Gehäuse: Mediale Einkapselungen

Gehäuse: Mediale Einkapselungen

Tagung an der Universität Paderborn, Institut für Medienwissenschaften, in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg «Automatismen», 21.–23. Mai 2015, organisiert von Christina Bartz, Timo Kaerlein, Monique Miggelbrink und Christoph Neubert

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Im Mai 2015 diskutierten am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn 15 ReferentInnen und zahlreiche TeilnehmerInnen die Medialität von Gehäusen. Gehäuse nehmen als Umhüllungen technischer Apparate wie als architektonische Strukturen innerhalb der Medienwissenschaft bislang eine eher marginale Position ein. Gleichzeitig haben Fragen nach den infrastrukturellen Voraussetzungen von Medientechnologien sowie nach Interfaces Konjunktur – Perspektiven also, die sich auf unterschiedliche Weise den «Medien der Medien» (Florian Sprenger) widmen. Gehäuse nehmen hier eine interessante Zwischenstellung ein, insofern sie zum einen ähnlich wie Kabel und Stecker zur Peripherie der Medien gehören, zum anderen aber eine den AnwenderInnen zugewandte Seite aufweisen. Daher wurde nach den medialen Vermittlungsleistungen von Gehäusen gefragt. Was macht also ein Gehäuse aus? Wie unterscheidet es sich von anderen Formen der Einkapselung? Welche Spezifika weist es auf, und welche Funktionen werden ihm zugewiesen? In den vier Sektionen «Einrichtungen», «Gestaltungen», «Architekturen» und «Umwelten» reichte die thematische Bandbreite von Konzepten wie Blackboxing und Domestizierung über die Felder von Ästhetik und Design bis hin zur ökologischen Dimension von Gehäusen.

Till A. Heilmann (Bonn) wandte sich im Eröffnungsvortrag entschieden gegen eine medienwissenschaftliche Tradition, die die Gehäuse technischer Medien lediglich als zu entfernende Blende begreift, welche den Blick auf das Wesentliche der Vermittlungsleistung verstelle. Stattdessen plädierte er für ein erweitertes Verständnis von Gehäusen als historisch spezifischen Verortungen der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Mit einem Blick in die Mediengeschichte des Rechners machte Heilmann plausibel, dass die jeweiligen Oberflächen-Gestaltungen den Computer als symbolverarbeitende Maschine überhaupt erst in Erscheinung treten ließen. Die herangezogenen Beispiele reichten von Großrechensystemen der 1950er Jahre über Kommandozeilen-Interfaces bis hin zum Formfaktor als Industrienorm für die Serienproduktion von Rechnerbauteilen IBM-kompatibler PCs.

Stefan Udelhofen (Köln) widmete sich Aspekten einer Medienkulturgeschichte des Internetcafés. Seit den 1990er Jahren bildeten diese Orte ein neues räumlich-materielles Ensemble, in dem vernetzte Computer in speziellen Gehäusen platziert wurden, die zwischen Medientechnik und gastronomischem Umfeld vermittelten. Anhand ausgewählter Fallstudien zeichnete Udelhofen den historischen Wandel von Computergehäusen in Internetcafés nach und beschrieb das Gehäuse unter Bezugnahme auf Bruno Latour als matter of concern: In einschlägigen Diskursen zum Internetcafé gehe es weniger um Fragen der Technik, sondern vielmehr um die zu gestaltenden Oberflächen der Computergehäuse. Über ihre Funktion als Schutz vor Schmutz und Flüssigkeiten hinaus ließen sich an diesen spezifischen Gehäusen stabilisierte visuelle und soziale Ordnungen ablesen, was anhand von Diskussionen um die Stellplätze der Kästen und diverse Anstrengungen zur Wahrung keimfreier Geräteoberflächen verdeutlicht wurde. Die Aufforderung der ANT, den Akteuren zu folgen, variierte Udelhofen zu follow the cases.

In ihrem Vortrag widmete sich Leonie Häsler (Basel) historischen Apparaten zur Musikwiedergabe, die in ihrer Funktion – abhängig von Material, Formgebung und Gehäusegestaltung – zwischen technischem Gerät und Einrichtungsobjekt changierten. Dabei wies Häsler dem Gehäuse eine zentrale Funktion für die Aneignung von Medientechnik im bürgerlichen Wohnumfeld im 19. Jahrhundert zu. Schließlich trug das Holzgehäuse des Grammophons nicht etwa zur Klangqualität bei, sondern passte den Apparat in den Wohnraum ein. Spätere Musikapparate für den häuslichen Raum emanzipierten sich Häsler zufolge von diesem Möbel-Diktat und nahmen eine eigenständige Form an, wie etwa die Radio- und Phonotruhe «SK4» des Geräteherstellers Braun in den 1950er Jahren. An aktuellen Designs von Dockingstationen für MP3-Player zeige sich jedoch, dass Audiogeräte auch weiterhin in engem Wechselverhältnis mit sich ändernden Wohnmustern und -stilen stehen.

Andreas Fickers (Luxemburg) verfolgte in seinem Vortrag die These, dass die Domestizierung des frühen Rundfunks in den 1920er/1930er Jahren mit drei symbolischen Hausreferenzen einhergehe, nämlich (1) der Verortung des Rundfunks in der Gesellschaft («Haus des Rundfunks»), (2) im Heim und (3) im Gehäuse. Im Sinne von Charles Bazermans Konzept des symbolic engineering arbeitete Fickers entsprechende Begleitdiskurse anhand von umfangreichem Quellenmaterial heraus, demzufolge die Gestaltung des Radiogehäuses wesentlich auf nicht technische Faktoren zurückzuführen sei. So lasse sich etwa an der Senderskala eine veränderte politische Geografie nachvollziehen, die erst durch die Regulierung der Radiofrequenzen im europäischen Kontext möglich geworden sei.

In ihrem Vortrag stellte Heike Weber (Wuppertal) die Metapher der «Black Box» in Frage und grenzte sich von Ansätzen aus dem Umfeld der Akteur-Netzwerk-Theorie ab. Weber zufolge verdecke das Gehäuse nicht einfach nur technische Komplexität, wie es Latour anhand des 1-Knopf-Prinzips der Kodak-Kamera darlege. Wenn man anstatt von «Black Boxing» von einem «Boxing» der Technik ausginge, trete das Gehäuse in seiner Funktion als zu gestaltende Oberfläche bzw. als «schillernde Box» in Erscheinung. In einer semiotischen Lesart machte Weber so das Gehäuse als Medium zur Vermittlung von Konsumtechniken und Gender-Codierungen produktiv. Dass Technik keine schwarze Kiste sei, zeige sich beispielsweise an Vollwaschautomaten der 1970er Jahre. Während diese in den USA nur wenige Bedienelemente aufführten, gab es in der Bundesrepublik Knöpfe und Drehschalter für individuelle Zusatzprogramme: Weber zufolge vermittelt das Gehäuse nicht lediglich zwischen In- und Output, sondern lässt Rückschlüsse über seinen je spezifischen kulturellen Kontext zu.

Stefan Niklas (Köln) skizzierte das Phänomen des Gehäuses aus kulturphilosophischer Perspektive als Konvergenzpunkt der Progressionslogiken von Technik und Mode: Während die Logik der technischen Entwicklung sich als dynamische Operation der Problemlösung präsentiere und weitgehend ohne Referenz auf Geschichte auskomme, verfahre die Mode eher zyklisch und selbstreferentiell. Gleichermaßen an Simmels klassische Modetheorie wie an Nicolai Hartmanns Technikphilosophie anschließend, forderte Niklas eine stärkere Berücksichtigung des Mode-Aspekts bei der Diskussion technischer Artefakte, die zwischen funktionalen und ästhetischen Bestimmungen changierten. Eine derartige Betrachtung sei dazu geeignet, eine «Morphologie der kulturellen Formen» zu entwickeln.

Andreas Broeckmann (Lüneburg) diskutierte künstlerisch-konzeptionelle Entwürfe, die auf je verschiedene Weise eine Innen-Perspektive auf Gehäuse in Szene setzen. Im 20. Jahrhundert seien diese häufig um Fortbewegungsmittel wie Auto (Marinetti u.a.) und Flugzeug (Malewitsch u.a.) zentriert, die eine schützende Hülle für den Fahrer darstellen. Damit verglich er drei spekulative Szenarien aus sehr unterschiedlichen Kontexten, in denen der Körper selbst in ähnlicher Hinsicht thematisiert wird: Oswald Wieners literarische Fantasie des «Bio-Adapters» (1960), Vilém Flussers kybernetisches Modell einer «Leibkarte» (1982/1983) und die Performance Event for Support Structure des australischen Künstlers Stelarc (1979). Die diskutierten Beispiele legten eine Parallelität von Körper und Vehikel nahe, die eine vergleichbare Funktion der medialen Einkapselung gegenüber der Außenwelt erfüllten.

Tobias Lander (Freiburg) präsentierte in seinem Beitrag einen kunsthistorischen Überblick über Interpretationen des Gehäuses als Medium zwischen Innen und Außen, zwischen Sicht- und Unsichtbarem. So trete das Gehäuse in der Kunst als schützende Hülle eines verborgenen Inneren (Reliquiar), als transparente Einkapselung eines sichtbaren, jedoch mysteriösen Inhalts (Marcel Duchamps Air de Paris, 1919) sowie als Gehäuse ohne Funktion (Andy Warhols Brillo Boxes, 1964) auf. Das teilweise paradoxe Verhältnis von Innen und Außen und die damit verbundene Herausforderung für kunstwissenschaftliche Interpretationen stellte Lander abschließend an Piero Manzonis Merda d’artista (1961) dar.

Markus Krajewski (Basel) widmete sich der Frage nach dem Zusammenhang von Architektur und Sozialpsychologie, ausgehend von der Beobachtung des großflächigen Einsatzes von Fliese und Kachel als charakteristischem Bestandteil der Fassadengestaltung des bundesrepublikanischen Wiederaufbaus. Anstatt dieses architektonische Merkmal als ‹Bausünde› und Lösung von Knappheitsproblemen abzutun, schlug Krajewski vor, die spezifischen formalen Eigenschaften des Rasters in den Mittelpunkt zu stellen. Kachel und Fliese als Sinnbilder der Sauberkeit und das Raster mit seiner orientierenden, fehlerreduzierenden, homogenisierenden und ‹anti-narrativen› Charakteristik seien im Kontext der topografischen wie politischen Neuorientierung zu verstehen. Geflieste Fassaden als ‹Gesichter der Gebäude› zögen ihre Beliebtheit im Nachkriegsdeutschland aus einer ‹läuternden Funktion›, die einen Neuanfang verspricht, ohne eine weitreichende Neuordnung der Städte und Gesellschaft vornehmen sowie die jüngste Vergangenheit thematisieren zu müssen.

An einer Auswahl zeitgenössischer Gebäude zeigte Tom Steinert (Berlin) Analogien zwischen den Formsprachen aktueller Architektur und dem Gehäuse-Design von Digitalgeräten und analysierte die herangezogenen Bauwerke in seinem Vortrag als «Smartphone Architecture». Computergestützte Modellierungssoftware erweitere, so Steinert, die Gestaltungsmöglichkeiten der Architektur, sodass diese einen ausgeprägten Objektcharakter annehme. Als ein Beispiel nannte er die «Galerie de la Méditeranée» in Marseille: Glasoberflächen mit sanft gerundeten Ecken umgeben das Bauwerk wie eine belebte Membran und lassen es zugleich empfindlich und immun gegenüber der Außenwelt erscheinen.

Florian Sprenger (Lüneburg) knüpfte an gegenwärtige medientheoretische Ansätze an, die nicht lediglich Endgeräte oder die Darstellung von Inhalten untersuchen, sondern technische Infrastrukturen. Dabei verwies Sprenger auf den Begriff des Environments, wie er in der Architekturtheorie der 1960er Jahre bei Reyner Banham verwendet wird. In Banhams Entwürfen löse sich Architektur von der gängigen Fokussierung auf gebaute Strukturen und ziele stattdessen auf die Herstellung künstlich stabilisierter, bewohnbarer environments. Das nun selbst eine technische Qualität gewinnende Gehäuse werde bei Banham zum Gegenstand einer «Epistemologie des Umgebens», die unter anderem kybernetische Steuerungsoptionen umfasse.

Claudia Mareis (Basel) verfolgte die These, dass die in der Designtheorie dominierenden Entmaterialisierungsdiskurse seit den 1960er Jahren von Diskursen zu personalisierten Computertechnologien beeinflusst gewesen seien. In den Designauffassungen von Herbert Simon (1969), Lucius Burckhardt (1980) und Gui Bonsiepe (1996) ginge es daher nicht länger um die Gehäuse materieller Artefakte und entsprechende materialbezogene Praktiken, sondern im Sinne des aufstrebenden Computerdiskurses um Interfaces und Schnittstellen. Demgegenüber plädierte Mareis für eine kritische Auseinandersetzung mit den materiellen Voraussetzungen sowie den gesellschaftlichen Einbettungen technologischer Artefakte, wie sie beispielsweise in den spekulativen Szenarien des Critical Design zu finden sei.

Léa Perraudin (Köln) thematisierte Entwicklungen eines experimentellen Interfacedesigns, das sich von geschlossenen Gehäusen wegbewegt und stattdessen eine Verumweltlichung von Technik, z.B. in Form atmosphärischer Medien (Mark B.N. Hansen) oder ephemerer Oberflächen in Szene setzt. Das Design ziele zunehmend auf die Gestaltung technisch strukturierter Umwelten, womit das Gehäuse sich zur offenen Behausung wandle, die mit den bekannten Metaphern aus der human-computer interaction nur noch schwer zu beschreiben sei. Wenn Seifenblasen, Schlammbäder und Tümpel zu »intra-faces« (in Anlehnung an Karen Barads Begriff der intra-action) werden, stellen sich Perraudin zufolge Fragen nach Stabilität und Kontrolle auf eine neue Weise. Auffällig seien die Naturbezüge der vorgestellten Experimentalanordnungen: Hier vermutete Perraudin neue kognitive Schließungen, insofern «Natur» im Ausstellungsraum zu einer «pochenden Blackbox» gerate.

Der Beitrag von Julian Jochmaring (Potsdam) ging vom Begriff der ‹Umwelt› in der theoretischen Biologie bei Jakob von Uexküll in den 1910er Jahren und dessen Rezeption in der Phänomenologie bei Maurice Merleau-Ponty in den 1930er und 1950er Jahren aus und behandelte dessen medientheoretische Implikationen. Mit Uexküll lasse sich das Verhältnis von Organismus und Umgebung als mediale Einkapselung begreifen, insofern die spezifische Umwelt jedes Lebewesen wie ein «undurchdringliches Gehäuse» umhülle. Dabei bleibe das Gehäuse allerdings transparent und sei daher am ehesten im Sinne einer negativen Medialität zu verstehen, die ihre eigenen vermittelnden Funktionen verdecke. In Merleau-Pontys Durcharbeitung des Uexküll’schen Umweltbegriffs dagegen werde die Beschaffenheit des Gehäuses selbst als Vermittlungsstruktur problematisiert.

Martin Siegler (Weimar) nahm abschließend Objekte in den Blick, denen eine ontologische Ambivalenz anhaftet: Sprungpolster, Fallschirme und Airbags warten in Gehäusen auf jene (situativen) Fälle, in denen sie freigesetzt werden und sich als Objekte zuallererst entfalten. Gehäuse meint hier eine suspense-Struktur emergenter Objekte, eine Präparation / Disposition, die von der Entfaltung her gedacht ist und in der (noch) keine verfügbaren Objekte im Sinne eines Behälters vorliegen. Vielmehr ist das Gehäuse Einkapselung eines künftigen Objekts, keine Schließung, sondern Moment eines Handlungsprogramms, welches das Werden, die zeitlichen Dimensionen von Objekten, akzentuiert.

Die Tagung setzte sich zum Ziel, interdisziplinäre Diskussionen zwischen Medienwissenschaft, Technikgeschichte, Kulturphilosophie, Kunstgeschichte, Architekturtheorie und Designwissenschaft anzuregen. Im Austausch der Positionen stellte sich heraus, dass der Gehäuse-Begriff flexibel und anschlussfähig genug ist, um eine Bandbreite von Phänomenen auf produktive Weise vergleichbar zu machen, die auf je verschiedene Weise Prozesse medialer Einkapselungen betreffen.

Als weiterführende Perspektive bietet sich die von vielen Beitragenden geteilte Auffassung an, dass das durch Gehäuse vermittelte Verhältnis von Innen und Außen nicht frei von Konflikten sei. In den Blick gerieten heterogene Politiken der Öffnung und Schließung von Gehäusen, die mit Macht- und Wissenspraktiken zusammenhängen. Jedes Gehäuse ist Ergebnis einer epistemo-politischen Operation der Grenzziehung, die Subjekten wie Objekten einen Platz innerhalb oder außerhalb eines stabilisierten Arrangements zuweist. Für die Analyse der medialen Operationsweisen von Gehäusen ist es unumgänglich, diese Grenzziehungen nicht als gegeben hinzunehmen, sondern als strategische Setzungen zu kennzeichnen.

Während allerdings technikphilosophische Lesarten an der Technisierung und damit verbundenen Einkapselung von Funktionsabläufen in Gehäusen häufig einseitig das Moment des Sinnverlusts (Husserl) bzw. Sinnverzichts (Blumenberg) herauskehren, hat eine medienkulturwissenschaftlich ausgerichtete Perspektive das Potential, das Gehäuse selbst als bedeutungstragendes Element zu konzeptualisieren. Das Gehäuse wäre dann nicht mehr die zu entfernende Blende, die den Blick auf die als wesentlich konzipierte Technik verstellt, sondern Kulminationspunkt und Schnittstelle von technischen Einflussgrößen, Praktiken des Designs und Weisen der Aneignung. Mit der von einigen Vortragenden vorgeschlagenen Erweiterung des Gehäuse-Begriffs in Richtung einer ökologischen Lesart lässt sich darüber hinaus eine Perspektive auf Prozesse der Verumweltlichung von Technik gewinnen, in denen Relationen von Innen und Außen auf neue Weise zur Debatte stehen.

letztes Update am 
26. Oktober 2015

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