Integration ist die Berechnung von Integralen. Der Burkini

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Es ist Anfang September und der Sommer zeigt sich nochmal in Hochform. Hier in Berlin hat die Schule wieder angefangen – trotzdem ist das Freibad heute, an einem Donnerstag, später Vormittag, ziemlich voll mit dem Hauptpersonal dieses Soziotops: Kinder und Jugendliche, samt Betreuungsschlüssel (Eltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen). Dazu Schwimmrentner*innen. Und Berufsjugendlichen, wie mir. Wir alle schwanken in unserer Badekleidungsselbstsicherheit, als stünden wir auf dem Sprungturm: zwischen sich fallen lassen und den Blicken preisgegeben. Ich trage meinen Karstadt-Bikini: pink mit schwarzen Flamingos drauf. Dazu die neue Schwimmbrille, die soviel Blickfeld zulässt, dass DIESMAL dem Kraulen erlernen nichts im Weg stehen sollte (das Projekt betreibe ich jetzt seit gut 20 Jahren, als Deadline habe ich mir meinen 80ten gesetzt, aber das nur nebenbei).

Ob der Bikini passt? Hm, gute Frage, er erfüllt zumindest die Anforderungen, die zur Hochsaison immer wieder durch den Lautsprecher gebratzt werden: Ins Wasser darf nur, wer ordentliche Badebekleidung trägt: Badeanzug, Bikini, Burkini, Badeshorts nicht länger als bis zu den Knien. Hauptansage: keine Straßenbekleidung. Aber ebenso kreativ wie in Berlin der Begriff der Straßenbekleidung ausgelegt wird – also: Hauptsache irgendwas an – geht das in meinem Lieblingsfreibad, dem Neuköllner Columbiabad, auch hinsichtlich der Badebekleidung. Die Variante ‹lässige Basketballshorts über Badeanzügen›, die beliebteste Combo für Teenager*innen (ich wünschte, das hätte es zu meinen Pubertätsjahren schon gegeben, im hinteren Schwäbischen Alb-Vorland) wird mit der aktuellen Mode der Brüstungsbikinioberteile neu variiert. Die Jungs tragen zwei Shorts übereinander, ich weiß nicht, ob das vor allem Substanz vortäuschen oder eine Art doppelter Zwickel für Männer sein soll. Laut Bademeister geht um die Ausstellung der Schlüppergummibandbeschriftung: Tommy Hilfiger und so. Ich überlege, ob ich nicht auch so ein Carmen meets Oktoberfestoberteil meets Häkelgardine Oberteil tragen könnte. Aber wie gesagt, Berlin, Berufsjugendliche – Stilfragen haben hier noch den Freiraum, den die Stadtplanungs- und Wohnungspolitik schon längst abgeschafft hat. In Unterhose, wie im Badeschiff an der Arena, wo verstrahlte Hipster zwischen Club und Clubmate ihre S-Kurven-Körper abkühlen (oder auch mal in die Spree springen, igitt), schwimmt hier tatsächlich niemand.

Dafür: im Burkini. Vor ein paar Jahren war noch Kreativität erforderlich: Burkinis gab es nur wenige zu kaufen, also mussten Leggins und andere Elasthan-Sportkleidung herhalten. Ging auch, zumindest kann ich mich an keinen Eklat erinnern (nicht wie hier, aber da ging es der betroffenen Frau wie den Basketballshortsträgerinnen in Berlin nicht um eine Glaubensfrage, sondern einfach um den Bedarf nach mehr Stoff. Der Polizeieinsatz belegt wiederum das Argument, das ich hier versuche aufzufächern. Also weiter im Text). Mag auch daran liegen, dass das hiesige Personal zwar in Einheitsklamotten steckt (Bademeister*innen wie das Cool am Pool Team tragen Uniformen), aber die einzigen Astralkörper stehen vor dem Bad: die Türsteher, die mich immer mal so reizend nach meinen mitgebrachten Waffen fragen (die wissen schon, wie einer biodeutschen Bildungsbürgerin zu schmeicheln ist) und deren Hauptaufgabe es ist, Glasflaschen auszusortieren und Ferienpässe abzustempeln und den zahlreichen hitzeinduzierten Krisen Erste Hilfe zu leisten (heulende Kinder, verlorene Ausweise, Gerüchtekontrolle in der Warteschlange, Informationsweitergabe zu Schließzeiten).

Jetzt ist der Burkini – der Fachbegriff lautet «Integralbadeanzug» – nicht nur im Einzel- und Fachhandel, sondern in Frankreich gleich auch auf dem Index gelandet: vom Badekleid zum Terrormaterial und zum Unterdrückungsinstrument. Und auch von Niedertraubling über Alfeld bis nach Wien erhitzen sich die Gemüter: Hygiene? Zulässig? Verboten? Erlaubt?

Wo ließe sich nun besser darüber nachdenken als im «berüchtigsten Freibad Deutschlands», wie das Magazin der Süddeutschen 2014 in Heft 37 über das Neuköllner Columbiabad zu berichten wusste: «Land Unter» und «Nass und Gewalt» lauteten der Hefttitel und die Artikelüberschrift. Seit Jahren gehe ich dorthin jeden Sommer regelmäßig schwimmen (langfristiges Ziel, s.o.: Kraulen lernen). Über meinem Lieblingsfreibad spannt sich der Himmel so schön weit wie nebenan auf dem Tempelhofer Flughafenfeld. Und ich komme hin, indem ich durch einen idyllischen Park radele (der Hasenheide, auch so ein bekannt gefährliches Pflaster, das lässt sich die B.Z. auch nicht von der Polizei ausreden).

Es ist mittlerweile 12.10h und ich zähle im Wasser dümpelnd vier Burkinis im vollen Bad, Mädchen im Teenageralter und erwachsene Frauen; wahrscheinlich sind es mehr, ich mag aber nicht aus dem Wasser und das weitläufige Gelände ablaufen und übe mich stattdessen lieber in Seitenatmung. Die Bademeister pfeifen die Beckenrandspringer zurück. Die Kinder zählen ihr Geld, ob’s doch noch für Pommes reicht. Die Wasserrutsche ist in Betrieb, und am Sprungturm stehen die Wagemutigen Schlange.

Ich erinnere mich an letztes Jahr, an den vom RBB selbst fabrizierten Skandal, gleich nach der sogenannten Massenschlägerei. Den Unternehmenssprecher der Berliner Bäder, Mathias Oloew, wollte ich für sein Interview und die Richtigstellung eigentlich einen überschwänglichen Dankesbrief schreiben. Eine Freundin, die damals mit ihrem Sohn im Bad war, hatte von den anwesenden Polizisten auch nur zu hören bekommen, dass nichts strafrechtlich Relevantes vorgefallen sei. Der RBB musste seinen fabrizierten Beitrag dann auch aus dem Netz nehmen (aber auf der Seite der Berliner Morgenpost findet sich dieser Artikel bis heute). Die Gerüchte über das Bad halten sich hartnäckig, wie Oloew im Juli erst wieder bestätigen musste. Kein Sommerloch ohne Columbiabad – da sind wir uns einig, die anderen Badegäste und ich und die Autor*innen der Skandalartikel.

Aber zurück zum Burkini, der von den Berliner Bädern eher pragmatisch gehandhabt wird: Musliminnen sind ja auch nicht die Mehrzahl der «falsch gekleideten» Schwimmer*innen.

Ich sollte endlich zum Ausgangspunkt der Debatte kommen. In Cannes, der Stadt, in der «Männer ihre Filme zeigen und Frauen ihre Brüste», wurde Ende Juli diesen Jahres entschieden, dass das Tragen des Burkinis auf Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweise, «die gegen uns Krieg führen». Die guten Sitten und die Laizität seien zu achten – passt ja auch gut zur Selbstverpflichtung zur Wahrung cinéastischer Qualitätsansprüche in dieser Stadt der Projektionen. Vermutlich sind die Verbotsverfasser tatsächlich zur Vorbereitung im Kino gewesen, wo sie allesamt an einem der berühmten Bildungsscreenings von Gillo Pontecorvos Schlacht um Algier [La Battaglia di Algeri] von 1966 teilgenommen haben: Das Pentagon hat in den 2000er Jahren während des Irak-Krieges mit dem Film hohe Offiziere über Guerillakampfstrategien aufklären wollen.[1] Diese seltsame Dopplung und Exponierung des Realitätsgehalts des Films – er basiert auf historischen Ereignissen aus der Anfangszeit des Algerienkriegs, die Pontecorvo detailliert recherchiert hatte, und wurde u.a. mit Laien, also den sogenannten Realitätsprofis, gedreht – mag amüsieren. Aber das Pentagon lag gar nicht so falsch[2]: «Es ist ein Film nicht nur über die Schrecken des Krieges, sondern über den Schrecken, einen Krieg gegen einen Feind zu führen, den man nicht genau bestimmen kann.»[3] Im Film wird auch gezeigt, wie das Kopftuch zur Waffe wird, wie Frantz Fanon in 1966 in seinem Buch Sociologie d’une révolution (auf Deutsch 1969 etwas kleiner gemacht zu Aspekte der algerischen Revolution[4]) im Auftaktkapitel «Algerien legt den Schleier ab» beschreibt. Darin hält Fanon zunächst fest, dass der Schleier dasjenige Merkmal ist, das für den Touristen und den Ausländer die algerische Gesellschaft als Ganzes «und darin ihren weiblichen Teil» umgrenzt[5]: «Mit dem Schleier klären und ordnen sich die Dinge». Und: der Schleier wird «zur Waffe in einer großen Schlacht»[6]: Er wird zu jenem Einsatz, mit dem die französische Kolonialmacht versucht, die Gesellschaft als Ganzes zu transformieren. Sie wählen dazu den Zugang über die Frau, sie wird «zum Leitmotiv der Aktion gewählt.»[7]

Aber der Schleier wird auch zum Kampf gegen den Kolonialherren. «Der Schleier, abgetan und dann wieder angelegt, ist funktionalisiert, ist umgewandelt in ein Instrument der Tarnung, in ein Kampfmittel», wie Fanon schrieb.[8] Unter dem Schleier lassen sich Waffen verbergen, und Identitäten (auch geschlechtliche), ohne den Schleier lässt sich wiederum die vermeintliche terroristische Sichtbarkeit verbergen, wie die berühmte Sequenz der entschleierten und umfrisierten (und blondierten) Bombenlegerinnen in Pontecorvos Film vor Augen führt.

Ob die Algerierin nun verschleiert ist oder entschleiert: Die Militanz ihres Handelns lässt sich gerade nicht an der Wahl ihrer Kleidung festmachen, sie bleibt situativ und damit visuell eben nicht fassbar. Zumal Fanon in einer Fußnote deutlich macht, dass die entschleierte Algerierin sich doppelt der Überwachung entzieht: «Entschleierte Algerierinnen nehmen in erstaunlich kurzer Zeit und mit einer ungeahnten Leichtigkeit ein westliches Aussehen an.»[9]

Die Verbotsaussprecher von Cannes haben also doch nicht richtig hingesehen bei Pontecorvo. Aber das Pentagon auch nicht.

Wie ja auch schon bei Fanon nachzuvollziehen ist: Der Schleier ist nicht die Sache selbst – denn er entzieht sich beständig; es geht um den Akt des Zugriffs: Die Vorschrift zur Enthüllung steht für die Herstellung einer bestimmten Sichtbarkeit. Genauer: Was das Verbot/Gebot erzeugt, ist das visuelle Spektakel der Unterwerfung.

Die Burkinibadenden zu Terrorist*innen zu machen, ist jener Akt, einen Feind erst hervorzubringen, einen Feind, der, wie Vinzenz Hediger zu den Folterbildern von Abu Ghraib schreibt, zugleich okkasionell und absolut ist.[10]

Daher hilft die Geste der historischen und komparativen Relativierung natürlich auch nicht gegen die erfolgte Sichtbarmachung, wie das vom Florentiner Imam Izzedine Elzir auf Facebook hochgeladene Bild von badenden Nonnen; sie ist eher repräsentativ für eine bestimmte bilderpolitische Form der Verhandlung in den sozialen Medien, wie in der visuelle Verballhornung zu «Motorkinis» oder den Vergleichen zwischen Neoprenanzügen (Wetsuits) und Burkinis, die beide die eingeschriebene Geschlechterdifferenz thematisieren.

Teil dieser Aufklärungskampagne sind auch die zahlreichen Interviews mit und Berichte über die Erfinderin des Burkinis, Aheda Zanetti, die im Guardian auch selbst die Geschichte ihrer Erfindung dargelegt hat («it was to give women freedom, not to take it away»). Freiheitsrechte also, die auch das Oberste Verwaltungsgericht in Frankreich Ende August durch das Burkiniverbot beschnitten sah. Zanetti berichtet auch davon, dass nicht nur Musliminnen zu den Käuferinnen des Burkinis zählen, sondern beispielsweise auch Hautkrebspatientinnen (Australien liegt direkt unter dem Ozonloch und kämpft mit hohen Krebsraten). Der Burkini selbst ist also eher eine Sache des Marktes, wie auch die Firmenpolitik von Arena belegt, die gerade den ersten Serien-Burkini entwickelt und das Thema unter individuelle Wünsche verschiedener Länder verbucht: «In Brasilien müssten ‹Badehosen an der Seite mindestens 15 Zentimeter hoch sein›, Schwimmanzüge in den USA gefüttert sein, ‹damit sich nichts abzeichnet›, und in Deutschland brummt das Geschäft mit Kunstfasern, die Speckröllchen wegzaubern.»

Der Zusammenhang zwischen Körperpolitik und Krieg (Burkini-Trägerinnen sollen sich ja einem Terrorismus zugehörig zeigen, der «Krieg gegen uns führt») bleibt dennoch virulent. Wie die Diskussion um Facebooks Zensur eines Postings des Journalisten Tom Egeland vor Augen führt. Egeland hatte Bilder zusammengestellt, die entscheidenden Einfluss auf veränderte Kriegsführung gehabt haben. Darunter das berühmte Bild des Pressefotografen Nick Ut von Kim Phuc, die 1972 weinend – und nackt – vor einem Brandbomben-Angriff der US-Truppen während des Vietnamkriegs flüchtete. Facebook sperrte Egeland, und Espen Egil Hansen, der Chefredakteur der norwegischen Aftenposten (die damals die sogenannten Mohammed-Karikaturen wieder abgedruckt hatte), schrieb einen wütenden Brandbrief an Mark Zuckerberg (siehe die SZ oder netzpolitik.org).

Wenn die gängige Social Media-Logik bilderpolitischer Aushandlung funktioniert, dann könnte ich hier einfach festhalten: Facebook ist auch nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Die Plattform ist nämlich gegen Nacktheit des weiblichen Körpers (in der Tat: Weibliche Brustwarzen werden konsequent geahndet, rassistische Postings eher weniger). Und offensichtlich auch gegen die Sichtbarmachung westlicher Kriegsverbrechen. Dass die Sache jedoch wiederum komplizierter ist, als Aftenposten und der folgende Shitstorm wahrhaben wollen, unterläuft auch meine polemische Zuspitzung:

Anders als Hansen meint, säubert eben nicht Zuckerberg persönlich das Gesichtsbuch, sondern eine ganze Armee von Billiglöhner*innen auf den Philippinen, deren Sensibilität durch Kolonisierung und christliche Missionierung des Landes passend trainiert wurde. Was die Social Media-Putzkolonne produziert, ist eben gerade nicht die Verfehlung irgendwelcher westlicher Werte (der Pressefreiheit beispielsweise, oder der Nacktheit des weiblichen Körpers), sondern sie steht für die Macht des Westens (oder des globalen Nordens), sich die Entscheidungsgewalt vorzubehalten: Worum gekämpft wird, auch am Strand, und perspektivisch auch im Columbiabad, ist nicht die Fähigkeit zur Unterscheidung, sondern um die Macht, die Gewalt darüber zu behalten. Darum, wörtlich Recht zu haben, statt das universelle Gleichheitsversprechen des Rechts einzulösen.

 

BILD von: Landahlauts, 21.8.2014, Taya Hatun, Istanbul
Hier tolle Fotos von australischen Rettungsschwimmerinnen im Burkini (ohne CC-Lizenz): agencevu.com


[1] Vinzenz Hediger, Der unfassbare Feind. Gillo Pontecorvos Battaglia die Algeri und die Doktrin der asymmetrischen Kriegsführung, in: Jochen Schuff, Martin Seel (Hg.), Terror  und Krieg im 21. Jahrhundert. Erzählungen und Gegenerzählungen, Frankfurt/M. (Campus) 2016, 241-274.

[2] Der Film wurde auch von lateinamerikanischen Regimes in den 1970ern als «Lehrmaterial» verwendet, hier allerdings, so die Recherche der Journalistin und Regisseurin Marie-Monique Robin, um in Foltermethoden zu unterweisen.

[3] Hediger, 242.

[4] Frantz Fanon, Aspekte der Algerischen Revolution, übers. v. Peter-Anton von Arnim, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1969.

[5] Fanon, 19.

[6] Fanon, 21.

[7] Fanon, 22.

[8] Fanon, 41.

[9] Fanon, 28, Anm. 5.

[10] Hediger. 271f.

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