Die Bereitschaft sich führen zu lassen

Die Bereitschaft sich führen zu lassen

Selbst- und Fremdführungstechniken in der Self-Tracking-Praxis

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In der Videowerbung für ihren Activity-Tracker UP präsentiert die Firma Jawbone drei junge Menschen, die ihren Alltag in Begleitung ihres Datenloggers meistern: die morgendliche Yoga-Übung, die Power-Point-Präsentation vor KollegInnen, der spontane Chat mit dem Freund und das Sportprogramm nach Feierabend absolvieren die Fitnessbegeisterten in Begleitung ihres Trackers. Dabei glänzen die ProtagonistInnen nicht nur durch körperliche Höchstleistung, sondern sie überzeugen auch in professioneller und emotionaler Hinsicht durch Bestform. Ihre Handy App SmartCoach bestätigt sichtbar «That run was the most intense all week.» Diese körperliche, geistige und soziale Bestform resümiert der Hersteller mit dem Slogan «There’s a better version of you out there – get up and find it!»1 Jawbone präsentiert in ihrem Spot ein am Körper tragbares Self-Tracking-Gerät, das zurückgelegte Schritte zählt, konsumierte Kalorien addiert, die nächtlichen Schlafphasen visualisiert und die gespeicherten Körperdaten den Kommentaren der FreundInnen aussetzt. Dabei wird das beworbene Medium zur Selbstaufzeichnung nicht nur an den Körper geknüpft, sondern auch an einen eingängigen Slogan. There’s a better version of you out there – get up and find it! ruft zur kritischen Selbstbetrachtung auf: Wirf einen prüfenden Blick auf dich und stelle das, was du dabei beobachtest, einer optimierten Form deiner selbst gegenüber. Jawbone konkretisiert die neue Version unseres Selbst, indem der Slogan versichert, dass diese andere Version nicht nur neu, sondern vor allem besser ist. Der Hersteller kreiert eine Phantasie, in der wir die bessere Version unseres Selbst verwirklichen können, wenn wir genug messen und ausreichend Willen zeigen. Das aufgerufene Begehren nach Transformation und Steigerung unterstellt den KundInnen, nicht ihr Bestes zu geben, und führt die zu erstrebende Bestform sprachlich wie ikonisch auf quantifizierte Selbstdisziplin zurück. In diesem Spot legt der Hersteller dem Publikum nahe: Du kannst deinen Wunschkörper haben, deine soziale Beliebtheit steigern und frei über deinen beruflichen Erfolg verfügen, wenn du willensstark dein Ziel verfolgst und dich dabei umfassend selbst überwachst. Zeigst du nicht Bestform, indem du zum Beispiel das annoncierte Produkt zur Hilfe nimmst, bist du selber schuld.

 

Video-Werbung des Herstellers Jawbone für ihren Activity-Tracker «UP». Quelle: Force Training: UP by Jawbone [Video auf YouTube.com]

Jawbones Activity-Tracker leitet an, das gegenwärtige Ich zu überwinden und erstrebenswerte Selbstentwürfe zu imaginieren. Das Self-Tracking kann als Versuch verstanden werden, sich durch den Blick und das Feedback von Außenstehenden zu verändern. Bei dieser auf Transformation zielenden Selbsttechnik wird die Exklusivität eines Selbstverhältnisses vermieden und stattdessen mit Hilfe des Datenloggers ein medialisierter, fremder Blick auf sich selbst geworfen. Durch diese Verlagerung der Beobachterposition vom introspektiven Selbst auf eine Technologie soll die auf den Eigenleib beschränkte Selbstwahrnehmung ebenso transzendiert werden wie die auf Introspektion basierende (Selbst-)Erkenntnis. Entgegen seines Namens, in dem das Selbst seinen eigenen Spuren nachzugehen scheint, initiiert das Self-Tracking gerade kein exklusives Selbstverhältnis: Im Austausch von Daten, Befehlen und Feedback mit digitalen Coaches, Softwareunternehmen und namenlos bleibenden Drittparteien, durch die Datenweitergabe an Krankenkassen und durch das Teilen in sozialen Netzwerken geben NutzerInnen die Exklusivität der Selbstbeobachtung auf und erklären ihre Bereitschaft, sich führen zu lassen. Die im Self-Tracking erstellten diagrammatischen, narrativen und numerischen Darstellungen verstehe ich in Anschluss an Thomas Macho als Entwürfe von «Vorbildern»,2 die z. B. in das Selbstbild integriert oder in die Handlungsfähigkeit übersetzt werden sollen. Im Self-Tracking soll zum einen eine ‹intime› Selbstwahrnehmung, im Sinne eines ‹unmittelbaren› und unmedialisierten Zugangs zu sich selbst, z. B. in der Form des körperbasierten Spürens, zu Gunsten einer Bezugnahme auf digitale und mit Mitteln der Statistik darstellbare Fremdwahrnehmung überwunden werden. Zum anderen legen die numerischen Messwerte und nutzerbezogenen Sprachbefehle ein persönliches und damit ‹intimes› Verhältnis zwischen NutzerInnen und ihren Coaches nahe. Dabei unterscheiden sich die digital angeleiteten Verhaltensweisen von den problem- und anwendungsorientierten Gebrauchsweisen, mit denen NutzerInnen die Technologien in individuelle Narrative einbinden und als intim, motivierend oder kompetenzsteigernd erfahren. Ich fasse daher das Self-Tracking weniger als Technologie als vielmehr als Selbsttechnik, d.h. als angewandte Praktik, bei der die Fitness- und Activity-Tracker verschiedene Selbst-und Fremdführungsstrategien sowie disparate (Selbst-)Wahrnehmungen ermöglichen. In den folgenden Abschnitten untersuche ich daher das Self-Tracking als Selbsttechnik, mit der NutzerInnen ihre Bereitschaft erklären, sich durch divergente Programmatiken führen zu lassen, und bei der die individuellen Gebrauchsweisen in Konkurrenz zu den programmierten Tracking-Funktionen treten. Hierfür analysiere ich Jawbones Coaching-Praxis («Der smarte Coach»), narrative Fallgeschichten zum Self-Tracking als Auseinandersetzung mit einem spezifischen Problem («Individuelles Manipulationsgeschick») sowie als Wettkampf unter FreundInnen («Der freundliche Wettkampf»), um die im Self-Tracking initiierten Subjektivierungsformen sowie deren Regierungswirkung voneinander zu unterscheiden.

Der smarte Coach

Um die Self-Tracker beim Erreichen ihrer individuellen Ziele zu unterstützen, stellen die Hersteller verschiedene Funktionen bereit, bei denen NutzerInnen nicht nur willentlich die Verlaufsgrößen ihrer Schrittanzahl, der Herzfrequenz und des Kalorienverbrauch über das Dashboard abrufen, sondern auch ohne Nachfrage via pop-up-Nachrichten mit narrativen Auswertungen und Handlungsempfehlungen konfrontiert werden. Jawbones digitaler Coach setzt sich als aufmerksamer und kommunikativer Befehlshaber durch, der im Dialog an individuelle Vorsätze erinnert. «You’ve been turning in late recently, remember your brain needs plenty of pillowtime to sort new information. Get in bed by 10:50pm tonight?»3 fragt der SmartCoach der Jawbone-App. Statt durch scharfe Ermahnungen oder befehlende Anweisungen Verhalten konkret anzuleiten, formuliert der SmartCoach seine Handlungsanweisung als Frage, bei der wir nicht nur gehorchen, sondern kommunizieren sollen. Während Canettis Befehle durch ihre «drohende Schärfe» die Befohlenen zur Umsetzung der Handlung bewegen,4 entfaltet Jawbones Erinnerung ihren Befehlscharakter, indem sie den AdressatInnen die wichtigste Antwortmöglichkeit nimmt: die Teilnahmeverweigerung. Statt unsere Antwort narrativ in einem Textfenster zu entfalten, sind wir aufgerufen, uns zwischen zwei bereits formulierten Antworten, «I’m in!» und «Not today» zu entscheiden. Entscheide ich mich für «I’m in!», erhalte ich kurz vor der gewünschten Bettgehzeit eine erneute Erinnerungsmeldung, entscheide ich mich für «Not today», entgehe ich damit der nächsten Nachricht nicht, sondern verschiebe sie auf den nächsten Tag. Jawbones Coaching-Programm ist der Befehl zur Teilnahme.

 

Video-Werbung des Herstellers Jawbone für ihren «Smart Coach». Quelle: Jawbone Support [Video auf YouTube.com]

Durch die Bemühungen der Hersteller, Akkulaufzeiten zu verlängern, Displays wasserfest zu machen und das Bergsteigen gleichermaßen wie das Sexualverhalten zu vermessen, sollen die Technologien nahtlos an den Körper und reibungslos in das Soziale eingepasst werden. Die allumfassende Überwachungs- und Auswertungspraxis, die so technologisch vorangetrieben werden soll, manifestiert sich bereits auf sprachlich-symbolischer Ebene. Die Erinnerung «Your brain needs plenty of pillowtime» vermeidet den «Schlaf-» Begriff und die Assoziation mit Ruhe und Pause. Nicht nur ist die Bettruhe durch die «pillowtime» ersetzt, sondern auch die an die Kissenzeit geknüpfte Belohnung wirbt nicht mit der Erholung des Körpers, sondern der Leistungssteigerung des Geistes und seiner rezeptiven Vermögen. Jawbones Coaching-Programm treibt die Schlaflosigkeit symbolisch wie funktional voran, indem nicht nur das Fitnessprogramm, sondern auch das Schlafen auf dem Leistungsbarometer verortet wird. Die Unumgänglichkeit der Befehlsrhythmen produzieren die von Jonathan Crary beschriebenen Effekte der digitalen Massenmedien und ihres 24/7-Takts, die Gleichförmigkeit nicht primär durch deren thematischen Inhalte produzieren, sondern durch die «allgemeineren Verhältnisse und Zwänge, in denen diese und andere Elemente konsumiert werden».5 Das sind die Rhythmen und die Dauerhaftigkeit, mit der der SmartCoach unsere Aufmerksamkeit durch Unterbrechungen und Auswahlentscheidungen strukturiert. Für Crary beinhaltet die «Unzeit des 24-Stunden-Takts», mit der zum Beispiel die Dienstleistungen der Online-Anbieter permanent zur Verfügung stehen, die Aufforderung sich anhaltend mit den digitalen Produkten und Bedürfnissen zu «identifizieren».6 Hierzu vergleichbar soll auch der Activity-Tracker seine NutzerInnen Tag und Nacht sowie zu jedem privaten und sozialen Anlass begleiten und er macht darüber hinaus seine narrativen wie numerischen Auswertungen jederzeit auch digital zugänglich. Die grundlegenden gegenwärtigen Veränderungen sieht Crary aber nicht in den medientechnologischen Neuerungen, sondern in der Schwierigkeit die permanent zugänglichen (bildlichen) Informationen nachhaltig zu interpretieren. «Die wichtigsten aktuellen Veränderungen betreffen nicht neue technische Visualisierungsformen», betont Crary «sondern den Zerfall menschlicher Sehfähigkeit, insbesondere der Fähigkeit, visuelle Unterscheidungen mit sozialen und ethischen Bewertungen zu verbinden».7 Im Fall des digitalen Coach könnte das z. B. bedeuten, die Motive des Steigerungsbefehls zu befragen und die Singularität der eigenen Situation zu bestimmten – «inwiefern und wofür erachte ich das schnellere Gehen als sinnvoll»? Eine solche Technik, bei der die medialisierte Selbstwahrnehmung der Prüfung von imaginierten ebenso wie von erlernten Vorbilder dient, ist für Thomas Macho nicht nur Einsamkeits-, sondern Kulturtechnik. In diesen «Verdopplungstechniken» muss der «innere Dialog» kultiviert werden, während gleichzeitig die «fremden Stimmen und Bilder» diszipliniert werden müssen.8 Statt ein solches prüfendes Zwiegespräch, den prüfenden Blick sowie die Kontrolle der Vorbilder zu fördern, treibt der SmartCoach unermüdlich die individuelle Leistungsbereitschaft voran. Vor dem Hintergrund der historischen Einsamkeits- beziehungsweise Kulturtechniken, bei der durch die Kontrolle der fremden Stimmen die ‹(Zu-)Gehörigkeit› zu sich selbst herbeigeführt werden soll, wird der SmartCoach als Befehlshaber erkennbar, der seine Herrschaft über die NutzerInnen via der programmierten Rhythmen und Befehle zur ‹Schlaflosigkeit› durchsetzt.

Die durch Hersteller vorangetriebene Rhetorik des empowerment, bei der das Gegenwärtige überwunden und das Gewünschte erreicht werden kann, wird durch die Statistiken zum Nutzerverhalten rasch entlarvt. Bitkom bestätigt mit einer Studie zur Nutzung von Fitnesstrackern, dass im Januar 2016 immerhin 30% der Deutschen Technologien und Applikationen zur Fitnessdokumentation nutzen,9 wobei die Untersuchung von Endeavour Partners die Kurzweiligkeit des Gebrauchs entgegenhält. So besaß 2013 zwar schon jeder zehnte Amerikaner einen Activity-Tracker, doch was das Unternehmen das «dirty secret»10 der Fitnessbänder nennt, ist die Geschwindigkeit, mit der die Datenlogger wieder beiseitegelegt werden. Ein Drittel der VerbraucherInnen tat das schon innerhalb der ersten drei Monate.11 Dass hier nicht den Herstellern, sondern den Geräten ein «dreckiges Geheimnis» untergeschoben wird, betont die Hoffnung der Unternehmen und NutzerInnen gleichermaßen, die Geräte zum agierenden Subjekt, das heißt zum Marktführer genauso wie zum Personal Coach zu machen. Hierbei hat der SmartCoach als standardisierter Algorithmus die schwierige Aufgabe, die Mannigfaltigkeit an KundInnenpersönlichkeiten an ihre individuellen Ziele zu führen. Er muss universal und individualisiert zugleich sein. «Step Higher» gibt der SmartCoach per pop-up-Nachricht seinen NutzerInnen zum Auftrag und bemerkt: «You haven’t been your active self lately. Your 7 day average of 4,456 steps is less than usual. Start fresh and take an extra walk around the block today»?12 Um uns zu unserem wahren, dem aktiven Ich zurückzuführen, schiebt uns der SmartCoach kurzfristig eine veränderte Persönlichkeit unter. Durch die Unterstellung, dass wir nicht wir selbst seien, wird das Aktivitätsniveau auf die Anzahl der Schritte beschränkt und die Besonderheit der situativen Logik übergangen. Sein aktives Selbst verkörpert nicht, wer den beruflichen Pflichten oder dem sozialen Vergnügen nachkommt, sondern wer die Schreibtischarbeit, den Cafébesuch oder die Taxifahrt für einen «walk around the block» unterbricht. Der Laufbefehl ignoriert die spezifischen Lebensumstände und richtet das Leitbild des Tuns am persönlichen und quantitativen Maximum aus. Durch die Zuweisung einer mathematischen Durchschnittsgröße kann der SmartCoach individualisiert beratschlagen, grenzt dabei jedoch Pausen, Unregelmäßigkeiten, Ausnahmen und Rückschritte aus dem Feld des Bedeutungsvollen aus. Statt unseren Stillstand zu kontextualisieren, die Bewegungslosigkeit zu begründen und damit den Laufbefehl zu befragen, werden wir aufgefordert, das ‹Nicht-Vorhandene› aktiv zu imaginieren und den Versprechungen einer «Scheinäquivalenz zwischen dem unmittelbar Verfügbaren, dem Zügänglichen oder Verwendbaren und dem Bestehenden»13 Glauben zu schenken. Zu Gunsten affirmativen Zusprechens, das das ‹Nicht-Vorhandene› als ‹Noch-zu-Werdendes› in Aussicht stellt, lässt er die Kontexte und situativen Bedürfnisse außer Acht. Diese Form des «Selbstmanagements» charakterisiert Ulrich Bröckling als eine Strategie, die in wesentlichen Teilen auf der Überzeugung beruht, dass wir das erreichen können, was wir wollen. «Der logische Kurzschluss – die Perspektivität allen Denkens soll die Allmacht der Gedanken begründen – erweist sich in praktischer Hinsicht als wirksame (Auto-) Suggestion. Man muss nur die richtige ‹Brille› aufsetzen, und schon wachsen die Kräfte.»14 Indem Jawbones SmartCoach zur bedingungslosen Bewegung aufruft, befreit er seine NutzerInnen von den Herausforderungen kontextualisierter Selbstführung und entlastet damit auch von «Wahrheits- und Sinnfragen»,15 die in den von Foucault analysierten historischen Selbsttechniken stets mit aufgeworfen wurden.

Als Praktik medienbasierter Selbstdokumentation kann die Self-Tracking-Praxis den von Foucault analysierten antiken Selbsttechniken gegenüber gestellt werden.16 Vergleichbar zum Activity-Tracking findet hier die Subjektivierung durch den Rückgriff auf individuelle Lehrer und Führer statt, z. B. berät Seneca seinen Freund Lucilius, und Marc Aurel schreibt an seinen Lehrer und Freund Marcus Aurelius Fronto. Doch entgegen dem SmartCoach, der die Widerspruchsmöglichkeiten zur Coaching-Teilnahme minimiert, hebt Foucault die Bedeutung einer intensiven Medienpraxis (Schreiben, Sprechen) hervor, durch die die Subjekte die gehörten und gelesenen Ratschläge den eigenen Wahrheits- und Sinnfragen aussetzten:

Das Schreiben hat die Aufgabe aus dem Gelesenen einen «corpus» zu machen. Und darunter ist kein Korpus von Lehren zu verstehen, sondern – gemäß der so oft verwendeten Verdauungsmetapher – nichts anderes als der Körper dessen, der sich die Lesefrüchte durch Transkribieren aneignet und sich ihre Wahrheit zu eigen macht. Das Schreiben verwandelt das Gesehene und Gehörte in «Kräfte und Blut».17

Gemäß der Nahrungsaufnahme kann die Verinnerlichung und Verkörperung fremder Wahrheiten nur nach einem Selektionsprozess stattfinden, der die Nahrung in Brauchbares und Unbrauchbares zerlegt. In diesem antiken Beispiel gelingt, was die zeitgenössischen Datenlogger intendieren: durch nicht-körperliche Eingriffe, das heißt durch die diagrammatische, narrative oder numerische Darstellung, versuchen die digitalen Befehle in den Körper und seine Praktiken einzugreifen.18 Eine solche auf Inkorporation zielende Selektionsarbeit, betont Foucault, wird nur durch eine intensive Medienpraxis vorangetrieben. «Das Schreiben als eigene für sich selbst unternommene Übung ist eine Kunst der disparaten Wahrheit oder genauer eine reflektierte Form, die überlieferte Autorität des bereits Gesagtem mit dem singulären Charakter der darin behaupteten Wahrheit und den besonderen Umständen zu verknüpfen, die deren Verwendung bestimmen.»19 Anders als der Datenlogger, der umfassend und unbefristet Daten sammelt, ist die von Foucault in Bezug auf Seneca umschriebene Selbstpraxis keine auf Quantität angelegte Selbstdokumentation. Vielmehr hat das Schreiben die Funktion einer bewertenden Praxis, um die Autorität der Vorbilder zu prüfen und die Singularität der Wahrheit zu bestimmen. Die auf die Lektüre folgende Schreibarbeit selektiert die «Lesefrucht» und bestimmt die Umstände, unter denen das Vorgegebene in «Kräfte und Blut» übergehen darf. Während der SmartCoach anleitet, die Gegenwart zu überwinden und das Nicht-Vorhandene zu imaginieren, bezweckt etwa Marc Aurels mediale Praxis einen Realitätsabgleich, bei dem das Nicht-Vorhandene sichtbar gemacht und progressiv aus der Selbstbeschreibung entfernt wird. «Von etwa fünf bis neun Uhr heute Morgen habe ich teils in Catos ‹De agricultura› gelesen, teils habe ich geschrieben, doch beim Himmel nicht solchen Unsinn wie gestern», resümiert er in seinem Brief an Fronto und benennt nach evaluierender Selbstbeobachtung nicht seine auf die Zukunft gerichteten Vorsätze, sondern das in der Vergangenheit Realisierte. «Nach sechs kamen wir nach Hause. Ich habe nur wenig gearbeitet, und das recht ziellos».20 Aurel ruft durch die Lektüre seiner Notizen und durch das Schreiben über sich selbst einen Abgleich zwischen Gewünschtem und Vorhandenen hervor und evoziert damit die Konfrontation mit sich selbst. Wo in der Self-Tracking-Praxis Körpersensoren Bewegungsmuster erfassen und Algorithmen die Leistung narrativ resümieren, schreibt und evaluiert Aurel selbst, um «Scheinäquivalenzen zwischen dem unmittelbar Verfügbaren, dem Zugänglichen oder Verwendbaren und dem Bestehenden»21 zu vermeiden und die Konfrontation mit sich selbst zu erzwingen. Zu Gunsten eines affirmativen Zusprechens, das das Begehrte in Aussicht stellt, vermeidet der SmartCoach den konfrontierenden und ernüchternden Blick auf die eigene Leistung und die statistischen Vorbilder der Technologien. Auch in der stoische Gedankenprüfung, der praemeditatio malorum, die Foucault für die Darstellung der antiken Techniken des Selbst aufgreift, wird die Selbsttechnik durch den beratschlagenden Freund angeleitet, der jedoch entgegen dem SmartCoach nicht die Vorstellung des Begehrten, sondern die Auseinandersetzung mit dem ‹Verunsichernden› instruiert. So etwa rät Seneca seinem Freund Lucilius sich «systematisch das Schlimmste vorzustellen», um «alle Vorstellungen auf ihren strikten Wirklichkeitsgehalt zu reduzieren»,22 und hält damit den affirmativen Motiven des digitalen Coaching die Effekte kritikfreudiger Taktiken entgegen, die ihre subjektivierende Kraft entfalten, indem das Subjekt die vorübergehende Ungewissheit seiner Selbst als Prüfung wie als Konstitution der eigenen Fähigkeiten zulässt.

Individuelles Manipulationsgeschick

Erfahrungsbasierte Selbstauskünfte machen deutlich, dass NutzerInnen im praktizierten Self-Tracking die Rhetoriken und Ziele der Hersteller sowie deren digitalen Coaches unterlaufen, um die Technologien gemäß dem individuellen Manipulationsgeschick in unterschiedliche Selbstverhältnisse einzubinden. Mit dem Fokus auf das individuelle Geschick im Umgang mit den Self-Tracking-Anwendungen wird deutlich, dass die Technologien keine spezifischen Selbsttechniken und gouvernementalen Beziehungen forcieren, sondern verschiedene Selbst- und Fremdbezüge ermöglichen. Ilyse Magy, die mit Hilfe der Kindora-App ihren Menstruationszyklus dokumentiert, präsentiert ihre Messpraxis vor den Mitgliedern der Quantified-Self-Bewegung und hält rückblickend fest: «What started for me as a way of birth control, has really turned into a way of life.»23 Ihre Wertschätzung der Self-Tracking-Praxis richtet sich nicht auf eine spezifische Technologie, sondern entspringt der Einsicht, dass die quantifizierende Vermessung des Körpers die Eigenwahrnehmung transzendieren kann. «Fertility awareness method means tracking symptoms to know precisely when those [fertile] days are happening, using data, not assumptions».24 In kartesianischer Tradition wird die subjektive Wahrnehmung zur vagen Annahme, während das numerische Körperbild mit Akkuratesse und Erfolg assoziiert ist. In ihrem Aufruf zur Selbsterkenntnis «know thy cycle, know thyself» referiert sie auf das epistemische Motto der Quantified-Self-Bewegung – Self-Knowledge Through Numbers – und verdeutlicht durch ihren emotionalen Erfahrungsbericht dennoch, dass der Zahlenwert mehr bezeichnet als seine numerische Größe. Das Self-Tracking ist für Ilyse ein Regierungsinstrument, das sie dazu nutzt, sich aus der Herrschaft ihrer Hormone zu befreien wie die Puppe aus den Seilen eines Puppenspielers: «I felt that hormones were [a puppeteer] for me for a while, but now, through charting, I am the puppeteer.» Durch die Messpraxis reguliert sie ihr körperliches Wohlempfinden und Sexualverhalten gleichermaßen, und reflektiert in der Auseinandersetzung mit ihren Daten die ärztliche Betreuung. «I was pretty amazed about what I was learning but also kind of mad that no one had told me this stuff before.» Der isolierte Zahlenwert wird zum Ausgangspunkt für eine lebensgestaltende Messpraxis, in der sich Körperempfinden, Emotionalität und Handlungsfähigkeit harmonisch aufeinander bezögen. Der vom Leib gelöste und in seine informationellen Fragmente – Körpertemperatur, Zyklustag usw. – zerlegte Körper wird im emotionalen Erleben resubjektiviert und zurück an das als individuell respektive intim erlebte Selbst geknüpft. Ilyse praktiziert das Self-Tracking als Selbsttechnik, die die Führungsqualitäten der digitalen Coaches und Gesundheitsexperten ergänzt und durch individuelles Manipulationsgeschick die epistemische Einsicht des Trackers in eine selbstbestimmte Lebensweise einbettet.

In der Self-Tracking-Praxis als medizinisches Selbstverhältnis ist der Datenlogger kein Penetrationsinstrument des eigenen Leibes, sondern scheint das Objekt seiner Einwirkung erst hervorbringen zu müssen. Um ihrer Diabetes-Erkrankung entgegen zu wirken, trägt Jana Beck am Oberarm ein Blutzuckermessgerät, das über eine in den Körper eingestochene Nadel kontinuierlich Daten erhebt, die sie sich auf ihrem iPhone per App visualisieren lässt. «When I first got the Dexcom [Continous Monitor] my first reaction was that it was really overwhelming to have all this data compared to probably 6 or 10 fingersticks a day before, and I didn’t like what I saw.» Ihr Ärger über die Schwankungen im Blutdruck geht nicht vom Körper, sondern von ihrem Datenlogger aus. «The alerts that [the device] was sending me were really useful, but I wanted to find a way that the device was something that was, sort of, not upsetting me on a constant basis. So I had to find a way to make the data be something that I didn’t hate looking at.»25 Der Datenlogger macht sichtbar, was dem Eigenleib verborgen bleibt; Jana modelliert nicht ihren Körper, sondern dessen Daten. Durch die Anpassung ihrer Essgewohnheiten an den Datenverlauf ihrer mobilen App ersetzt Jana in der Self-Tracking-Praxis ihren Körper durch sein diagrammatisches Abbild als Medium und Objekt von Einwirkung.

In einem persönlichen Gespräch beschreibt Kendra Welsh, wie sie das Self-Tracking als Motivation «allgemein aktiver» zu werden praktiziert, und verortet damit ihre Selbsttechnik vor dem Sinnhorizont gesundheitspräventiven Strebens. «I don’t really have health problems, but I know there’s a serious potential for that to happen. I don’t have all those things that I am supposed to have being overweight, […] so at this point in my life, it has become preventative health measure.»26 Kendra greift hier auf eine Rhetorik zurück, die auch Krankenkassen gebrauchen, welche durch die Bezuschussung von Sportkursen und Self-Tracking-Technologien gleichermaßen ihre KundInnen zu mehr Bewegung und mehr Gesundheit bewegen möchten. Durch den Wunsch zur Erhaltung und Steigerung von Gesundheit sollen die NutzerInnen in einen Modus der «Selbstsorge» als «andauernde gesundheitliche Fürsorge» eintreten, in dem es nicht darum geht, sein wahres Selbst zu erkennen, sondern «sein eigener Arzt zu werden».27 Bei der Nutzung der bezuschussten Technologie beschreibt Kendra sich allerdings unambitioniert. «I am obviously not using it to my full advantage. You can enter your pounds which I haven’t done. This [band], it also tracks your sleep, but I also didn’t do that, so I am not really sure how it told me how I went to sleep. […] It’s useless information for me.» Indem Kendra die Messfunktionen und Handlungsanweisungen ihres Fitbit vernachlässigt, entleert sie die Daten normativ und nutzt den Tracker als Strategie, um ihre FreundInnen zu ihren persönlichen Coaches zu machen. «The main thing why that interests me is because I can put my friends on here so it becomes a kind of contest.» 28

Der freundliche Wettkampf

Was Kendra als «Phone Community» beschreibt, offenbart sich in Hinblick auf Fitbits Challenge-Funktionen «Daily Showdown» und «Weekend Warrior» als Wettkampfgemeinschaft. Via den Social-Challenge-Features von Fitbit, Nike oder Jawbone können FreundInnen in eine Wettkampfgemeinschaft eintreten, um fortan die eigene Leistung nicht im Wettkampf mit sich selbst, sondern mit anderen zu erbringen. Das exklusive Selbstverhältnis wird hier vermieden, indem der Wunsch, sich selbst zu überbieten, durch den Vergleich mit dem Freund oder der Freundin ersetzt wird. «Trouble staying motivated?»29 fragt uns die körperlose Stimme in der Werbung für die Nike+App, «hey, we’ve all been there» versichert sie, und verrät uns: «Here’s a little secret. Nothing gets your juice flowing better than a little friendly competition, which makes the Nike+ an all day every day juice machine.» Die Gemeinschaft aus FreundInnen ist hier umfunktioniert zu einer Gemeinschaft aus Konkurrierenden, die den Körper zum Laufen und seinen Saft zum Zirkulieren bringt. «I’m only 2,000 steps behind Julia, I have to keep going so I can beat her before I go to bed»30 zitiert Matt Johnston seine Frau, die vor dem Schlafengehen den Flur ihres Apartments auf- und abläuft. In ihrer Äußerung verkürzt sie die Bettruhe für den anhaltenden Wettkampf und offenbart in ihrem Ausspruch, Julia «schlagen» zu wollen, den kämpferisch-gewaltsamen Blick, den sie auf ihre Freundin werfen muss, um ihr gesetztes Ziel zu erreichen. Der Wunsch und das Begehren sind hier nicht mehr an den fitten und gesunden Körper geknüpft, sondern an den gewaltvollen Akt, das «Schlagen» der Freundin. Die sprachlich vorangetriebene Gewalttätigkeit der Wettkampffunktionen wird durch die werbestrategischen Semantiken des Siegens unterstützt, in denen «Gewinnen» nicht mehr heißt das körperliche Ziel zu erreichen, sondern die Legitimation zu erhalten, andere verspotten zu dürfen:

Here’s how [Nike+] works: You and your friends create or join a challenge. Run the most miles or get to the goal first, and you win! And what do you win? Bragging rights. Virtual trophies, the reluctant admiration of the defeat. Sounds good? It gets better. The leader board constantly updates so you’ll always know how far ahead or behind you are. There’s even a way to talk trash on the way to the winner circle.31

Statt mit körperlichem Wohlempfinden oder ästhetischen Motiven zu werben, belohnt die App durch «Prahlrechte» als «virtuelle Trophäen», die auffordern, die Schwäche des anderen als Genuss zu erleben. «The reluctant admiration of the defeat» begründet Lustempfinden am Widerwillen des Gegenübers und erinnert in der Verknüpfung von Lust und Demütigung an die de Sade'schen Praktiken. Roland Barthes charakterisiert sie als «Ökonomie der Leidenschaften», bei der die Intensität des Lustempfindens mit der größeren Demütigung des Opfers einhergeht.32 Statt digitaler Trophäen dient hier das Geld als Regulator von Lust und Verbrechen, insofern «haben vor allem bedeutet, diejenigen betrachten zu können, die nicht haben».33 Die Social-Challenge-Features begründen den Lustgewinn mit dem Nicht-Haben des Gegenübers und dem Eintritt in den exklusiven «Gewinnerkreis», während der Blick auf Kendras Self-Tracking-Praxis die Wettkampfsituation in ihrer sozialitätsstiftenden und produktivmachenden Wirkung verdeutlicht. «For a little while I wasn’t really looking at [the tracker], and at this time I was doing a lot less […] But you can do challenges and that is really helpful, it’s actually like my friends are my personal coaches. You can cheer and taunt each other.» Während weder das Konkurrenzverhältnis zu sich selbst, noch die erinnernden Ermahnungen ihres digitalen Coaches Kendra zu mehr Aktivität bewegen konnten, gelingt durch die Wettkampfsituation unter FreundInnen, dass Kendra sich via ihres Fitbit innerhalb eines gesundheitspräventiven Diskurses zu mehr Bewegung anleiten lässt.

Bei der Auswertung von Gesundheits- und Versorgungs-Apps haben MitarbeiterInnen vom Studienzentrum des Universitätsklinikums Freiburg in Kooperation mit dem Institut für Medizinische Biometrie und Informatik das Verhältnis zwischen KlientInnen und ihren digitalen Coaches als Subjektivierungsverhältnis beschrieben, das durch starke Sichtbarkeitsasymmetrien gekennzeichnet ist. Die getesteten Apps machen ihre NutzerInnen umfassend sichtbar, indem sie z. B. Tagebuchfunktionen als Möglichkeit zur Selbstdokumentation (59%) zur Verfügung stellen, und Strategien zur Datenweitergabe an ÄrztInnen oder zum Veröffentlichen in den sozialen Medien (34%) unterstützen. Diesen Funktionen, das Verhalten und die Körper der NutzerInnen zu dokumentieren, stehen die Strategien der Apps gegenüber, mit denen sich die digitalen Führer und ihre statistischen Vorbilder unsichtbar machen. In nur knapp 17% der Fälle finden sich Angaben zur Identität und Qualifikation der AutorInnen, wirtschaftliche Motive werden in 3,5% der Fälle preisgegeben und Angaben zum Datenschutz finden sich lediglich in 13% der Fälle.34 Die Studie veranschaulicht die Nutzung von Gesundheits- und Versorgungs-Apps als Praxis, bei der das Selbst seine informationellen Fährten legt, während seine FührerInnen und deren Expertise verborgen bleiben. Die im Self-Tracking stark ausgeprägte Assymetrie zwischen Sehen und Gesehen-Werden erinnert an die panoptischen Sichtverhältnisse des Foucault'schen Disziplinarregimes, das sich durchsetzt, «indem es sich unsichtbar macht und dabei den Unterworfenen ihre Sichtbarkeit aufzwingt.»35 Foucault sieht die Subjektivierungspraxis des Disziplinarregimes durch die Gelehrig- und Produktivmachung ihrer Körper gekennzeichnet, wohingegen die Statistiken zur kurzen Nutzungsdauer und mangelnden verhaltensändernden Effekten36 darauf verweisen, dass die Datenlogger ihre Körper nicht richtig ‹zu fassen› bekommen. Weil die Inhaftierten im Panoptismus sich ständig überwacht glauben, obwohl die Überwachungspraxis nur gelegentlich durchgeführt wird, spricht Foucault auch vom «Gewissheitshaus».37 Hier resultiert die Internalisierung der befehlenden Stimme aus dem Verhältnis von Überwachungspraxis und Überwachungsgewissheit, bei der die Überzeugung der Unterworfenen überwacht und potenziell bestraft zu werden, die Anpassung der Körper an den fremden Führungswillen zur Folge hat. Die Prüfung in der Schule und im Militär, das Abstufen in Ränge und Klassen, die überwachten Schreibübungen und das prüfende Exerzieren führen dazu, dass die Subjekte mit ihrem bisherigen Verhalten und ihren Körpertechniken ‹brechen› können. Auch mit Canettis Befehlstheorie stellt sich die Frage nach dem Erfolg bei der Internalisierung und Umsetzung befohlener Verhaltensänderung als die Frage nach der angemessenen Sichtbarkeit von Autorität. Denn diese darf im Gegensatz zu den Führern des Self-Tracking aber nicht unsichtbar bleiben, sondern ergibt sich im Gegenteil erst mit der Anerkennung des befehlenden Machthabers durch die Subjekte. Statt die NutzerInnen «in Schrecken»38 zu versetzen, setzt der SmartCoach auf die Affirmation des Geleisteten und stellt nicht die Strafe, sondern das Begehrte in Aussicht. Wenn die Datenlogger die Modifikation von Körpertechniken intendieren, so ist mit Foucault und Canetti zu fragen: Handelt es sich beim Self-Tracking um zu viel «Überwachung» und zu wenig «drohende Strafe»? Statt durch «prüfendes Exerzieren» oder die «konfrontierende Gedankenübung» den Körper und sein Verhalten «gelehrig» zu machen, verlagert sich im Self-Tracking das strafende Prinzip von der Gegenwart in die Zukunft, wo Privatunternehmen und Krankenkassen die Körperdaten durch unternehmerische Narrative zum Sprechen bringen. Auf dem zunehmend wettbewerbsorientierten Gesundheitsmarkt, wo Versicherungsanbieter durch Bonusprogramme und Gesundheitskonten den Besuch im Fitnessstudio und die Anschaffung von Fitnessbändern als «individuellen Einsatz belohnen»39 und damit abweichendes Verhalten der übrigen VersicherungsnehmerInnen bestrafen, findet die Interpretation von Körpern und Verhaltensdaten als ‹strafendes› Ausleseverfahren statt, das über den Anspruch und die Exklusion von Sozial- und Fürsorgeleistungen entscheidet.

Die Lotterie des Bedauerns

Durch welche Art von Anreiz MitarbeiterInnen desselben Unternehmens zur Abgabe ihrer Körperdaten bereit sind, haben US-Amerikanische VerhaltensforscherInnen in einer Studie untersucht. Um die MitarbeiterInnen zur Teilnahme an einem Einstufungstest zum gesundheitlichen Risiko zu bewegen, bot ein Arbeitgeber in einem ersten Versuch eine finanzielle Prämie in Höhe von 25$ und bewegte damit 40% seiner MitarbeiterInnen zur Teilnahme am Gesundheitstest. Bei der Verdoppelung der finanziellen Belohnung auf 50$ stieg die Teilnehmerrate um vier zusätzliche Prozentpunkte. Durch die Durchführung einer Lotterie nach folgender Spielanordnung konnte die TeilnehmerInnenrate auf 64% gesteigert werden: Nach wie vor durfte jeder und jede selbst entscheiden, ob er oder sie einen Gesundheitstest durchführen möchte. Zusätzlich wurden die MitarbeiterInnen jedoch in Gruppen von vier bis acht Personen eingeteilt, sodass bei der wöchentlichen Ziehung nur diejenigen eine Prämie in Höhe von 100$ erhielten, die Mitglied der gelosten Gruppe waren und die zusätzlich den entsprechenden Test durchgeführt hatten. Das Preisgeld erhöhte sich um weitere 25$, wenn 80% der Mitglieder aus der Gewinnergruppe am Test teilgenommen hatten.40 Weniger als die Ergebnisse der Studie ist in diesem Zusammenhang die Selbstverständlichkeit hervorzuheben, mit der die WissenschaftlerInnen auf die Potenziale der Verhaltensökonomie verweisen, ohne die emotionalen und sozialen Strategien dieser Spieltechniken zu befragen, die im Wesentlichen mit Schuld und Exklusionsängsten operieren. Die auch als «Lotterie des Bedauerns» bekannte Spielanordnung orientiert sich an dem Modell der «Dutch Postal Lottery», die auf eine Höchstzahl an Teilnehmenden abzielt. Bereits durch die Spielanordnung soll deshalb ein Bedauern über eine mögliche Nichtteilnahme antizipiert werden. «The crucial aspect of this lottery […] is that it provides non-players with feedback about what they would have won, had they played the lottery. Namely, when one does not play and one’s postcode is drawn, one knows that one would have won, had one played the lottery.»41 Das Spiel kreiert ein System, in dem zwar auf den finanziellen Gewinn verzichtet werden kann, nicht aber auf die emotionale Involviertheit. Entgegen der geschaffenen finanziellen Anreize in der Postleitzahlenlotterie wird in der Gesundheitslotterie mit mehr als dem Bedauern um eine ausbleibende Prämie gespielt. In der Versuchsanordnung, in der die MitspielerInnen nicht KäuferInnen eines anonymisierten Spielscheins, sondern KollegInnen, FreundInnen sowie Vorgesetzte und Angestellte sind, werden für das Hinterlassen der intimen Daten die individuellen Bemühungen und sozialen Ängste um die kollegiale Inklusion und den professionellen Erfolg instrumentalisiert. Das Spiel dementiert den Unterschied zwischen einer Lotterie, bei der die Spielteilnahme durch den Kauf eines anonymen Zahlenzettels erworben wird, und einer solchen, bei der das Subjekt durch das Hinterlassen der eigenen Körperdaten markiert wird. Während der erworbene Spielschein den/die Spieler/in nur kurzfristig bezeichnet, kennzeichnen die eigenen Körperdaten das Subjekt langfristig. In der Geldlotterie, in der mit dem Ziehen der Lottozahlen die Teilnahme am Spiel beendet ist und die Spielteilnahme durch den Kauf eines neuen Spielscheins mit gleich bleibender Gewinnchance erneuert werden kann, ist die Teilnahme an der Gesundheitslotterie genauso einmalig wie unbefristet: In der Gesundheitslotterie wie auf dem Gesundheitsmarkt nehme ich immer mit dem gleichen und ausschließlich mit dem eigenen Körper teil.

Die Lotterie des Bedauerns veranschaulicht, dass die Self-Tracking-Praktiken und die darum entstehenden Narrative verschiedene Körper, Subjekte und Selbstbilder voraussetzten und produzieren. Im Sinne einer Lotterie des Bedauerns suggerieren die rabattorientierten Angebote der App-Hersteller und Krankenkassen ein einmaliges Tauschgeschäft, welches mit der bezahlten Rechnung des Hardwareprodukts, dem Einsenden des Bonushefts oder der Auszahlung einer Prämie beendet sei. Gleichzeitig behaupten die mathematischen Bonusprogramme, dass Gesundheit kalkulierbar sei und damit der Körper gemäß technophiler Stimmen des Enhancement kein Schicksal ist, sondern das Produkt individueller Pflege, Verantwortung und Willensstärke. Die quantitativ-individualisierten Messfunktionen und narrativen Feedbacks bewerben die Self-Tracking-Technologien als singuläre 42 und intime Begleiter wie als aufmerksame und akkurate Beobachter, die unermüdlich und jederzeit zum evaluierenden Ratschlag zur Verfügung stehen. Diesem scheinbar ‹intimen› Verhältnis als singuläre Bezüglichkeit zwischen NutzerInnen und ihren technologischen Begleitern, stehen die Praktiken der algorithmischen Informationsauswertung und wirtschaftsorientierten Datendistribution gegenüber, die das Subjekt erst zu greifen bekommen, indem sie den Datenkörper vom singulären Leib lösen. Diese technikbasierte Loslösung des Leibs vom Subjekt ermöglicht die Forderung nach Zuständigkeit für den eigenen Körper, durch den der eigene, und z. B. als intim erfahrene Leib, erst noch zum Produkt und Besitz individueller Verantwortung gemacht werden muss. Der technischen wie «versicherungsmathematische» Behauptung, dass Körper genauso modellierbar wie Gesundheit kalkulierbar sei, stehen die auf Exklusion zielenden gesundheitspolitischen Praktiken gegenüber, die nicht die Streitbarkeit der Verantwortung für den eigenen Körper und seine Gesundheit offenlegen, sondern sie verorten die Ursprünge des gesundheitlichen Zustandes im Subjekt und seiner Lebensführung.43 Die Lotterie des Bedauerns fasst zusammen, dass im Self-Tracking die Motivationen zur Spielteilnahme stark abweichen und die divergenten strategischen Kalküle auf verschiedenen Ebenen operieren. Während die Verhaltensforscher der Gesundheitslotterie das Bedauern auf die Geldprämie zu lenken versuchen, kaschieren sie die eigentliche Drohung: den potenziellen Ausschluss aus der Gemeinschaft von solidarischen KollegInnen und Versicherten. Was die Lotterie erlaubt, ist die Möglichkeiten zur Nicht-Teilnahme zu reduzieren, die auch der SmartCoach durch unermüdliche Affirmation aufrecht zu erhalten versucht. Sein Befehl zur Teilnahme orientiert sich an privatwirtschaftlichen Kalkülen, die die Self-Tracking-Technologie zum Datensammler machen und seinen Herstellern zu ökonomischer Teilhabe verhelfen sollen. In Hinblick auf die narrativen Fallgeschichten wird die Self-Tracking-Praxis als Subjektivierungstechnik deutlich, die trotz der unternehmerischen Kalküle die individuellen Lebensnarrative unterstützt und das Potenzial hat, die in die Technologien eingeschriebenen (gesundheitsorientierten, ökonomischen) Narrative zu verfremden und zu unterlaufen: Mit dem im Self-Tracking praktizierten «freundlichen Wettkampf» lässt sich Kendra zu mehr Bewegung motivieren, Ilyse schafft sich mit dem Self-Tracking eine Entscheidungsgrundlage für den kinderlosen Sex, und Jana hat im Self-Tracking ein Instrument gefunden, um wieder sorgenfrei mit ihren Freundinnen essen zu gehen. Dem Manipulationsgeschick der NutzerInnen folgend, wird die Self-Tracking-Praxis zum Befähigungsinstrument, um die mangelnde Expertise ihrer ÄrztInnen und die Grenzen des phänomenologischen Leibes nicht zum Herrscher über das Selbst werden zu lassen. Wo sich im Self-Tracking als praktizierte Selbsttechnik Selbst-und Fremdführungsstrategien vermengen, wird in Hinblick auf die Regierungswirkungen und deren Zeitlichkeit deutlich, dass sie die Subjekte unterschiedlich gut ‹zu fassen› bekommen: Während der Körper an Hand seines numerischen Abdrucks biopolitisch greifbar gemacht wird, verweisen die Statistiken zur kurzen Nutzungsdauer, Fallgeschichten zum individuellen Manipulationsgeschick und die standardisierten Befehlstechniken der Coaches darauf, dass der singuläre Körper nicht richtig greifbar wird. Die Self-Tracking-Praxis als erklärte Bereitschaft, sich durch standardisierte Coaches, diagrammatische Selbstbilder und wettbewerbsorientierte Datenweitergabe führen zu lassen, ist Initiator verschiedener Selbsttechniken, in denen sich Selbst- und Fremdführungspraktiken vermengen, während die Regierungswirkungen der Bereitschaft, sich führen zu lassen, nicht synchronisiert, sondern zeitlich verschoben sind. Als zusprechender Motivator, numerischer Spiegel oder soziales Vergleichsmoment ist die subjektivierende Wirkung der Tracker den NutzerInnen unmittelbar zugänglich, wohingegen sich die biopolitischen Regierungspotenziale langfristig entfalten.

  • 1. Force Training: UP by Jawbone, Video auf YouTube.com, dort datiert 26.5.2015, www.youtube.com/watch?v=lwLP_qK_tGE, gesehen am 15.8.2016.
  • 2. Vgl. Thomas Macho: Vorbilder, München 2011.
  • 3. Jawbone Support: A Year With Smart Coach, Video auf YouTube.com, dort datiert 31.3.2016, www.youtube.com/watch?v=TRaGY-grgvc, gesehen am 15.8.2016.
  • 4. Elias Canetti: Der Befehl, in: ders.: Masse und Macht, Frankfurt/M. 2003, 357–393, 357/358.
  • 5. Jonathan Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus, Berlin 2014, 48.
  • 6. Ebd., 32.
  • 7. Ebd., 34.
  • 8. Vgl. Thomas Macho: Mit sich allein. Einsamkeit als Kulturtechnik, in: Aleida und Jan Assmann: Einsamkeit. Archäologie der literarischen Kommunikation VI, München 2000, 27–44, 27f.
  • 9. Heiko Maas und Bernhard Rohleder: Fitness Tracker und Datenschutz, online unter www.bitkom.org/Presse/Anhaenge-an-PIs/2016/Bitkom-Charts-PK-Safer-Internet-Day-E-Tracker-und-Datenschutz-09-02-2016-final.pdf, dort datiert 9.2.2016, gesehen am 15.8.2016.
  • 10. Endeavour Partners: Inside Wearables. How the Science of Human Behavior Change offers the secret to long term engagement, online unter endeavourpartners.net/assets/Endeavour-Partners-Wearables-White-Paper-20141.pdf, dort datiert Januar 2016, gesehen am 15.8.2016, 4.
  • 11. Ebd.
  • 12. Jawbone Support: A Year With Smart Coach.
  • 13. Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus, 23.
  • 14. Ulrich Bröckling: Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement, in: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementatlität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M. 2006, 131–176, 158.
  • 15. Ebd., 159.
  • 16. Michel Foucault: Technologien des Selbst, in: Luther H. Martin, Huck Gutman, Patrick.H  Hutton (Hg.): Technologien des Selbst, Frankfurt/M. 1993, 24–63.
  • 17. Michel Foucault: Über sich selbst schreiben, in: ders: Schriften in vier Bänden. 4. 1980–1988, Frankfurt/M. 2005, 503–521, 511 f.
  • 18. Wie schwierig es aber ist, sich von den durch Übung, Erziehung und Tradition angeeigneten Körpertechniken zu trennen, wird auch in Hinblick auf Marcel Mauss' Darstellung der Körpertechniken als soziokulturelles Distinktionsmerkmal deutlich. Seinen erfolglosen Versuch, sich eine neue Schwimmtechnik anzueignen, resümiert Mauss eindringlich: «Denn die Schwimmer zu meiner Zeit betrachteten sich als Dampfschiff. Das war dumm, doch ich vollziehe noch immer diese Geste: ich kann mich nicht von meiner Technik trennen.» Marcel Mauss: Die Techniken des Körpers, in: Wolf Lepenies, Henning Ritter (Hg.): Soziologie und Anthropologie II, München 1975, 197–220, 200/201.
  • 19. Foucault: Über sich selbst schreiben, 510.
  • 20. Marc Aurel an Fronto, zitiert nach: Foucault: Technologien des Selbst, 39.
  • 21. Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus, 23.
  • 22. Michel Foucault: Hermeneutik des Subjekts, Frankfurt/M: 2004, 575/576.
  • 23. Ilyse Magy: Know Thy Cycle, Know Thyself, in: Quantified Self, dort datiert 29.2.2016, quantifiedself.com/2016/02/ilyse-magy-know-thy-cycle-know-thyself/, gesehen am 15.8.2016
  • 24. Ebd.
  • 25. Jana Beck: Visualizing Blood Glucose, in: Quantified Self, dort datiert 8.11.2015, quantifiedself.com/2015/11/visualizing-blood-glucose/, gesehen am 15.8.2016.
  • 26. Kendra Welsh: Persönliches Interview, New York, 20.4.2015.
  • 27. Foucault: Technologien des Selbst, 41.
  • 28. Welsh: Persönliches Interview.
  • 29. Run Faster: Nike+ Challenges, Video auf YouTube.com, dort datiert 5.10.2011, www.youtube.com/watch?v=QZV0E4mcrHc, gesehen am 15.8.2016.
  • 30. Matt Johnston: Fitbit has a smart way of getting everyone to exercise more – and people love it, in: Business Insider, dort datiert 27.4.2015, www.businessinsider.com/fitbit-step-tracking-motivation-and-competition-2015-4?IR=T, gesehen am 25.9.2016.
  • 31. Run Faster: Nike+ Challenges.
  • 32. Roland Barthes: Sade I, in: ders.: Sade – Fourier – Loyola, Frankfurt/M. 1986, 29.
  • 33. Ebd., 30.
  • 34. Martin Lucht, Rainer Bredekamp, Martin Boeker, Ursula Kramer: Gesundheits- und Versorgungs-Apps. Hintergründe zu deren Entwicklung und Einsatz, in: Techniker Krankenkasse, www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/724464/Datei/143238/Studie-Gesundheits-und-Versorgungs-Apps.pdf, gesehen am 15.8.2016, 62f.
  • 35. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. Suhrkamp 2013, 241.
  • 36. Lucht, u.a. : Gesundheits- und Versorgungs-Apps. Hintergründe zu deren Entwicklung und Einsatz, 53f.
  • 37. Foucault: Überwachen und Strafen, 260.
  • 38. Vgl. Canneti: Der Befehl, 358.
  • 39. Vgl. Techniker Krankenkasse: TK-Bonusprogramm, online unter www.tk.de/tk/tk-vorteile/bonusprogramm/140656, gesehen am 14.9.2016.
  • 40. Kevin G. Volpp, David A. Asch, Robert Galvin, George Loewenstein: Redesigning Employee Health Incentives. Lessons from Behavioral Economics, in: The New England Journal of Medicine, Aug. 2011, Vol. 1., online unter www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp1105966#t=article, gesehen am 8.9.2016.
  • 41. Marcel Zeelenberg, Rik Pieters: Consequences of regret aversion in real life. The case of the dutch postal lottery, in: Organizational Behavior and Human Decision Processes, Vol. 93, 2004, 155–168, hier 157, online unter www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0749597803001067, gesehen am 8.9.2016.
  • 42. Den Begriff des «Singulären» verwende ich in Anschluss an Karin Harrasser, die die «Singularität» von Körpern gegen die Gleichheitsbehauptungen des «prothetischen Diskurses» in Anschlag bringt. Vgl. Karin Harrasser: Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen, Bielefeld 2013.
  • 43. Vgl. Henning Schmidt-Semisch: Selber schuld. Skizzen versicherungsmathematischer Gerechtigkeit, in: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementatlität der Gegenwart, Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt / M. 2000, 168–193.
letztes Update am 
21. November 2016

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