Psychische Apparate

Eine Genealogie der Medienwissenschaft lässt sich ohne die Psychoanalyse nicht denken – von Benjamin bis Mulvey und Kittler ist sie konstitutiv für Film- und Medientheorie. Neben Freud'schen Konzepten wie dem des Unheimlichen und des Unbewussten sind das Lacan'sche Spiegelstadium und seine Register des Realen, Imaginären und Symbolischen weder aus der Filmtheorie seit Mitte der 1970er Jahre wegzudenken, noch aus dem, was in den 1980er und 1990er Jahren Medientheorie geworden ist. Das Unheimliche der Maschine, mediale Wiedergänger, der kinematografische als psychischer Apparat, das Geschlecht des (filmischen) Blicks, (Kultur-)Techniken als Subjektivierung, das optische, ästhetische und neuerdings technologische Unbewusste, das Nicht-Wissen der Medien – all diese Konzepte sind für die Medienwissenschaft konstitutiv. Darüber hinaus hat die Psychoanalyse selbst Modelle der Medialität des Psychischen entwickelt – z. B. bei Winnicott (intermediärer Bereich, Übergangsobjekte), Laplanche / Pontalis (Urfantasie, Szene, Verführung) oder Abraham / Torok (Kryptonymie, Phantom) –, deren mögliche Konsequenzen für die Medienwissenschaft noch lange nicht ausgelotet sind. Dennoch ist der explizite Bezug auf die Psychoanalyse in der Medienwissenschaft in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Gerade die Problematisierung eines subjektiven, der äußeren, objektiven, Welt gegenüberstehenden Innen schien die psychoanalytischen Modelle zunehmend in den Hintergrund treten zu lassen.

So hat Bruno Latour kürzlich die Psychologie als Komplement der Epistemologie beschrieben und beide zusammen dafür kritisiert, die Grenzen zwischen Innen und Außen, Geist und Welt, einer Welt der Geister und Heimsuchungen einerseits und einer Welt der objektiven Gegebenheiten andererseits, zu kontrollieren: „Während jene die Außenwelt übertrieb, betont diese die Innenwelt übermäßig.“ (Latour: Existenzweisen, Berlin 2014, 269) Latour schlägt stattdessen vor, von psychogenen Netzwerken zu sprechen, die das Psychische als Innenwelten erst erzeugen: psychosoziale Infrastrukturen, Psychopharmaka, Zeitschriftenberatungsseiten und Romane, Fernsehserien und Horrorfilme, Therapien und Selbsthilfegruppen.

Diese Fragen nach Materialität und Technologie des Psychischen interessieren die Medienwissenschaft seit langem; sie sind aber seit Freuds «Entwurf einer Psychologie» immer auch Bestandteil psychoanalytischen Denkens gewesen. Psychoanalyse ist insofern auch Widerstand gegen und Herausforderung von eindeutigen Kategorisierungen und Grenzziehungen, gerade der zwischen einem vermeintlich subjektiven Innen und einer objektiven äußeren Welt. Der Verweis auf die Begrenztheiten der Psychoanalyse wäre daher eher als Versuch zu verstehen, das, was die Psychoanalyse ins Spiel bringt, zu kontrollieren.

In Anlehnung an Derrida ließe sich vielleicht von einem Vergessen der Psychoanalyse in der Medienwissenschaft sprechen, bei dem mehr auf dem Spiel steht als ein spezifischer Gegenstandsbereich. Wissenschaftshistorische Forschungen haben die Psychoanalyse als historische Wissensformationen beschrieben; die Frage nach ihrem theoretischen Einsatz und dessen Fortwirken ist damit allerdings noch nicht erfasst. Die Psychoanalyse und ihre temporalen Modelle der Unabgeschlossenheit des Vergangenen, der Transgenerationalität von Erfahrungen und vor allem der Anderszeitlichkeit des Unbewussten müssen auch als Herausforderungen der Wissenschaftsgeschichts-schreibung selbst, ihrer Chrono- und Genealogien verstanden werden.

Mit der Psychoanalyse geht es darum, andere Dynamiken zu denken und anzuerkennen, nicht völlig vorhersehbare Räume und nichtlineare Zeiten, in der Alterität nicht ausgeschlossen oder aufgehoben, sondern gehalten, ermöglicht wird. Freuds Satz «Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon» bedeutet auch, die raumzeitliche Agentialität des Psychischen jenseits von Innen und Außen zu verstehen und die Dämonen, Hexen, Monster und Gespenster, die als Projektionen, Phantasmen, Hirngespinste einer ausschließlich inneren Realität zugerechnet wurden, in eine Welt jenseits dieser Dichotomien zu entlassen. Das Psychische ist keine Innenwelt, es ist vielmehr Teil des relationalen Werdens von Welt, der medialen Verschränktheit von Innen und Außen, von Eros und Thanatos, Symbolischem und Imaginärem, Ab- und Anwesenheit, Individuellem und Sozialem. Denn wo Theorien des Psychischen nicht lediglich als narratologische oder als Figuren-Analyse betrieben werden, tritt anderes hervor: Eine grundlegend relationale Perspektive, die nicht nur Verhältnisse zwischen Menschen, sondern auch ihre Beziehung zu Apparaten, ja das Psychische selbst als Apparat oder Maschine beschreibbar macht, ohne Alterität, Fremdheit und Unintegrierbarkeit zu leugnen.

Insofern muss die Frage nach der Psychoanalyse anders gestellt werden: Wo wird ihr Vergessen, ihre raumzeitliche Alterität ins Spiel gebracht, möglicherweise ohne sie zu erinnern? Haben sich psychoanalytische Konzepte transformiert, ihre Begriffe verschoben? Wo kehren sie wieder? Interessanterweise verflüchtigen sich die Bezugnahmen auf sie gerade dort, wo sie ein Denkrahmen gewesen ist oder sein könnte: Die Nähe des affective turns zu neurowissenschaftlichen Ansätzen ist schon problematisiert worden (und für das affective computing wird weiter zu fragen sein, was es dabei mit Fantasien, Ich-Idealen und im Rekurs auf Deleuze / Guattari mit Wunschmaschinen auf sich hat). Während die feministische (Film-)Theorie psychoanalytische Texte gelesen, gegengelesen, gedeutet und umgedeutet, angeeignet und mit ihnen anders geschrieben hat (Irigaray, Kristeva, Cixous), stellt auch für Judith Butler die Psychoanalyse eine zentrale Referenz und Denkbewegung dar – Identifizierung, Subjektivierung, Trauer / Melancholie. Die Queer Studies betreiben ein Umarbeiten des Triebkonzepts und verstehen Gefühle als politische, die sich eben nicht bloß individuell auflösen lassen, sondern gesättigt sind von Normen, die jedes einzelne Subjekt betreffen. So lässt sich nach der Produktivität von bad feelings fragen. Das Psychische ist zudem virulent in Diskursen um Depression und Burn-out, in Objektbegriffen, in nicht-westlichen Konzepten des Unbewussten und der Geister, in Theorien der (Psycho-)Pharmakologie, die sich sowohl medienwissenschaftlich als auch psychoanalytisch befragen lassen.

Offene, experimentelle Texte sind sehr willkommen.

Mögliche Themen:

– Das psychoanalytische Konzept der Wiederholung in der Film- und Fernsehwissenschaft; die Couch der Armen (Guattari)

– Nicht-westliche Psychoanalyse und die Frage nach den Geistern; Ethnopsychoanalyse, Migration und das Unbewusste

– Queer / Affect Studies: Neufassung, Umarbeitung des Triebkonzepts; politische Theorien von Gefühlen

– Zusammenhang von Genderforschung und Psychologie seit den 1960er Jahren; medizinische/psychologische Gutachten

– die Erfindung von Therapieformen und Erziehungskonzepte im Zusammenhang kybernetischer Steuerungskonzepte (Bateson, Malabou)

– Depression, Melancholie, Burn-outs: Leiden der spätmodernen, neoliberalen Seele (Ehrenberg, Kristeva)? Schicksale der Identifizierung und Trauer zwischen Sozialität und Individualität (Butler); Produktivität, Praktiken und Objekte von bad feelings (Cvetkovich) und cruel optimism (Berlant)

– (Psycho-)Pharmakologie: Praktiken der Subjektivierung und Körpertechnologie; besser Funktionieren, anders Werden, Transformation? (Preciado, Stiegler)

– Objektbegriffe: „Übergangsobjekt“, „Objektbeziehung“ (Klein, Winnicott) und die (neuen) Materialitätsdebatten

– Schreibweisen / Schrift im Zeichen des Unbewussten, Sprechen und Schreiben von Objektivitätsparadigmen lösen: écriture feminine, queeres Schreiben

– Psychoanalyse der Institution (mit und gegen Legendre): Muttersprachen, Doktorväter, die paternalistische Logik der Besten, des Sich-Bewährens

 

Redaktion des Schwerpunkts: Kathrin Peters & Stephan Trinkaus

Stylesheet und weitere Hinweise hier
 

Erscheinungsdatum 
ZfM 17, erscheint im Oktober 2017