HyperKult XXV – Shutdown

HyperKult XXV – Shutdown

Letzter Workshop der Fachgruppe «Computer als Medium» der Gesellschaft für Informatik, 9.–11. Juli 2015, Leuphana Universität Lüneburg

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«Sind Sie sicher, dass sie ausschalten wollen?»

«Sind Sie sicher, dass sie ausschalten wollen?», möchte die Maschine von Martin Warnke wissen. Er wird gleich den Abschlussvortrag halten, die 25. HyperKult neigt sich dem Ende zu. Warnke lenkt den auf die Wand projizierten Pfeil entschlossen zum Icon einer Drucktaste, auf der «Ja» steht und klickt ohne zu zögern. Ein Lachen geht durch den Raum, während es dunkler wird. «Der letzte macht den Beamer aus,» sagt Warnke. Er spricht heute ohne Multimedia-Präsentation.

Die 25. und letzte HyperKult feiert den eigenen Shutdown und damit zugleich laut Programmtext die Tatsache, dass ein Abschalten der Tagung «im Unterschied zu der Kommunikationstechnik, die wir an uns tragen» auch möglich ist. Seit ihrer Gründung im Jahr 1991 als Workshop der Fachgruppe «Computer als Medium» der Gesellschaft für Informatik hat die HyperKult umfassende Transformationen digitaler Technik und Kultur diskursiv begleitet und interdisziplinäre Analysen erschlossen. Die Strategie der OrganisatorInnen, die Frage, was ihr Projekt gewesen sein wird, selbst zu thematisieren, erweist sich dabei als wirksame Intervention gegen die drohende Katerstimmung. Eine Fin de Siècle-Atmosphäre, wie sie Hans-Dieter Hellige in seinem Vortrag als charakteristisch für den Netzdiskurs der Jahrtausendwende beschreibt, stellt sich im Verlauf der HyperKult XXV nur selten ein. Fragte die achte HyperKult 1999 mit Verweis auf die drohende Obsoleszenz voreiliger Grabstein-Gravuren, ob es jetzt auch für Normalsterbliche «teurer als erschwinglich» werde, «noch länger zu leben,» erinnert das Ende der Tagungsreihe 2015 eher an die psychoanalytische Absage an einen Wiederholungszwang, der selbst zum Todestrieb gehört. Wer nicht untot werden will, muss irgendwann aufhören.

Von der Inkubatorfunktion zum Shutdown

Für Teile der Medienwissenschaft hatte die HyperKult Inkubatorfunktion. Gerade diejenigen schätzten sie, die Medien nicht mehr länger nur in ihrer allgemeinen Wirkung untersuchen wollten und deshalb technisches Wissen über sie zu sammeln begannen. So lesen sich die HyperKult-Programme der 1990er-Jahre denn auch wie ein «Who is who» der Medienforschung. Vor diesem Hintergrund ist es besonders bezeichnend, dass der Zulauf aus der Medienwissenschaft in den letzten Jahren immer geringer wurde. Einerseits spricht das für die von der HyperKult selbst vertretene Einschätzung, sie habe ihre Funktion erfüllt. Andererseits lässt sich eine gewisse Irritation nicht abstreiten. Kaum eine medienwissenschaftliche Arbeit kam in der jüngeren Zeit ohne die Frage des faktischen technischen Wissens und der konkreten Technikgeschichte aus. In Lüneburg waren jedes Jahr im Juli Macherinnen und Macher der jüngeren Technikgeschichte vor Ort und kaum einer ging hin. Nicht nur, aber auch mit Frieder Nake, Britta Schinzel und Ivan Sutherland konnte man auf der Hyperkult wie selbstverständlich sprechen und sie ausfragen. Wo kann man das sonst?

Vielleicht lässt sich der Lebenslauf der HyperKult als Indiz dafür verstehen, dass die Medienwissenschaft in ihrer Konsolidierungsphase ausgerechnet mit dem Forschungsgegenstand zu ringen scheint, mit dem man sie gesamtgesellschaftlich am meisten identifiziert: den digitalen Medien. Deshalb ist es ein Glücksfall, wenn nun – unter anderem abermals in Lüneburg – Strukturen entstehen, die sich digitalen Medien widmen und die nach neuen, adäquaten Medientheorien und Methoden zu ihrer längerfristigen Erforschung suchen.

Um es nicht zu vergessen: Mit der Kulturinformatik hatte die HyperKult einen weiteren Zögling neben der Medienwissenschaft, der sich ebenfalls von ihr emanzipierte. Hat die HyperKult also wirklich ihre Funktion erfüllt und sich in beide Bereiche, die Kulturinformatik und die Medienwissenschaft, erfolgreich eingespeist? Bereicherte sie die Informatik um Kulturtheorien und reflexive Möglichkeiten, so konnte die Medienwissenschaft gerade auch mit ihrer Hilfe zumindest punktuell Einblick in informatische Gegebenheiten nehmen. Auftrag ausgeführt. Wie dem auch sei: Es gibt jedenfalls handfeste Gründe, warum die HyperKult sich selbst ein Ende gesetzt hat. Die HyperKult XXV zum Shutdown und als Shutdown ist insofern gelungen, als dass sie es weitgehend vermieden hat, das Ende der Reihe in eine Wiedergeburt oder in einen Neuanfang umzuinterpretieren.

Die Vorträge der HyperKult XXV

(Jede HyperKult konnte im Live-Stream angesehen werden. Viele Workshops sind sogar vollständig im Online-Archiv wiederzufinden, auf das an dieser Stelle verwiesen sei.)

Am ersten Tag befassten sich zahlreiche Beiträge mit Beispielen für Enden in der Mediengeschichte: Wolfgang Coy sprach über das Ende der Schallplatte und die «Ideologie des High-End». Wie kaum einem anderen Analogmedium haftete der Schallplatte der Ruf an, «näher» am Original und gleichsam «echter» zu sein als ihre digitale Nachfolgerin, die CD.

Jochen Koubek erläuterte den Shutdown von Online-Gemeinschaften und das Phänomen der virtuellen Eschatologie. Zu den wenig studierten Bestandteilen der Computerspielwelten gehört, dass diese auch enden können bzw. regelmäßig verschwinden. Koubek demonstrierte anhand zahlreicher Beispiele, wie man die Auflösung enger Gemeinschaften oder das virtuelle «Obdachloswerden» betrauert.

Für Anna Tuschling zeichnete die Workshop-Reihe aus, dass ihr Programm Computer als «genuine Gestaltwandler» untersuchte und Kartographien wichtiger Tendenzen im Verzicht auf eine Formfixierung anlegte. Sie untersuchte dies anhand des Wandels bestimmter Schnittstellen im affective computing. Im AC endet vorläufig die Adaption technisch einschlägiger humanwissenschaftlicher Emotions- und Affekttheorien.

Britta Schinzel zeigte in ihrem Vortrag, wie voraussetzungsreich und vor allem fehlerbehaftet die Bildgenerierung in den Lebenswissenschaften ist. Sie demonstrierte damit, dass technisches Know-how nach wie vor unabkömmlich ist, um Probleme der technisch gestützten Lebenswissenschaft zu erkennen und zu benennen.

Chris Nuzum nahm das Ende der Veranstaltungsreihe zum Anlass, um über die Anfänge der Strukturen zu sprechen, die die HyperKult untersucht hat. Er stellte deshalb Aspekte der Funktion und Entwicklung von Hypertext-Vorläufern wie Vannevar Bushs Memex vor.

Hans-Dieter Hellige entwarf anhand des Programms aller bisherigen HyperKult-Tagungen einen Überblick über Tendenzen des kulturinformatischen Diskurses innerhalb der letzten 25 Jahre und identifizierte darin drei große Narrative medienwissenschaftlicher Theoriebildung: (1) Hypertext / Docuverse, (2) medientechnisches Apriori und (3) Turing-Galaxis. Hellige fordert, von metaphysischen Debatten um den Apriorismus Abstand zu nehmen und eine «realistische Wende» der Medientheorie einzuleiten, die mit einer notwendigen Repolitisierung sei in Aussichtverbunden sein müsse.

Georg Trogemann verwies auf Konvergenzen der HyperKult und der 1990 gegründeten Kunsthochschule für Medien in Köln. Anhand kurzer Videos stellte er verschiedene Anwendungen des Low End Computings vor, die dem Verhältnis von Materialität und Semiotizität in algorithmischen Materialprozessen nachgehen. Dazu zählten Kuriositäten wie unter anderem ein Kartoffel-Sortier-Algorithmus aus Bindfäden und Spaghetti sowie ein Brausetabletten-Algorithmus.

Claus Pias eröffnete den zweiten Tag mit einem Plädoyer, das Ende der Hermeneutik ernst zu nehmen und eine anti-realistische Wende der Medientheorie einzuleiten. Anhand des Beispiels der Klimaforschung wies Pias auf ein arkan-Werden datenverarbeitender Prozesse hin, dem vormoderne Kategorien des Nichtverstehens und des Geheimnisses angemessener seien als ein aus der Moderne übernommener Gestus des Aufdeckens.

Wolfgang Hagen widmete sich in seinem Vortrag einer umweltlichen Dimension der digitalen Ordnung. Ausgehend von McLuhans Zitat, er wisse nicht, wer das Wasser erfunden habe, die Fische seien es aber wohl nicht gewesen, entwickelte Hagen einen systemtheoretisch-ökologischen Zugang zur Immersion durch das Mediale und fragte nach der Möglichkeit, die Verknüpfung technischer und ökonomischer Prozesse zu adressieren und auf ihre Veränderbarkeit hin zu überprüfen.

Jörg Pflüger präsentierte mathematische Beispiele der sogenannten Monte-Carlo-Simulation, die analytisch unlösbare Probleme stochastisch löst, und fragte anhand dessen nach einer neuen Qualität einer experimentellen Mathematik als Empirie auf dem Rechner.

Martin Rumori stellte den aktuellen Stand der post-digitalen Orgelforschung vor und sprach von der Orgel als besonderem Instrument, das schon immer mit 0/1-Entscheidungen beschäftigt gewesen sei.

Im Panel der Sound- und Musikforscher präsentierten Rolf Großmann, Florian Grote und Michael Harenberg im Rückblick auf die musikalische Geschichte der HyperKult Entwicklungen der Interfacetechnik, Produktionshardware und -software, Performances, gemeinsam verwirklichte Projektarbeiten sowie zahlreiche persönliche Erinnerungen an die vergangenen 24 Treffen in Lüneburg.

Frieder Nake und Susan Grabowski begannen den letzten Tag mit einer Hommage an den Künstler Roman Opałka, der ab 1965 bis zu seinem Tod nur noch Zahlen gemalt hatte, und erinnern an die Geschichte der Computerkunst, die als visual research Verhältnisse von Ästhetik und Algorithmik auslotete. Nake betonte, die digitalen Medien hätten mit der Algorithmisierung der Kunst begonnen. Wenn ein Ende da sei, so Nake, dann, weil das Digitale allgemein geworden sei. Grabowski verwies mit Blick auf die Vermittlung digitaler Kunstpraxis darauf, dass vielen etwa zeitgleich mit der ersten Hyperkult geborenen Digital Natives heute ein Verständnis algorithmischer Prozesse schwer falle.

Matthias Müller-Prove stellte in seinem Vortrag anhand einer Zeitreise durch das Hyper-Chronoskop Betrachtungen zu Zeit und Design vor und führte verschiedene Organisationsmodelle, Techniken und Darstellungsweisen zwischen extrem kurzen und extrem langen Dauern auf. Zu den gezeigten Beispielen zählte das Projekt einer 10.000-Jahres-Uhr der The Long Now-Stiftung, Arthur Gansons Machine with Concrete von 1997 und der 2012er Stand der Webseite des Flughafens Berlin-Brandenburg.

Lena Bonsiepen erläuterte in ihrem Vortrag den langen Abschied vom IP4-Adressstandard, der trotz Verfügbarkeit von IP6 durch verschiedene «lebensverlängernde» Maßnahmen seit vielen Jahren im Betrieb gehalten wird, und betonte, ein quälend langer Abschied bliebe der HyperKult erspart.

In seinem abschließenden Vortrag widmete sich Martin Warnke Aspekten der digitalen Archivierung. In den drei Abschnitten «Vergangenheit der Gegenwart, Gegenwart der Vergangenheit und Zukunft der Gegenwart» fragte er nach Technologien des Bewahrens zwischen der Geschichte des faktenschaffenden Archivs, der Flüchtigkeit persönlicher digitaler Daten angesichts der geringen Haltbarkeit und Anfälligkeit ihrer Träger und dem «gusseisernen Gedächtnis» unzugänglicher Serverfarmen, die kein Recht auf Löschung mehr gewähren.

Eigenheiten mit gutem Ausgang

Zur HyperKult gehörten die offenen Gespräche auf den langen Gängen der Scharnhorststraße, die Hitze in den ehemaligen Kasernengebäuden und herrliche Mengen bereitgestellter Früchte und Gummibärchen. Kunstprojekte und praktische Arbeiten wurden auf der Hyperkult ebenso vorgestellt wie theoretische Unternehmungen, lange bevor dies gang und gäbe war. Auch die Beiträge zu den beiden weit verbreiteten HyperKult-Bänden folgen nicht alle (denselben) akademischen Regeln.

Üblich war ein eigener Vortragsstil. Wie bei einem alternativen Musikfestival, wo man die Größen mitunter in Turnhallen improvisieren hört, waren die Vortragenden – ob namhaft oder Nachwuchs – einfach die sprechenden Instanzen zwischen Technikanlage und Beamer-Projektion. Zuhören konnte man in Lüneburg bei geöffnetem Laptop, ohne unhöflich zu wirken. PowerPoint und Co., über die viele der Involvierten bereits geschrieben haben, waren hier weder ein nicht gemeistertes Problem noch ästhetische Spielerei, sondern immer nur mit Nonchalance genutztes Mittel zum Zweck, sich über Technik, ihr Eigenleben und ihre Eigenheiten auszutauschen. Gut und schade, dass die HyperKult-Reihe zu Ende gegangen ist.

letztes Update am 
10. Dezember 2015

Kommentare

Hans Dieter Wellige: »Von der Hypermedia-Culture zur Cloud-Media-Culture« (artec paper #205), Oktober 2015

http://www.uni-bremen.de/fileadmin/user_upload/single_sites/artec/artec_...

Claus Pias

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