Gender, Queer und Medien – Gegenwärtige Ansätze und Perspektiven

Gender, Queer und Medien – Gegenwärtige Ansätze und Perspektiven

Tagung der Fachgruppe Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht (DGPuK) in Kooperation mit dem RCMC (Research Centre for Media and Communication) der Universität Hamburg

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Die deutschsprachige Genderforschung der Medien- wie auch der Kommunikationswissenschaft hat im vergangenen Jahrzehnt nicht nur durch poststrukturalistische Theorien und die Queer Theory entscheidende Impulse erfahren; darüber hinaus rückte die Frage nach dem Zusammenhang von Gender mit anderen Differenzierungslinien sozialer Ungleichheit, die sich etwa anhand von Kategorien wie Ethnie, Klassenzugehörigkeit oder Nationalität verfolgen lässt, in den Vordergrund. Die Tagung „Gender, Queer und Medien – Gegenwärtige Ansätze und Perspektiven“, veranstaltet von der Fachgruppe „Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft und dem Research Centre for Media and Communication der Universität Hamburg, hatte sich zum Ziel gesetzt, die gegenwärtigen Theorien und Forschungen im Bereich Gender Studies und Queer Studies zur Diskussion zu stellen und gleichzeitig den Austausch zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft zu forcieren.

Strukturiert wurde die Tagung durch thematische Panels, die jeweils eine Einführung zum Thema, ein bis drei Vorträge, einen Kommentar sowie eine abschließende Diskussion beinhalteten.

Die Kommunikationswissenschaftlerinnen Elisabeth Klaus (Universität Salzburg) und Margreth Lünenborg (FU Berlin) eröffneten den Workshop mit einem programmatischen Beitrag mit dem Titel „Stand theoretischer Diskurse in Gender-/Queer-Studies und ihre gesellschaftliche Relevanz“. In acht Thesen skizzierten die beiden Rednerinnen die Entwicklung der Forschung als „widerspenstiges Projekt“ in der Medien- und der Kommunikationswissenschaft und formulierten den Auftrag an ein widerständiges Handeln. Damit eröffneten sie auch gleichzeitig den politischen Rahmen der Tagung. Nach dem Gleichheitsansatz würden nun dekonstruktivistische bzw. poststrukturalistische Differenztheorien die Ansätze wie auch die empirische Forschung bestimmen. Klaus und Lünenborg verdeutlichten deren Standortbezogenheit und die Impulse der Geschlechterforschung für Felder wie Gewalt, Genres, Öffentlichkeit, Unterhaltung und die Journalismusforschung. Allerdings zeichneten sich aktuell drei zentrale Probleme ab: Erstens die Gefahr, an feministische Alltagsdiskurse nicht mehr anschlussfähig zu sein. Das erfordere einen stärkeren Transfer. Zweitens eine ideologische Verflechtung mit dem Neoliberalismus, und drittens eine nach wie vor beobachtbare fehlende strukturelle Absicherung der Genderforschung in beiden Fächern.

Mit ihrem Vortrag zu „ Genre – Gender – Performativität – Reality TV“ eröffnete Isabelle Terkl (Klagenfurt) das Panel „Performativität“: Entgegen essentialistischer Ansätze ließen sich nicht nur Gender, sondern auch Genres als diskursive Prozesse fassen. Am Beispiel ausgewählter Reality-TV-Angebote zeigte Terkl, wie sich Butlers Performativitätstheorie für fiktionale wie nicht-fiktionale Fernsehangebote nutzen lässt, um deren mediale, formale und inhaltliche sowie Gender-Performativitäten zu analysieren.

Martina Schuegraf (Universität Siegen) entwickelte im zweiten Beitrag anhand des aus der Theaterwissenschaft stammenden Inszenierungs- und Performanzbegriffs einen theoretischen wie analytischen Zugang, um Prozesse des „Degendering“ (Lorber) und des „Undoing Gender“ (Butler) im Sinne performativer Akte in popkulturellen Angeboten be-greifen zu können. Im Vergleich des Musikvideos „What it feels like for a girl“ (2001) von Madonna mit Peaches Clip „Kick it” (2003, mit Iggy Pop) zeigte Schuegraf die unterschiedlichen Dekonstruktionsprozesse, die bei Madonna zu Bedeutungs-verschiebungen und -brechungen im heteronormativen Rahmen, bei Peaches zu einem Degendering durch die Kombination und Überschreitung von Zuschreibungen führen.

In der Anschlussdiskussion wurde vor allem die inhaltliche Kategorisierung der Reality-TV-Formate (Terkl) kritisch diskutiert; insbesondere die Frage, wie Performativität von Serialität zu differenzieren sei, wurde von der Kommentatorin, Tanja Maier (FU Berlin) aufgeworfen.
Zum Thema „Queer Studies“ waren drei Vorträge zu hören. Zunächst stellte Annette Silvia Gille (Goethe-Universität Frankfurt a. M.) dar, wie sich das Verhältnis der Jugendzeitschrift Bravo zu homosexuellem Begehren über die Jahre verändert hat. Gille konnte hierzu interessante Ergebnisse präsentieren. Beispielsweise wird Homosexualität, die die Bravo noch 1968 als eine krankhafte Störung, die geheilt werden könne, darstellte, in den beliebten Fotoromanen der Zeitschrift heutzutage fast selbstverständlich thematisiert. Der Beitrag bot allerdings wenig Anknüpfungspunkte zur Theoriedebatte.

Katrin Horn (Universität Erlangen-Nürnberg) stellte danach Postfeministic Camp als eine lohnenswerte Lesart von Inhalten, beispielsweise Fernsehserien, vor. Camp ist die (gewollte) Übertreibung von (weiblichen) Geschlechtsstereotypen, die aus der Schwulenszene stammt. Diese können durch Überspitzung die Konstruktion von Geschlecht enthüllen. So gelesen können sich hinter der heterosexuellen und ungebrochenen Oberfläche Brüche und queere Inhalte zeigen.

Susanne Lummerding (Universität Wien) schließlich stellte ihre „Argumente für eine identitätskritische Reartikulation des Medialen“ vor und versuchte unter anderem an dem Fall der Medienberichterstattung über die Läuferin Caster Semenya zu zeigen, wie Geschlecht, gesellschaftliche Normierung und damit verbundene Grenzziehungen medial erst gesetzt werden.

Die Kommentatorin Johanna Schaffer (Kunstuniversität Linz) stellte ihr eigenes Verständnis von Queerness, Sichtbarkeit und Anerkennung in den Vordergrund. Die Erwartungen an das darauf folgende Panel „Intersektionalität“ waren angesichts des interdisziplinären Tagungsanspruchs hoch und führten dementsprechend zu einer besonders kritischen Diskussion: Susanne Kirchhoff, Ricarda Drüeke und Elisabeth Klaus (alle Universität Salzburg) befassten sich mit der Herstellung und Veränderung, aber auch Verwerfung von Identitäten und Bedeutungen anhand von Bildern verschleierter Frauen in der Presse. Medien werden in ihrem Ansatz als soziale Räume konzipiert, in denen sich Differenzkategorien wie Körper, Gender, Nationalität oder Klassenzugehörigkeit fassen lassen. An einzelnen Beispielen verdeutlichten die Referentinnen deren Verschränkungen, warfen aber auch das Problem der Fülle möglicher relevanter Kategorien und deren Dependenz auf.

Der Vortrag von Martina Thiele (Universität Salzburg) schloss an diese Frage an. Sie analysierte die Anknüpfungspunkte des Intersektionalitätskonzeptes an die Stereotypenforschung, machte aber gleichzeitig die Probleme des Konzeptes deutlich. Es bietet durch seine Offenheit zahlreiche Anschlussmöglichkeiten; daher stellte Thiele den Mehrebenenansatz von Gabriele Winker und Nina Degele als einen Weg vor, der eine Verbindung beider Ansätze empirisch ermögliche.

Abgeschlossen wurde das Panel mit einem Beitrag von Daniela Gronold (Universität Klagenfurt) über die Bedeutung von Nationalität als Diskurs in Konkurrenz zu anderen „Faktoren“ für die Subjektpositionierung am Beispiel slowenischer junger Erwachsener. Dem Beitrag fehlte jedoch der Medienbezug.

Das dazu parallel laufende Panel „Doing Gender – Doing Difference“ thematisierte die mögliche Erweiterung der Genderforschung auf andere Weise. Elahe Hashemi (HU Berlin) fasste in ihrem Kommentar die aktuelle Theorieentwicklung zur Intersektionalität zusammen und stellte zur Diskussion, ob Repräsentationsstudien zur Überwindung von Ungleichheit beitragen könnten, da sie Bedingungen und Hintergründe nicht hinterfragen. Nach der ausführlichen Einordnung der Beiträge schloss sich eine heftige Diskussion an. So wurde Drüeke, Kirchhoff und Klaus vor allem eine verkürzte Bildanalyse und mangelnde Offenheit im Forschungsdesign vorgehalten, während am Beitrag von Martina Thiele die Verwendung von einzelnen Differenzierungskategorien, z.B. die im amerikanischen gebräuchliche Bezeichnung „race“, stark kritisiert wurde.

„Doing Gender“ ist zum Schlagwort für die aktive Herstellung von Geschlecht in der Medienproduktion und -rezeption geworden, das häufig als performativ charakterisiert wird. In ihrem Beitrag zum „Doing oder Performance“ unterzogen Elke Grittmann (Universität Lüneburg) und Caroline Keller (Universität Hamburg) die Vermischung des Doing-Gender-Ansatzes und der Performativitätstheorie von Judith Butler einer kritischen Prüfung, indem sie die grundlegenden Prämissen und Thesen beider Ansätze verglichen und die Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen für die kommunikations- und medienwissenschaftliche Gender- und Queerforschung herausarbeiteten. Die entscheidende Differenz liegt vor allem darin, dass der „Doing-Gender“-Ansatz im Gegensatz zu Butlers Theorie die Konstruktionsprozesse im Produktionskontext nicht adäquat erfasst.

Wiebke Schoon (Universität Hamburg) wiederum entwickelte auf der Basis von Bourdieus Sozialtheorie eine kultursoziologische Analyseperspektive für eine gendersensible Journalismusforschung. Die theoretischen Konzepte des Habitus, des Feldes und des Kapitals sowie insbesondere der symbolischen Macht ermöglichen eine Reinterpretation von Ausschlussmechanismen, z.B. in Form einer wahrgenommene Abweichung von männlichen Standards oder die Analyse von Dominanzverhältnissen durch die Untersuchung der Kapitalstruktur. Monika Pater (Universität Hamburg) wies bei beiden Vorträgen auf das Problem des Transfers von Theorien auf die Medien oder medialen Produkte hin; so stelle sich zum Beispiel die Frage, ob Bourdieus „Habitus“ im journalistischen Feld als männlich definiert werden könne.

Die von Klaus und Lünenborg eingangs gestellte Forderung, die Genderforschung stärker an Alltagsdiskurse anzuschließen, wurde schließlich als Leitfrage der abschließenden Podiumsdiskussion des ersten Tages wieder aufgenommen. Margreth Lünenborg diskutierte mit der Filmkuratorin Karin Michalski (Berlin) und den Wissenschaftlerinnen Jutta Röser (Universität Lüneburg), Ulla Wischermann (Goethe-Universität Frankfurt a. M.) und Franziska Rauchut (Berlin) über Erfahrungen und Strategien der Theorievermittlung in die Medienpraxis. Tendenzen der Rebiologisierung und Renaturalisierung auf der Praxisseite, die Abwertung von populärkultureller Forschung im Wissenschaftssystem sowie der strukturelle Wandel des Journalismus wurden als zentrale Bedingungen festgehalten, die einen Transfer erschwerten. Die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Bedarf der Medien nach eindeutigen Erkenntnissen könne nur durch ein gezieltes Anknüpfen an die Erfordernisse der Praxis überwunden werden.

Der zweite Tag begann mit einem Panel zur „Diskursanalyse“: Simone Schofer-Markert (Worms) sprach über die Rezeption von „Foucaults Werkzeugkiste“ in den Gender Studies und den Medienwissenschaften. Anhand der Begriffe „Subjekte“, „Macht und Diskurs“ sowie „Körper und Sex“ systematisierte die Referentin die unterschiedlichen Rezeptionsweisen von Foucault, die in den Gender Studies von radikaler Kritik bis zur Fortentwicklung seiner Theorien reicht. Vor allem die Frage der Subjektkonstitution sowie der mögliche Bezug auf das Internet wurde anschließend diskutiert.

Im letzten Panel der Veranstaltung wurden „Pop-Kulturen“ verhandelt. Doris Guth (Akademie der bildenden Künste, Wien) beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Darstellung von Liebespaaren in Lifestyle-Zeitschriften. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass in den eher dem Mainstream zuzuordnenden Zeitschriften bis auf wenige Ausnahmen nur weiße, gesunde, heterosexuelle Paare zu sehen sind. So betrachtete sie in der weiteren Untersuchung nur noch die aus diesen Kategorien herausfallenden Paare. Durch die Analyse der ikonographischen Bildtradition, der Kontextualisierung und der Darstellung der Geschlechterrollen lassen sich visuelle Strategien der Normalisierung beobachten.

Melanie Trommer (Ruhr Universität Bochum) befasste sich im engeren Sinne mit Popkultur. Sie widmete sich in ihrem Beitrag dem Missy Magazine und dessen Verhältnis zum Feminismus im Zusammenhang mit Popkultur und Politik. Dabei kam sie zu der Schlussfolgerung, dass auch das Missy Magazine Ausschlüsse produziert, da es nur „junge, kinderlose Frauen ohne Migrationshintergrund, aber mit höherem Bildungsniveau, für die Musik und Medien eine wichtige Rolle spielen“, anspricht.

Nicht zuletzt durch den pointierten Kommentar von Elisabeth Prommer wurde anhand von Guths Beitrag diskutiert, welche theoretischen Begriffe, Doing oder Performing, für eine Analyse geeigneter seien. Kritisiert wurde vor allem die Gleichsetzung des Begriffs der „Emotion“ mit „Liebe“ ,während sich anhand des Missy Magazine auch noch einmal die Diskussion über die anvisierten Teilöffentlichkeiten und damit verbundenen „Brüchigkeiten“ in den Heften entwickelte.

Neben einzelnen Kritikpunkten an Begrifflichkeiten oder Methoden zeichneten sich in den Kommentaren und Diskussionen zu den einzelnen Vorträgen auch darüber hinausgehende, allgemeinere Punkte ab, die sich an den unterschiedlichen Ansprüchen der hier aufeinander treffenden Disziplinen und den Erwartungen an die Reflexion neuer Forschungsperspektiven wie die Queer-Theorie und die Intersektionalitätsforschung entzündeten. Dies wurde in der Abschlussdiskussion wieder aufgegriffen, die deutlich machte, dass die Tagung hier zunächst vor allem Fragen aufgeworfen hatte. So wurde durch den Fokus des Eröffnungsbeitrags als auch der Abschlussdiskussion auf die (kommunikationswissenschaftliche) Genderforschung zum Beispiel noch einmal sichtbar, dass sich die Theorien und Ideen der Queer-Studies zumindest hier noch nicht manifestieren. In der Abschlussdiskussion wurden die Tagungsbeiträge außerdem in einen größeren gesellschaftlichen Kontext gestellt. Sowohl auf der institutionellen, wissenschaftlichen Ebene als auch in Bezug auf den Gegenstand der Forschung wurde die Frage nach neoliberalen Zwängen und Ideologisierungen, nach Identitäten und politischen Handlungsmöglichkeiten als zentrale Themen aufgeworfen.

März 2010

letztes Update am 
26. Juni 2016

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