Den Platz lesen.

Den Platz lesen.

Çapulcu-Figuren des Protests in der Türkei

von:
Teilen 
 
Schlagworte 

Im Zuge der Antiregierungs-Proteste in der Türkei seit Ende Mai 2013 wird eine Vielfalt an Widerstands-Taktiken praktiziert, die zu Fragen der Medien und Medialität auf unterschiedliche Weise in Beziehung stehen: Es werden gleichermaßen alternative Kommunikationskanäle wie medienästhetische und rhetorische, diskursive und visuelle Figuren geschaffen, Taktiken der Kommunikationsguerilla ebenso wie leiblich-körperliche Praktiken eingesetzt. Von Beginn an stachen mir die vereinende Kraft und das auffallend ironische Potential des Widerstands ins Auge. Mein Interesse an den Dynamiken dieser neuen Bewegung, an den Übertragungswegen, Ansteckungen und Figuren verortet sich in einem mehrfachen Spannungsfeld von Nähe und Distanz: Ich schreibe aus meiner nahen Kenntnis der türkischen Kultur und Sprache und gleichermaßen aus der Distanz, insofern ich nicht selbst vor Ort bin aus der Nähe engmaschiger möglichst täglicher genauer Beobachtungen und aus der Distanz theoretisierender Abstraktionen zum Verhältnis von Medien und Widerstand, aus der Sorge um Freund_innen vor Ort und aus der Ferne einer medienwissenschaftlich-analytischen Distanz. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Textes Mitte Juli 2013 kommen täglich neue Figuren hinzu, die beschrieben und analysiert werden wollen. Aber auch die Heterogenität des Feldes und die Verwicklung aller Figuren in verschiedenste Kontexte führen mich dazu, im Folgenden die Vielfalt an Praktiken und Figuren zu skizzieren, statt eine umfassende Einordnung und Systematisierung vorzunehmen.1

Kontext

Als die Polizei in der Nacht vom 31.5. zum 1.6.2013 den Istanbuler Gezi Park am Taksim Platz räumte, wurde die Nachricht nicht durch die nationalen Massenmedien, sondern via Facebook und Twitter, über rasch eingestellte Youtube-Videos, über Instagramm und Flickr, über Online-Alternativmedien, über private Rundmails verbreitet. Social Media gehören zu den am intensivsten genutzten Plattformen zur Mobilisierung v.a. aber auch zur Internationalisierung der Bewegung. Der Hashtag #occupygezi soll am ersten Tag der Proteste 600.000 Tweets produziert haben.2 Auf der gewerkschaftsnahen Website sendika.org wurde zudem ein Liveticker von den Ereignissen aufgesetzt, der via Etherpad – einem anonymen webbasierten kollaborativen Editor – kollektiv in mehrere Sprachen übersetzt und auf linken Webplattformen außerhalb der Türkei implantiert – so dass in den ersten Wochen der Massenproteste die Zusammenstöße mit der Polizei und die unermüdliche Reorganisation der Massen zeitnah und auf lokaler Ebene im Web mitverfolgt werden konnten.3 Solche Social Media-Kommunikationskanäle ermöglichen dezentrale und schnelle Wucherungen von Verteilungswegen und Verbindungen und haben zum Tempo der Ausbreitung des Widerstandes beigetragen.

Die AKP-Regierung versuchte von Beginn an, das medientechnische Potential molekularer viraler Mobilisierung zu unterbinden: Handynetze wurden gestört und unterbrochen, Internetverbindungen gedrosselt, gezielt Websites geblockt und Social Media-Nutzung unter dem Vorwurf des Verbreitens von Falschmeldungen und Aufstachelung zum Widerstand kriminalisiert. Die Stadt Istanbul versuchte den Menschenzulauf zu den Demonstrationen zudem durch die Unterbrechung materieller Transport- und Verkehrswege zu erschweren: Zeitweise wurden Busverbindungen, die zum Taksim führende Metrolinie und der Fährverkehr auf dem Bosporus eingestellt.4 Doch ließen sich die Menschen nicht aufhalten, sie kamen sogar zu Fuß über die Bosporusbrücke, wie via Fotos und Youtube-Videos rasch verbreitet wurde – darunter ein Bild, auf dem zehntausende Menschen die Brücke überqueren, das später jedoch als altes Foto vom Istanbuler Eurasien-Marathon 2011 identifiziert wurde. Dieses im Zuge der Proteste aus seinem Entstehungszusammenhang entwendete und rekontextualisierte Foto wurde in diesen Tagen zu einer starken Ikone zur Mobilisierung und Ermutigung der Massen.

Die sich auf alternativen Wegen in Windeseile durch das Land verbreitenden Nachrichten von den massiven Polizeieinsätzen, von den darauf folgenden Massendemonstrationen und der Wiederbesetzung des Parks führten zu einer breiten Politisierung und Radikalisierung des Widerstands. Der Fokus der Bewegung erweiterte sich über das Bauprojekt am Taksim hinaus und wendete sich nunmehr gegen die AKP-Politik und den zunehmend autokratischen Regierungsstil von Recep Tayyip Erdoğan. In diesem einmaligen Aufbruch in der türkischen Geschichte demonstrieren Menschen unterschiedlichster politischer Ausrichtung Schulter an Schulter. Doch nicht nur die heterogene Zusammensetzung der Bewegung ist bemerkenswert, sondern auch die Kreativität und die vielfältigen flexiblen und ironischen Taktiken. Die Regierung versucht diesen Widerstand mit allen Mitten zu brechen: Neben einer großen medialen Diskreditierungskampagne werden im Zuge einer beispiellosen Repressionswelle Twitter- und Facebook-User, Anwält_innen, Ärzt_innen, Studierende, Mitglieder der Taksim Solidaritäts-Plattform, aber auch mit Küchengeschirr Lärmende mit Strafanzeigen und Hausdurchsuchungen überzogen, reihenweise werden Zeitungs- und TV-Journalist_innen entlassen, die mit Sympathien über die Proteste berichten; Tausende von Menschen wurden festgenommen.5 Doch die Repressionen scheinen die Wut und den Widerstandsgeist noch anzufachen: Neben Alternativmedien und Gegenöffentlichkeiten, neben Umgehungen von Blockaden, neben Protesten gegen Verhaftungen kommen insbesondere Taktiken der Kommunikationsguerilla,6 der Entwendung, der Überaffirmation, der Verfremdung, der Ironie, aber auch der Werbung zum Zuge.7 Meme entstehen, werden viral, über Internet werden Poster, Graffiti, Gesänge, Konzerte und Slogans verbreitet, überarbeitet, stecken sich gegenseitig an, werden umgeschrieben/ummontiert – so dass auch die Figuren des Widerstands in permanenter Bewegung sind.

Im Folgenden skizziere ich eine Auswahl dieser Protestfiguren der Entwendung und Aneignung, der Bedeutungsvielfalt, des Agierens mit, gegen und inmitten der Massenmedien sowie der Körper.8

Çapulcu

Erdoğan hatte die Parkbesetzer_innen in einer Rede nach der ersten Räumung als «marginale Gruppen» und «çapulcu» bezeichnet – ‹çapulcu› kann übersetzt werden als ‹Plünderer›, assoziativ angelehnt an deutsche Diskurse auch als ‹Chaot›. Die Demonstrant_innen haben diesen pejorativen Begriff sogleich entwendet und als ironische Selbstbezeichnung angenommen: Der im Gezi Park als Kollektiv gegründete Internet-TV-Sender nennt sich Çapul TV9 und begrüßt seine Interviewgäste liebevoll mit «Wie geht es Dir, Çapulcu? Was hast Du uns zu sagen?» Die Website der Taksim Solidarität präsentiert Interviews mit einer Vielfalt von Çapulcu-Identitäten.10 Der Jazzchor der Bosporus-Universität und andere Musikgruppen besuchten den Platz mit umgedichteten oder neu geschriebenen Çapulcu-Liedern.11 Noam Chomsky erklärte sich in einer Videobotschaft ebenfalls zum Çapulcu.12 Als Neologismus – «Everyday I’m çapuling» – hat der Begriff zudem im Netz schnell international die Runde gemacht, Wikipedia führt unter «Çapuling» bereits seit Anfang Juni einen Eintrag incl. Debatte, der vor allem auf der deutschsprachigen Seite zügig ausgebaut wurde.13

Pinguine

Als sich die Lage im Herzen Istanbuls zuspitzte und die Protestbewegung zu einem politischen Lauffeuer ausbreitete, als internationale Sender weltweit von den Protesten berichteten, strahlte CNN Türk – der türkische Ableger von CNN – statt dessen einen Dokumentarfilm über Pinguine aus.14 Über Twitter wurde das Programm von CNN Türk flugs den Bildern des Senders CNN International gegenübergestellt. Mit diesem Doppel war der Ausgangspunkt für eine bespiellose Kommunikationsguerilla-Befreiung der Pinguine gelegt, der sie zu Gefährten im Widerstand und im Spiel mit Bedeutungen machte.

ITÜ Sözlük Görseller: CNN

CNN Türk Yayın Anlayışı Karikatür

Der Sender wurde mit Zuschaueranrufen bombardiert, die in Überaffirmation mehr Pinguine forderten, und vor dem CNN-Gebäude fanden tags darauf Protest-Demonstrationen statt, die dazu aufforderten, wenigstens diese Demonstration zu senden. Ein prominenter Interviewgast in einer Live-Sendung bei CNN Türk demonstrierte einige Tage später sein T-Shirt, auf dem ein Bild mit Pinguinen zu sehen war. Bei Erdoğans Rückkunft von seiner Nordafrika-Reise, die von allen großen türkischen TV-Sendern live übertragen wurde, landete Halk TV, einer der wenigen regierungskritischen Sender, einen Coup: Zunächst übertrug der Sender auf seinem Splitscreen sowohl Live-Bilder von den Auseinandersetzungen am Taksim als auch vom Flughafen im Stadtteil Yeşilköy. Doch als der Regierende seine unversöhnliche Rede an die am Flughafen bereit stehenden Jubeldemonstrant_innen begann, wurde von Erdoğans Gesicht zu Bildern ausrutschender purzelnder Pinguine aus einer Naturdokumentation umgeschaltet:

ITÜ Sözlük Görseller: halk tv nin penguen belgeseli yayınlaması

In diesem Moment hatten die Pinguine eine eigentümliche Mehrdeutigkeit: Die Ausstrahlung der Doku wirkte als Metapher und Revanche für die Ignoranz der Sendepolitik von CNN. Dabei erschienen die possierlichen Tiere wie strauchelnde AKP-Jubler_innen, deren eigentümliche Lebensweisen die Doku vorführt, und konnten gleichermaßen auch als Çapulcu gelesen werden, die auf metaphorisch glatten Straßen ihr Leben in Freiheit leben wollen. Diese eigentümliche Mehrdeutigkeit haben die Pinguine mittlerweile abgestreift – sie agieren vorwiegend als metonymische Gefährten, welche in ihrer Solidarisierung die Aufmerksamkeit der Presse zu steigern suchen. Auf den Demonstrationen tauchten Menschen in Pinguin-Kostümen oder mit Pinguin-Stofftieren auf und fragten: «Heute sind wir hier, wo sind die Medien?»

Twitter: Penguins are already inside the #gezipark

Çapul TV hat den Pinguin ins Logo genommen und auch die für die politische Karikaturzeitschrift Penguen namensgebende Figur gesellt sich dazu – Penguen ist an der widerständigen Lektüren und Bedeutungsproduktionen aktiv beteiligt, so titelte das erste Heft nach der Parkräumung mit dem – auch durch dieses Titelblatt – zur Ikone gewordenen Bild der vom Wasserwerfer getroffenen ‹schwarzen Frau›. Auf dem Titel des Heftes vom 4. Juli wiederum präsentierte Penguen die Umkehrung einer weiteren international verbreiteten Ikone der Bewegung – der ‹roten Frau›.

Doch zurück zu den Pinguinen. Unzählige Fotomontagen, Zeichnungen und Graffitis geistern durch das WWW. Allerorten machen Pinguine die Runde.

Bildmontage, verbreitet via Twitter, aus dem Archiv der Autorin.

Bianet: "Antarktika Direniyor"

Bianet: "Penguins Are Better Out in Poles"

Graffiti, verbreitet via Twitter, aus dem Archiv der Autorin.

Graffiti, verbreitet via Twitter, aus dem Archiv der Autorin.

Bildunterschrift: Twitter: Alternatif penguen belgeseli

Quora: Istanbul: What is happening at Gezi Parkı in Taksim, Istanbul?

Seit Juli tauchen die Pinguine als Protestgala auch in den Kommentaren auf den Facebook-Seiten von Fernsehsendern wie CNN Türk, Habertürk, NTV auf. Mittels des Sonderzeichen-Codes <(")15 werden auf den Facebook-Präsenz der TV-Sender reihenweise Pinguinfiguren eingefügt:    

Gazeteciler: CNN Türk'ü penguenler bastı

Screenshot eines Ausschnittes der CNN-Facebook-Seite, aus dem Archiv der Autorin.

Die Pinguine haben sich mittlerweile derart eng mit der Protestbewegung verschwistert, dass Ende Juni ein Mitglied des Leitungsgremiums der AKP TV-Sender als Mittäter im Komplott des zivilen Putschversuchs beschuldigte, sie hätten mit ihrer Strategie während der Demonstrationen Pinguin-Doku, Volksmusik- und Essenssendungen ausgestrahlt zu haben, den Social Media einen Pass geliefert.16

Kelime Oyunu

Ein ganz anderes Verfahren, inmitten der Massenmedien die Selbstzensur zu umgehen, praktizierte der bekannte Quizmoderator Ali Ihsan Varol, der Spielleiter des Wortratespiels «Kelime Oyunu» («Wort-Spiel») beim türkischen Ableger des TV-Senders Bloomberg: In seiner am 3. Juni live ausgestrahlten Spielshow verwiesen alle zu ratenden Begriffe auf den Kontext der Proteste. Zu erraten waren u.a.: GEWALT, ZENSUR, GASMASKE, RÜCKZUG, FESTNAHME, BARRIKADE, MITGEFÜHL, PFEFFERSPRAY, WASSERWERFER, UNVERHÄLTNISMÄSSIG.17 Die in der Sendung zur Sprache und Schrift kommenden Begriffe und ihre im Fragemodus vorgenommenen Definitionen zeichneten 70 Minuten lang spielerisch ein Szenario der im Land stattfindenden Ereignisse und kommentierten die Lage, ohne über sie zu berichten.

haber.ekolay: Kelime Oyunu neden yayınlanmadı?, aus dem Archiv der Autorin.

Körper im Einsatz

Auch wenn viele der Widerstandspraktiken massenmediale Prozesse adressieren und über sie transformiert und verbreitet werden, so weisen die Proteste doch auch eine Dimension auf, welche nicht primär (massen)medienzentriert ist und in der allenfalls mit einem erweiterten Medienbegriff operiert werden kann. Die Leiber der Çapulcu sind im Zuge der Polizeieinsätze massiver Gewalt, Tränengas, Pfefferspray, Gummigeschossen und Knüppeln ausgesetzt; allein bis zum 15. Juli gab es 8163 Verletzte und fünf Tote.18

Nach der zweiten Räumung des Gezi Parks am 15. Juni wurden die Proteste um neue Formen erweitert: Beginnend im Abbasağa Park in Istanbul-Beşiktaş wurden in vielen Parks türkischer Städte sogenannte Park-Foren gegründet, die in den ersten Wochen allabendlich stattfanden und wie eine Besinnungs- und Reflexionspause nach den heftigen Auseinandersetzungen wirkten. Jede_r kann hier für zwei oder drei Minuten das Wort ergreifen, um in einer kollektiven Oral History Erlebnisse, Einschätzungen und Ideen zu teilen, die dann über gewählte Bot_innen in die anderen Foren getragen und via Alternativmedien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht sowie im Internet archiviert werden.19 Das Medienspezifische der Foren liegt jedoch in der Live-Situation vor Ort, im Austausch von Sprechen und Zuhören.

Stehende Menschen

Und plötzlich tauchte auf dem Taksim ein stehender Mann auf, den Blick in Richtung Atatürk Kultur Zentrum. Die Menschen auf dem Platz erkannten dieses Stillstehen des später als Performer Erdem Gündüz identifizierten Mannes schnell als neue Widerstandsfigur und eigneten sie sich an: Schweigend stellten sie sich dazu.20 Womöglich hat das Spiel der Bedeutungen dieses intuitive Anschließen von Passant_innen befördert: Die klangliche Nähe des Begriffs «duran adam» (stehender Mann) zu «diren adam» (Mann im Widerstand) macht das Stehenbleiben zu einem Teil der Widerstandsbewegung – und gleichzeitig wird damit dem AKP-Fortschrittsslogan «Durmak yok – yola devam!» (Es gibt kein Halten – weiter auf dem Weg!) Einhalt im wörtlichen Sinne geboten. Die Polizei, die seit Wochen gegen Demonstrierende vorgegangen war, wusste nicht recht, wie gegen stehende schweigende Menschen agieren.21 Als Halk TV spät abends zu berichten begann, brach unter dem Hashtag #duranadam eine Welle an Tweets los, die den stehenden Mann in alle Welt trug. Die viralen Effekte von Twitter und Social Media konnten selten so gut beobachtet werden wie hier: Angesteckt blieben Menschen in vielen Städten der Türkei stehen, vor sich eine Flasche Wasser – ganz wie Gündüz nach der Polizeikontrolle. Eine neue Form des Protestes war er-/gefunden, stehende Menschen fanden sich organisiert und spontan auf Plätzen, Straßen, in Einkaufscentern und Universitäten. Der Hashtag #duranadam wurde ergänzt durch #durankadin (stehende Frau), ein englischer Tag #standingman hinzugefügt und schließlich im Sinne von gendergerechter Sprache22 erweitert zu #duraninsan (stehender Mensch). Angesteckt von diesem starken Bild gewaltfreien Protests solidarisierten sich Menschen in der westlichen Welt, einzeln oder in Gruppen, blieben stehen, schickten Fotos durch das Netz und machten «the standing man» auf diese Weise zu einer internationalen Ikone der Proteste in der Türkei. Waren im besetzten Gezi Park bereits Bibliotheken mit gespendeten Büchern angelegt worden, so wurde nun auch die Protestform des Stehens mit dem Lesen verbunden: Stehende Menschen haben ein Buch in der Hand. Was als Geste der Intellektualität verstanden werden kann, realisiert gleichzeitig die wörtliche Bedeutung des für Demonstrationen verwendeten Begriffs «meydan okumak», der aus den Worten «Platz» und «lesen» zusammengesetzt ist – ‹den Platz lesen› bedeutet ‹auf den Platz rufen› und ‹Herausforderung›. Auf dem Titelblatt der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Penguen gesellte sich schließlich auch ein Pinguin zum duran adam.

The Guardian: Turkish man inspires hundreds with silent vigil in Taksim Square, dort datiert 18.6.2013, jetzt auf der Website des Duran Adam, http://www.duranadam.com, zuletzt gesehen am 20.7.2013

Stehende Frau an der Stelle, an der Ethem Sarısülük starb

Stehende Menschen in der Kanyon Shopping Mall Istanbul

Stehende Menschen an der Mimar Sinan Kunsthochschule Istanbul, Sendika.org: Mimar Sinan Güzel Sanatlar Üniversitesi 'duruyor', dort datiert 26.6.2013

Titel der Karikaturzeitschrift "Penguen" vom 20. Juni 2013

Körper / Medien / Widerstand – in diesem umkämpften Feld bewegt sich die Protestbewegung in der Türkei und agiert dabei medial auf unterschiedlichen Ebenen: Umdeutungen, semiotisches Gegen-den-Strich-Lesen, Beim-Wort-Nehmen, Umschreiben, Ins-Bild-Setzen sowie Verkörpern zeugen von diskursiven und visuellen Prozessen alternativer Bedeutungsproduktion. Die Eröffnung neuer Kommunikationskanäle und die Nutzung von Social Media und WWW wiederum ermöglicht in medientechnischer Hinsicht Mobilisierung, Beschleunigung und Internationalisierung der Protestbewegung. Die umfassende Geste ist im allerersten Schlachtruf schon angelegt: «Her yer Taksim, her yer direniş!» – «Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!» All dies hat eine dynamische und flexible sowie verteilte und verbundene Bewegung in Gang gesetzt. Medienästhetische Praktiken – sei es die Performance von Körpern oder reflexive Mediatisierungen – agieren dabei zwischen Politik, Kommunikationsdesign, Werbung, Kunst und Kritik.

 

  • 1. Im Zuge der Kriminalisierung von Twitter und Youtube sind viele der Videos nicht mehr an der genannten URL verfügbar, werden dafür aber auf andere Seiten weiterverbreitet und können durch eine Recherche unter denselben Stichworten bzw. Titeln leicht wieder gefunden werden.
  • 2. Victor Kotsev, How Social Media Forced Turkish News Organizations To Change Course, in: Fast Company, dort datiert 11.6.2013, http://www.fastcompany.com/3012777/how-social-media-forced-turkish-news-organizations-to-change-course, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 3. Archiv der Übersetzungen des Live Tickers: http://gezipark.nadir.org, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 4. Schon am 1. Mai 2013 hatte der Istanbuler Gouverneur zur Durchsetzung des Demonstrationsverbotes am Taksim zwei Brücken über das Goldene Horn durch Hochziehen oder Entfernen von Brückenteilen kappen lassen.
  • 5. Hülya Karabağlı, Türkiye İnsan Hakları Vakfı, Gezi Parkı eylemlerinde gerçekleştirilen gözaltılar ve tutuklamalarala ilgili bir bilgi notu yayımladı, in: T24, dort datiert 16.7.2013, http://t24.com.tr/haber/tihv-gezi-parki-eylemlerinde-133-kisi-tutuklandi-3-bin-636-kisi-gozaltina-alindi/234461, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 6. autonome a.f.r.i.k.a. gruppe, Luther Blisset, Sonja Brünzels, Handbuch der Kommunikationsguerilla. Berlin, Göttingen (Assoziation A) 1997, sowie Wu Ming Yi, Kommunikationsguerilla im Zeitalter der neuen globalen sozialen Bewegungen: Interview mit der autonomen a.f.r.i.k.a.-gruppe, Sonja Brünzels und Luther Blisset, in: trend 10/2001, http://www.trend.infopartisan.net/trd1001/t181001.html, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 7. In einem Blogeintrag wird auf die Berufskompetenzen aus dem Bereich Werbung hingewiesen, welche in die Widerstandspraktiken einfließen, vgl. Wendy!: Turkey’s Summer of Love and the Art of Political Protest, in: wendymks reviews, dort datiert 1.7.2013, http://wendymks.blogspot.de/2013/07/turkeys-summer-of-love-and-art-of.html, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 8. Hier kann nur ein Bruchteil des umfassenden, zudem täglich wachsenden Materials berücksichtigt werden, derzeit werden im Zuge des Fastenmonats Ramazan weitere neue Taktiken praktiziert. Präsentation und Diskussion weiterer Widerstandspraktiken auf meinem Blog Christine Hanke: Media Resistance – Medien und Widerstand, 2013, mediares.hypotheses.org, zuletzt gesehen am 20.7.2013. Dort findet sich auch eine Sammlung von übersetzten und kommentierten Plakaten im Netz, Graffitis an den Wänden und Transparenten auf den sommerlichen Jahresabschluss-Paraden der Universitäten.
  • 9. Çapul TV, www.capul.tv, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 10. Çapulcular auf der Website der Taksim Solidarität: ÇAPULCULAR, in: Taksim Dayanışması, http://taksimdayanisma.org/capulcular, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 11. Bosphorus Jazz Chorus: Are You Looter? / Boğaziçi Caz Korosu: Çapulcumusun Vay Vay – Gezi Park, veröffentlicht von LivrecTv am 6.6.2013, http://www.youtube.com/watch?v=KfoK4cGusCk, zuletzt gesehen am 20.7.2013.
  • 12. Vgl. Noam Chomsky Taksim Gezi Parkı Desteği – I'M ALSO ÇAPULCU, veröffentlicht von keneth minov am 8.6.2013, http://www.youtube.com/watch?v=cUsZ4vqonB8, und Chomsky Gezi Parkı Direnişini Selamlıyor – Chomsky Salutes The Gezi Park Resistance, veröffentlicht von TBchapulling am 5.6.2013, http://www.youtube.com/watch?v=inXqfi8Fk_4, beide zuletzt gesehen am 20.7.2013.
  • 13. Vgl. Çapuling, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Çapuling, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 14. Penguins – Spy in the Huddle (John Downer Productions Ltd. 2013, broadcasted by BBC). Zur Situation der Pressefreiheit in der Türkei vgl. CPJ, Turkey’s Press Freedom Crisis. The Dark Days of Jailing Journalists and Criminalizing Dissent. A special report by the Committee to Protect Journalists, New York (United Book Press) 2012, http://cpj.org/reports/Turkey2012.English.pdf, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 15. Vgl. den Thread cnn türk facebook protestosu, in: Eksisözlük, http://eksisozluk.com/cnn-turk-facebook-protestosu--3908987?p=2, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 16. CNN'in 'Penguen Belgeseli' komplo muydu, in: Gazeteciler, dort datiert 24.6.2013, http://www.gazeteciler.com/gundem/cnnin-penguen-belgeseli-komplo-muydu-67730h.html, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 17. Ausschnitt aus der Sendung: Kelime Oyunu'ndan Gezi Parkı Göndermeleri, eingestellt von haberyeni am 3.6.2013, https://www.youtube.com/watch?v=Kr3uxCy0AZk, zuletzt gesehen am 20.7.2013, englische Übersetzungen von 70 Fragen und Antworten aus der Show vgl. den Blog: Zeynep Tufekci, Technosociology, http://technosociology.org/?p=1297, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 18. TBB (Turk Tabipleri Birliği / Turkish Medical Association): Göstericilerin Sağlık Durumları / The Health Status Of The Demonstrators, 15.7.2013, http://www.ttb.org.tr/index.php/Haberler/veriler-3842.html, zuletzt gesehen am 20.7.2013.
  • 19. Vgl. das Archiv einer Auswahl von Beiträgen aus Park-Foren: Çapul TV, Forumlardan, http://www.capul.tv/browse-Forumlardan-videos-1-date.html, zuletzt gesehen am 20.7.2013.
  • 20. Wendy! verweist in ihrem Blog auf eine Parallele von Gündüz' Performance zu einer Aktion von Defne Erdur vom 30.4.2013, vgl. Wendy! 2013. Über die unbeholfene Reaktion der Polizei kursierte das Video #duranadam , Şaşkın polis, eingestellt von Guncel Haber Merkeziniz am 18.6.2013, http://www.youtube.com/watch?v=jLPOH3tFMdY&feature=youtu.be, zuletzt gesehen am 20.7.2013.
  • 21. Im medialen Schlachtfeld hatten einige regierungsnahe Zeitungen das 'einfache Herumstehen' tags darauf bereits verschwörungstheoretisch als eine Form des zivilen Ungehorsams identifiziert, sie werde als Methode Nr.163 in einem Handbuch der CIA zum Umsturz von Regierungen genannt. Gemeint ist eigentlich Gene Sharp: From Dictatorship to Democracy. A Conceptual Framework for Liberation, 4th US-Edition, East Boston, MA (The Albert Einstein Institution) 1994, 93, http://www.aeinstein.org/organizations/org/FDTD.pdf, zuletzt gesehen am 20.7.2013. Die Umdeutung des Bandes als CIA-Handbuch dürfte davon inspiriert sein, dass Sharp Zusammenarbeit mit der CIA nachgesagt wird, vgl. etwa das Lexem "Gene Sharp" bei englischer Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Gene_Sharp, zuletzt gesehen am 20.7.2013/16.4.2014.
  • 22. Im Zuge der Proteste findet innerhalb der heterogenen Bewegung von Anfang an eine Thematisierung und Reflexion von Genderfragen statt. Vgl. hierzu Hanke 2013.
letztes Update am 
26. Januar 2017