"Instagram racism"? Die neue alte Shirley Card

Shirley Card

Rassistische Algorithmen?

Ein «europider Hautton» wurde in der Frühzeit der Filmtechnik als Standard gesetzt, um durch Belichtung, Schminke und die Chemie auf dem Zelluloid eine kontrastreiche Darstellung weißer SchauspielerInnen zu gewährleisten (vgl. «Instagram-Racism»). In den 1940er und 1950er Jahren kalibierte man Fotokameras und -printer nach der Shirley Card, benannt nach deren weißem Modell. Auch der Farbfilm folgte im wesentlichen diesen Standards (so dass Godard sich schlichtweg weiterte, Material von Kodak zu benutzen, als er 1977 in Mosamik drehte: Kodak sei «rassistisch». Kodak entwickelte allerdings in den 70ern «multiracial norm reference cards», vgl. NPR). Digitaltechnik, so sollte man meinen, macht Schluss mit diesen Voreinstellungen, da nun alle Lichtsituationen sofort angepasst werden können, kein Zelluloid mehr Vorgaben macht und Geräte notfalls indivduell kalibriert werden können. Steve McQueen, Regisseur von «12 Years A Slave» erinnerte sich daran, dass Sidney Poitier in «The Heat of the Night» 1967 noch der Schweiß viel stärker über das Gesicht lief als seinen weißen Kollegen, die doch die gleiche Szene mit ihm teilten: Es war immer noch nötig, zusätzliche Schweinwerfer auf ihn zu richten, um sein Gesicht detailreich aufnehmen zu können. Filmkameras scheinen sich nur langsam darauf einstellen zu können, dass ein Jahrhundert nach Griffiths «Birth of a Nation» Schwarze in Filmen auftreten (und mit Viola Davis im September 2015 die erste schwarze Hauptdarstellerin einen Emmy Award in der Sektion Drama gewinnt). Manche elektronischen Seifenspender reagieren nur auf weiße Hände.

Im Sommer 2015 geht es nun nicht mehr nur um Filmkameras oder das Photoshopping von Printmagazinen, sondern um die Filter, die in sozialen Netzwerken beim Foto-Upload voreingestellt sind: "Filter is the new bleach" – auch ohne das Zutun der FotografInnen werden deren Hauttöne aufgehellt. «The Quiet Racism of Instagram Filters» titelte etwa Morgan Jenkins auf Racked.com. Wie auf allen entsprechenden Seiten sind auch hier, unkomentiert, die Beispielfotos sämtlich solche von schwarzen und weißen Frauen, nach wie vor offensichtlich den Prototypen für Fotoobjekte. Die Frage, ob man das Abschaffen solcher Filter fordern sollte, verkompliziert sich allerdings durch diverse Verstrickungen, seien sie intentional oder nicht:

«According to Georgia Tech and Yahoo! Labs researchers, filtered photos are 21% more likely to be viewed than unfiltered photos, and 45% more likely to receive comments.» (bezogen auf Flickr-user, Mai 2015).

Die prosumers von Bildern sind nach jahrhundertealten Darstellungskonventionen für helle und dunkle Menschen und nach über einem Jahrhundert der Fortsetzung dieser Stereotype ins technische Zeitalter Kollaborateure in den entsprechenden Praktiken. Kein Grund, nicht am de-learning zu arbeiten.

letztes Update am 
29. Juni 2016

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