Das Private wird öffentlich. Techniken der Selbstdarstellung um 1970

Das Private wird öffentlich. Techniken der Selbstdarstellung um 1970

Tagung, Berlin, 16. und 17. Juni 2011 organisiert von Susanne Regener und Katrin Köppert, Universität Siegen, DFG-Projekt „Medienamateure in der homosexuellen Kultur“

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In verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und populärkulturellen Medien wurde in den letzten Jahren eine Aufweichung der Konzepte von privat und öffentlich konstatiert. Wesentlichen Anteil daran haben kulturelle Produkte von AmateurInnen, wie sie beispielsweise im Web 2.0 auf YouTube, Flickr und anderen Social Network Sites millionenfach veröffentlicht werden. Diese Plattformen leisten vorrangig dem gesteigerten Bedürfnis nach Selbstpräsentation Vorschub. Damit erweisen sie sich als Erfüllungsgehilfen des immer dominanter werdenden Postulats der Sichtbarkeit in einer vernetzten Welt. In einer heteronormativ ausgerichteten Kultur müssen spezifische Sichtbarkeiten von Homosexuellen immer neu erzeugt und perpetuiert werden. Unter Einbeziehung eines historischen Blickwinkels stellt sich die Frage, in „welchen Formen, ästhetischen Gebilden und mit welchen sozialen Praktiken“ (Tagungsankündigung) sich schwule Selbstdarstellung out of the closet bewegte und in welche populärkulturellen, privaten und politischen Bereiche sie ausstreute.

Das DFG-Projekt „Medienamateure in der homosexuellen Kultur. Fotografische Selbstdarstellungen von Männern im 20. und 21. Jahrhundert“ verfolgt das Ziel, private Bildprodukte in Überlappung mit öffentlichen Repräsentationen von Professionellen in den Blick zu nehmen (s.: www.medienamateure.uni-siegen.de). Angesiedelt am Lehrstuhl für Mediengeschichte/Visuelle Kultur der Universität Siegen wird es von der Projektleiterin Susanne Regener und ihrer Mitarbeiterin Katrin Köppert durchgeführt. Als kultur- und medienwissenschaftlich ausgerichtetes Forschungsunterfangen interessiert es sich für vielfältige Strategien der Sichtbarmachung von schwuler Identität im Privaten. Die Analyse von fotografischen Selbstbildern von Homosexuellen stellt dabei die Aspekte der Konstruktion, Montage und Performanz in den Vordergrund und sucht nach deren Bedeutung für unsere Blickkultur. Für die methodische Ausrichtung des Projekts haben umfangreiche Archivrecherchen einen besonders großen Stellenwert. Als wichtigster Kooperationspartner konnte das Schwule Museum Berlin gewonnen werden, dessen Bestände auch private Nachlässe beinhalten und teilweise noch zahlreiches nichtpubliziertes Material umfassen.

Am 16. und 17. Juni 2011 wurde die Tagung „Das Private wird öffentlich. Techniken der Selbstdarstellung um 1970“ in Berlin durchgeführt. Den Auftakt bildete eine öffentliche Veranstaltung im Schwulen Zentrum Berlin (SchwuZ), jener in den 1970er Jahren im damaligen Westberlin gegründeten Institution, die sich als politische, emanzipatorische und gemeinschaftsbildende Plattform von Schwulen versteht und örtlich wie kooperativ in Bezug zum Schwulen Museum Berlin steht. Hier wurde zunächst die Zusammenarbeit zwischen Universität Siegen und dem Schwulen Museum gewürdigt und das DFG-Projekt insgesamt vorgestellt.

Das anschließende Screening von vier ausgewählten Super-8-Filmen des 1994 verstorbenen englischen Filmemachers Derek Jarman wollte die Verbindung zwischen dem wissenschaftlichen Thema und der künstlerischen Ausdrucksweise herstellen. Von Philipp Fürnkäs, Kurator der 2010 in der Julia Stoschek Foundation gezeigten Jarman-Ausstellung, präsentiert, entpuppten sich diese selten gezeigten Dokumente, die zwischen privat und öffentlich sowie zwischen medientechnisch bedingter amateurhafter Authentizität und performativer Selbstdarstellung oszillieren, als gelungener Einstieg in die Thematik der Tagung. Die Filmvorführung war dem hohen Stellenwert von visuellen Produkten innerhalb des Forschungsprojekts geschuldet und leitete mit der Frage nach der Relevanz der Sichtbarkeit homosexueller Lebensweisen zur Podiumsdiskussion mit dem Titel „Alles schwul? Geschichte und Zukunft von Schwulenbewegung und Populärkultur“ über. Moderiert von Birgit Bosold, Vorstandsmitglied des Schwulen Museums, führten das Gespräch der Journalist und Schriftsteller Elmar Kraushaar, Samirah Kenawi, ehemalige Aktivistin in Frauengruppen der DDR, und der dänische Soziologieprofessor Henning Bech. Am Beispiel des Topos der Sichtbarkeit wurde der Stellenwert von Homosexualität in der Öffentlichkeit diskutiert und die Frage, ob das politische Postulat der Schwulenbewegung ab 1970 (nach Stonewall) auf der Straße sichtbar zu werden, heute überflüssig oder aber zur alleinigen Figur oppositioneller Rhetorik geworden ist. Bech provozierte mit seiner These, dass die Konvergenz von schwulem Geschmack und zeitgenössischer heteronormativer Alltagskultur das politisch motivierte Eintreten gegen die Diskriminierung von Homosexualität nicht mehr notwendig mache. Stattdessen löse sich alles in Ästhetik auf.

Am nächsten Tag fand ein interdisziplinär ausgerichteter Workshop für geladene Gäste im Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität statt. Die ReferentInnen stammten aus den Disziplinen der Mediengeschichte, Gender Studies, Kunstgeschichte, Geschichte, Literaturwissenschaft und Europäischen Ethnologie und wurden durch DiskutantInnen und Gäste, die das Spektrum nochmals um beispielsweise die Medizingeschichte, Architekturgeschichte und den Bereich des politischen Aktivismus erweiterten, ergänzt. „Das Private wird öffentlich. Techniken der Selbstdarstellung um 1970“ lautete der Titel des Workshops, dessen Anliegen eine thematische Öffnung war, um anschließend Fragen schwuler (Amateur)Kultur zu konkretisieren.
Nach einer kurzen Einführung in die Eckdaten der laufenden Forschungsarbeiten durch die Organisatorin Susanne Regener startete der Workshop mit einem theoretischen Input zu jenem Begriff, der fortan im Zentrum der Vorträge stand: dem Selbst. Isabel Richter (Bochum) lieferte einen Überblick über die verschiedenen Konzepte des Subjekts in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts und sprach sich explizit für den Begriff des Selbst an Stelle des problematischen Subjekts im Zuge des Autonomiediskurses der Aufklärung aus. Das Selbst mit seinem prekären fragmentarischen Charakter beinhaltet immer auch die Offenlegung seiner Inszenierungs- und Konstruktionsweisen und erschien gerade deshalb auch für den weiteren Verlauf der Diskussion von (homosexuellen) Identitätsentwürfen besonders gewinnbringend. Die Aspekte der Medialität, Prozesshaftigkeit und Interpersonalität, die Richter neben anderen als konstitutiv für die Untersuchung des Selbst nannte, spielten in Folge gerade bei den Vorträgen über visuelle Selbstdarstellungen eine bedeutsame Rolle.

Selbstentwürfe im Kontext der Kunst nahmen Steffen Siegel (Jena) und Karin Bruns (Linz) in den Fokus. Siegel wandte sich den inszenierten Fotosequenzen von Duane Michals zu und legte deren maßgebliche Zielrichtung als Selbstzeugnisse homosexuellen Begehrens offen. Durch die Idee der Performanz, die angewandten Techniken der Camouflage und den privaten Kontext stellen diese Tableaus Charakteristika schwuler Identitätskonzepte in den Vordergrund, wie sie beispielsweise auch von Amateuren praktiziert werden. Bruns ging hingegen von öffentlichen Piktogrammen zu schwulen und heteronormativen Geschlechtsentwürfen mit politischer Zielrichtung aus und stellte diese in Bezug zu künstlerischen Arbeiten. Anhand des Konzepts des Visiotyps diskutierte sie an erster Stelle die Zeichnungen der österreichischen Künstlerin Birgit Jürgenssen und kam zu dem Schluss, dass sich künstlerische Bearbeitungen durch deren komplexe und vielschichtige Kombinatorik für eine piktogrammatische Verwendung nicht eignen.

Susanne Regener wandte sich der Maskerade als Taktik schwuler Selbstdarstellung anhand fotografischer Zeugnisse von Amateuren zu. Sie spannte die beiden Pole Selbst- und Fremdbilder in Hinblick auf transvestitisches Auftreten auf und interessierte sich vor allem für den Übergang von Maskerade aus der Heimlichkeit in die Öffentlichkeit in den 1970er Jahren. Sie spürte jenem Anteil an Eigensinn in Fotoalben nach, demzufolge schwule Identität eine Stabilisierung durch private Bildzeugnisse erfährt. Das „Bild als Mittler des Selbst“ stand auch in dem Vortrag von Katrin Köppert im Zentrum, wobei hier der Fokus auf Bilderwanderungen zwischen unterschiedlichen Medien gelegt wurde. Ausgehend von Magnus Hirschfelds Zwischenstufenwand, die ein Schema der Geschlechtsunterschiede darstellen sollte, ging Köppert unterschiedlichen bilddiskursiven Einbettungen von Freundschaftsposen auf Fotografien nach. Die funktionalisierte Verwendung von Bildmaterial innerhalb privater und öffentlicher Kontexte, wissenschaftlicher, populärkultureller und massenmedialer Visualisierungen unterstreicht ihre These, dass Selbstdarstellung homosozialer und homosexueller Freundschaft in diesen Fällen in Interdependenz zu Fremddarstellung möglich ist.

Der Fremddarstellung von Homosexuellen wandte sich explizit Sebastian Mohr (Kopenhagen) in seinem Vortrag über die wissenschaftliche Aufklärungsarbeit der DDR zu. Die Coming Out-Studien der Universität Jena und die Initiativen der Arbeitsgruppe Homosexualität an der Humboldt Universität in Berlin zeichneten sich vor allem durch die stereotype Außendarstellung schwuler Lebensrealität aus und lassen kritische Fragen nach der Erzeugung einer erwünschten Sichtbarkeit durch die Wissenschaft dringlich erscheinen. Einen wichtigen Beitrag zum Thema Coming Out lieferte Volker Woltersdorff (Berlin), der den Wandel medialer Inszenierungen von den 1970er Jahren bis ins aktuelle YouTube-Zeitalter in den Blick nahm. Er unterstrich die Bedeutung des Coming Out als Strategie der Sichtbarmachung im öffentlichen Raum und untersuchte so unterschiedliche Medien wie das Tagebuch, den Film, die Performance oder Videos im Web nach deren Anteil an der Sichtbarkeitsproduktion sowie an der Eignung als politische Selbsttechnik. Ein letzter Beitrag von Lukas Schmidt (Siegen) und Katrin Köppert verortete sich in der heutigen Kultur schwuler Dating-Plattformen im Internet und stellte die Frage nach den strukturellen Interaktionen des Selbst mit der digitalen Kartografie von Gayromeo. Prozesse wie die Katalogisierung des Selbst, das Unterwerfen unter ein strenges Diktat einer Aufmerksamkeitsökonomie und der hohe Stellenwert von Rankings wurden kritisch in Hinblick auf die Selbstpräsentation des schwulen Users hinterfragt, wobei auch hier Momente des Eigensinns als virulent diskutiert wurden.

Die an den Vortrag anschließende Diskussion führte nochmals zum Kern des Workshops zurück, nämlich dem Begriffspaar privat – öffentlich. Gerade am Beispiel schwuler Datingplattformen vermittelten sich besonders eindrücklich deren Fragilität und die Notwendigkeit, im konkreten Fall jeweils von einer allgemeinen Verwendung herrschender Konzepte zu Gunsten einer Neuausrichtung des operativen Rahmens abzurücken. Eine schärfere Differenzierung zwischen privat und öffentlich, beispielsweise anhand der Einführung der Begriffe semi-öffentlich und subkulturell – um nur einige Vorschläge zu nennen –, sowie deren Unterscheidung in Hinblick auf die Ebenen der Produktion und Rezeption erscheinen unerlässlich. Das Selbst ist dabei wohl jener Bereich, an dem sich am eindrücklichsten die Ein- und Auswirkungen hegemonialer Machtaspekte untersuchen lassen, denn kein anderes Feld berührt eine ganze Reihe von Fragen im Kern, die sowohl aus individueller als auch politischer Sicht äußerste Dringlichkeit besitzen. Die Kopplung von Fragen nach diversen medialen Visualisierungen von Selbstentwürfen an schwule Identitätsfindungsprozesse hat sich insgesamt als besonders fruchtbares Gebiet erwiesen, da jenseits aller heteronormativen Dominanten hier der Prozess der Identitätskonstruktion wesentliche Bedeutung erlangt.

Oktober 2011

letztes Update am 
26. Juni 2016

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