Medien des Immediaten

Medien des Immediaten

Florian Sprenger, Medien des Immediaten. Elektrizität – Telegraphie – McLuhan, Berlin (Kadmos) 2012

besprochen von:
Teilen 
 

Eine „diskursive Operation am offenen Herzen“ (S. 465) hat sich Florian Sprenger vorgenommen, um einen historischen Konnex zu verfolgen zwischen zwei Begriffen, deren Zusammenhang zumindest kontraintuitiv ist. Von Medien und Unmittelbarkeit handelt die Erzählung, die er in seiner Dissertation vorlegt und sie spannt einen weiten Bogen, indem drei thematische Blöcke miteinander vernäht werden, wie der Untertitel bereits vorwegnimmt: Elektrizität – Telegraphie – McLuhan. Dabei wird sich herausstellen, dass die Geschichten von Unmittelbarkeit und Medien dermaßen miteinander verwoben sind (vgl. S. 11), dass Verwechslungen nicht ausgeschlossen sind. Die verrätselten Überschriften des Inhaltsverzeichnisses machen neugierig (u. a. „Zwischen Dazwischen“, „Über Stock und Stein“), sind aber wenig transparent im Hinblick auf innere Kohärenz und die inhaltliche Konzeption der Arbeit. Da sich der Methodenteil auf eine halbe Seite beschränkt, in der knapp auf philosophische Problemgeschichte, Foucaultsche Diskursanalyse und Dekonstruktion verwiesen wird, ist die Lektüre voraussetzungsreich.

Die Arbeit enthält drei Hauptteile: Im ersten wird eine Wissensgeschichte der Elektrizität entwickelt. Der zweite widmet sich der Beschreibung des Übergangs zur elektromagnetischen Telegraphie. Drittens schließlich steht Marshall McLuhans media theory im Zentrum, die ausgiebig die Phantasmen der Elektrizität abschöpft, um von der „all-at-onceness“1 des globalen Dorfs träumen zu können. Dabei ist McLuhans Vorgehen aporetisch, denn er mobilisiert ausgerechnet Unmittelbarkeiten, um das Operieren von Medien zu erklären. Die aufklärerische Blickwendung auf Medien wird folglich durch ein gegenaufklärerisches Moment möglich gemacht (vgl. S. 473). Diese mitnichten zufällige diskursive Verschränkung scheinbar unvereinbarer Konzepte liegt im Herzen der Medienwissenschaft und verlangt nach einer gründlichen genealogischen Spurensuche, so Sprengers Einsatz. Denn nur durch die Aufdeckung ihrer Vorgeschichte ließe sich die gegenwärtige „Eskalationsstufe medialer Welterzeugung und -durchdringung“ (S. 9) verstehen, in der sich Unmittelbarkeiten der Erfahrung und der Übertragung in einem globalen „Milieu der Mediation“ (ebd.) überschneiden. Damit ist eine kontemporäre Medienlandschaft angesprochen, in der sich Einzelmedien immer weniger gut differenzieren lassen und Medien zunehmend als Umwelten begriffen werden – wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser sind Mediennutzer häufig blind gegenüber den Mechanismen und historischen Dimensionen der gegebenen Medienökologie. Diese Situation mache laut Sprenger auch eine Neuperspektivierung der medienwissenschaftlichen Ansätze erforderlich.

Das Projekt, das sich in der Einleitung ankündigt und im Schlusskapitel noch einmal präzisiert wird, ist dabei ein durchaus anspruchsvolles: Sprenger sucht gleichsam nach den diskursiven Leichen im Keller eines Fachs, wenn er versucht nachzuweisen, dass den Medien und ihrer Wissenschaft der „Traum der eigenen Negation“ (S. 26) eingeschrieben ist. Die Unmittelbarkeit sitze als schmerzloser „Stachel im Fleisch“ (S. 28) der Medientheorie, der gezogen werden muss, will man ihren epistemischen Einsatz verstehen und ihre Geschichte mitsamt ihrer Phantasmen dekonstruieren. Kurz: Es geht um eine an Derrida geschulte „Selbstaufklärung der Medienwissenschaft“ (S. 29), die dem Einfluss von Träumereien nachspürt, in denen nicht erklärt, sondern entparadoxiert wird, um Differenzen in Einheit zu überführen, Trennungen zu tilgen und die Leere zu füllen – mit „Wundern und Kausalgespenstern“ (S. 82).

Ein Vorspiel der Genealogie elektrischer Medien findet sich in der Antike bei Platon und Aristoteles, die erste analytische Konzepte und normative Deutungsmuster liefern, an denen sich die im Entstehen begriffene Physik in der Neuzeit abarbeiten wird. Aristoteles führt kanonisch gewordene Konzepte von Kausalität ein, mitsamt der Unmöglichkeit einer Fernwirkung, deren vermeintliches Auftreten die Einfügung einer unmittelbaren Verbindung notwendig macht. Letztlich denkt Aristoteles die Welt als Einheit und Kontinuum, jede Trennung muss immer schon durch die Annahme eines Dazwischen (diaphanes oder to metaxy) aufgehoben sein. Von Platon rührt eine Medienpolitik her, die sich als „Blaupause“ (S. 42) medienkritischer Diskurse etabliert hat. Vor ihrem „permanenten Gerichtsverfahren“ (S. 56) müssen sich je neue Medien bewähren. Hierbei wird Unmittelbarkeit zugleich den Medien vorenthalten – nur der philosophische Dialog hat den logos und führt zur Wahrheit – wie kritisch gegen sie gewendet, wenn ihnen mutmaßlich unmittelbare Wirkungen zugeschrieben werden. Allerdings kommt es im Zuge der Durchsetzung der elektrischen Telegraphie zu unwahrscheinlichen Inanspruchnahmen platonistischer Idealisierungen von Anwesenheit, die es erlauben, lebendige Präsenz auch über Distanz zu garantieren (vgl. S. 316). Hierher rührt beispielweise die Rede von der ‚Telepräsenz’ (vgl. S. 315).

Das erste große Kapitel (Elektrizität) ist wissenschaftshistorisch angelegt und arbeitet intensiv mit zeitgenössischen Quellen aus einer sich ausdifferenzierenden Physik im 17. und 18. Jahrhundert. Insbesondere greift Sprenger auf Beiträge in den Philosophical Transactions der Londoner Royal Society zurück, aber auch auf den instruktiven Briefwechsel zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Samuel Clarke aus den Jahren 1715/16. Dabei wird neben einem stellenweise minutiös ins Detail gehenden Faktenwissen immer wieder ein Interesse an medientheoretischer Reformulierung deutlich, wobei die naturwissenschaftlichen Begriffe von Kommunikation und Medien herausgeschält werden. Parallel zum Hauptstrang der Argumentation schlägt Sprenger zudem eine originelle Mediengeschichte des Kabels vor, das als „Medium der Medien“ (S. 477) durch die Verbindung zweier Punkte Adressierung erst ermöglicht, Zeit und Raum zugleich eröffnet und transformiert sowie durch seine häufig übersehene Materialität auf den Vorgang der Übertragung einwirkt. Aufschlussreich ist in diesem Kontext die anekdotische Bezugnahme auf das erste öffentliche Kabel (1833), das über eine Strecke von zwei Kilometern zwischen Sternwarte und Physikalischem Kabinett in Göttingen verlegt wurde und dessen räumlicher Status zunächst unklar blieb (vgl. S. 280). Die Aushandlungen zwischen Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber auf der einen, dem Magistrat der Stadt auf der anderen Seite geben ein Bild von einem Medium im Werden.

Weil Sprenger sehr überzeugend die Diskontinuitäten, Sackgassen, Brüche und Irrwege der nicht-teleologischen Wissensgeschichte der Elektrizität herausarbeitet, wird er zwar dem Gegenstand gerecht – der keine fixierte Bedeutung hat, sondern vielmehr als epistemisches Ding Transformationen in diversen Experimentalsystemen unterworfen ist –, aber er macht es dem Leser nicht leicht. Dieser fühlt sich gelegentlich wie die emsig-umtriebigen Zeitgenossen, die dem Rätsel der augenscheinlich instantanen Elektrizität auf die Spur zu kommen gedachten, sich dabei aber in den Fallstricken der Kausalität verhedderten, sodass allerhand Wundermittel wie Korpuskel, Effluvia, Äther und göttliche Eingriffe gegen den horror vacui einer unzumutbaren Fernwirkung ins Feld geführt werden mussten. Mit anderen Worten: Ein Gesamtbild will sich zu diesem Punkt der Lektüre noch nicht so recht einstellen. Dies mag historisch akkurat sein, ein wenig Mut zur Reduktion und Zusammenfassung hätte dem Kapitel aber ganz sicher nicht geschadet (zumal das Buch mit fast 500 Textseiten recht lang ausgefallen ist). In der Materialflut erschließt sich der Stellenwert einzelner Beispiele zuweilen nicht beim ersten Lesen, hier wären kommentierende Ergänzungen in Hinblick auf die übergreifende Argumentation hilfreich gewesen.

Verdienstvoll ist, dass Sprenger immer wieder betont, inwiefern aktuelle Medienbegriffe von der Genealogie der Elektrizitätsforschung zehren. Medien als Scheinbegründungen würden häufig dann ins Spiel gebracht, wenn ein vermittelndes Prinzip gebraucht wird, das selbst nicht weiter der Erklärung bedarf (vgl. S. 87). Wird ein zu erklärendes Phänomen auf ‚mediale Ursachen’ zurückgeführt, werden dadurch konkrete Vermittlungsprozesse eher verdeckt als expliziert. Auch Medienwissenschaftler zaubern also zuweilen, so die wissenschaftstheoretische Pointe.2 Diesem Verdacht setzt sich Sprengers Buch ganz sicher nicht aus, insofern als bei der Darstellung von Versuchsanordnungen auf physikalisches Fachwissen rekurriert und sichergestellt wird, dass keine Leerstellen der Erklärungen übrigbleiben.

Den Schluss des ersten Teils bildet das Kapitel „Spielplätze der Elektrizität“, in dem die Stabilisierung der Elektrizitätsforschung im Zuge ihrer zunehmenden Anwendbarkeit und Popularisierung zur Mitte des 18. Jahrhunderts geschildert wird. Die Ausbreitung von Elektrizitätsmetaphern schreibt ihre Faszinationsgeschichte über den engeren Bereich der Forschergemeinschaft hinaus fort (insbesondere in der deutschen Romantik) und bereitet den Boden für McLuhans Einheitsfantasien in den 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Mit der Anwendbarkeit ist bereits angesprochen, dass sich die Elektrizitätsforschung von der „Übertragung als Übertragung“ (S. 208) – gleichsam Medium ohne Botschaft – zusehends wandelt zur Telegraphie, womit der zweite Teil des Buches einsetzt. Diese Verschiebung ist keineswegs selbstverständlich, wie Sprenger nicht müde wird zu betonen. Das Medien-Werden (Joseph Vogl) der Telegraphie ist keine ungebrochene Erfolgsgeschichte (vgl. S. 212). Jetzt werden Nachrichten übermittelt, es geht um „Signalübertragungen, Taktung und Synchronisationsvorgänge“ (ebd.), aus dem physikalischen Kommunikationsbegriff wird ein auf den zwischenmenschlichen Austausch bezogener.

Die vermeintliche Gleichzeitigkeit der Übertragung wird in der Beobachtung der erforderlichen technischen Anordnungen als vereinbarte Rechtzeitigkeit erkennbar, sie ist Effekt von „Kulturtechniken der Synchronisation“ (S. 170). Engagiert wendet sich Sprenger gegen eine Medienhistoriographie, die in der Entwicklung der Medien eine „Narration des Begehrens“ (S. 215) am Werk sieht und sie neuplatonistisch vorrangig als „Agenten der Unmittelbarkeit“ (S. 216) beschreibt. Damit würden technische Kontingenzen, diskursive Konstellationen und Materialitäten der Kommunikation (vgl. S. 217) nicht hinreichend berücksichtigt. Fortgeschrieben würde lediglich das „Lob des Berührens, das in der Unmittelbarkeit nach Wahrheit und Präsenz sucht“ (S. 215), ungeachtet der Differenzen, die auf die Übertragung einwirken und von denen Ingenieure Kenntnis haben. Sprengers Kritik richtet sich neben den zeitgenössischen Begleitdiskursen u. a. auf die medienwissenschaftlichen Arbeiten Paul Virilios, Derrick de Kerckhoves und Joshua Meyrowitz’, aber auch auf deutschsprachige Beiträge jüngeren Datums von Frank Hartmann und Clara Völker.3

Mit den Unmittelbarkeiten ist es aus physikalischer Sicht endgültig vorbei, als Hans Christian Oersteds Entdeckung des Elektromagnetismus 1819/20 das Wissen um die Elektrizität und damit die Telegraphie revolutioniert. Fortan ist die Übertragung getaktet, d. h. auf unzweideutige Weise diskontinuierlich und zeitlich. Das 19. Jahrhundert erscheint rückblickend gar als „Jahrhundert des Takts“ (S. 303) und greift somit der elektronischen Datenverarbeitung voraus. Zudem bringt die Erfindung des Relais eine weitere Unterbrechung der Übertragung ins Spiel, die paradoxerweise zur „Entgrenzung des Kabels“ (S. 250) führt und neue Phantasmen nährt: Das Reichweitenproblem der Telegraphie ist gelöst, die allinkludierende Weltgemeinschaft greifbar nahe. Ganz ähnlich wie schon bei der Elektrizität bieten sich analogische Anschlüsse an: Die um die Welt gelegten Kabel entsprechen dem lebendigen menschlichen Nervensystem und sind dazu geeignet, eine „Einheitsmetaphysik“ (S. 321) zu tragen. Die Telegraphie stellt neue Welt- und Selbstbilder bereit.

Das den zweiten Teil abschließende Kapitel „Über Spannungen“ konkretisiert (auch metaphorisch) die eigentümliche Gleichzeitigkeit von präzisem physikalischem Wissen um die technischen Probleme der Übertragung – ihnen gesellen sich Georg Simon Ohms Widerstand als formalisierte Materialität des Leiters (vgl. S. 286) sowie Samuel Morses ökonomische Codierung hinzu – und den es begleitenden Phantasmen, die Instantanität deklarieren und sich zunehmend als autonomer diskursiver Strang konsolidieren. Während der ingenieurstechnische Alltag und die Forschung sich nunmehr fast ausschließlich mit Störung, Rauschen und Verzögerung befassen, persistiert die Unmittelbarkeit in der Außendarstellung und im öffentlichen Diskurs. Der Verdacht drängt sich auf, dass der eklatante Widerspruch kein Zufall sein kann, sondern vielmehr eine strategische Funktion innehat. Die behauptete Gleichzeitigkeit und Unmittelbarkeit der Übertragung stützt das ansonsten vor handfeste Probleme gestellte Projekt der telegraphischen Welterschließung (vgl. S. 297). Demnach lohnt es, die Phantasmen der Instantanität als kulturwissenschaftlichen Forschungsgegenstand sui generis ernst zu nehmen. Sie sind nicht bloß illusionärer Überbau, der sich mit seiner Entlarvung als Ideologie verflüchtigen würde, sondern verdienen gesonderte Beachtung, insbesondere von medienwissenschaftlicher Seite. Verschärfen wird sich die Brisanz dieses Befundes mit der Adaption durch McLuhan, die Thema des dritten Großkapitels ist.

Im letzten Drittel nimmt das Buch spürbar Fahrt auf, denn nun steht der epistemologische Einsatz der Medienwissenschaft auf dem Spiel und damit auch ihre gegenwärtige Verfassung. Nach den materialreichen Kapiteln zur Elektrizität und Telegraphie, die sich insbesondere auf zeitgenössische Fachdiskurse der Physik stützten, finden wir uns wieder auf dem vertrauten Terrain der hypertrophen Medientheorien, die von McLuhan geprägt wurden. Auch hier ist die Quellenarbeit hervorzuheben, wenn Sprenger Briefwechsel auswertet, um Aspekte des McLuhanschen Gedankenkosmos zu beleuchten, die bislang nur marginal verhandelt bzw. in der Exegese seiner Apologeten als unwesentlich befunden wurden. Insbesondere die Verflochtenheit von McLuhans Überlegungen mit den Diskursen der Physik und die damit verbundene Fortführung einer Genealogie der Elektrizität sind dabei erwähnenswert, aber auch der starke Einfluss von christlich-katholischen Denkfiguren auf sein Werk.

Ziel des Kapitels – und wohl auch von Sprengers Buch – ist die Historisierung und Dekonstruktion eines Denkens, das sich in seiner Blickwendung auf Medialität als ungemein produktiv für die Medienwissenschaft erwiesen hat, dennoch aber von einer Genealogie geprägt ist, die den Erkenntnisgewinn in der gleichen Geste wieder verspielt. „McLuhans Medientheorie wird geboren, weil sie in ihrem Inneren ihren Begriff tötet“ (S. 468) lautet die dekonstruktive Pointe der Analyse. McLuhan erkaufe die angemessene Fokussierung der Operationsweise von Medien mit Begriffen, die von der Instantanität der Elektrizität imprägniert sind. Dabei muss McLuhan die technische Faktizität der elektromagnetischen Implementierung ausblenden, um an die für ihn wichtigen Konzepte von Instantanität und Unmittelbarkeit zu gelangen, was seine Theorie zumindest aus medienwissenschaftlicher Sicht problematisch macht. Um die Wirkung von Medien beschreiben zu können, abstrahiere McLuhan gerade von deren materieller Beschaffenheit, während er umgekehrt der abendländischen Philosophie ihre Technikvergessenheit zum Vorwurf macht. Wenn man – wie McLuhan es konsequent unterlässt – „Verfahren der Herstellung von Rechtzeitigkeit“ (S. 417) wie Undulation, Induktion und Relais zur Kenntnis nimmt, käme es kaum in den Sinn, eine „electric nowness“4 zu behaupten. Die konkreten technischen Manifestationen interessieren McLuhan nicht, bzw. er unterschlägt sie zugunsten einer media theory, in der Medien für eine Idee simultaner globaler Verbundenheit einstehen.

„Ohne Elektrizität ist Medientheorie für McLuhan schlicht undenkbar“ (S. 339) konstatiert Sprenger und macht dies vor allem an drei miteinander verbundenen ‚methodischen’ Säulen fest: dem gestalttheoretischen Figur-Hintergrund-Schema, der Formursache (causa formalis) und einer thomistischen Theorie vom Gleichgewicht der Sinne. Diese Denkwerkzeuge McLuhans haben gemeinsam, dass sie von umfassenden Simultanitäten ausgehen, jeweils für sich Konfigurationen beschreiben und statt Kausalitäten einer pattern recognition bedürfen. Das Figur-Hintergrund-Schema, um an dieser Stelle einen der Aspekte herauszugreifen, erfordert eine Abkehr von klassischen Ursache-Wirkungs-Kausalitäten und geht von einer Gleichzeitigkeit von Figur und Hintergrund aus, wobei letzterer als blinder Fleck für die Wahrnehmung konstitutiv ist, aber nicht selbst in den Fokus treten kann (vgl. S. 379f.). Es dient McLuhan als Annäherung an die Funktionsweise von Medien und lässt sich argumentativ für seine Blickwendung produktiv machen – indem er die vernachlässigte Leistung des Hintergrunds hervortreten lässt. Epistemologisch möglich gemacht würde dieses Scharfstellen des Hintergrunds durch die Instantanität der elektrischen Medien selbst, die damit zur Erkenntnisbedingung ihrer eigenen Beschreibung werden. „Die Elektrizität führt, so ließe sich behaupten, ihre eigene Denkbarkeit mit sich. Anders formuliert: das zu Erklärende wird als Erklärung vorausgesetzt“ (S. 381). Kritisch mag man hier einwenden, dass sich die drei – laut Sprenger – für McLuhans Werk so zentralen Konstellationen nicht in der Struktur des Buchs wiederfinden, obwohl er ihre Bedeutsamkeit an mehreren Stellen hervorhebt. Hier wäre ein transparenterer Aufbau der Argumentation verständnisförderlich gewesen.

Intuitiv verarbeitet McLuhan in seinen Arbeiten die neuerliche Krise der Physik in der Mitte des 20. Jahrhunderts, die durch Relativitätstheorie und Quantenphysik hervorgerufen wird. Ganz ähnlich wie in der frühen Elektrizitätsforschung sieht man sich mit unverstandenen – da unanschaulichen – Phänomenen konfrontiert, die das „Dreigestirn aus Euklidik, Newtonianismus und aristotelischer Logik“ (S. 405) überfordern. Ein anderes Denken scheint vonnöten und hier kann McLuhan ansetzen – allerdings nicht mit der Entwicklung radikal neuer Ansätze, sondern im Zuge einer Abkehr vom Visuellen, die ältere Denkmodelle reaktiviert (vgl. S. 400).

Sprenger geht es nicht zuletzt darum, McLuhans Thesen als Symptome einer umfassenden Elektrifizierung zu lesen, die sich auf theoretischen Gehalt, politische und spirituelle Stoßrichtung sowie auf den Stil des Kanadiers auswirkt (vgl. S. 341). Insbesondere hebt er auf McLuhans eigenwilligen Katholizismus ab, der sich als Heilsgeschichte von Paradies, Sündenfall und Erlösung durch elektrische Medien paraphrasieren lässt (vgl. S. 356). Dabei würde eine verlorene Ganzheitlichkeit wiederhergestellt, die in einer „vor-alphabetischen und womöglich katholischen Stammeswelt“ (S. 355) akustisch-taktil garantiert wurde und lediglich durch den Primat von linearer Visualität im Gutenberg-Zeitalter aufgegeben werden musste. Diese Perspektive sei für ein Verständnis der media theory unerlässlich und in ihre Fundamente eingelassen, sodass sie noch zum heutigen Erbe der Medienwissenschaft zählt.5 Am Horizont steht stets – auch noch in den aktuellen Beschwörungen der sogenannten Netzgemeinde – die distanz- und differenzlose, dauerhaft gegenwärtige Gemeinschaft des global village, ein weltumspannendes Bewusstsein, das kein Außen kennt und gerade dadurch problematische Ausschlüsse produziert. Zwar sei das globale Dorf nicht notwendigerweise harmonisch, aber eine Einheit bleibt es dennoch (vgl. S. 428).

Aufschlussreich sind die Bezüge von McLuhans Denken zum quantenmechanischen Wissen der Physik, dem er das Konzept des resonating interval entnimmt. Sprenger beschreibt McLuhans Entlehnungen als Katholisierung der Quantenphysik (vgl. S. 448), weil er Kontinuität und Präsenz dort einsetzt, wo die Quantenmechanik zunächst entschlossen Paradoxa eröffnet. „Das resonating interval ist der Zauberstab in McLuhans Händen“ (S. 445). Einen amüsanten Ausblick eröffnet Sprenger, wenn er auf McLuhans Spätwerk Laws of Media zu sprechen kommt (vgl. S. 448-457). Dessen systematischer Größenwahn in Form alleserklärender Tetraden wird aktuell im Umfeld des spekulativen Realismus aufgegriffen und im Zuge der Suche nach neuen Kausalitätsmodellen weitergedacht, z. B. in Graham Harmans Konzept einer vicarious causation (vgl. S. 452-456).6 Dabei werden Unmittelbarkeitsfiguren als innere Aporien mitgeführt, die sich der nachgezeichneten Genealogie des McLuhanschen Denkens verdanken, aber kaum thematisiert werden.

Florian Sprengers Buch befasst sich mit einem spannenden Gegenstand in der Mitte des Fachs, was an sich schon eine Besonderheit darstellt. Seine Analysen sind treffend, engagiert und zuweilen unbequem. Allerdings luxuriert die Arbeit im ausgedehnten Mittelteil mit Detailuntersuchungen, die die überzeugende Gesamtargumentation manchmal verunklaren und nicht frei von Redundanzen sind. Die ausführliche Besprechung von Versuchsaufbauten und technischen Prinzipien ist theoretisch durchaus gerechtfertigt – schließlich geht es darum, Vermittlungsprozesse auf der Ebene der Technik selbst sichtbar zu machen –, doch damit gehen unweigerlich Darstellungsprobleme einher. Dessen ungeachtet sei eine unbedingte Lektüreempfehlung ausgesprochen, denn gerade die kritische McLuhan-Relektüre und ihre Konsequenzen für die akademische Institutionalisierung der Medienwissenschaft verdienen eine breitere Diskussion. So produktiv Unmittelbarkeit für kulturelle Selbstbeschreibungen und die Hervorbringung von Medien gewesen ist und weiterhin sein wird: Eine Medienwissenschaft, die ihren Gegenstand ernst nimmt, kann die damit verbundenen Aporien nicht unbefragt übernehmen.

April 2013

  • 1. Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy, Toronto (University of Toronto Press) 1962, S. 63.
  • 2. Auf die unliebsame Nähe von Medientheorien und Vorstellungen vom Äther als „theory of everything“ (S. 106) hat der Sammelband von Albert Kümmel-Schnur, Jens Schröter (Hg.), Äther. Ein Medium der Moderne, Bielefeld (Transcript) 2008 hingewiesen.
  • 3. Frank Hartmann, Globale Medienkultur. Technik, Geschichte, Theorien, Wien (Facultas) 2006 und Clara Völker, Mobile Medien. Zur Genealogie des Mobilfunks und zur Ideengeschichte von Virtualität, Bielefeld (Transcript) 2010.
  • 4. Marshall McLuhan, Barrington Nevitt, The argument. Causality in the Electric World, in: Technology and Culture, Heft 14, 1973, 1-18, hier: S. 2.
  • 5. Friedrich Kittlers „elektronisches Lutheranertum“, seine „urprotestantische Schriftfixierung“ (Geoffrey Winthrop-Young, Friedrich Kittler zur Einführung, Hamburg (Junius) 2005, S. 146), die insbesondere in seiner Ablehnung grafischer Benutzeroberflächen zum Ausdruck kommt, mag hier durchaus als Emanzipationsbewegung von diesem Erbe gelesen werden.
  • 6. Vgl. Graham Harman, Guerilla Metaphysics. Phenomenology and the Carpentry of Things, Chicago (Open Court) 2005.
letztes Update am 
12. Juni 2014

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Abfrage dient der Spam-Prävention: