Medien│Interaktion

Medien│Interaktion

Axel Schmidt, Medien│Interaktion. Zum Zusammenhang von Handeln und Darstellen faktualer Fernsehformate, Baden-Baden (Nomos), 2012.

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Die Beschäftigung mit dem Akteur hat in der Medienforschung seit längerem durchaus Konjunktur.1 In der soziologisch orientierten Rezeptionsforschung werden dabei mit unterschiedlichen Theorieansätzen und Analyseverfahren (von der Konversationsanalyse über die Medienethnographie bis hin zu den Cultural Studies) insbesondere die Aneignungspraktiken medialer Texte in ihren Beziehungen zu situativen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen untersucht.2 Sozialphänomenologische und mikrosoziologische Ansätze, wie z.B. Erving Goffmans Rahmenanalyse, wurden indessen bislang kaum systematisch für die Bearbeitung des Themenzusammenhangs ‚Medien und Interaktion’ genutzt.3 Axel Schmidt hat eine Studie vorgelegt, die entlang der einschlägigen Forschungsliteratur die grundlegenden Beziehungen in diesem Bereich erschließen will, wobei das alltagssprachlich so genannte Reality-TV als exemplarischer Untersuchungsgegenstand fungiert. Im ersten Teil seiner Arbeit geht der Autor von einer überraschenden These aus: Alltag und Alltagshandeln, so Schmidt, sei von Medien und Medienhandeln zu unterscheiden. Nun gibt es gegen die theoretische Brauchbarkeit des Begriffs des Alltags nicht nur im Allgemeinen gut begründete Einwände.4 Im vorliegenden Fall kommt hinzu, dass kaum etwas alltäglicher ist als der Umgang mit Medien, die ja nicht nur in der Erscheinungsform des Fernsehens und des (Mobil-)Telefons, sondern auch in Gestalt einer unüberschaubaren Flut computerisierter Objekte omnipräsent sind und die verschiedensten Lebensbereiche durchdringen. Man blickt also zunächst etwas irritiert auf diese Ausgangsunterscheidung der Studie. Im Fortgang der Lektüre zeigt sich dann aber sehr schnell und überzeugend, wie sich Alltag als Fundament der Beziehungsstrukturen von ‚Medien’ und ‚Interaktion’ konzipieren lässt. Schmidt kann in der (Re-)Konstruktion insbesondere sozialphänomenologischer und wissenssoziologischer Argumente sehr plausibel zeigen, dass sich in Interaktionshandlungen, d.h. in der Sphäre der wechselseitigen Bezugnahme von Akteuren, eine soziale Wirklichkeit konstituiert, die trotz der Omnipräsenz der Medien als „vornehmliche Wirklichkeit“ fungiert. Man könnte auch sagen: Der Erkenntnis- und Erlebensstil des Alltags bildet sich in Situationen, in der sich Medien (noch) nicht als Kommunikation oder gar als Handelnde aufdrängen. Von zentraler Bedeutung ist Schmidt zufolge, dass die physische Präsenz von Akteuren und Objekten als „manipulative Zone“ und „Wirkwelt“ einen im Zeitverlauf kontinuierlichen Erfahrungsraum ausbildet, in den die mediatisierten Ereignisse schon aufgrund ihrer zeitlichen Befristung gleichsam ‚eingeblendet’ werden. Medien werden daher auch als Mechanismen der zeitlichen und räumlichen Vervielfältigung und Multiplikation von (nicht medialisierten) Erfahrungen verstanden. Und es ist sehr plausibel, dass Schmidt die Konstruktion eines gemeinsam geteilten „Hier und Jetzt“ in medialisierten Kommunikationssituationen (z.B. beim Telefonieren oder Chatten) über enge Kopplungen zu alltäglichen Erfahrungen und Rahmen ableitet.

Der zweite Teil des Buches fokussiert neben und mit den Beziehungsgefügen zwischen Medien und Interaktion insbesondere die Aufführungs- und Darstellungstechniken, die ‚in’ den Medien Sinnschichtungen und Realititätsreferenzen herstellen. Dabei zeigt sich, dass medial vermittelte Kommunikationen – insbesondere diejenigen des Fernsehens, für die sich Schmidt besonders interessiert – zugleich ‚dichter’ und ‚dünner’ als Alltagserfahrungen sind; ‚dichter’, weil jede televisuelle Darstellung Sinn komprimiert – schon die Auswahl des jeweils Präsentierten ist ein rahmendes Zeigen. ‚Dünner’, weil alle Medienkommunikationen gleichsam Fragmente bleiben, die Individuen in den Gesamtzusammenhang ihrer Wirklichkeitsauffassung stellen, die sich aus der Kontinuität ihres Erlebens und den dazu gehörigen Interaktionen mit anderen Akteuren entwickelt. Insbesondere in der Auseinandersetzung mit Goffmans Rahmenanalyse und einem mit dieser in enger Beziehung stehenden Theatralitätskonzept verdeutlicht Schmidt, dass und inwiefern die televisuellen Sinnaufschichtungen medienspezifische Kommunikationsweisen sind, die aber zugleich in vielfältiger Weise an alltägliche Kommunikationsmodi und Wirklichkeitsvorstellungen gebunden bleiben. Zu Recht und entgegen medienkritischer Positionen, die den Leser über den Manipulationscharakter der Massenmedien glauben aufklären zu müssen, wird dabei das Wissen der Akteure um die Konstruktivität der Mediendarstellungen vorausgesetzt. Gerade weil Akteure fortwährend selbst verschiedene (alltägliche/medialisierte) Wirklichkeiten vergleichen, so Schmidt, haben es die Medien, wenn sie auf ‚reale Realität’ abheben (so wie die Nachrichten oder das Reality-TV), generell nicht mit einem Wirklichkeitsproblem, sondern mit dem Problem einer graduellen Wirklichkeitsentsprechung zu tun, die Rezipienten wiederum vor dem Hintergrund ihrer alltäglichen Wirklichkeitsauffassung prüfen. Angesichts der Evidenzmacht technischer (audiovisueller) Bildmedien ist es verständlich, dass Schmidt sowohl den wahrnehmungsanalogen Zeichenvehikeln als auch den mit diesen kommunizierten Realitätsreferenzen einen besonderen Stellenwert beimisst. Sie fundieren die Inszenierungen des Realen, sind aber zugleich als solche – der skizzierten Argumentation Schmidts folgend – in die Konsistenz- und Realitätsprüfungen der Rezipienten eingebunden.

Eine weitere Dimension erlangt das Buch, wenn man es im Blick auf die digitalen Medien liest. Zwar ist es für diese eindeutig nicht geschrieben. Entsprechend kann man die im Titel und auch im Text häufig verwendete Generalisierung des Begriffs „Medien“ durchaus in Frage stellen. Und dennoch kann man vermuten, dass sich Schmidts Perspektive, die sich für die Herstellung sozialer „Kommunikationsweisen“ medienbasierter und nichtmedienbasierter Situationen sowie für die an Erfahrungs- und Wissensbeständen fortlaufend aktualisierten Grenzziehungen zwischen diesen Sphären durch die Akteure selbst interessiert, für die Analyse des Umgangs mit computerisierten Medien besonders anbietet. Das gilt umso mehr, als inzwischen sichtbar wird, dass mit der Computerisierung der Gesellschaft gerade nicht eine technologische Aufklärung einhergeht, die Menschen die Operationsweise des Computers näher bringen oder gar praktische Kompetenzen zur Steuerung und Kontrolle der digitalen Tiefe vermitteln würde. Friedrich Kittlers These, die Gruppe der Informatiker sei der schriftkompetenten mönchischen Elite in einem Tal der Ahnungslosen (des Vorbuchdruckzeitalters) vergleichbar, ist aktueller denn je. So deuten Designentwicklungen an, dass es insbesondere darum geht, die Komplexität und ‚Tiefe’ der nichttrivialen Maschine zu verhüllen und die computerisierten Objekte so zu modellieren, dass sie im Verhalten – zumindest unter bestimmten (eingeschränkten) Gesichtspunkten – ‚quasi-menschlich’ agieren oder wenigstens so bedienbar sind, dass alltägliche Handlungs- und Verhaltensroutinen im Umgang mit diesen Artefakten nach Wunsch verlaufen (man denke nur an die Sprachsteuerungsmöglichkeiten, die derzeit integrales Moment verschiedenster gadgets werden). Für die Analyse gerade dieser Entwicklungen ist eine Perspektive, wie sie die sozialphänomenologisch und wissenssoziologisch orientierte Arbeit von Schmidt einnimmt, sehr fruchtbar und erfolgversprechend. Denn im Bereich der Interaktion mit interaktiven Medien wird die von Schmidt differenziert behandelte Frage, wie Akteure zwischen nichtmedialisierten und medialisierten Interaktionen, Handlungen und Wirklichkeiten unterscheiden, besonders virulent. Die Arbeit von Schmidt ist daher nicht nur denjenigen zu empfehlen, die an grundlegenden Fragestellungen zum Zusammenhang von Interaktion und Medien und an faktualen Unterhaltungsformaten interessiert sind, sondern auch jenen, die sich mit den Konstruktionen virtueller, immersiver und interaktiver Realitäten im Kontext digitaler Medien beschäftigen und wissen wollen, inwiefern dieselben mit der ‚realen Realität’ nichtmedialisierter Interaktion in Beziehung stehen.

Januar 2013

  • 1. Vgl. Pablo Abend/Tobias Haupts/ Claudia Müller (Hg.), Medialität der Nähe. Situationen-Praktiken-Diskurse, Bielefeld (transcript), 2012.
  • 2. Vgl. z.B. Ruth Ayaß/Jörg Bergmann, Qualitative Methoden der Medienforschung (2. Aufl.), Mannheim (Verlag für Gesprächsforschung) 2011.
  • 3. Zu rahmentheoretischen Ansätzen der Medienrezeptionsanalyse vgl. z.B. Eggo Müller, Paarungsspiele. Beziehungsshows in der Wirklichkeit des neuen Fernsehens, Berlin (Ed. Sigma) 1999, Urs Dahinden, Framing. Eine integrative Theorie der Massenkommunikation, Konstanz (UVK), Saskia Ziegelmaier, Visuelles Framing von Alter. Eine empirische Studie zur medialen Konstruktion von Alter, Frankfurt am Main (Lang).
  • 4. Vgl. Norbert Elias, Zum Begriff des Alltags, in: Kurt Hammerich und Michael Klein (Hg.), Materialien zur Soziologie des Alltags (Sonderheft 20 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie), Opladen (Westdeutscher Verlag), 22–29.
letztes Update am 
12. Juni 2014

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