Kirschenbaum, Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination

Kirschenbaum, Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination

Matthew Kirschenbaum, Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination, Cambridge, London (MIT Press) 2008

besprochen von:
Teilen 
 

Matthew Kirschenbaums Monographie Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination nimmt sich eines Mediums an, dessen Verschwinden mit der Verbreitung der Solid State Disc und der Cloud gerade eingesetzt hat: der Festplatte. An den Ausgangspunkt stellt Kirschenbaum die These, dass in den Diskursen zu neuen Medien die Auseinandersetzung mit der medialen Grundfunktion des Speicherns vernachlässigt werde. Speichern jedoch sei auch unter Bedingungen elektronischer Datenverarbeitung ein fundamental materieller Vorgang: „Electronic textuality is [...] locatable, even though we are not accustomed to thinking of it in physical terms.“ (S. 3)

Kirschenbaum ruft in Erinnerung, dass das ‘stored program’ einer von-Neumann-Maschine ein vom Prozessor logisch wie physikalisch getrenntes Speichermedium impliziert. Im Draft Report on the EDVAC ist vom „Einprägen“ (impress) der Daten in ein Trägermedium – Lochkarten, Magnetbänder, Film oder Steckfelder – die Rede.1 Festplatten sind gegenwärtig die Medien des Speicherns, was jedem Nutzer spätestens beim Ableben derselben schmerzhaft bewusst wird. Vor diesem Hintergrund entfaltet der Autor in Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination eine Diskussion der Materialität digitaler Medien, die sich als Alternative zu den bislang vorliegenden Arbeiten präsentiert. Hier nennt Kirschenbaum Medientheoretiker wie Friedrich Kittler, Lev Manovich, Bruno Latour, Timothy Lenoir, Katherine Hayles und Lisa Gitelman. Insbesondere die Schriften Kittlers bezeichnet er als eine zentrale Referenz, beurteilt aber dessen „idiosyncratic cosmologies and chronologies“ (S. 5) und vor allem auch die ‚Narration’ von der Universalität des digitalen Binärcodes als „deeply unsatisfying“ (S. 6). Beweisziel von Mechanisms sei es dagegen „the heterogeneity of digital data and embodied inscriptions“ aufzuzeigen (vgl. ebd.).

Gleichzeitig merkt Kirschenbaum an, dass die Aufmerksamkeit Kittlers wie anderer Medientheoretiker zwischenzeitlich den Materialitäten des Prozessierens, den Chips und Schaltkreisen gegolten habe, nicht jedoch der Festplatte und anderen Speichermedien, die die wahren Erben von Grammophon, Film und Typewriter seien. Eine Feststellung, die insgesamt für die deutschsprachige Medienwissenschaft zutreffend erscheint, welche in der vergangenen Dekade ihr Arsenal medienhistorischer Zugriffe auszudifferenzieren wusste, zu den zeitgenössischen medialen Entwicklungen und digitalen Speichern jedoch vergleichsweise wenig vorgelegt hat.

Ausgangspunkt des ersten Kapitels – „Every Contact Leaves a Trace“ (S. 25-71) – ist die Koinzidenz einer ersten Welle von Medientheorien, in denen die entmaterialisierte Virtualität elektronischer Medien häufig verabsolutiert wurde, mit militärischen Protokollen zum Umgang mit ausgemusterten Datenträgern in den frühen neunziger Jahren. Letztere gehen im Gegensatz zum akademischen Diskurs der Humanities von der Stabilität und Persistenz digitaler Daten aus. Von dieser Seite wurden darum drastische Maßnahmen auf der materiellen Ebene gefordert, um Daten zum Verschwinden zu bringen und so ihre Nichtverbreitung zu gewährleisten – vom mehrfachen Überschreiben des Datenträgers bis hin zu: ‚Destroy – disintegrate, incinerate, pulverize, shred, or smelt’ (S. 26).

Anstelle des Studiums von Speichermedien und ihrer in solchen Forderungen offenbaren Materialität sei jedoch in den Media Studies der Bildschirm verabsolutiert worden. „Screen Essentialism“ (S. 31) nennt Kirschenbaum mit Nick Monfort dieses Phänomen und referiert über ein dutzend Seiten die entsprechende Literatur aus den neunziger Jahren. Bei Autoren von Umberto Eco über Mark Poster und Jay David Bolter bis zu Arthur C. Clarke sieht Kirschenbaum dieselbe Figur der De-materialisierung des elektronischen Schreibens am Werk. Es handle sich hierbei nicht um eine „medial ontology itself“, sondern vielmehr um „the [...] emerging contours of a medial ideology“ (S. 43). Während Kirschenbaum Autoren der zweiten Welle amerikanischer Media Studies wie sie von N. Katherine Hayles, Lev Manovich und Alan Liu betrieben werden, differenziertere Positionen zugesteht, sieht er diese dennoch im Bann jener „medial ideology“. Seine Kritik fällt harsch aus: „many of the plain truths about the fundamental nature of electronic writing apparently [are] unknown at a simple factual level, or else overlooked or their significance [is] obscured.” (S. 45)

Anhand der Kritik dreier geläufiger Mythen dieser Ideologie – der Flüchtigkeit, der Austauschbarkeit und der Immaterialität digitaler Daten – führt Kirschenbaum seine materialistische Entzauberung der „medial ideology“ vor. Methodische Grundlagen bezieht der Autor aus den Textual Studies, die im deutschsprachigen Bereich wohl am ehesten der Bibliothekswissenschaft entsprechen, und den Computer Forensics – aus Feldern also, denen trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Verortung gemeinsam ist, die Materialitäten der Übertragung und Rekonstruktion von Text und Daten zu untersuchen. Vor allem aus den wissenschaftlichen Grundlagen der Computer Forensics sucht Kirschenbaum einen theoretisch und technisch rigorosen Begriff der Forensik zu entwickeln, der es erlauben soll, elektronische Texte als Artefakte, als Mechanismen, die materiellem und historischem Formenwandel unterworfen sind, aufzuschlüsseln. Vor diesem Hintergrund unterscheidet Kirschenbaum zwei Formen von Materialität: „forensic materiality“ und „formal materiality“. Forensische Materialität basiere auf dem „principle of individualization (basic to modern forensic sciences and criminology)” und somit auf der Idee, „that not two things in the physical world are ever exactly alike” (S. 10). Formale Materialität bezieht sich dagegen auf die symbolische Ebene von digitalen Objekten wie Standards, Prozeduren, Protokolle und Formate, die deren Gestalt, Beziehung und Möglichkeiten formieren. Der Nutzer erlebt diese Materialität insofern, als die digitalen Objekte ihre eigenen Zwänge mitbringen – ohne das Programm Word sind .doc-Dateien nicht zu öffnen. Formale Materialität ist also „the imposition of multiple relational computational states on a data set or digital object” (S. 12).

Das zweite Kapitel trägt den vielversprechenden Titel „Extreme Inscription: A Grammatology of the Hard Drive“ (S. 73-109). Der Begriff ‘extreme’ wird hier gewählt, weil magnetische Medien wie die Festplatte Grenzfälle für die Vorstellung dessen böten, was als Vorgang des Schreibens gelten könne (S. 74). Zum einen handle es sich dabei um mikroskopische Dimensionen, zum anderen interagierten die Nutzer mit Festplatten nur über Abstraktionen wie Icons oder Befehle wie ‚copy’ oder ‚save’.2 Zudem sind Festplatten abgeschlossene, gegen Einflüsse und Eingriffe von außen geschützte Black Boxes, die oft genug von den Nutzern nicht als vom Computer getrennte, eigenständige Entitäten wahrgenommen werden: „Digital inscription is a form of displacement. Its fundamental characteristic is to remove objects from the channel of direct human intervention.” (S. 86)

Seiner ‘Grammatologie’ der Festplatte stellt Kirschenbaum ein kurzes Referat der Geschichte von RAMAC (Random Access Method of Accounting and Control), der in den fünfziger Jahren in Labors von IBM entwickelten ersten Festplatte, voran. In einer Fußnote (S. 78, FN 11) argumentiert Kirschenbaum, dass, obwohl die Festplatte im Umfeld der Air Force entstanden war, diese keine militärische, sondern eine kommerzielle Genese habe. Sowohl von kommerzieller als auch von militärischer Seite habe Bedarf für die Re-Organisation von Arbeitsabläufen in Logistik und Buchhaltung bestanden. Der erste Kunde der RAMAC, die US Air Force, beabsichtigte, ihre auf 50.000 Lochkarten basierende Lagerverwaltung zu automatisieren. Logistik jedoch bedeute hochgradig irreguläre Zugriffsmuster, für die sequenziell arbeitende Speichermedien wie Magnetbänder oder Lochkartenstapel, intolerabel hohe Latenzen aufwiesen. Dem Random Access der Lagerbestände müsse somit ein Random Access ihrer Daten entsprechen. Gleichzeitig sollten die Daten persistent und nicht flüchtig sein. RAMAC wurde 1956 vorgestellt, wog eine Tonne und speicherte 5 MB. Der prinzipielle Aufbau entsprach bereits den heutigen Festplatten: rotierende Magnetscheiben, auf die von Schreib-Leseköpfen Datenspuren in konzentrischen Ringen mittels Polarisierung geschrieben bzw. ausgelesen werden sowie eine Kontrolllogik, die die Adressierung übernimmt, bilden eine abgeschlossene Einheit. Mittels eines Bussystems schließlich kommunizierte die Festplatte mit dem Daten verarbeitenden Prozessor.

Das ‘Database-Paradigm’, welches nach Lev Manovich neue Medien – und genereller: Interaktivität – charakterisiert, seien Effekt dieses nicht-volatilen Random-Access-Speichers (S. 77), der es erlaube, große Datenmengen der Kombinatorik von Prozessoren zuzuführen und die Ergebnisse dann dauerhaft bis zum nächsten Verarbeitungsereignis zu speichern.

Die Ergebnisse seiner Analyse der forensischen und formalen Materialität der Festplatte werden schließlich in einer Analyse des „Discourse Network 2007“ zu einer dezidierten Kritik an Kittler und dessen „mere rhetorical invocation of homogenous ones and zeroes“ (S. 106) zugespitzt. Es gäbe keine Homogenität des binären Codes und damit gälte auch: „Formally, there is no essential state of the discourse network.“ (S. 106) Vielmehr wurden die materiellen Bedingungen – unterschiedliche Hardware, Digital Analog-Schreibregimes usf. - vor allem aber eben die formalen Bedingungen – Eigentumsrechte, Versionierung, Proprietarität, Verschlüsselung etc., sprich: die sozialen und ökonomischen Materialitäten – die Gestalt der neuen Medien bestimmen.

In exemplarische Analysen der forensischen und formellen Materialität digitaler Objekte erörtert Kirschenbaum dann (ähnlich wie andere amerikanische Autoren auch) vor allem anhand von Objekten der Medienkunst Möglichkeiten und Grenzen theoretischer Instrumentarien. So liest er beispielsweise unter Zuhilfenahme eines Hexeditors die Diskette des Computerspiels ‘Mystery House’ von 1980 aus und legt so zum einen die physikalische Organisation der Daten auf der Diskette offen (Forensic Materiality); vor allem aber zeigt er, wie ihre logische Struktur in Wechselwirkung mit der Organisation der narrativen Spielstruktur (Formal Materiality) tritt. Beispielhaft wird hier vorgeführt, wie die Forensik eine produktive ‘defamiliarization’ des vorliegenden Mediums erlaubt. Die Langlebigkeit und Überlebensfähigkeit digitaler Daten wird durch eine Analyse von Michel Joyce’s Afternoons und William Gibson's Agrippa thematisiert.

Michael Joyce’s Erzählung Afternoon entstand zwischen 1987 und 1991 und gilt als erste vollständige Hypertextfiction. Kirschenbaum zeigt, inwiefern die unterschiedlichen physikalischen Trägermedien, Programmversionen und Betriebssystemerfordernisse Bestandteil dieses inzwischen kanonisierten Werks sind und somit für seine Erschließung und Archivierung ein wichtige Rolle spielen. Mit Blick auf die sich in den USA etablierenden Digital Humanities sucht Kirschenbaum hier zu zeigen, was die Analyse der formellen und forensischen Materialität für die Gewinnung eines „digitalen Kulturerbes“ zu leisten vermag: Zum einen ergeben sich Einblicke in die von Joyce in Afternoon bewusst vorgenommene Konstruktion von Instabilität und Flüchtigkeit des Hypertextes, zum anderen kommt die materielle Spur des soziotechnischen Umfeld in Sourcecode, Begleitmaterial usf. als formativ in den Blick. Laut Kirschenbaum kann es keine Werkgeschichte digitaler Artefakte ohne eine Versionsgeschichte geben, welche sich teilweise nur unter Zugriff auf obsolete („abandoned“, S. 210) Software und Tools aufschlüsseln lasse.

Agrippa dagegen ist der Titel eines Gedichts von William Gibson aus dem Jahr 1992 und wurde als Diskettenbeilage zum gleichnamigen Buch des Künstlers Dennis Asbaugh veröffentlicht. Die Diskette enthielt ein Programm, welches den Text nach einmaligem Gebrauch löschte. Dabei zeitigte diese Anordnung allerdings paradoxer Weise gerade den gegenteiligen Effekt: Eine Gruppe von Kunststudenten und Hackern filmte den Text bei der Präsentation des Buches, transkribierten ihn und veröffentlichten ihn im Internet, wo er bis heute jederzeit zugänglich ist. Agrippa verschwand also gerade nicht, sondern vervielfältigte sich im Web und erlangte damit eine besondere Stabilität und Persistenz. Hier zeigt Kirschenbaum, dass mit dem Internet der Erhalt eines digitalen Artefakts mit einem Wort von Mercedes Bunz der Übergang vom Speichern zum Übertragen3 ist: „No model of digital inscription that rests upon the new medium’s supposedly radically unstable ontology can be taken seriously so long as innumerable copies of this particular text remain only a search query away. [...] digital information can best ensure its own longevity through its unprecedented capacity of proliferation.“ (S. 240)

Zusammenfassung und Kritik

Die von Kirschenbaum vorgeschlagene Unterscheidung zwischen ‘formeller’ und ‘forensischer’ Materialität stellt einen originellen Beitrag zur medienwissenschaftlichen Debatte dar. Mit diesem begrifflichen Vokabular lassen sich Formation und Effekt der Computerhardware einerseits, aber auch die Dinghaftigkeit von Software in ihrem Werden und Wirken andererseits untersuchen. Insbesondere wird die teilweise gezielte, teilweise akzidentielle Härtung von Software zu objekthaften Artefakten in der Analyse der formellen Forensik als solche sichtbar. Bereits Lawrence Lessig hatte in Code is Law,4 in einer makroskopischen Perspektive soziale Ursachen und Folgen der mit Codes verbundenen Implementierungsentscheidungen aufzuzeigen versucht; Kirschenbaums forensisches Instrumentarium ermöglicht es darüber hinaus die Mikroebenen in den Blick zu bekommen.

Jenseits dieses bedenkenswerten methodologischen Beitrags sowie des dabei aufgearbeiteten Materials zur Genealogie der Festplatte und digitaler Speichermedien bleibt jedoch die theoretische Diskussion hinter den vom Autor geschürten Erwartungen zurück. Kirschenbaums Gebrauch des Begriffs ‘Grammatologie’ stellt sich weder Derridas Reflexion des Paradoxes, in der Schrift über Schrift Wissenschaft betreiben zu wollen, noch werden die spezifischen Bedingungen digitalen Schreibens auf Magnetträgern in dieser Hinsicht befragt. Stattdessen wird Grammatalogie als eine Lesbarmachung verstanden, wie überhaupt die Lesbarkeit zentralen Stellenwert in Kirschenbaums Projekt hat. Lesen heißt für ihn: „cultivating a thick textuality as potential model of critical practice; a model encompassing both screen-level text and machine-level instructions” (S. 115); damit möchte er andere anregen „to undertake similar walkthroughs or forensically replete readings of new media objects” (S. 115).

Mit dieser Definition der Grammatologie sucht Kirschenbaum Gegenstände der Lesbarkeit zuzuführen, die bislang entweder als unwichtig oder unlesbar galten. Die im Buchtitel angeführte ‘Forensic Imagination‘ firmiert in diesem Bemühen als maximalisierte Form der Lesbarkeit. Gekennzeichnet durch extreme Aufmerksamkeit für Details bis in mikroskopische Dimensionen, durch akribische Dokumentation, und nicht zuletzt durch Anbindung an juristische Diskurse der Wahrheitsfindung, erscheint Forensik als eine besonders unbestechliche Form des Lesens. Mittels Forensik bekommt jedes Ereignis seine Signatur: „the recovery of the past through objects or relics – or inscriptions – […] by which we construct legible records of what happened on the other side of a present singularity […]” (S. 252). Als solche sei Forensik „a signature (sic! C.E.) discourse network of modernity at the juncture of instrumentation, inscription, and identification” (S. 250).

Es ist nicht Gegenstand von Mechanisms und möglicherweise nicht das Erkenntnisinteresse eines Medienwissenschaftlers, der in einem English-Department ausgebildet wurde, eine theoretische Debatte über das Problem ‘Staatlichkeit’ zu führen. Forensik ist allerdings ein Feld, in dem sich Medien und Staatlichkeit überschneiden und wechselseitig formieren. Man könnte dieses Argument weitertreiben und fragen, ob Kirschenbaum mit seiner ‘Forensic Imagination’ nicht selbst einen gouvernemedialen5 Blick einfordert, dessen Imaginationen immer schon auf Nachvollziehbarkeit und Referenzialisierung durch einen Dritten, durch Staatlichkeit, gerichtet sind. Gegen die in Medientheorien immer wieder behauptete Unstetigkeit des Symbolischen digitaler Medien führt Kirschenbaum mit der Forensik einen Begriff an, der nicht zuletzt verspricht, in einer behaupteten Neutralität und Stetigkeit von Staatlichkeit zu ankern. Hier stünde es an, das emergierende Feld der Computer-Forensics, das Kirschenbaum selbst unbedarft in einer auf Lombroso, Bertillon und den Begründer der modernen Kriminalforensik Edmond Locard verweisenden Tradition verortet, einer genealogischen Untersuchung zu unterziehen und es in der Geschichte staatlicher Macht zu situieren.

Ebenso bleibt Kirschenbaums Verhältnis zu gängigen Medientheorien und ihrem post-strukturalistischem Erbe bei all seiner emphatischen Kritik irritierend. So insistiert er auf der Heterogenität seines Gegenstandes und der Notwendigkeit, die spezifischen historischen Konstruktionsbedingungen sowohl der forensischen als auch der formalen Materialität zu rekonstruieren, was sich wie ein Forderungskatalog post-strukturalistischer Forschungsprogramme liest. Zudem schreibt Kirschenbaum selbst: „If I had to choose one word to describe what computer forensics bring to the theoretical discourse on electronic textuality, that word would be ‘difference’.“ (S. 158)

Was aber ist ‘Differenz’ in Kirschenbaums ‘Extreme Grammtology’? Differenz ist ihm die „idea that no two things in the physical world are ever exactly alike” (S. 10). Vor diesem Hintergrund antwortet er auf die These von der Universalität digitaler Medien: „in this book I have been working to discover the heterogeneity of digital inscription to the furthest extend possible – indeed to the nanoscale, where, with the aid of a magnetic force microscope individual bits take their own weight and heft (like snowflakes, no two are ever quite alike).” (S. 106) Ob ein solches ‘materialistisches’ Verständnis von Differenz, von Grammatologie und von digitalen Medien jenseits der von Kirschenbaum überzeugend der Naivität überführten „medial ideologies“ postmoderner Medientheorien der neunziger Jahre dem Problembewusstsein und Reflexionsniveau von ihm kritisierter Autoren wie Derrida und Kittler entspricht, mag dahingestellt bleiben.

Schließlich ist mit Blick auf die im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren erfolgte Debatte anzumerken, dass hier Archive und insbesondere Register in ihren historischen Genealogien ausführlich untersucht worden sind. Beide Begriffe kommen bei Kirschenbaum nicht vor, wären jedoch sowohl für eine genealogische Perspektivierung, als auch Analyse der Effekte von nicht-volatilen Random-Access Magnetspeichermedien fruchtbar zu machen. Insgesamt hinterlässt Mechanisms einen ähnlichen Eindruck wie Alexander Galloways inzwischen klassische Studie Protocol – How Control Exists after Decentralisation. Der Autor nimmt sich eines zentralen Aspekts an, der in der medienwissenschaftlichen Debatte bislang undiskutiert geblieben ist, führt überzeugend die Notwendigkeit der Auseinandersetzung anhand verblüffenden Materials und evokativer Thesen vor, arbeitet dann aber die theoretischen Implikationen wenig überzeugend aus. Gegenüber Galloways Buch bietet Kirschenbaum einen deutlich solideren und stringenteren Zugang. Kirschenbaum identifiziert im Hinblick auf die Medien des Speicherns eine eklatant klaffende Forschungslücke, exploriert diese und resümiert gleichzeitig die medienwissenschaftliche Debatten der vergangenen zwanzig Jahre, um sie dann anhand seiner Analyse der digitalen Speichermedien in informativer Weise einer fundamentalen Kritik zu unterziehen. Hier dürften insbesondere die ersten beiden Kapitel des Buches mit den Begriffen ‘forensische’ und ‘formelle Materialität’ schnell zu Grundlagentexten in der medienwissenschaftlichen Ausbildung werden. Unbefriedigend bleibt dagegen die eklatante Differenz zwischen dem Selbstbewusstsein und theoretischen Anspruch des Autors, der zwar Mängel anderer Theorien aufzuzeigen vermag, selbst jedoch zu sehr im Partikularen verbleibt und keine zwingenden Synthesen vorlegen kann. Gleichwohl bietet Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination reichlich Material und Anknüpfungspunkte für weitere Debatten und es wäre wünschenswert, dass dem Buch eine gute Übersetzung in die deutsche Sprache zuteil wird.

März 2010

  • 1. John von Neumann, “First Draft of a Report on the EDVAC,” 1945, 1.
  • 2. Die naheliegende Aufschlüsselung dieser Befehle mittels ‘Formal Forensics’ unternimmt der Autor leider nicht.
  • 3. Mercedes Bunz, Vom Speicher zum Verteiler. Die Geschichte des Internet, Berlin (Kulturverlag Kadmos) 2008).
  • 4. Lawrence Lessig, Code and Other Laws of Cyberspace, New York (Basic Books) 1999.
  • 5. Vgl. Christoph Engemann, Der Wille ein Selbst zu Schreiben. Die Gouvernemedialität der digitalen Identität, 2010 (in Vorbereitung).
letztes Update am 
12. Juni 2014

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Abfrage dient der Spam-Prävention: