Einschnitte – Zur Genese und Geltung medienphilosophischer Reflexionen

Einschnitte – Zur Genese und Geltung medienphilosophischer Reflexionen

Tagung der AG Medienphilosophie Konturen medienphilosophischer Forschung. Workshop der AG Medienphilosophie. 11. - 12. Juni 2010, Universität Basel, organisiert von Lorenz Engell, Dieter Mersch und Georg Christoph Tholen

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Medienphilosophie gilt als ebenso problematischer wie nützlicher Begriff. Dem Kompositum folgend ist sie als Forschungsfeld zwischen Philosophie und Medienwissenschaft anzusiedeln. Folgt man einem der ersten deutschsprachigen Versuche der Begriffsklärung, so finden sich vielfältige Ansichten dazu, welche Rolle einer Medienphilosophie in Zukunft zukommen sollte. Während die Herausgeber des Bandes Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs1 die Relevanz der Medienphilosophie darin sehen, dass diese als Desiderat innerhalb der Philosophie behandelt werden könne (S. 7), spricht Martin Seel im gleichen Band von einer „vorübergehenden Sache“, (S. 10) und Elena Esposito davon, „dass es keine geben kann“ (S. 26). Plädiert wird ferner für einen „Dialog zwischen […] Medienwissenschaft und […] Philosophie“ (Barbara Becker, S. 91) und für Medienphilosophie als „eine Praxis […] der Medien“ (Lorenz Engell, S. 53). Seitdem wurde weiter an der Klärung des Begriffs Medienphilosophie gearbeitet.2 Dabei wurde immer wieder deutlich, dass Medienphilosophie und Medientheorie nur schwer voneinander zu unterscheiden sind. Allerdings ist die Medientheorie selbst keine Disziplin, sondern eine Form des Nachdenkens über Medien, die sich, darauf hat Dieter Mersch hingewiesen, ab den 1970er Jahren mit Vilém Flusser, Jean Baudrillard, Paul Virilio und nachfolgend Friedrich Kittler herausgebildet hat.3 Deren Arbeiten, insbesondere die von Virilio und Baudrillard, bewegen sich indes oft im Bereich des Spekulativen. Doch sehen wir uns hier auch mit einem Problem der Philosophie an sich konfrontiert, deren Wissenschaftlichkeit anderen Kriterien gehorcht, als jene vieler anderer Disziplinen. Davon wird eventuell auch abhängen, in welcher Disziplin eine Medienphilosophie zu verorten sein wird – falls diese Notwendigkeit überhaupt besteht.

Im Rahmen der Gesellschaft für Medienwissenschaft haben Dieter Mersch (Potsdam), Georg Christoph Tholen (Basel) und Lorenz Engell (Weimar) die Einrichtung einer AG Medienphilosophie initiiert. Gegründet wurde sie nun offiziell am 11. und 12. Juni im Rahmen einer Tagung, die sich mit der „Genese und Geltung medienphilosophischer Reflexionen“ in Form von Plenarvorträgen beschäftigte und „Konturen medienphilosophischer Forschung“ in Form von Workshop-Papers vorstellte, denen sich die AG in ihrer zukünftigen Arbeit widmen will.

Den Anfang der Plenarvorträge (die zeitlich nach dem Workshop platziert waren) machte Philipp Stoellger, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Rostock, wo er das „Institut für Bildwissenschaft“ mitbegründete.4 Stoellger diskutierte in seinem Vortrag Medien und imaginäre Unmittelbarkeit. Wie ‚Immediates’ vermittelt werden kann, inwiefern Theologie seit jeher eine Medientheorie sei bzw. inwiefern die Medientheorie als Theologie verstanden werden könne. In Anbetracht von Oppositionspaaren wie Gott-Mensch, Glaube-Unglaube könne Theologie, so Stoellger, als Differenztheorie (und damit auch als Medientheorie) bezeichnet werden; er benannte den Riss zwischen Sinn und Sein als zentrale Metapher für die mediale Erfahrung des Menschen. Leander Scholz, Mitarbeiter am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie an der Bauhaus Universität Weimar, sprach über Die spekulative Logik der Medien und betonte unter Bezug auf Sybille Krämer die Heteronomie als prägendes Merkmal der Medienphilosophie.5

In den folgenden Vorträgen spielten die neuen Medien eine prominente Rolle. Erich Hörl, Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Experte für Kybernetik und Maschinentheorien stellte Überlegungen zur artfekatischen Situation an. Seinen Ausführungen zufolge kann aktuell von einem neuen ästhetischen Paradigma gesprochen werden, welches sich durch eine technologische Sinnverschiebung auszeichne. Hyperästhetiken oder „postkinematographische Sensationen“ (Mark B. Hansen) seien Ergebnis dieser Sinnverschiebung. Marie-Luise Angerer, Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften (Gender) an der Kunsthochschule für Medien Köln knüpfte in ihrem Vortrag Mediengeschichte und -Theorie des Subjekts. Identifikation – Immersion – Morphismen an Erich Hörl an, bezog die technologische Sinnverschiebung jedoch auf Subjekt-Objekt Relationen. Entsprechend ihren Studien zum Antihumanen und Posthumanen sowie zu Lebenswissenschaften aus der Perspektive der Gender Studies koppelte sie den Menschen stark an die Technik. Eine Unterscheidung von Humans & Non-Humans werde es vielleicht bald nicht mehr geben. Michaela Ott, Professorin für Ästhetische Theorien an der HFBK Hamburg sprach über Raumzeit und Film im Hinblick auf das analoge Virtuelle, die Ablösung des analogen Virtuellen durch das Digitale und Mischungen von analogem und digitalem Virtuellen. Stefan Münker stellte sein Programm einer pragmatischen Medientheorie vor. Über ein in Frage kommendes Vortragsthema nachdenkend, habe er im Vorfeld der Tagung durch Druck auf die Leertaste seines Keyboards im Programm Powerpoint die Veränderung der Schrift von mediendenken hin zu „Medien denken“ hervorgerufen. Diese uns allen bekannte und meist störende Eigeninitiative von Textpräsentations- und -verarbeitungsprogrammen stellte für Münker einen geeigneten Ausgangspunkt für das Nachdenken darüber dar, ob Medien denken oder, wie der Publizist Frank Schirrmacher es in seinem Buch „Payback“ formulierte, Medien als „digitale Plattformen“ bald den denkenden Menschen ersetzen werden. Hiervon leitete Münker die Frage „Denken Medien?“ ab und vertrat die Auffassung, dass Computer in erster Linie „Befehle exekutieren“.

Abschließend stellte Hans-Joachim Lenger, ebenfalls Professor für Philosophie an der HBFK Hamburg, in seinem sprachphilosophisch geprägten Vortrag über Einschnitte[n] des Technischen die provokante Frage, ob der Begriff einer Medienphilosophie überhaupt haltbar sei. Außerdem vergesse die Medienwissenschaft, eigentlich keinen Untersuchungsgegenstand zu haben, wenn sie das Technische außer Acht lasse. Nicht nur bei Lenger, sondern auch in einigen anderen Vorträgen ließ sich die Frage nach einer Berechtigung einer (AG) Medienphilosophie heraus hören. In den Nachfragen des Plenums wurde dies aber kaum thematisiert. Meist wurde auf konkrete Aspekte rekurriert, die dann auch kontrovers diskutiert wurden. Angesiedelt zwischen Medienwissenschaft und Philosophie scheint die genaue Positionierung der Medienphilosophie kaum geklärt. Seit dem Erscheinen des o.g. Readers hat sich in dieser Hinsicht nicht allzu viel geändert. Doch kann die Medienphilosophie gerade von dieser Schwierigkeit der Begriffsklärung ihre Existenzberechtigung beziehen. Dies zeigte sich auch in den Papers des Workshops, die den ersten Block der Gesamtveranstaltung bildeten.6

Christian Filk, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur, der leider nicht zur Veranstaltung kommen konnte, thematisiert dies in seinem Paper, indem er Medienphilosophie als „Interparadigma[s] oder -diskurs[es]“ zu denken anregt, als „neuen Forschungskomplex, in dem Komponenten beider Disziplinen, die zuvor weithin unverbunden nebeneinander firmierten, zu neuen Synthesen lose miteinander verkoppelt werden“. Christoph Ernst, Lehrbeauftragter und Postdoc an der Universität Erlangen-Nürnberg im Rahmen des Graduiertenkollegs „Kulturhermeneutik im Zeichen von Differenz und Transdifferenz“ legte in seinem Beitrag dar, auf welche Weise „Schnittstellen“ zwischen der Diagrammatikforschung und der Medienphilosophie produktiv gemacht werden können. Als „Referenztheorie“ fungierte Charles S. Peirce (dessen Zeichentheorie bereits von Alexander Roesler für einen Entwurf der Medienphilosophie fruchtbar gemacht wurde).7 Ernst zufolge kann die Diagrammatikforschung, die sich bislang vor allem mit „Diagramme[n], Karten, Skizzen, Pläne[n], Schemata“ in „intermedialen Verflechtungen“ befasst habe, vor allem von Peirces semiopragmatischem Konzept neue Impulse erhalten.8 Claudia Reiche stellte ihren Ansatz „zur digitalen und psychoanalytischen Konstruktion des Films“ am Beispiel des Werkes von Dziga Vertov vor. Sie will damit explizit der computerbasierten, mit „interaktiver Visualisierung“ arbeitenden Analyse einzelner Filmwerke Vertovs, die vor allem von dem Medientheoretiker Lev Manovich propagiert wird, medienkritisch begegnen, indem sie sich am Vertovschen „Intervall-Konzept“ orientiert. Das Ziel bestehe darin, dem digitalen Formalismus mit einer „psychoanalytisch informierten, einer topologischen Formalisierung des Subjekts und des Mediums zu antworten“. Ausgehend von Maurice Merleau-Pontys Ausführungen über Berühren und Berührtwerden in „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ sprach Michael Mayer, Philosoph und freier Autor, über die „Passibilität“ – die „Kehrseite“ von Aktivität im Sinne einer „nicht-binäre[n] 'Passivität'“. Damit ließe sich Medienästhetik betreiben im Sinne einer „Befragung spezifisch visueller Strategien“. Weit in die abendländische Philosophiegeschichte, zu Platon und Aristoteles, zurück führte Frank Haases Plädoyer, Metaphysik als Medientheorie zu begreifen und daher den Begriff „Medienphilosophie“ zum Pleonasmus zu erklären. Wieder in die Gegenwart zurück brachte die Zuhörer Rainer Leschke, Professor für Medienphilosophie an der Universität Siegen. Er setzte sich für die Formfrage im Diskurs der Medialität ein und argumentierte dabei mit Niklas Luhmanns Differenz von Medium und Form. Besonders erfreulich war die Einladung der jungen, am Forschungszentrum 'Medienphilosophie' der Universität St. Petersburg arbeitenden Daria Kolesnikova, die über Konturen medienphilosophischer Forschung in Russland informierte. Vor allem die junge Generation von (zukünftigen) Akademikern in Russland zeige enormes Interesse an Medienphilosophie, deren Interdiszplinarität außer Frage stehe. Ein wichtiges medienphilosophisches Thema, an dem auch sie selbst arbeite, sei die Fotografie.

Sowohl im Workshop als auch in den Plenarvorträgen der Veranstaltung der AG Medienphilosophie, die am Schluss feierlich begründet wurde, kam die Fotografie kaum zur Sprache. Eine medientheoretische Beschäftigung mit dem Film und dem Fernsehen bildete die Ausnahme, der Hörfunk war nicht vertreten, wie der Bereich des Akustischen überhaupt. Ohnehin wurden Einzelmedien weniger in den Blick genommen als die Medien in einem übergreifenden Sinne oder im Sinne von Medialität. Es ließen sich also weitere Forschungsdesiderate für die zukünftige Arbeit der AG Medienphilosophie finden. Ferner war festzustellen, dass der den ersten medienphilosophischen Texten von Flusser, Baudrillard u.a. zugrunde liegende Medienumbruch hin zu den neuen resp. digitalen Medien auch hier die Theoriebildung kennzeichnet. Entsprechend häufig wurde auf die Arbeiten von Sybille Krämer Bezug genommen, seltener auf Filmtheorien. Auffallend oft wurden Jean-Luc Nancys Arbeiten zu Ästhetik, Bildern und Film erwähnt.

Schwierig erscheint mir abschließend die Klärung der Frage, ob eine Medienphilosophie einer Medientheorie einerseits nicht zu ähnlich ist, um als eigenständige Form des Denkens über Medien gedacht zu werden und andererseits von einem Theoretisieren über Medien so weit entfernt, dass sie nicht mehr als Bestandteil einer Medienwissenschaft zu denken ist. Dies ist etwa dann der Fall, wenn Medienwissenschaftler, die sich mehr mit den Formen der Medien als mit deren ontologischen Voraussetzungen beschäftigen, schlicht und ergreifend nicht mehr dazu in der Lage sind, den Ausführungen zu folgen. Oder es gibt mehrere Medienwissenschaften, was ja kein neuer Gedanke ist. Wäre das ein Anlass, den Namen der Gesellschaft für Medienwissenschaft in den Plural zu setzen?

August 2010

  • 1. Stefan Münker, Alexander Roesler, Mike Sandbothe (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs, Frankfurt/Main (Fischer Verlag) 2003. Die ersten medienphilosophischen Grundlagenwerke sind vor etwa zehn Jahren mit Frank Hartmanns Medienphilosophie (Wien 2000) und Mike Sandbothes Pragmatische Medienphilosophie (Weilerswist 2001) erschienen.
  • 2. Etwa mit Reinhard Margreiter, Medienphilosophie. Eine Einführung, Graal-Müritz (Parerga) 2007.
  • 3. Vgl. Dieter Mersch, Medientheorien zur Einführung, Hamburg (Junius) 2006, S. 15.
  • 4. Die bildwissenschaftlichen wie auch medienphilosophischen Implikationen der Religionsphilosophie werden deutlich, wenn man sich bewusst macht, welche aisthetischen Bedeutungen der Sprache und Bildern in Religionen zukommt.
  • 5. Nicht unerwähnt bleiben soll Dieter Merschs ironisch lobender Kommentar in der anschließenden Diskussion: „Da sind sie in die Nähe gegangen von etwas, das dann interessant wird.“
  • 6. Die Zitate im Folgenden stammen aus dem Thesenpapier-Katalog zur Tagung. In diesem Katalog finden sich insgesamt 18 Paper, Desiderate und Themenskizzen, von denen sechs im Rahmen des Workshops vorgestellt wurden.
  • 7. Vgl. Alexander Roesler, Medienphilosophie und Zeichentheorie, in: Stefan Münker, Alexander Roesler, Mike Sandbothe (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs, Frankfurt/Main (Fischer Verlag) 2003, 34-52.
  • 8. Für August 2010 ist beim Transcript-Verlag ein Buch zum Thema von Christoph Ernst und dem Flensburger Germanistikprofessor Matthias Bauer angekündigt.
letztes Update am 
26. Juni 2016

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