Der Weiße Mann [Trump]: Ein ‹leeres› Konzept von politischem Gewicht

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Der Weiße Mann schlägt sich auf die Brust – im Perlentaucher von 10.11.2016 werden Hans Ulrich Gumbrecht, Andreas Rosenfelder und Mathias Döpfner verlinkt, die unisono artikulieren: Wir, die Intellektuellen, hätten die anderen nicht ernst genommen, hätten uns in unserer Realitätsferne und -fremdheit allzu lange nicht um die Realität geschert, um das, was wirklich ist und damit auch wirklich zählt (das gleiche sagt auch Judith Butler in der SZ unter dem Titel Wer sind sie?, 10.11.16, S. 13). Nun hat man jedoch diesem weißesten aller weißen Männer, Trump, gerade jedoch von diesen, uns, Intellektuellen unterstellt, sich um diese Wirklichkeit explizit nicht zu kümmern, sondern – «postfaktisch», wie das neue Schlagwort heißt – Wirklichkeiten nur dann gelten zu lassen, wenn sie gefühlte Realität sind. Sascha Lobo beschrieb diesen Übergang am Tag der Trump-Wahl als einen von Rationalitätsmedien hin zu Gefühlsmedien.

Der Weiße Mann – dieses leere Konzept – hat mit/als/durch Trump zurückgeschlagen (Trump steht – so die Analysen einheitlich –  für den arbeitslosen, nicht gebildeten, sich als abgehängt fühlenden weißen Mann), der gebildete, intellektuelle, reiche weiße Mann schlägt auch (aber eben nur sich auf die Brust).

Verloren aber hätten doch eigentlich die Frauen, so Hannah Lühmann. Warum denn nur hätte Clinton keinen feministischen Wahlkampf geführt, so ihre Frage. Butler, in dem oben zitierten Artikel, hat darauf schon geantwortet: Clinton stehe nicht nur für die US-Polit-Elite und für die Wall Street, sondern auch für die reiche, gebildete Frau und für Obama, für die Schwarzen. Und dies alles zusammen hätte den Hass auf sie ins schier Unermessliche gesteigert. Keine Frau wie Hillary Clinton, so der allgemeine Tenor kurz nach der Wahl, wäre jedoch besser für das Amt der Präsidentin aufgestellt gewesen, keine hätte es politisch besser übernehmen können, aber es reichte nicht. Einem politisch völlig unerfahrenen Mann wird dies nun überantwortet, der nicht die leisesten Skrupel dabei zu haben scheint  – aber darum geht es ja nicht.

53% der weißen Frauen haben für Trump gestimmt und einmal mehr bestätigt, dass ‹je sexistischer umso besser› effektiv sein kann (im Fall von Dominique Strauss-Kahn verlief es etwas anders als in den USA). Bei der Party von Trump feierten nicht nur dicke, alte, weiße Männer, sondern auch viele andere, millionenschwere (SZ, 10.11.16, S. 3). Über die Zusammenhänge von gender, race und class wird weiter zu analysieren und zu reden sein.

Der Vergleich mit dem Hype um Denver Clan und Dallas, d e n  TV-Serien der 1980er Jahre, der sich einem unwillkürlich aufdrängt angesichts der Bilder und Inszenierungen, hatte damals viele Cultural Studies-VertreterInnen zur Frage gedrängt, was denn eine zunehmend globaler werdende Welt mit diesen Bildern und ihrem Begehren wirklich mache? Warum, so fragten sich damals John Fiske und viele andere, begeistern sich derart unterschiedliche Menschen weltweit an diesen TV-Serien, was vermittelten diese nicht nur über den sogen. US-amerikanischen Traum, sondern dieser den anderen, den in diesem Traum nicht Mitgeträumten?

Und nun erscheint zufälligerweise an diesem Tag der Trump-Wahl ein Artikel in der FAZ von Magnus Klaue, in dem erklärt wird, was man immer schon hätte wissen können, von wem die Gefahr für den weißen Mann ausgehe: Man ahnt es, ja, tatsächlich, von den übrig gebliebenen Ideologien der Alt-68ern und ihrem Fortleben in der Genderforschung! Hätte man nämlich über die Jahre beobachtet, was sich im Übergang von der Frauen- und Geschlechterforschung zu den Gender Studies ereignet hat, hätte man das Weltausmaß dieser Transition, möchte man fast hinzufügen, möglicherweise vorhersehen können.
Die Gender Studies hätten nämlich eine blinde Klassifizierungswut eingeführt, der zufolge alles Weiße, Heterosexuelle und Männliche aus dem Kanon von Literatur auszuschließen wäre. Es käme diesen Vertreterinnen (natürlich ausschließlich Frauen) nicht in den Sinn, dass auch schwule Männer chauvinistische Texte schreiben könn(t)en oder bürgerliche Männer unbürgerliche ... Den Gender Studies, so wörtlich, gehe es nicht «um Verständnis ihrer Gegenstände, sondern um deren Subsumption unter leere Allgemeinbegriffe. Goethe und Voltaire können dann nichts sein als Repräsentanten weißen, christlichen Mannseins, denen Ellison als afroamerikanische und Mishima als fernöstliche Inkarnation gegenüberzustellen sind».

In den 1990er Jahren waren es noch nicht die Gender Studies, die diese Re-Kanonisierung vorantrieben, damals fingen die Cultural Studies an, den Kanon der westlichen Welt zu attackieren, indem sie Goethe, Shakespeare und andere Größen als nicht die einzigen am Literaturhimmel gelten ließen, sondern Namen zitierten (und eben auch Dallas und den Denver Clan ernst nahmen), die der Weiße Mann bis dato noch nie gehört hatte, geschweige denn richtig auszusprechen wusste oder sich merken konnte. Die Cultural Studies in Großbritannien und in den USA haben am Kanon der bürgerlichen Wissenschaften heftig gerüttelt, mit ihnen gemeinsam die Gender Studies, die das Mantra der CS, race, class  und gender, auf ihre Weise ein- und weiterführten. Diese polit-theoretischen Bewegungen haben das Denken der Differenz, die Beachtung von Minderheiten, die sprachliche Sensibilisierung sowie das Bewußtsein, dass jede Wissensproduktion kontextgebunden (situated knowledge) ist, in viele gesellschaftlichen Bereiche eingeschrieben. Dass politische Prozesse und Theoriebildungen weder kongruente Entwicklungen sind noch sein können, muss an dieser Stelle nicht betont werden.

Political Correctness, das hat Trump nun jedoch klar gezeigt, bringt nichts, im Gegenteil, diese zu ignorieren, zu missachten, sie lächerlich zu machen, befreit – politisch auf jeden Fall.

Der hier zitierte Kritiker der Gender Studies und ihren für den weißen Mann so gefährlichen Subsumptionen unter leere Allgemeinbegriffe hat mich jedoch an diesem Tag der Trump-Wahl daran erinnert, dass er recht hat, es sind tatsächlich leere Begriffe, wenn auch diese Leere völlig anders zu verstehen ist: Ich musste nämlich an das leere Konzept MANN, wie es Jacques Lacan in seinen Ausführungen zu ‹männlich und weiblich› eingeführt hat, denken, daran, wie dieses in den Cultural und Feminist Studies der 1980/90er Jahre viele Debatten stimuliert hat.

Teresa de Lauretis hat in dieser Perspektive WOMAN mit Großbuchstaben durchgestrichen und stattdessen viele Frauen (women) gesetzt und betont, dass es das Konzept FRAU nicht gäbe, sehr wohl jedoch viele, andere Frauen je nach race, class, religion, age, dis/ability, queer....... doch was die Seite ‹männlich› betrifft, die Lacan als schiefe oder schräge zu der Seite ‹weiblich› setzte, sieht es geradezu umgekehrt aus: Ein Konzept MANN, was bei Lacan klarerweise der universal gefasste Weiße MANN ist, gibt es um den Preis der konkreten Männer. Männlich hieße vielmehr, sich schwindelnd (schwindelerregend) stets in der Position des ‹Alle-zu-repräsentieren› halten, während weiblich das ‹nicht-alle› maskiere, verschleiere. Betont sei hier, dass es sich dabei nicht um Männer und Frauen handelt, sondern um psychische Strategien, mit dem originären Mangel (der Subjektivierung) umzugehen.

Neben de Lauretis war es insbesondere Joan Copjec, die dieses Verhältnis nicht nur als Beziehung von ‹weiblich-männlich› durchdeklinierte, sondern ganz spezifisch auf Amerika übertragen hat. In Read My Desire (1994) (dt.: Lies mein Begehren, 2004) bezeichnet sie Amerika als hysterisch. Hysterisch ist nun jedoch die Grundposition eines jeden Subjekts (in der Lacanschen Psychoanalyse) – egal ob männlich oder weiblich. Also 1994 schrieb Copjec (diese Lacansche Formel aufgreifend): One elects a master who is demonstrably fallible – even, in some cases, incompetent. What may first appear to be a stumbling block turns out on closer inspection to be a solution: Americans love their masters not simply in spite of their frailties but because of them.

OK, dies war mit Blick auf das Amerika eines Ronald Reagan analysiert. Doch dann heißt es dort aber weiter: Dass diese Besonderheit der Amerikaner zu ihrem Präsidenten (master) eine sei, die für Demokratie als solche gelte (democracy as such). «Democrazy hystericizes the subject.» Und nochmals weiter: Differenz und der Andere (dieser berühmt-berüchtigte Andere groß A von Lacan) wären in den USA jedoch andere Größen, würden anders gelebt. Dieser Andere, auch wenn man ihn als Master akzeptierte, irgendwie, würde vor allem einen «narcissism of small individualism» gewähren, «that fuels that single-minded and dangerous defense of difference that so totally isolates us from our neighbors.» Und noch viel mehr, dieser Andere besitzt nicht, was wir (Amerikaner) wollen, «nothing to validate our existence».

Man entschuldige mir diese hanebücherne Kurzfassung und Zuspitzung, sie ist auch meinem Erstaunen geschuldet, in diesem Text etwas plötzlich zu lesen, was ich damals, beim ersten und wederholten Lesen nicht sehen konnte: Trump als «the Other of the Other» zeigte sich hier bereits mehr als deutlich. Dass diese psychoanalytische Analyse des Amerikas von Reagan bis in kleinste Detail auf die aktuelle Situation sich übertragen lässt, wo nämlich Demokratie, als das, was nicht zu viel intervenieren sollte, nun unmissverständlich zurückgedrängt wird, als etwas, was stört. «In America it is assumed that the law of democrazy is one that withdraws [...] intervenes as little as possible in order to allow the individuality of each subject to flourish unhampered.»

Daher kann die Aussage von Jakob Augstein unter dem ersten Schock der Wahl als richtig befunden werden: Das Ende des Westens, des Liberalismus, das Ende der Demokratie hat sich in der Person des Faschisten Trump angekündigt, so Augstein – nicht jedoch das des Weißen Mannes, dieser Witzfigur, wie es bei Augstein heißt, ja, Witzfigur, aber besessen, den Anderen in seiner Andersheit zu ignorieren, zu vertreiben, auszulöschen. Sie alle, die weißen Männer, sind vereint im Schwindel WEISSER MANN (Erdogan, Putin, Marine Len Pen, Petry, Strache &Co., Orban) im Betrug, «Alle-zu-sein».

Während die weibliche Seite, wissend, nicht "alle zu sein" sich nicht unter ein Konzept FRAU oder was auch immer subsumieren lässt, auch um den Preis ihrer Wahl (trotz mehr Stimmen, wie im Falle von Hillary Clinton).

 

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Nachtrag: 

Paula-Irene Villa, Die Rückkehr männlicher Härte, in: Deutschlandradio Kultur, 4.4.2017
Judith Butler im Interview: Trump, fascism, and the construction of «the people», in: Verso Books' Blog, von Christian Salmon, 29.12.2016
Study: racism and sexism predict support for Trump much more than economic dissatisfaction, Bericht von German Lopez, in: vox.com, 4.1.2017
Jacqueline Rose, Donald Trump’s victory is a disaster for modern masculinity, in: The Guardian, 15.11.2017
Rosi Braidotti, «Don't agonize, organize!», in: e-flux, 17.11.2016
Vito Laterza, Louis Philippe Römer, The myth of Donald Trump's white working-class support, in: Africa is a country, 17.11.2016
Zoe Williams, The dangerous fantasy behind Donald Trump's normalisation, in: The Guardian, 15.11.2016

letztes Update am 
5. April 2017

Kommentare

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Mladen Gladic

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