Digitus

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Der letzte Finger

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Eine gekürzte Version dieses Textes ist erschienen in
Zeitschrift für Medienwissenschaft, No. 15, 2016,
als Begleittext zur hier wie dort vorgestellten Bildstrecke.

Zuerst die Hände. Auf den Bildern liegen Register ineinander, die sonst sowohl als einzelne ungesehen bleiben als auch als getrennte gelten: die Handarbeiten in der digitalen Reproduktion. Bevor ein Buch maschinell automatisiert verfügbar ist, muss es angefasst worden sein, in mühsamer und zeitraubender Kleinarbeit (die es allerdings auch bereits als automatisierte Umblättermaschine gibt) sind die Seiten umgewendet und vielleicht fixiert worden, bevor der Scanner sie berührungslos abtastet. Unschärfen und glitches erinnern daran, dass auch die Zeit und Bewegung der Arbeit im Scan nicht mehr sichtbar ist, das dreidimensionale Material nun anders durch den Raum geht. Sind es belesene oder ungelernte Arbeitskräfte, die diese Arbeit am Papier tun? Ihre Spuren tauchen auf den Scans nur als Fehler auf – weil sie den Text verdecken, um den es geht, aber auch, weil sie ein Bild abgeben statt Lettern, und weil sie Paratexte zur Entstehung des digitalen Buchs liefern, die ungesagt bleiben sollen, und die nahelegen, dass Arbeit outgesourced wurde, wo Computerkonzerne ihre Personalkosten gerne in Niedriglohnländern oder mit einheimischen Geringverdiener_innen einsparen.

Zweitens die Handschuhe. Kunstwerke werden mit Baumwollhandschuhen angefasst, Papier voll Druckerschwärze mit Kunststoffhandschuhen. Muss das Papier vor menschlichem Fingerschweiß geschützt werden oder der Finger vor der Säure des Papiers? Wer kann wen vergiften oder anstecken? Die Handschuhe legen Assoziationen nahe an medizinische Untersuchungen, an Schutz vor HIV, an Safer Sex, und sie erinnern an Ecos Roman Der Name der Rose, in dem der Mönch, der die Verbreitung des sündigen Buchs von Aristoteles unterbinden will, die Seiten mit Gift tränkt, so dass die Leser, die ihre Finger mit Spucke befeuchten, um zu blättern, sich selbst langsam umbringen, je tiefer sie in das Buch einsteigen. Unsichtbar gemachte Arbeit also und Kontagion, alte Materialität und ein Kontakt von Leser_in und Inhalt, die aus dem Scanergebnis verbannt sind und nur noch im Bereich der Kunst, die Fehler sammelt, ein Residuum haben.

hot/pink/condom/cover. Für eine Studienarbeit im Bereich Buchdesign sollte Benjanim Shaykin Material suchen. Er griff der Einfachheit halber zu digitalisierten Büchern – und fand eine braune Hand, «its index finger wrapped in a hot-pink condom-like covering.»1 Eine Sammlung ergab sein Buch Google Hands, eine Zusammenstellung zwölf einzelner handgenähter Bändchen, die jeweils eine bestimmte Art von glitch, von Scan-‹Fehlern› zusammenstellen.2 Sie zeigen Berührungen, bringen den Körper in digitalen Prozessen ins Spiel, Haptik und Optik zusammen und markieren Machtverhältnisse in der Organisation von Arbeit. Google besetzt die Macht über die Autorisierungsketten ebenso wie es die Zugänglichkeit allen Wissens für alle im Programm hat. Google ist allerdings ein globaler Konzern und keine politische Weltöffentlichkeit, die über dieses Programm verfügt. Und so bildet sich unsichtbar auch die globale kapitalistische Arbeitsteilung darin ab.

Schwarze Arbeiter verlassen die Fabrik. Auch andere haben sich für diese Bilder interessiert – in eigener Bildproduktion oder auch mit anderen Agenden. Im Netz finden sich weitere Sammlungen, Tumblr und Buchprojekte. Bereits 2007 hatte Andrew Norman Wilson bei seiner Arbeit auf dem Google Campus begonnen, die unterschiedlichen ‹Klassen› von Arbeitern bei Google zu beobachten, vor allem die «ScanOps», die im Googleplex die Bücher scannten, deren Schicht zehn Stunden lang, deren Lohn Betriebsgeheimnis war und die mit niemandem über ihre Arbeit reden durften. Wilson berichtet in seinem Kurzfilm Workers leaving the Googleplex3 von seinem Versuch, die Arbeit bei Google in ihrer Aufteilung nach race und class zu betrachten und mit den ScanOps zu sprechen, die größtenteils Schwarze und Latino-Amerikaner_innen sind; er wurde deshalb mehrfach von Sicherheitsabteilungen verhört und gemaßregelt, musste seine ersten Aufnahmen löschen und wurde schließlich entlassen. Shaykins Bilder zirkulieren ohne solche Hürden weiter.

Erscheinung der anderen/der Distanz. «Apparition of a distance, however near it may be» war 2013 der Titel einer anderen Sammlung von Google-Finger-Scans durch Paul Soulellis.4 Die berühmte Formulierung aus Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz der «einmalige[n] Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag» setzte die Sammlung – die einen auktorialen, quasi-künstlerischen Werkcharakter bekam – in ein angemessen kompliziertes Gefüge aus Importen und Reimporten zwischen Medien, Zeiten und Diskursen: Galt «technische Reproduktion» in den 1930er Jahren als Bedrohung der Einzigartigkeit des Kopierten, insbesondere des Kunstwerks, und gleichzeitig als revolutionäre Kraft der verteilten Adressierung neuer Massen, so bedroht die Digitalisierung, exemplarisch das Scannen nicht nur von Büchern, sondern von – zunächst westlichen – Bibliotheken, das Selbstverständnis einer bestimmten schriftbasierten Wissenskultur. Soulellis spricht nicht nur von «accidental recordings», sondern von «found images» oder «found photography» in Anlehnung an «found footage» beim Film.5 Die Erscheinung der Ferne kommt aus dem Eigenen.

Weiße Buchkultur. Autoren, Verlage und Bibliotheken, die klassischen Institutionen der Buchkultur, werden anderenorts auch angesichts der Google Hands verteidigt. Im Frühjahr 2016 nutzte die Zeitschrift für Ideengeschichte die Bilder als Aufhänger für eine Erörterung der Entwertung des gedruckten Buchs durch die Digitalisierung6 und eine Kritik an Universitätsbibliotheken, die nur um der evaluierungsfähigen Nutzerzahlen Willen die Bestände zum Scannen freigäben.7 Wir würden die «sichtbaren Hände der unsichtbaren Hand» in den Google-Händen sehen, formuliert dazu Hole Rößner, solange die öffentliche Hand nicht dafür zahle, wenigstens die Scanfehler zu verbessern, die sich ja anstelle des Originals festsetzen würden – die Finger müssten also herauskorrigiert werden.8 Das bedeute für Deutschland keinen Verlust einer Markierung des medialen Übersetzungsprozesses, denn wir hätten bestimmte Probleme nicht: «Da in den USA schon die Hautfarbe diesbezüglich Hinweise liefern kann, fanden die gescannten Hände bereits Eingang in die Debatte um eine ethnisch bedingte Ungleichbehandlung auf dem Arbeitsmarkt.»9 Wir dagegen sind ja keine Einwanderungsgesellschaft mit nichtweißen Händen, brauchen also keine entsprechenden Überlegungen zu den neueren medialen Produktionsweisen.

Spurlose. Andere Handlanger verbleiben ganz im Unsichtbaren, etwa die Mechanical Turks von Amazon, die HITs (Human Intelligence Tasks) verrichten – das sind solche, die man nicht an Maschinen delegieren kann, etwa Bilderkennung, Transkriptionen, Schreiben und Redigieren, inhaltliche und nicht mechanische Recherchen (Amazons Chef Jeff Bezos nannte das Prinzip «artificial artificial intelligence»).10 Wie im «Schachtürken» von Kempelens, der 1769 als Automat vorgeführt wurde, aber eine kleine Person die Arbeit ausführen ließ, sollen die menschlichen Agenten in den medialen Übersetzungen verschwinden. Panos Ipeirotis' Studie an der New York University ergab 2010, dass 70% der Mechanical Turks weiblich seien.11

Und eine weitere Arbeit, die die Grundlage unserer vernetzten Mediennutzung garantiert, findet ebenfalls outgesourct statt, lässt sich aber mit keiner Spur mehr in den davon gereinigten Medien ablesen. Im Auftrag der Konzerne arbeiten «Menschen, die alles aussortieren, was uns auf Facebook und Twitter, Instagram oder Tinder nicht begegnen soll: Bilder von Enthauptungen und Verstümmelungen, Videos von Sex mit Tieren, kinderpornografisches Material …», so Moritz Riesewieck.12 Im Großraum Manila arbeiten in steuerbefreiten Firmen eine halbe bis eine Million Menschen,

zum größten Teil Frauen, häufig Frauen aus den unteren sozialen Schichten … Hier werden gerade in großem Stil ganze Teile einer Gesellschaft traumatisiert, Tausende von Menschen, deren Tagesaufgabe darin besteht, im Sekundenrhythmus Schockbilder anzuschauen und durchzuklicken, von denen viele auf der anderen Seite der Welt produziert werden.13

Diese Berührungen der Arbeiter_innen mit dem Material, durch Augen statt Finger, sehen wir nicht mehr. Sie können keine Bildstrecke mehr bilden, da sie unseren Gebrauch der Social Media nur durch ihre Spurlosigkeit garantieren. Können wir trotzdem das Wissen darum in unsere Wahrnehmung aufnehmen?

Die Erfahrung anderer betrachten. Vor über zwanzig Jahren stellte Susan Leigh Star, immer zwischen verschiedenen Denkkulturen unterwegs, die Frage, was The Cultures of Computing seien.

Right now, typing this, my neck aches and I am curled in an uncomfortable position. I try to think about my fingertips and the chips inside this Macintosh as a seamless ‹web of computing›, to use Kling and Scacchi's classic phrase (1982). But chips make me think of the eyesight of women in Singapore and Korea, going blind during the process of crafting the fiddly little wires; of ‹clean rooms› I have visited in Silicon Valley and the Netherlands, where people dressed like astronauts etch bits of silicon and fabricate complex sandwiches of information and logic. I think of the silence of my European ancestors who wore Chinese embroidery, marveling at its intricate complexity, the near-impossible stitches woven over a lifetime with the eyesight of another generation of Asian women. I think I want my body to include these experiences.14

Die ZfM gibt es nicht nur als Onlinezeitschrift, sie besteht seit 2009 auf einer papierenen Existenz, auch um sich in ihrer Gestaltung und in Formaten wie der Bildstrecke mit dem Buchdruck als Zeitschriftenmedium auseinanderzusetzen. I think I want our bodies to include these experiences. Ob Sie beim Lesen Handschuhe anziehen müssen, können wir nicht prognostizieren. Was die behandschuhten Arbeiter_innen, ob in Sri Lanka oder im Silicon Valley, für einen Mindestlohn getan haben, bietet die Grundlage für viele unserer Texte.15

Nachtrag: Die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung über die Bertelsmann-Firma Arvato, deren Mitarbeiter_innen, die die Gewaltvideos bei Facebook löschen und jetzt ihre traumatisierenden Arbeitsbedingungen öffentlich gemacht haben: Till Krause, Hannes Grasegger, Inside Facebook, 15.12.2016

  • 1. Kenneth Goldsmith: The Artful Accidents of Google Books, in The New Yorker, dort datiert 4.12.2013, online unter www.newyorker.com/books/page-turner/the-artful-accidents-of-google-books, gesehen am 20.7.16.
  • 2. Benjamin Shaykin benutzt die Bilder im Sinne des Fair Use und versteht das Ergebnis einer Auswahl und Bearbeitung von gefundenen Materialien als eine eigenständige Arbeit. Die zwölf Booklets wurden zusammengefasst in einem einzigen Printing-on-demand-Band. Shaykin hat der ZfM seine hochaufgelösten Bilder zur Verfügung gestellt. Vielen Dank an Annika Haas (UdK Berlin) für die vorliegende Bildauswahl. Zu weiteren glitch-Sammlungen vgl. Ulrike Bergermann: One Large Photograph of the World. Mechanische Augen und Googles Weltbildarchiv, in: Victoria von Flemming, Daniel Berndt, Yvonne Bialek (Hg.): (Post)Fotografisches archivieren. Wandel Macht Geschichte, Kromsdorf, Weimar 2016, im Erscheinen.
  • 3. Workers leaving the Googleplex von Andrew Norman Wilson, USA 2010, online unter vimeo.com/15852288, gesehen am 20.7.2016, in Anspielung auf Arbeiter verlassen die Lumière-Werke, F 1895 der Brüder Lumière sowie Harun Farockis Arbeiter verlassen die Fabrik, D 1995. Dave Eggers’ Roman The Circle, Toronto 2013, ist von solchen Berichten getragen.
  • 4. Die 42-seitige Bildersammlung erschien als Print-on-demand 2013. Vgl. Paul Soulellis: Apparition of a distance, however near it may be, online unter www.soulellis.com/2013/01/apparition/, dort datiert 24.1.2013, sowie eine Projektdokumentation mit 25 Bildseiten aus dem Booklet, www.soulellis.com/projects/apparition/, undatiert, beides zuletzt gesehen am 20.7.2016. Der New Yorker Künstler war im gleichen Jahr auf der Venedig Biennale 2013 vertreten mit der Library of the Printed Web («a curatorial project organized around artists who use screen capture, image grab, site scrape and search query to develop printed matter from content found on the web», ebd.).
  • 5. «As accidental recordings, the images mistakenly add human physicality, movement and distortion to the experience of consuming the static book in a browser window. These anomalies are usually corrected or removed by bots, but sometimes the errors remain, becoming spectral additions to the Google Books library and permanently altering the viewer’s perception of the content.» (ebd.)
  • 6. Hole Rößler: Googles sichtbare Hände. Das Retrodigitalisat als Ware, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Bd. 11, Nr. 2, 2016, 115–125, online unter www.z-i-g.de/pdf/ZIG_2_2016_konzept_roessler_115.pdf, gesehen am 20.7.2016. Rößler beklagt das Verschwinden des einzelnen Buchs in der Digitalisierung, als sei jedes ein potenziell kostbares Unikat mit einer «spezifischen Materialität» – Bücher «werden buchstäblich zur Massen-Ware«,119. Die Zeitschrift für Ideengeschichte setzt als Quellenangabe unter die Scans mit Fingern keine Quelle von Google Books, sondern nennt das gescannte Buch, wie um es einem Vergessen zu entreißen, wie hier im Bild zu sehen ist, und druckt die Scans schwarz-weiß ab, wodurch sie nochmals nostalgischer erscheinen. Ebd., 116.
  • 7. Ebd.: 120, 124f. – Eine Beschwerde über die schlechte Qualität der Scans fand sich bald im VÖBBLOG der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Vgl. Josef Pauser: Bücher aus der Digitalisierungskampagne mit der ÖNB bereits auf Google Books zu finden, online unter www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=17297, dort datiert 25.9.2011, gesehen am 20.7.16.
  • 8. Die Schlussforderung lautet: Öffentliche Mittel in die Bibliotheken. «Bis dahin werden die sichtbaren Hände der unsichtbaren Hand, von der die ‹größte Bibliothek aller Zeiten› geformt wurde, immer wieder den Blick ins Buch verstellen.» Ebd., 25.
  • 9. Rößler: Googles sichtbare Hände, 117.
  • 10. Eine exponentiell wachsende Anzahl von Forscher_innen nimmt jetzt diesen billigen Dienst für die akademischen Recherchen in Anspruch; die Turks verdienen oft unter 2 US-Dollar pro Stunde und sind finanziell mit keiner akademischen Hilfskraft zu vergleichen, auch wenn die geforderten 10 Cent pro Minute oft gezahlt werden. Amazon tritt nicht als Arbeitgeber auf, sondern als Vermittlungsplattform, vergleichbar etwa mit Uber, und behält dafür 20% des Honorars ein. Vgl. Louise Matsakis: The Unknown, Poorly Paid Labor Force Powering Academic Research, in: Motherboard/Vice Channels, dort datiert 4.2.2016, motherboard.vice.com/read/the-unknown-poorly-paid-labor-force-powering-academic-research, gesehen am 20.7.2016. Der Anteil der US-Amerikaner_innen unter den Turks wird teils mit 50%, teils mit 80% angegeben.
  • 11. Shawn Wen: The Ladies Vanish, in: The New Inquiry, dort datiert 11.11.2014, thenewinquiry.com/essays/the-ladies-vanish/, gesehen am 20.7.2016. Vgl. dagegen die angeseheneren Bereiche der Branche: «Facebook is 69% male, while their tech team is 85% male. Google overall is 70% male, their tech team 83%. Twitter is 70% male; tech team: 90%», ebd.
  • 12. Theaterregisseur Riesewieck hat auf den Philippinen recherchiert, im Interview mit Martin Kaul: Sie berichten von Depressionen, in: taz, dort datiert 25.4.2016, www.taz.de/!5295220/, gesehen am 20.7.2016.
  • 13. Ebd. Die Philippinen seien wegen des niedrigen Lohnniveaus und des vom Katholizismus geprägten Werteverständnisses sowie aufgrund des spanischen Kolonialerbes ideal für diese Arbeit geeignet.
  • 14. Susan Leigh Star: Introduction, in: dies. (Hg.): The Cultures of Computing, Oxford, Cambridge, Mass.,1995, 1-28, hier 2f. «If we are to have ubiquitous, wireless computing in the future, perhaps it is time to have a less boring idea of the body right now – a body politic, not just the substrate for meetings or toys.»
  • 15. Die ZfM beobachtet diese Produktionsbedingungen weiter, u. a. mit einem Beitrag über Mechanical Turks in der Werkzeuge-Rubrik der kommenden Ausgabe.
letztes Update am 
18. Dezember 2016

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