Regenschirm, Facebook und Mikrofon: Die Medien der Hongkonger Proteste

Regenschirm, Facebook und Mikrofon: Die Medien der Hongkonger Proteste

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Keine Revolution ohne Medien – im doppelten Sinne: Medien beobachten Revolution und organisieren sie. Manche Revolutionen wurden deswegen schon nach Medien benannt wie im Fall von Twitter und Facebook. Dass dies berechtigt war, ist umstritten. Zu schwer wiegt der Verdacht des «digital orientalism», wie der Medientheoretiker Evgeny Morozov 2011 in seinem Buch The Net-Delusion die narzisstische Begierde des Westens nannte, die eigenen Technologien zur sine qua non auch östlicher Emanzipationsbewegungen zu erklären. Im Falle Hongkongs ist schon umstritten, ob man überhaupt von einer Revolution sprechen kann, wenn das Ziel die Einhaltung des Hongkonger Grundgesetzes (Basic Law) ist: die Vereinbarung der Briten (als scheidende Kolonialherren) und Chinesen (als künftige Herrscher Hongkongs) über ein allgemeines Wahlrecht für Hongkong. Was den Spitznamen der «Bewegung», so die zurückhaltendere Selbstbeschreibung, betrifft, hat diesmal ein Gegenstand gewonnen, der nicht nur lokalspezifischer und realer ist als digitale Medien, sondern auch fotogener: der Regenschirm.

Denn es waren Regenschirme (mit dem viele Menschen in Südostasien sich auch an bewölkten Tagen gegen Sonne schützen), die die DemonstrantInnen am Abend des 28. September 2014 in Hongkong dem Pfefferspray und dem Tränengas der Polizei entgegenhielten. So etwas sorgt für mediale Ikonen. Nummer eins der Suchergebnisse für «Umbrella» und «Hong Kong» ist seitdem ein junger Mann, der inmitten von Tränengasschwaden zwei Regenschirme in die Luft streckt. Einer davon ist kaputt, aber auch der andere bedeutet nicht Schutz, sondern ist schon Symbol einer politischen Bewegung, deren moralische Waffe es ist, keine Waffen zu haben. Die DemonstrantInnen verweisen genau darauf, wenn sie auf Postern Polizisten als Molotowcocktailwerfer zeigen und sich selbst mit Atemmaske. «Hong Kong protesters are so freaking nice», titelte CNN am 1. Oktober,1 und genau darauf schworen die ursprünglichen Organisatoren der Bewegung diese schon begrifflich ein, als sie sich den Namen «Occupy Central with Love and Peace» gaben.

Die Hongkonger griffen den Schirm als Symbol für ihren zivilisierten Ungehorsam dankbar auf, schufen fantasievolle Regenschirm-Icons,2 bauten einen überdimensionalen ‹Umbrella Man› aus Papier3 und bastelten auf dem Protestgelände Miniatur-Regenschirme als politische Souvenirs. Der chinesische Präsident Xi Jinping, der während eines Industrieanlagenbesuch an einem regnerischen Tag im Jahre 2013 nachweislich einen blauen Regenschirm benutzt hatte, erschien nun auf einem imaginären Time Magazine-Cover mit einem gelben Regenschirm mitten unter den DemonstrantInnen in Hongkong4 – und schließlich, Ende November im Foyer meiner Universität, der City University Hong Kong, als lebensgroße Pappfigur, neben der die frisch Graduierten sich fotografieren ließen mit einem der gelben Schirme, die davor parat lagen.

Interessant wird es, wenn das Symbol der Bewegung mittels Filmgeschichte semantisch attackiert wird, wie durch den Peking-treuen Politiker Leung Che-cheung von der Democratic Alliance for the Betterment of Hong Kong: «It is basic common sense that an umbrella can be an aggressive weapon, but many lawmakers are just completely ignorant about history.»5 Das historische Bewusstsein dieses ‹gesunden Menschenverstands› bezieht sich auf die Tatsache, dass um 1800 der Regenschirm im Kung Fu als Waffe genutzt wurde, und natürlich wird der Link zu einem 2013 auf YouTube geposteten Filmausschnitt auf Facebook umgehend geliefert.6

 

Kung Fu Weapons – Wong Fei Hung Umbrella, YouTube-Video, 2013

Da man im 21. Jahrhundert aus vielen Kung Fu-Filmen weiß (und der Begriff Kung Fu bedeutet im Chinesischen ja zunächst nichts anderes als geduldiges Studium), dass nur ausdauernde Übung, für die die zum Großteil minderjährigen StudentInnen des Hongkonger Protestes nie wirklich Zeit hatten, Kung Fu-Meister schafft, erheitert und verpufft Leungs Versuch, das Symbol der friedlichen Demonstranten als gefährliche Waffe darzustellen. Das Internet indessen hatte Leungs Perspektive längst bildlich umgesetzt, indem es kämpferisch das metallene Mittelstück eines Schirms in eine rote Wolke mit China-Stern stechen ließ.7

Mobiltelefon und Bewegung

Während Medien Revolutionen beeinflussen, verändern zugleich Revolutionen den Umgang mit Medien. In Hongkong fällt das zunächst an der Präsenz des Handys auf, das mehr noch als in europäischen Städten überall im Einsatz ist – und zwar nicht in seiner Audio-Funktion als Telefon oder Radio, sondern als Bildschirm. Das führt zu der absurden Situation, dass hier, wo die überfüllten Straßen eigentlich konzentrierte Aufmerksamkeit verlangen, viele Handynutzer wie Pokerspieler darauf setzen, dass die anderen schon aus dem Weg gehen werden. Das Smartphone schafft eine Zone des Privaten, die man im öffentlichen Raum unschuldig-provokant vor sich her schiebt. Dieser Egoismus im Mediengebrauch führt perspektivisch zu Zusammenstößen, wenn es den anderen, der die Gefahr rechtzeitig kommen sieht, kaum noch gibt. Keine andere Stadt ist so reif für Google Glass wie Hongkong.

Vorerst setzen die Behörden auf Überredung. Vor den Rolltreppen der U-Bahn-Stationen heißt es auf Kantonesisch und Englisch in der Endlosschleife: «Please hold the hand rail. Don’t keep your eyes only on the mobile phone!» Die Platzierung des Bildschirmverbots bezeugt den mangelnden Medienverstand der Behörden. Wo, wenn nicht an diesem Ort passiver Bewegung, könnte man störungsfreier woanders sein? Die mobile Treppe neutralisiert das mobile Telefon, indem sie alle Anwesenden immobilisiert. Wichtig wäre die Warnung an ihrem Ende, wenn gemeinschaftliche Verantwortung wieder nötig ist.

Mit den Protesten änderte sich die Situation. Man rempelte weniger und saß mehr beieinander, auf der Straße der Okkupation, in kleinen Gruppen (kleiner und realer als der Freundeskreis auf Facebook), um sich gegenseitig die Bildschirme zu zeigen, deren Inhalte jedem kritischen Beobachter neue Hoffnung geben würden: Fragen politischer Theorie, Strategie und Logistik der Bewegung, Psychologie der Solidarität statt 9Gag, Minecraft und Candy Crash.

Welche Nachwirkungen diese Erfahrung auf den späteren Mediengebrauch hat, wäre ein Thema für die nun fälligen empirischen Untersuchungen. Für den Mediengebrauch während der Proteste ist die Vermutung zutreffend, dass das Mobiltelefon den Protestierenden die Koordination und Information sowie – denn es ist ja auch Kamera – die visuelle Bezeugung des Geschehens erleichtert: Bezeugung, wie der Fall Hongkong zeigt, nicht nur der Polizeigewalt, sondern auch der gewalttätigen Aktionen bestimmter Protestler, die auf körperliche Auseinandersetzungen aus sind, weil nur dies zu Ergebnissen führt, wie sie sagen; weil sie von der chinesischen Regierung bezahlt sind, wie die friedlicheren Protestler befürchten. Eine weniger erwartete Einsicht ist, dass das Mobiltelefon Gemeinschaft auch außerhalb seiner üblichen Funktion als Kommunikationsmedium stiftet: Wenn es seine BesitzerInnen an den Aufladestationen zusammenbringt und wenn diese am Abend zu Tausenden ihr Gerät mit eingeschaltetem Flashlight in die Luft halten. Da wird das Handy zum Feuerzeugersatz und verbündet diskurslos – als ‹reines Medium›, würde McLuhan sagen – die Anwesenden: Licht als stumme Gemeinschaft jenseits aller Chats, Links, Likes und Theorie.

‹Alte› Medien

Aber das Mobiltelefon ist auch das Medium der Destruktion. Es erlaubt Verunsicherung und Einschüchterung durch Gerüchte über Polizeigewalt und durch die Staatsmacht selbst. In Hongkong griff die Regierung nicht zu solchen Mitteln. Aber soziale Medien sind echo chambers nicht nur der Hoffnung, sondern auch der Angst und werden so zu brodelnden Gerüchteküchen. Rasant verbreitete sich zum Beispiel das Foto von anrollenden Einheiten der Volksarmee Chinas im Cross Harbor Tunnel, das sich dann als Bild vom Vorjahr erwies, von ganz normalen Truppenbewegungen chinesischer Einheiten. «This is real!» – die häufigste Meldung in so einem Kommunikationsklima –, hat erst Bedeutung mit namentlicher Nennung des Absenders: Validisierung durch Identifizierung – am besten man loggt sich über Facebook ein.

Ein berühmtes Beispiel für ein gezielt lanciertes Anti-Protest-Gerücht ist die Klage einer Anruferin in einer Live-Diskussion des Radio Television Hong Kong 5 am 29. September 2013, sie sei wegen der blockierten Straßen nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen, um von ihrer sterbenden Tochter Abschied zu nehmen. Diese Mitteilung verkehrte den Ton der Sendung, der bis dahin sehr solidarisch mit den Studenten gewesen war. Nun ging es darum, wie die Stadt unter den Protesten leidet. Nun erinnerte man sich an das «They can kill this city!»-Video der Silent-Majority-Aktivisten, das schon im Vorfeld der Straßenbesetzung Panik verbreitet hatte mit drastischen Bildern eines kollabierenden Verkehrssystems, das Feuer und Raubüberfälle mit sich bringt und keine Rettungswagen mehr durchlässt.8 Bis sich alles als Trug und Lug erwies und der (vielleicht bezahlte) Anruf als Mitschnitt und Kommentaranlass auf YouTube landete.9

Für die StudentInnen selbst waren diese ‹alten› Medien nicht maßgebend. Man wusste ja, wem die Zeitungen und Rundfunk-Sender gehören, und auch, dass einige Besitzer zusammen mit Politikern und anderen Geschäftsleuten im Vorfeld der Proteste im August zur Strategieplanung nach Peking gereist waren. Interessant war in diesem Zusammenhang das Vorgehen der auf Englisch erscheinenden South China Morning Post, deren Mehrheitsteilhaber unter den Reisenden war. Die SCMP hatte auf ihrer Website eine eigene Rubrik zum «Umbrella-Movement» eingerichtet, mit ständigen «Full-Coverage-Updates» (und zwar immer vor der Paywall) und schließlich einem kostenlosen How the umbrella movement unfolded-E-Book.10 So nutzte man zum einen die Proteste, um neue Kundschaft zu akquirieren, und war zum anderen in der Lage, die Perspektive auf das Geschehen zu lenken, etwa durch Platz für Lesermeinungen, die angesichts der wochenlangen Beeinträchtigungen des normalen Lebens ihre schwindende Solidarität mit den StudentInnen kundgaben. «The protesters have spoken, but what about the rest of Hong Kong?», fragten KommentatorInnen, die auf die wirtschaftlichen Konsequenzen der politischen Bewegung verwiesen und warnten, Peking könnte zur Strafe für die Unruhe in Hongkong das angebotene Wahlrecht wieder zurücknehmen.11

Aber immerhin, man berichtete und man griff auch die unbequemen Themen auf: das Video von der brutalen Polizeigewalt gegen einen prominenten Protestler, der in eine abseitige Ecke geschleppt und dort zusammengeschlagen wurde,12 und die Frage, ob die Gegenproteste in Mong Kog von Peking oder der Hongkonger Regierung bezahlt wurden. Bemerkenswert ist auch, dass Cable TV Hong Kong auf den Bildschirmen der U-Bahn von den Protesten berichtete. Diese Bilder in der U-Bahn, die der Hongkonger Regierung gehört, illustrierten nochmals die Notwendigkeit der Proteste gegen den wachsenden politischen Einfluss Chinas, dessen Regierung lange sowohl im Fernsehen als auch im Internet den Zugang zu solch sensiblem Bildmaterial völlig unterband.

‹Neue› Medien

Die Zeitung, durch die sich die StudentInnen informierten, ist die regierungskritische Apple Daily, die politische Unerschrockenheit mit Sensationsjournalismus verbindet. Diese Kombination hebt die Meinungsbildung nicht gerade auf ein universitäres Reflexionsniveau und ergäbe ein interessantes Thema für künftige Abschlussarbeiten in Communication Studies über das Verhältnis zwischen politischem Aufbegehren und intellektueller Kapitulation. Ohnehin sind aber die maßgebenden Medien für die StudentInnen nicht die Zeitungen, sondern die sozialen Netzwerke mit ihren Augenzeugenberichten, Fotos und Videos. Keine dieser Plattformen entzog sich dem aktuellen Thema. So brachte Coconuts Hong Kong, ein Blog für «Latest news about Hong Kong plus restaurant reviews, nightlife, and lifestyle stories» (hongkong.coconuts.co), während der ersten Wochen der Bewegung nur noch Posts über die friedlichen Proteste und die Gewalt der Triad-Gangs, der Hongkonger Mafia, die die DemonstrantInnen verbal und körperlich attackierten. Auch Hong Wrong, «a mix of news, mildly serious observation & irreverent claptrap», ist voll von Bildern und Videos der Protestbewegung und eröffnet zugleich dem Expat den Musikgeschmack der Bewegung. Hongkongs populärster Protestsong, Boundless Sea and Sky von Beyond, ist musikalisch so zahm wie ein Regenschirm; kein Punk, kein Rap, nicht einmal Rock: «Forgive me for living untamed, living my freedom / I too fear that one day I will fall, oh no / anyone can choose / to betray their goals / fear not for the day you and I remain.»13

 

Protestsong «Boundless Sea and Sky» von Beyond, YouTube-Video, 2006

Hymnischer in Text und Melodie ist Nummer zwei im musikalischen Protestrepertoire: Do You Hear the People Sing, der in der Hongkonger Variante die «angry men» aus der Vorlage von Les Miserables durch ein vierjähriges Mädchen und angepassten Text ersetzt. Diese Adaption symbolisiert zugleich die Generationsspezifik des Konflikts. Die jungen Leute, die im Hongkonger System aufwuchsen, verstehen sich nicht mehr als Chinesen. Dementsprechend lauten die Eingangszeilen: «We should all carry the responsibility to defend our city / We have inborn rights and our own mind to make decisions / Who wants to succumb to misfortune and keep their mouth shut?»

Vermutlich posteten Hongkongs Facebook-NutzerInnen nach dem 22. September weniger Selfies und Fotos von Torten, Salaten, Suppen, Frittiertem etc., die so populär sind, dass sie bereits ihre eigene Ironisierung geschaffen haben: die Website Pictures of Asians Taking Pictures of Food (picsofaznstakingpicsoffood.tumblr.com). Während der Proteste wurden die Statusupdates politischer. «Love and peace in the air; Getting there, we r no coward!!!», schrieb am Abend nach dem Tränengaseinsatz der Freund eines Freundes, der sonst jeden Tag sein Leben zwischen Fitnessstudio und Designerläden fotografisch bezeugt. «Spread it out people! Let the world know what is happening!», postete er später neben dem Link zum Time-Artikel «Mob Trashes Hong Kong Protest Site».14

Nach dem Zusammenstoß mit dem offenbar bezahlten Gegenprotest am 3. Oktober fand man auch diese Meldung eines Hongkonger Gay-Couples: «We are moving to California». Das zog sogleich eine Debatte über Emigration nach sich – seit dem Abzug der Briten ein permanentes Thema in Hongkong. Viele, die zuvor gerade aus China nach Hongkong geflohen waren, zogen vor dem Handover 1997 nach Vancouver, das bald den Spitznamen Hongcouver erhielt. Ein Teil kam mit kanadischem Pass zurück, ein anderer Teil schuf den «Astronaut»-Vater, der, während die Familie in Kanada bleibt, zur Arbeit nach Hongkong ‹pendelt›. All diese Begriffe befeuerten jetzt erneut die Diskussion.

Auch das Medium der Begriffe, Twitter, ist in dieser politischen Bewegung wieder ein unverzichtbares Kommunikationsmittel gewesen, mit einschlägigen Hashtags wie #OccupyCentral, #OccupyHongKong, #OccupyHK oder eben #UmbrellaRevolution, #UmbrellaMovement und #Umbrella. Es ist das Medium schneller Solidaritätsbekundungen («I support HKs fight for democracy!«), kurzer Mitteilungen («CUHK [City University of Hong Kong] principal: ‹We've decided to come tgt tonight. Other principals are also very concerned abt ur safety. Pls keep ur peace and ur calm.›») und potentieller Gerüchte («PLA [Chinas People’s Liberation Army] trucks drove pass the East Gate of HKU on Bonham Rd. Can't confirm if it's to do with #OccupyCentral»). Für die Ausländer gibt es den Twitterkanal @GlobalSolidHK, wo man seiner Unterstützung für die Demokratieverteidiger in Hongkong grenzen- und rückhaltlos Ausdruck geben kann, oder @expats4HK für die Expats, die wissen, dass die wirklich effektiven Hebel nicht auf der Straße ansetzen: «When thousands call and boycott the Bank of China, Hope for Democracy rises as the bank falls.» Medienkritiker wie Morozov würden solche Solidaritätsbekundungen per Klick vielleicht als «slacktivism» abtun. Für die AktivistInnen auf der Straße sind Twitter und Facebook trotzdem das Öl, das die Bewegung am Laufen hält – wie der Name einer entsprechenden Facebook-Gruppe (standbyyouoc) verrät: «Add oil Machine' for HK Occupiers».

Entscheidend für die Aufmerksamkeitsökonomie einer politischen Bewegung sind die Retweets, die für die breite Streuung der wichtigsten Meldungen sorgen. So auch der Link zu einem Video über Pfeffer-sprayende Polizisten: Nachdem diese den DemonstrantInnen die Schutzschirme entrissen hatten und die vom Pfefferspray Getroffenen zurückgewichen waren, stellte sich ein älterer Mann zwischen beide Fronten, mit dem Rücken zur Polizei, mit den Armen die Demonstranten beschwichtigend. Ein Polizist tippte ihn an der Schulter, so als wolle er ihm etwas mitteilen, vielleicht für die Vermittlung danken, und sprühte dem Mann, als er sich umdrehte, aus nächster Nähe ins Gesicht. Solche Polizisten und solche Re-Twitterer helfen, aus einem Studentenstreik eine Massenbewegung zu machen.15

Eines der häufigsten Link-Ziele der Tweets ist YouTube mit seinen zahlreichen Videos zur Lage vor Ort. Manche davon kontextualisieren die aktuelle Situation historisch und politisch, wie Please support Hong Kong, das am 28. September erschien.16 Wie immer lernt man das meiste aus den Kommentaren: Neben schneller Zustimmung («Audrey Hepburnn: ‹Hong Kong people! you have my support. Democracy is only right way for her country to prosper! Let the HK people choose and elect!›») gab es kritische Töne («SMY PMC: ‹There were open election during British rule? Wow, time to update Wikipedia.›») und klare Ablehnung («zaibatiedongxi: ‹My HK neighbor thinks you guys are pretty stupid mess up your own street and make the bad economy worse.›»), die von den protestierenden StudentInnen oft kurzerhand der Zahlungskraft chinesischer Regierungsstellen zugeschrieben wird. Schließlich finden sich auch Zweifel, ob der Kampf überhaupt lohnt: «Zhonguoria: ‹the ‹Western› nations are NOT democracies, nor have they ever been a true democracy! They are in fact Capitalistic Corporate OLIGARCHIES (aka: Corporatocracies). The top 1% control by giving the 99% the impression that they are democracies.›»

Der wahre Albtraum des klassischen Journalismus sind jedoch nicht die Twitter-Reporter, sondern die Social Bookmarking Sites, auf denen Beiträge aller möglichen inhaltlichen und medialen Art unbestechlich nach ihrer Popularität gelistet werden. Erwartungsgemäß findet man auf reddit.com an der Spitze keine Artikel über Hongkong oder ISIS. Dennoch setzte reddit.com nach dem Pfefferspray-Einsatz am 28. September über die Rankingliste aus Banalitäten einen Link zum Occupy Central Movement Live Feed.17 Dort fand sich unter anderem eine Warnung vor der App Code4HK, die auf WhatsApp als Koordinierungshilfe für den Protest in Hongkong umworben wurde, die aber Textmessages ausliest, Telefonate aufnimmt und GEO-Daten festhält, bei der es sich um eine Spionage-App aus China handelte.

Auch die E-Mail, das angestaubteste der ‹neuen› Medium, kam noch zum Einsatz – in der Kommunikation zwischen StudentInnen mit ihren ProfessorInnen. Das Studentenkomitee verschickte an alle Lehrenden eine Woche vor dem Streik eine «Enquiry about Course Instructors' Policy Regarding Students' Participation in Social Movement and Strike». Der Erklärung, dass man sich einem gemeinschaftlichen Ziel verschrieben habe («striving for a better future»), folgten drei Fragen: Wie werden Sie während des Streiks die Anwesenheitspflicht im Unterricht handhaben? Sind Sie bereit, Ihre Meinung zum Streik öffentlich kundzutun? Können Sie während des Streiks «any public lecture« anbieten? Zum Abschluss hieß es: «As students, we are prepared to devote ourselves to this historical moment which we hope to be a turning point bringing this city a better future. As mentioned above, if you could show your support to the students and a democratic future of this city, not only will all the students be very grateful, this movement and this city will also have a brighter prospect because of you. We are looking forward to hearing your reply.» Wer nicht weiß, was er antworten soll (und wer gerade aus dem Westen nach Hongkong kam, glaubt nicht, zu allem hier schon eine klare Meinung haben zu können), erhält am nächsten Tag mit einer Erinnerungsmail eine zweite Chance.

Um ihr Fernbleiben vom Unterricht mitzuteilen, nutzten die StudentInnen Mails, die vom Studentenkomitee vorbereitet wurden und die immer mit diesen Worten begannen: «Ich schreibe, um meine Abwesenheit im Kurs … am … mit meiner Teilnahme am von der Hong Kong Federation of Students organisierten Studentenstreik zu begründen. Bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung für die verursachten Umstände. Ich möchte zugleich die Gelegenheit nutzen, meine wohl durchdachte Entscheidung zu erläutern.» Dann folgen 200 Wörter über die Notwendigkeit demokratischer Wahlen und die Überzeugung, dass StudentInnen sich für Demokratie und eine bessere Zukunft einsetzen sollten, sowie das Versprechen, den Lehrstoff aufzuholen und alle Hausaufgaben zu erledigen. Inwiefern das Versprechen eingehalten wurde, war im Einzelnen zu prüfen – oder eben nicht. Fest steht, dass es auf dem besetzten Gelände eine Studierecke und eine kleine Bibliothek gab, wo absolute Ruhe geboten war und StudentInnen in der Tat ihre Seminaraufgaben erledigten.

‹Ältere› Medien

Verschwörungstheorien gab es auch diesmal viele. Eine besagte, dass der amerikanische und japanische Imperialismus Hongkong von der Volksrepublik China abspalten wolle und in der Folge natürlich auch Tibet und Xinjiang. Auf dem besetzten Gelände drückte mir Ende September ein Student ein Flugblatt in die Hand, das unter dem Titel «Don’t trust Chinese spies» vor der ‹Wehrkraftzersetzung› durch StudentInnen (oder solche, die sich als StudentInnen ausgeben) warnte, die sich in kleinen Gruppendiskussionen das Vertrauen der anderen erschleichen und zum Verlassen der Demonstration überreden oder den Protest in eine Party verwandeln wollen. «NO karaoke« steht auf dem Flugblatt und: «NO picnic photo». Die Schlussgleichung lautet, etwas überraschend für Expats: «leftard … leftist retar … 60s hippies junkie = Chinese spies!!!» Ein anderes Flugblatt ist keine Warnung, sondern Spott auf die zynische Video-Kampagne, mit der die Hongkonger Regierung unter der Losung «Your vote. Don't cast it away!» der Bevölkerung das von Peking angebotene scheindemokratische Wahlrecht schmackhaft machen wollte.18 Das Flugblatt zeigt drei Haufen Kot und Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Mao-Dress mit Hitler-Bart. Der Kommentar: «Feces! Don’t cast it away?»

Flugblätter«Feces! Don’t cast it away?» & «Don’t trust Chinese spies»

Die Fantasie einer Revolution äußert sich in ihren Plakaten, für die man deswegen ein eigenes Museum schaffen sollte, meinte Christa Wolf vor fast genau 25 Jahren in Ost-Berlin. Inzwischen hat die Fantasie mit Twitter und Facebook schnellere Medien gefunden. Aber vor Ort setzt man weiterhin auch auf Zettel mit Losungen, Wände mit Zetteln und Stände mit Papier und Bleistift. Was auf den Zetteln stand, wird auf den Facebook-Seiten Lennon Wall Hong Kong und Umbrella Movement Visual Archives & Research Collective kommentiert und soll bald auf einer eigenen Website (lennonwall.com) zugänglich sein – eine Art Gegenmuseum, nachdem die Hongkonger Museen sich geweigert hatten, diese Dokumentationsarbeit zu übernehmen. Ein solches Archiv ist schon aus diskursanalytischen Gründen wichtig, wenn es erlaubt, den Wandel der Losungen zeitlich und kausal einzuordnen. Wann wichen die vielen Entschuldigungen («We apologize for the inconvenience caused») selbstbewusster Ironisierung («Sorry for the inconvenience, we are changing Hong Kong»)? Wann wurden die Sprüche auf betrübliche Weise witzig («We don’t need any tear gas. We are already crying!»)? Wann importierte man sie von anderen Protesten («I don’t need sex, the government already fucked me»)?

‹We don't need any tear gas, we're already crying›, Foto auf Twitter (@MariekeNOS), 2014

Was ein Online-Museum freilich nicht sinnlich vermitteln kann, ist die Größe des Spruchbanners, das einige Aktivisten am 22. Oktober am 500 Meter hohen Lion Rock Hill angebracht hatten. Auf 6 mal 28 Metern stand dort, weithin sichtbar in der Stadt auf Chinesisch: «I want real universal suffrage».

Das wichtigste Medium der Revolution ist aber vielleicht noch immer das ‹älteste› Medium der Mitteilung: Die Rede im Angesicht des Publikums, das fünf Minuten und länger aufmerksam zuhört, bevor es selbst das Wort ergreift. An den Speakers’ Corners, wo Mikrofone und Lautsprecher bereit standen, praktizierte die hektische Multitasking-Generation das Zuhören. Hier konnte jeder Zuhörer spontan zum Redner werden, was etwas anderes ist, als Tweets weiterzusenden oder auf Blogs zu kommentieren. Hier berichteten VertreterInnen aller Generationen von ihrem Leben in Hongkong, von ihrer Wut, von ihrer Hoffnung. Hier formten sich die Identität der Bewegung und ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit. Hier nahmen die Hongkonger ihre Stadt als gemeinsame Aufgabe wahr, so wie es im Streikaufruf als Ziel vermerkt war: «Strike, is the beginning of inviting Hong Kong people to reflect on our destiny. Strike, is the call from youth to the older generation to unite and resist.»19 Selbst wenn das ursprüngliche Ziel (freie Nominierung der Wahlkandidaten) und das später hinzugekommene (Rücktritt des aktuellen Chief Executive) bisher nicht erreicht wurden, am Speakers’ Corner, den einst die Briten der Welt für den Kampf um Demokratie schenkten, haben die Hongkonger lebhaft erfahren, was ihr Rechtssystem grundsätzlich von dem Chinas unterscheidet.

Das größtmögliche Gegenteil der Rede ist Software – als Kommunikationsrahmen, dessen Regeln man nicht geschaffen hat und kaum ändern kann: Ein Apparatus, der im Grunde seine Schöpfer zu den eigentlichen Helden des Geschehens macht und mit Begriffen ehrt wie eben Twitter- oder Facebook-Revolution. Die Software, die der Hongkonger Bewegung gern den Spitznamen gegeben hätte, heißt FireChat: eine App für iOs und Android, die über die Bluetooth-Verbindung der Smartphones ein Ad-hoc-Netzwerk unabhängig vom Internet oder Telefonnetz aufbaut. Ein Kommunikationsnetz (mesh-network), das die dicht gestreuten Handys einer Massenversammlung als Relaisstationen nutzt – und also nicht von staatlicher Stelle abgeschaltet werden kann. Eine revolutionäre Technologie, die, wie Gründer Micha Benoliel hofft, einmal alle Handys der Welt zu einem Parallel-Internet verbindet – «You are the Internet» lautet korrekt und manipulativ die Geschäftslosung seines Start Ups (opengarden.com). FireChat wurde in Hongkong 500.000mal heruntergeladen, nachdem Studentenführer Joshua Wong dazu aufgerufen hatte, denn man befürchte, dass die Regierung das Mobilnetz abschalten würde. Westliche Medien (wie der Guardian am 29. September 2014) trumpften – so unwiderstehlich ist digitaler Orientalismus – wieder schnell mit entsprechenden Headlines auf: «FireChat – the messaging app that’s powering the Hong Kong protests».20 Aber da sich die App anders als WhatsApp und Facebook nicht an einen befreundeten Adressatenkreis richtet, sondern naturgemäß an alle beteiligten Handys, eignet sie sich nicht nur bestens für das Ausspähen durch die Polizei, sondern auch für die Aussendung von Gerüchten. Das sprach, wie mir Studenten berichteten, gegen FireChat, zumal das Internet – denn Hongkong ist eben nicht Iran und auch (noch) nicht China – während der Proteste immer zugänglich blieb. Pech für die Tüftler aus San Francisco, Glück für die Protestler in Hongkong – und für den Regenschirm, der sich so erfolgreich gegen die digitalen Medien durchsetzte.

 

 

letztes Update am 
1. Mai 2015

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