Motivs der Ungereimtheit das Wechselverhältnis von Poetik, Rhetorik, Naturphilosophie und Logik in der Mitte des 18. Jahrhunderts. So sei es die Wohlgereimtheit, die kosmische Harmonie und logische Widerspruchsfreiheit in der Darstellung verwirkliche. Die Annahme einer kontingenten Ordnung des Kosmos hingegen findet mit der Ungereimtheit ihre wesentliche Ausdrucksform. Dies zeige sich etwa bei Brockes, Pope und Klopstock als poetische Strategie, die sich so an der potenziellen Ungereimtheit der Welt abarbeiten. Diese Austauschprozesse von Poesie und Philosophie nehmen ihr Ende zum einen in der Transzendentalphilosophie Kants, zum anderen in der prosaischen, ungereimten Form des Romans, der eine «Verwesentlichung des Zufälligen» (Blumenberg) erzählt. 

Das dritte Panel dokumentierte die Epoche des «Maschinenkosmos», in der Montage, Bild und Statistik und ihre Verfahren zu wesentlichen Momenten der Kosmologie werden. Helmut Müller-Sievers (CU Boulder) stellte Goethes kosmische Erzählmaschine ins Zentrum seiner Analyse des Romans Wilhelm Meisters Wanderjahren. So war die Verschränkung der Interessen Goethes an Weltall und Roman Ausgangs- und Endpunkt der Überlegungen Müller-Sievers’. Die Spur, die sich bereits in Goethes Briefen findet, endet in den Wanderjahren, die einen Weltraumroman in der Tradition der Kosmographie darstellen, so die These von Müller-Sievers. Der Roman eröffne so die Einsicht in den Zusammenhang von Astronomie, Maschinenwesen und Einbildungskraft. Die im Rollstuhl sitzende Makarie fungiere dabei als enigmatisches Bewegungsprinzip des Romans, ähnlich wie die in der Amillarsphäre zentrale Erde. Müller-Sievers begreift die Wanderjahre als Roman selbstreflexiver Erzählkunst, die sowohl der naturzentrierten Form des Lehrgedichts als auch der prometheischen Tradition der 1780er Jahre entgegensetzt sei. Kontingenzen in der Medienpraxis der bildenden Kunst beobachtete Claudia Marion Stemberger (McGill) in ihrem Vortrag über August Strindbergs Celestographien (1893/94). Aus der Schwierigkeit, Himmelskörper mittels der gängigen Fototechnik auf Bromsilberplatten abzubilden, erzeuge Strindberg mit der Belichtung der Trockenplatte auf einer Fensterbank eine höhere Unmittelbarkeit in der Darstellung kosmischer Körper. Damit übersteigt er die bloße «Materialkontingenz» und mache das Aleatorische zugleich zu einem selbstwirkenden, ästhetischen Prinzip. Timothy Attanucci (Princeton) parallelisierte antike Erzähltechniken der Stetigkeit und Kontinuität, deren Aufgabe die Konstruktion kosmologischer Geschlossenheit sei, mit Kinofilmen des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Verschränkung von epischer und wissenschaftlicher Erzählweise belegte Attanucci mit den Filmen 2001 – A Space Odysee (R: Stanley Kubrick, USA 1968) und The Tree of Life (R: Terrence Malick, USA 2011). Die beiden Filmanalysen zeigten die Transformation vom antiken Epos zum modernen Film als Versuch, mit filmischen Mitteln epische Totalität abzubilden. Kubricks Kamera- und Schnitttechniken vermitteln den Eindruck einer sich ausdehnenden Langsamkeit und übersetzen so erzählerische Kontinuität in das Kino des 20. Jahrhunderts. The Tree of Life schließlich stelle individuelles und kosmisches Narrativ gegenüber. Die Entwicklung des Kosmos und der Menschheit wird durch den Kontrast der groß angelegten Bilder der Evolution in der ersten Hälfte des Films und dem eher episodenhaften zweiten Teil verquickt. Anne Dippel (HU Berlin/Leuphana) stellte in ihrem Vortrag selbst erzeugte Kontingenzen in der wissenschaftlichen Praxis des CERN vor. So seien Zufallsprozesse in der Hochenergiephysik ein fundamentales Prinzip der Wissensproduktion, die das Risiko einer Ununterscheidbarkeit von Simulation und Apparatur beinhalten. 

Das vierte Panel «Radikale Kontingenz» widmete sich der zunehmenden Bedeutung des Zufalls in der klassischen Moderne, die zugleich Chancen sowie Risiken für ästhetische Verfahren bedeutet. Johanna Stapelfeldt (HU Berlin) veranschaulichte eine Inferiorität des Wortes gegenüber der Zahl als Problem moderner Lyrik seit 1900. Hierauf reagiere die Lyrik indem sie Verfahren der statistischen Physik übernehme und so das spekulative Sprachdenken über den Kosmos revolutioniere. Stapelfeldt zeichnete anhand der Dichtung Chlebnikovs nach, wie die Bewegungsgesetze der Wortpartikel nach dem Vorbild der Planetenbewegung entwickelt werden und zugleich den scheinbaren Determinismus des Kosmos durchbrechen, der sich als Resultat bestimmter Zeichenkalküle offenbart. Pastior verstand im Zuge seiner Chlebnikov-Rezeption sowie der Auseinandersetzung mit der Theorie dynamischer nicht-linearer Systeme laut Stapelfeldt die Kontingenz nicht nur als bloßen Gegenpart des Determinismus. Vielmehr wird sein kosmologisch-poetisches Schreiben mittels kontingenter Vorbedingungen zum Motor eines spekulativen Sprachdenkens in der Lyrik. Den Abschied von der Tonalität stellte Elisa Ronzheimer (Yale) mit ihrem Vortrag «luft von anderen planeten». Zwölftonmusik und Sphärenmusik vor. Mit den Zwölfton-Kompostionsprinzipien Arnold Schönbergs und Josef Matthias Hauers trete ein neues Modell auf den Plan, das das subjektiv-kontingent bestimmte Ich des Komponisten mit einem objektiv-geordneten Moment der Zahl zu versöhnen suche. Die Sphärenmusik fungiere dabei als antikes Ideal, dem die moderne Bedeutung des Aleatorischen auf produktive Weise gegenüberstehe.

Das abschließende fünfte Panel beschäftigte sich mit der «Aktualität der Kosmopolitik», wie sie in vielen theoretischen Ansätzen in jüngster Zeit zu finden ist. Ihren Ausgangspunkt findet diese Frage jedoch bei Kant. Hans Christian von Herrmann (TU Berlin) befragte daher in seinem Vortrag «Der bestirnte Himmel über mir». Zum Verhältnis von Kosmologie und Ästhetik bei Kant die Gültigkeit der berühmten Schlussformel der Kritik der praktischen Vernunft auf ihre medialen wie kosmopolitischen Implikationen. Mit Blick auf die technisch erzeugten Welthorizonte in Gestalt der ab etwa 1920 aufkommenden Projektionsplanetarien ließ sich diese Formel noch bestätigen; das Planetarium als Medium wird nach Blumenberg zum Mausoleum des bestirnten Himmels als Ideal der reinen Anschauung. Zum anderen ergab sich hieraus die Frage nach einer Theorie des Planetarischen bei Kant. Ist der Himmel in der Kritik der Urteilskraft lediglich als poetischer Gegenstand präsent, so vollzieht Kant in der Schrift Zum ewigen Frieden einen Perspektivwechsel hin zum Planetarischen. Die marginale Position des Menschen im Weltall wird ergänzt durch die konkrete sphärische Oberfläche des Planeten Erde, auf dem sich die Menschheit global und grenzüberschreitend entwickelt. Melanie Sehgal (Viadrina) beschäftigte sich mit Whiteheads Versuch einer Kosmologie. Ausgehend von der Unmöglichkeit einer modernen Kosmologie, wie sie aus Kants Antinomien resultiert, schlage Whitehead einen alternativen Weg vor, der die historische Bedingtheit jeder Kosmologie reflektiere und zugleich die moderne Bifurkation des Naturbegriffs hinterfrage. Hieraus ergibt sich die Forderung nach einer erneuerten Kosmologie, die die Trennung von Subjekt und Objekt sowie von Erscheinung und Wirklichkeit überwindet. Whitehead entwickle dabei ein alternatives Modell aus «actual entities» und «eternal objects», das die Welt als ein Kontinuum aus in sich selbst teilbaren Ereignissen und Entitäten begreife. Maximilian Haas (Kunsthochschule für Medien, Köln) entwarf in seinem Vortrag eine Theorie der Kosmologie der Performance. Die Aussagekraft der Elemente von aktueller Performance-Kunst reiche demnach über die bereits von Whitehead kritisierte Subjekt-Objekt-Dichotomie hinaus, indem sie Entitäten bezüglich der Intensität ihres jeweiligen Seins differenziere. Dieses Modell geht mit Donna Haraway von der Gleichwertigkeit aller Akteure aus, eine Unterscheidung Mensch-Tier-Ding wird erst im Vollzug der Performance getroffen. Kontingenz komme der Performance dahingehend zu, dass es sich bei den Akteuren um reale Einzelwesen handle, die in einem kontingenten Kosmos situiert seien und deren Verhalten niemals prognostizierbar sei. Alexandra Heimes (Goethe Universität, Frankfurt/Main) widmete sich den kosmologischen Konzeptionen Auguste Blanquis. Statt des von Walter Benjamin diagnostizierten Fatalismus’ werden, so Heimes’ These, in Blanquis Texten vielmehr kosmologische Momente der Veränderung und damit ein revolutionäres Potenzial kontingenter Möglichkeiten erkennbar. Veränderungen durch individuelle Willenskraft stellen so Gabelungspunkte als materialistische Bedingung der Möglichkeit von Veränderung dar. Über Kosmopolitische Milieus. Erkenntnishandeln bei Stengers und Haraway sprach Karin Harrasser (Kunstuni Linz). Sie konstatierte zunächst eine Verschiebung in der Bewertung von Kontingenz bei Stengers. Während es ihr in ihrem Frühwerk noch um reine Zufälligkeit gegangen sei, betonte Harrasser, dass Stengers zuletzt zunehmend den Aspekt der Handlungsmöglichkeiten hervorhebe. Durch Stengers neue Überzeugung, dass der Kosmos erst kontingent gemacht werden müsse, werde Kosmologie zur Kosmopolitik. Mit dem Begriff des Milieus werde dabei ein Zustand des Kosmos beschrieben, der Gelingensbedingungen von Gedanken und Ideen bereitstelle. Wissen könne in diesem Rahmen nur zu bestimmten Zeiten wirksam werden, woraus sich die prinzipielle Unbegründbarkeit von Wissenspraktiken ergebe. Die politische Idee, die sich der Kosmopolitik zuordnen lässt, formulierte Harrasser am Ende als Gegenteil des Habermas’schen Konsens. Es ist die Erkenntnis eines gegenseitigen, niemals symmetrischen Nutzbarmachens unterschiedlicher Akteure, die Kultivierung sich selbst beschränkender Praktiken, die den Weg für Veränderungen offenhält.

Die verschiedenen Ansätze zur Kosmopolitik brachten so eine sonst häufig nur implizite Tendenz gegenwärtiger Theorien und Positionen zum Ausdruck. Sie trafen sich dabei in der Frage nach veränderten Handlungsoptionen, welche mit einem erneuerten Kontingenzverständnis einhergeht. Hier zeigte sich, dass das Zusammendenken von Kosmos und Kontingenz zentral ist, um etwa die Frage nach  dem Verhältnis von Freiheit und Determinismusder Verantwortung im Anthropozän neu zu stellen. Bereichernd wäre der Vortrag Anselm Haverkamps gewesen, der leider ausfiel. Insgesamt erwies sich der Kosmos in den versammelten Vorträgen dabei als ein Verhandlungsort künstlerischer, philosophischer, (natur-)wissenschaftlicher und politischer Inhalte, die man heute nicht mehr getrennt voneinander denken kann und vielleicht auch nie gedacht hat. 

Die Veranstalter planen, die Ergebnisse der Tagung im Laufe des nächsten Jahres im Rahmen einer Publikation weiterzuentwickeln. Darin werden unter anderem Etienne Balibar und Anselm Haverkamp weitere Beiträge zum Themenkomplex beisteuern.

letztes Update am 
13. Oktober 2015

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