Biokybernetik und Teilhabe – Transformationsprozesse zwischen Mensch und Technik

Biokybernetik und Teilhabe – Transformationsprozesse zwischen Mensch und Technik

Workshop an der Universität Konstanz, 25.–27. Februar 2016, organisiert von Beate Ochsner, Sybilla Nikolow und Robert Stock

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Im Rahmen des Workshops «Biokybernetik und Teilhabe – Transformationsprozesse zwischen Mensch und Technik“, der von der DFG-Forschergruppe „Mediale Teilhabe. Partizipation zwischen Anspruch und Inanspruchnahme» und dem BMBF-Verbundprojekt «Anthropofakte. Schnittstelle Mensch» veranstaltet wurde, kamen vom 25. bis 27. Februar 2016 in Konstanz 30 Teilnehmer_innen zusammen. In drei Panels und einer Keynote wurden wechselseitige Affizierungsprozesse zwischen Mensch und Technik in den Blick genommen und Teilhabe als bestimmungsoffener, transindividueller Prozess diskutiert. Dabei bildete die zunehmend technische Erweiterung und Optimierung des Menschen den Ausgangspunkt der Diskussionen, die durch medien- und kulturwissenschaftliche wie auch wissenschaftsgeschichtliche Perspektiven bereichert wurden. Im Mittelpunkt standen vor allem (Neuro-)Prothesen, Biofakte und (Anthropo-)Techniken, die als bio-kybernetische Operatoren gefasst wurden.

Den Workshop eröffnete eine Keynote von Karin Harrasser (Linz) zu «Verunreinigungsarbeit. Heilsversprechen und parahumane Agentien». Alternativ zum ‹Posthumanen› schlägt Harrasser den Begriff des ‹Parahumanen› vor, der das Nebeneinander unterschiedlicher Existenzformen betont und das Unsaubere einfängt. Am Beispiel einer Schuhorthese, das Kenny Fries’ «The History of My Shoes and the Evolution of Darwin’s Theory» entstammt, machte sie die responsiven Anpassungsprozesse (aktive Mimesis) zwischen dem Organischen und Anorganischen greifbar. Hierbei diente ‹Inklusion› als übergeordnetes Konzept, um das relationale Verhältnis der wechselseitigen Formgebung zu beschreiben. Mit dem Begriff des ‹messmate› illustrierte Harrasser in Anschluss an Donna Haraway das Wirken der Rückkopplungsschleifen im Zusammenspiel von Technik und Körper. Haraway verwendet diesen Terminus ihrerseits um ein besonderes Problembewusstsein für die Synthese des eigenen Technokörpers herauszustellen. Unter Zeitlichkeitsaspekten ist dieser Körper immer einer, von dem wir erst im Nachhinein gewusst haben werden, wozu er fähig ist. Hierbei wird für Harrasser ablesbar, dass das ‹Parahumane› grundsätzlich als ein Zustand des In-der-Welt-Seins gilt, als generelle Verhältnisbestimmung, die das Unsaubere adressierbar macht.

Im ersten Panel wurden Teilhabephänomene in ihren historischen Konstellationen diskutiert. Zum Auftakt fragte Christoph Asmuth (Berlin) in seinem Vortrag «Der verklärte Leib. Medialität und Technoromantik des Körpers» danach, inwieweit die Vorstellung eines ‹verklärten Leibes› die neuzeitliche Aufklärung mit den technoromantischen Visionen des Posthumanismus verbindet. Während urchristliche Schriften einen Körper-Geist-Dualismus negieren und Ganzheitlichkeit proklamieren, träumen die Posthumanisten von der Unsterblichkeit des Menschen durch die technischen Entwicklungen. Dies drückt sich für Asmuth in der Medialisierung des Körpers aus: von der «Intelligence Amplification» (Vernor Vinge) bis zur «Singularity University» (Ray Kurzweil).

Heiko Stoff (Hannover) widmete sich dem Canguilhem-Zitat «Claude Bernard qui genuit Cannon qui genuit Rosenblueth apud Wiener» im Kontext der begrifflichen und diagrammatischen Geschichte biologischer Regulierungsvorgänge zwischen 1920 und 1970. Ziel des Beitrags war es, die genealogische Sichtweise, wie sie beispielsweise Georges Canguilhem auszeichnet, aus wissenschaftshistorischer Perspektive neu zu fokussieren. Stoff versteht ‹Regulation› als politisch konnotierten Begriff, dessen diagrammatische Geschichte er unter anderem anhand der Macy-Konferenzen veranschaulichte. Stoff zufolge ist das Konzept der Regulierung bereits vor der Kybernetik fundiert und funktionsfähig. Unter dieser Prämisse stellte er die offene Frage, ob Kybernetik nicht immer schon Biokybernetik sei.

Gegenstand des Vortrags zu «Feedbacktechnologien als Medien der Teilhabe» von Cornelius Borck (Lübeck) war das «biokybernetische Ich», das er aktuell im ‹quantified self› manifestiert sieht. Borck thematisierte, inwiefern Selbstüberwachung neue Regime der Selbststeuerung freisetzt, weil Selbstbeobachtung zur Rückkopplungsschleife geschlossen werden kann. Im Rahmen dessen wurden biokybernetische Teilhabe als partizipativer Imperativ und die soziotechnischen Effekte der Verschaltung sichtbar.

Von den historischen ging es im zweiten Panel zu den philosophisch-ethnographischen Konstellationen über. Leider fiel der Vortrag «Zittern, Trance und Didaktik» von Erhard Schüttpelz (Siegen) aus. Stattdessen eröffnete Christopher Coenen (Karlsruhe) mit dem Vortrag «Der sozialistische Cyborg» und Anmerkungen zu J.D. Bernal und A.K. Gastew das Panel. Im Mittelpunkt stand die Frage danach, wie Sozialismus und Kommunismus mit der Figur des Cyborgs zusammengedacht werden können. Laut Coenen ist die Cyborgisierung vor allem als kollektivistisches Projekt konzipiert. Davon handeln auch die kommunistischen Science-Fiction-Visionen, die den biokybernetischen Körper als Schnittstelle zwischen Sozialismus und Transhumanismus etablieren. Diese Entwürfe sieht Coenen einerseits in der Prothetikentwicklung infolge des ersten Weltkrieges und andererseits in den Programmatiken des Silicon Valley bestätigt.

Anschließend stellte Nicole Karafyllis (Braunschweig) in ihrem Vortrag zu «Biofakten, Bioökonomie, Bioprospecting» am Beispiel der norwegischen Samenbank Svalbard Global Seed Vault ihr Konzept des Biofaktischen vor. Anhand von pflanzlichen Biofakten, d.h. hochtechnologisch kultivierten Nutzpflanzen, die sowohl historisch als auch prospektiv in Hinblick auf den Züchtungsfortschritt konzipiert und dabei in großen Systemnarrativen verhandelt werden (z.B. Welthunger, Weltklima), untersucht sie die Biokybernetik auf ihre Bezüge zu systemtheoretischem Denken. Karafyllis verortet die Symbiose aus Lebewesen und Artefakt nicht zuletzt als eine Form zwischen Werden und Wissen: Der Samen bedeutet nicht, er macht Körper.

Zum Abschluss des Tages präsentierten Martin Dornberg (Freiburg) und Daniel Fetzner (Offenburg) eine Lecture Performance zur zweigriffigen Baumsäge. Diese installierten sie als biokybernetisch-medienökologisches Experimentalsystem. Dazu wurden zwei Stühle, ein Baumstamm und vier Teilnehmer_innen nach dem Vorbild der bekannten Szene zwischen Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer angeordnet. Sie zeigt die beiden Wissenschaftler vis-à-vis am Sägebock. In der Performance wird das Sägen von den Teilnehmer_innen als Rückkoppelungsprozess gegenseitiger Einflussnahme erprobt. Entsprechend bringt der experimentelle Prozess neben Anpassungspraktiken, Effekten der Emergenz und Interkorporalität auch solche der Störung und Reibung hervor.

Am Samstagmorgen wurden schließlich medienökologische Konstellationen zur Debatte gestellt. Gleich zu Beginn wies Christoph Brunner (Lüneburg) die digitale Ästhetik der Virtual Reality als ein medienökologisches Problem aus. Sein Vortrag «Krieg und Gedächtnis. Von Mnemopraktiken und Medienökologien der Virtual Reality» stellte Harun Farockis Arbeit Serious Games III: Immersion (2009) als Experimentierzone für Wahrnehmungsdifferenzierung vor. Farockis Installation zeigt, wie unter Anwendung von VR-Kriegssimulationen die Vor- und Nachbereitung des Kampfes durchgespielt werden. Einsatz findet diese Technik unter anderem in der Traumabewältigung. Innerhalb derartiger digitaler Mnemopraktiken entfalten, so Christoph Brunner, operative Bilder (die nicht sind, sondern agieren) eigene medial-gestützte Formen von Zeitlichkeit.

Unter dem Vortragstitel «Bio- und sozio(techno)logische Dividuationen» untersuchte Michaela Ott (Hamburg) anschließend die methodischen Parallelen zwischen zeitgenössischen Natur- und Geisteswissenschaften. Denn in beiden Wissensfeldern tendieren Einzeldisziplinen heute dazu, Phänomene als mit «Anderem» verflochtene Gefüge zu charakterisieren – was nicht zuletzt die epistemischen Objekte und Grenzziehungen des jeweiligen Faches in Frage stellt. Ihr Vorschlag lautet, die vielfältigen bio- und soziotechnologischen Teilhaben in Anlehnung an Gilles Deleuze als Arten der Dividuation zu begreifen. Ebenso sieht sie wissenschaftliche Taxonomien und gesellschaftliche Prozesse als dividuelle Vorgänge konzipiert. Dabei unterscheidet sie grundlegend zwischen Teilnahme und Teilhabe, wobei sie Teilnahme als aktiven Modus der Teilhabe beschreibt.

Zum Abschluss machte sich Marie-Luise Angerer (Potsdam) Gedanken zu «Komplexen Relationen». Von Interesse war das Begehren nach ‹modischen› Themen und Begriffen und damit die Frage, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine bestimmte Art und Weise geforscht wird. Angerer sucht (u.a. in Abgrenzung zu Erich Hörl) nach alternativen Schreib- und Beschreibungsweisen, um die Relationalität psychischer und materieller Momente als koexistente bzw. ko-konstitutive Inter- bzw. Intraaktionen zu fassen. In dieser Hinsicht fordert sie die Rehabilitierung des Parasitären, das im ‹affective turn› als informationstechnisches System freigelegt wird. Das Wirt-Parasit-Verhältnis zeigt sich sodann als symmetrische, non-hierarchische Relation, die qua Mechanismus der Ansteckung funktioniert und beidseitig Ver- und Überformungen kreiert. Diese Perspektive leitete schließlich die Abschlussdiskussion über die Begehrensstrukturen und Nachahmungsprozesse im biokybernetischen Denken ein. Mimetische Verhältnisse wurden darin noch einmal als Zirkulationsmomente definiert, die ein immer schon vorhandenes Gemeinsames vorauszusetzen scheinen, das in der bzw. durch die Plastizität offenbar wird. Abschließend wurde der Bogen zur einleitenden Keynote Lecture von Karin Harrasser geschlagen, indem noch einmal die Verunreinigungsarbeit und die Notwendigkeit einer Sprache für das Erodierende und Verkrustende reflektiert und gefordert wurden.

 

letztes Update am 
11. Juli 2016

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