Federn lassen. Aktuelles zur Appropriation

Federn lassen

Appropriation: irgendetwas zwischen Diebstahl und Anverwandlung, im deutschen «Aneignung» eher ersterem zugeneigt, ist schon seit Jahrzehnten ein Thema, als Appropriation art in den 1980er Jahren strategisches Element der Infragestellung von Geniekulten, oder Anfang der 2000er Jahre globalisierte Angriffsfläche indigener AktivistInnen. Wie Michael F. Brown berichtete, klagten etwa australische Aborigines gegen die Verwendung des Känguruhs in einem nationalen und einem kommerziellen Logo, denn es unterliege ihrem geistigen Eigentum, ihrer cultural property (Who Owns Native Culture?, 2003). Warum häufen sich nun in letzter Zeit wieder Klagen und Prozesse um cultural appropriation?

Victoria Secret's Fashion Show dekorierte Unterwäschemodels mit indianischem Federschmuck; Urban Outfitters verkaufte Navajo Traumfänger; nach Kritik am rassistischen Umgang mit ‹Indianerschmuck› im Musikvideo des französischen House DJs David Guetta verboten verschiedene Musikfestivals den Verkauf und das Tragen von Federschmuck. Der Ausdruck «racial identity theft» war nur noch nicht bei GNTMs Heidi Klum angekommen, als sie 2014 Fotos ‹ihrer› Models in ‹Indianertracht›, mit «Kriegsbemalung» auf viel nackter Haut auf ihre Facebookseite stellte (vgl. Heidi Klum & Her Redface Problem), woraufhin Pro7 sich distanzierte. Pharrell Williams trug auf einem Elle-Cover 2014 einen Federschmuck, wurde heftig kritisiert und entschuldigte sich wortreich, Lena Dunham trug cornrows (einen afroamerikanischen hairstyle), Katy Perry ging schon vorher als Geisha, Karl Lagerfeld zeigte für Chanel 2014 weiße Indianerinnen - «We will make a Chanel Indian» -, ebenso wie die «Shamanistic Journey» in Nicholas K’s Spring 2014 Collection, zusammenfassend kommentiert bei der BBC mit einem Zitat von Chief Elk: «This is the fashion version of Select All-Copy-Paste and ‹you should be grateful because I'm extending your work and honoring you›. This is an extension of #HowWeDisappear, and being forcibly removed and erased from work and labor.» 

Yo Zushi fragt nun in seiner «defense of cultural appropriation» mit Verweis auf die Geschichte des weißen Rock aus dem schwarzen Blues: «should we impose some sort of one-drop rule?» - wogegen Randa Jarrar erklärt «Why I can’t stand white belly dancers» und deren «Arab face». (Hier ein Versuch der korrekten Handreichung: «How to culturally appreciate and not culturally appropriate»).

Die Kommodifizierung der Kultur auch der ex-kolonialen Staaten hat einen neuen Höhepunkt erreicht, die öffentlichen Güter auch des Globalen Nordens werden rasant privatisiert, die Ökonomisierung auch westlichen Wissens ist in vollem Gange. Es handelt sich bei den neuen Formen der Aneignung indigener Kulturen nicht mehr um den gleichen «ethnic drag», den Katrin Sieg 2002 in Weiterentwicklung der Denkfigur aus den Gender Studies formulierte (Ethnic Drag. Performing Race, Nation, Sexuality in West Gemany), die Geschlecht als Produktion von Identitätskonstruierenden Wiederholungsakten ohne Original sieht. Wenn Heidi Klum einen indianesken Federschmuck aufsetzt, performt sie nicht als Indianerin, es handelt sich nicht um Anverwandlung, um ein going native, kaum um Red face (in Anlehnung an Black face) oder auch nur ein Kokettieren mit einer eigenen ‹Wildheit›. Während sich gerade amerikanische First Nations (oder, um sich nicht auf einen ebenfalls importierten Nationenbegriff zu beziehen: Native Americans - aber auch der Name »America» ist ja importiert) auf ihre cultural heritage mit Bezug auf ihre Familie und Abstammung berufen, also Eigentumsrechte qua Vererbung und Verwandtschaft geltend machen, gelten diese Bezugsgrößen den postindustriellen Gesellschaften kaum noch als Bezugsgröße.

Familienerbe wird gegen kommerzielle Mode gesetzt. So ist eine Nunavut family outraged after fashion label copies sacred Inuit design: Designer Kokon To Zai «is selling the sacred design as a sweater. [Salome Awa, Urgroßtochter eines Schamanen, sagt:] The pattern is an exact copy of their relative's parka». Und New York Fashion Week Designer KTZ steals from Northern Cheyenne/Crow artist Bethany Yellowtail. «Bethany’s design is not just a collection of abstract shapes, she utilized Crow beadwork that had been in her family for generations for her design. The colors, the shapes, and the patterns have meaning, origins, and history. They belong to her family and tribe. They are cultural property, not designs that are free for the taking.» Bethany Yellowtail erklärt auf YouTube selbst die Eigentumsrechte durch ihre Verwandtschaft: Ihre Urgroßmutter hat um 1900 ein Täschchen hergestellt, deren geometrisches Muster mit einer Crow-Erzählung von Ausgewogenheit der physischen und der geistigen Welt verbunden wurde. Solche Formen benutze sie in ihrem Design heute mit diesem spirituellen Hintergrund. Fazit: «No representations of us without us. You want to offer a ‹tribute› to Native people? Bring a Native designer up with you.»

Zwar geht es indigenen AktivistInnen auch um Land und Geld (sollen die USA slavery restitutions an afrikanische Staaten bezahlen?, darf Kanada tar sands zur Ölgewinnung freigeben, wenn das Gebiet für Inuit heiliges Land ist?); es geht nach Jahrhunderten kolonialer Besitznahme weiterhin um Eigentumsrechte an pharmazeutischen Substanzen, um DNA-Samples von Lebewesen, um Ressourcenhoheit, um Materialitäten aller Art. Aber es geht auch um cultural property, um Entleerung auch noch des letzten produktiven Gebrauchs von drag. Vielleicht ist auch ethnic drag eine Parodie ohne Original - oder die vielen verschiedenen ethnischen Identitäten behaupten ihren Anspruch auf Originalität -, aber ein komplett reflexionsfreier Ausverkauf indigener materieller Kultur wird diese zu einem nicht wieder zitierfähigen, anspielungslosen gadget unter vielen machen. Der oft vorgebrachte Einwand, nur was von fremden Kulturen zitiert wird, überlebe im globalen Gedächtnis, oder die vielen Beispiele, in denen Indigene den Ethnologen für deren Aufzeichnungen danken, in denen das kulturelle Erbe ihrer Kulturen überliefert ist, greift hier nicht: Kein Modelabel wird von Sioux zu Rate gezogen werden, wenn es darum geht, welche Muster traditionell gewebt wurden; keine Kulturwissenschaftlerin wird in den Kleidern und Pullis von Kokon to Zai noch eine historische Tiefe herauslesen können wie in der breiten Literatur über die 'deutsche Indianerliebe' (Indianthusiasm, Hartmut Lutz 2003). Vielleicht ist es eine Stilfrage, ob die Dominanzkultur sich hier mal höflich zurückhalten könnte. Es wird in jedem Fall eine spannende politisch-juristische Frage sein, wie man verschiedene Rechtsauffassungen gleichzeitig händeln können soll. Und hier eröffnen sich Forschungsfelder auf den Mischungsverhältnissen von Copyright, Originalität und der Frage, wen was schmückt.

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Abfrage dient der Spam-Prävention:
Image CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen aus obigem Bild hier ein.